Amherds Erbsünde

Viola Amherd gilt als Topkandidatin für den Bundesratssitz der CVP. Ein Erbschaftsfall voller Fehler und Ungereimtheiten lässt Zweifel an den beruflichen, vielleicht auch menschlichen Fähigkeiten der Notarin aufkommen.

Als sie von Viola Amherds Ambitionen auf höchste Regierungsämter erfuhr, platzte der Erbengemeinschaft der Familie In-Albon (Name geändert) der Kragen. Die Familienmitglieder liegen seit Jahren im Clinch mit Amherd, die als Notarin den Nachlass einer bereits 2012 verstorbenen Grosstante der Geschwister In-Albon verwaltet. Mit der Amtsführung der Bundesratskandidatin sind sie alles andere als zufrieden. Amherd habe sich Nachlässigkeiten und Fehler erlaubt und sei ihnen gegenüber arrogant bis respektlos aufgetreten, so die Mitglieder der Erbengemeinschaft. «So eine kann doch nicht Bundesrätin werden», fanden sie – und wandten sich an die Weltwoche.

Fehlende Transparenz

Die Geschichte beginnt am 7. September 2009. Viola Amherd, Wohn- und Amtssitz in Brig-Glis, beurkundete damals die letztwillige Verfügung der Grosstante der Familie In-Albon. Das Erbe wurde aufgeteilt: Die Mutter der In-Albon-Geschwister sollte die Hälfte des Barvermögens erhalten, weitere Anspruchsberechtigte die andere Hälfte plus eine Immobilie.

Wie es das Schicksal wollte, starb die Mutter der In-Albons nun aber noch vor der Grosstante. Deren Erbe ging deshalb auf die Kinder über. Die Testamentseröffnung durch Viola Amherd erfolgte am 26. April 2012. Danach hörten die In-Albons fast ein Jahr lang nichts mehr, trotz mehrmaliger Anfragen. Sie blieben im Ungewissen, was sie genau erben würden – es hätten theoretisch auch Schulden sein können.

Erst am 15. April 2013 teilte ihnen Amherd mit, welche Vermögenswerte vorhanden waren. Zudem erfuhren sie, dass ein erheblicher Anteil des Vermögens von rund einer Dreiviertelmillion Franken aus Fremdwährungen bestehe. Die In-Albons zeigten sich beunruhigt. Ein solches Portfolio sei hohen Wechselkurs- und Wertpapierschwankungen unterworfen, beschwerte sich eines der Geschwister In-Albon bei Amherd. Auf diese Risiken hätten sie keinen Einfluss nehmen können. Sie begriffen beim besten Willen nicht, dass sie erst heute über diesen Tatbestand informiert worden seien.

Aus Sicht der Erben waren die Angaben von Viola Amherd in weiteren Punkten mangelhaft. Sie habe nie ein Inventar erstellt, sondern nur einzelne Portfolios aufgelistet. Lagerte die verstorbene Grosstante zu Hause Bargeld? Besass sie vielleicht eine Münzsammlung? Gold, Schmuck oder sonstige Wertsachen? Darüber hätten sie von Amherd gerne Auskünfte erhalten, aber nicht bekommen, so ein Familienmitglied.

Vergeblich verlangten sie von Amherd eine transparente Abrechnung. Bis dato hätten sie weder eine Bilanz mit den Aktiven und Passiven noch eine Erfolgsrechnung (Aufwand und Ertrag) erhalten, beschwerten sich die In-Albons schriftlich am 29. Januar 2014. «Es besteht keine Verpflichtung, eine Buchhaltung und eine Bilanz zu erstellen», entgegnete die Notarin am 18. Februar. Selbstverständlich könnten die Erben aber jederzeit Einsicht in sämtliche Unterlagen und Akten im Umfang eines Bundesordners nehmen.

Fehlerhafte Zuteilung

Einige der In-Albon-Geschwister waren über diese, wie sie finden, herablassende Antwort empört. Von einer Notarin dürfe man erwarten, dass sie Transparenz herstelle und die nötigen Informationen liefere. Amherds Angebot, die Erben könnten bei ihr im Büro selbst die Papiere durchforsten, empfanden sie als Affront. Die Geschwister In-Albon bezweifeln überdies den Wahrheitsgehalt der Aussagen von Amherd: Für das Steueramt habe die Notarin ja auch eine Übersicht mit sauberen Zahlen einreichen müssen. Warum sie ihnen diese verweigere, entziehe sich ihrer Kenntnis.

Hinzu kommen nach Auskunft der Betroffenen mehrere Fehler von Amherd. So hätten die In-Albons Steuern auf das ganze Erbe samt Immobilie bezahlen müssen, obschon sich diese Immobilie gar nicht in ihrer Erbmasse befindet (sondern in jener der zweiten erbberechtigten Familie). Vor allem aber stellten die In-Albons Fehler bei der Verteilung des Erbes fest. Eines der sechs Geschwister erhielt weniger als die anderen fünf. Der Betroffene beanstandete dies am 27. November 2013 per E-Mail. «Es ist offensichtlich, dass die Abrechnung nicht stimmen kann», schrieb er Amherd. Er akzeptiere diese falsche Abrechnung nicht und erwarte, «dass die Sorgfaltspflicht erfüllt wird». Die E-Mail-Nachricht blieb zunächst ohne Antwort. Am 1. Dezember doppelte der Mann mit einer schriftlichen Einsprache nach. «Zwei Erbberechtigte haben mich unaufgefordert und unabhängig voneinander informiert, dass es offensichtlich ist, dass mein Anteil zu klein ist», heisst es darin. Es sei unverständlich, dass ein Erbvermögen verteilt werde, ohne dass die Erbengemeinschaft zuvor die Buchhaltung gesichtet und freigegeben habe.

Nicht der erste Fall

Amherd antwortete noch gleichentags, sie werde «die Verteilung überprüfen». Am 18. Dezember 2013 gab sie in einem Brief an sämtliche Erbberechtigte den Fehler zu: «Inzwischen habe ich die Abrechnung noch einmal überprüft und musste feststellen, dass diese tatsächlich einen Rechnungsfehler enthält», so Amherd. Das Resultat der Überprüfung war noch schlimmer als vermutet: Nur einer von insgesamt acht Erben beider Familien (der In-Albons und der anderen) erhielt den korrekten Betrag zugesprochen, fünf bekamen zu viel, zwei zu wenig, wie Viola Amherd in ihrem Schreiben vom 18. Dezember selber festhält. Bis heute ist der Fall nicht restlos bereinigt.

Diese Ungereimtheiten sind nicht die einzigen, die der Bundesratskandidatin zu schaffen machen. Bereits zuvor wurden ähnliche Fälle publik: Ein Walliser Bezirksgericht verurteilte Viola Amherd und ihre Schwester in erster Instanz, weil sie während Jahren zu viel Miete kassiert hätten. Laut Gericht müssen die beiden über 250 000 Franken zurückzahlen. Sie ziehen das Urteil weiter. Im zweiten Fall ging es um ein Notariatshonorar von rund 40 000 Franken, das Amherd mit anderen Notaren hätte teilen müssen, aber für sich behielt. Der Staatsrat verpflichtete sie zur Rückzahlung («Diskrete Einstreicherin», Weltwoche Nr. 42/18). In einem dritten Fall warf ihr die Rote Anneliese, die Zeitung der Oberwalliser Linken, vor, in ihrer Zeit als Stadtpräsidentin von Brig-Glis Aufträge an ihren Büropartner vermittelt zu haben.

Zu den Vorwürfen der Erbengemeinschaft In-Albon sagt Viola Amherd: «Ich weise die Darstellung in aller Form zurück. Zu Details kann ich mich wegen des Notariatsgeheimnisses nicht äussern. Falls mich sämtliche Erben vom Amtsgeheimnis entbinden, kann ich Stellung beziehen.» Das sind erstaunliche Aussagen. Amherd bestreitet gegenüber der Weltwoche allen Ernstes die Fehler und Unterlassungen, die sie selber bereits – schriftlich dokumentiert – zugegeben hat.

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Kommentare

Hans Baiker

11.11.2018|19:18 Uhr

Gerade wegen ihren Schwächen hat sie die besten Chancen.Je mehr die Schwächen, desto kommunikativer als Bundesrat.Ein BR Blocher bringt das System aus dem Ruder. Hätte er eigentlich wissen müssen.

Markus Steiner

09.11.2018|20:25 Uhr

Irgendwie nicht erstaunlich, wenn man die Postenschacherei der CVP in den vergangenen Jahren betrachtet: PTT, SRG lassen grüssen. FDP-Kopp musste seinerzeit wegen einem Telefon zurücktreten. Das ist lange her, und es haben sich auf verschiedensten Ebenen Gewichte verschoben. Was aber Amherd angelastet wird, hat nichts mit Deliktsumme oder anderem Zeitgeist zu tun. Da sind offensichtlich Charaktermängel im Spiel. Die Frage ist erlaubt: Wie reagiert dieser Mensch bei grossem Machtvolumen, wenn‘s im Kleinen nicht funktioniert. Nein, mit einem so negativen Vorlauf darf jemand nicht BR werden.

Manfred Auer

08.11.2018|07:55 Uhr

Bin immer wieder erstaunt wie solche Leute wie Frau Amherd Zeit finden um Ihren Job sowie Politik korrekt auszuführen bzw. unter einen Hut bringen. Es zeigt es geht, einfach nicht des Geldes wert!

Rainer Wohler

08.11.2018|01:01 Uhr

In einer Privatrechts-Ordnung würde sich die Frage nach einem politischen Amt erst gar nicht stellen und für eine private Rechtsschutz-Gesellschaft käme sie auch nicht in Frage, da dort die Gesetze einer tatsächlich Freien Marktwirtschaft voll zum Tragen kämen und damit ihr unternehmerischer Konkurs vorprogrammiert wäre. - Staat und Demokratie neigen grundsätzlich zu Lüge, Korruption, Diebstahl u. Negativ-Auslese. - Nietzsche in Zarathustra: "Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch, und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: > Ich bin der Staat, bin das Volk < .... "

René Sauvain

07.11.2018|20:50 Uhr

Arrogant bis respektlos sind die besten Voraussetzungen um CVP Bundesrätin zu werden!...aber noch schlimmer scheint mir, dass eine Person, welche von einem Bezirksgerichtin erster Instanz verurteilt wurde, überhaupt für ein so hohes Amt von der CVP vorgeschlagen wird! Hier reicht das Wort BLAMABEL nicht mehr Hr. Pfister!!

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