Winkelried in Tripolis

Ingenieur Max Göldi wurde zum Spielball zwischen der Schweiz und dem Gaddafi-Regime. Das Tagebuch seiner Geiselhaft wirft ein neues Licht auf die Krise: Der damalige Bundespräsident Hans-Rudolf Merz, der beinahe über die Affäre gestolpert wäre, wird entlastet.

Am Samstag, den 19. Juli 2008, um zehn Uhr abends, klingelt bei Max Göldi, dem Niederlassungsleiter des Schweizer Technologiekonzerns ABB in der libyschen Hauptstadt Tripolis, die Hausglocke. «Wer kann um diese späte Stunde noch vorbeikommen?», fragt er sich. Als er die Tür öffnet, stehen davor drei uniformierte Beamte und ein Polizeiauto. Sie müssten ihn zur Befragung mitnehmen, sagen die Männer, die sich als Angehörige der Einwanderungsbehörde zu erkennen geben. Göldi wird in eine Zelle gesteckt und verhört. Er habe gegen die Immigrationsgesetze verstossen, heisst es. Zudem habe sein Arbeitgeber, die ABB, keine gültige Firmenregistrierung, und Steuern seien nicht ordnungsgemäss bezahlt worden. Die Vorwürfe sind zwar haltlos, aber ein Richter verurteilt Göldi sofort zu vier Tagen Haft. Er wird in eine Massenzelle im Gefängnis Ainsarah im gleichnamigen Stadtteil von Tripolis verlegt. Es ist der Beginn eines persönlichen Albtraums, der beinahe zwei Jahre dauern sollte – und die dramatische Eskalation einer Affäre, die wenige Tage zuvor in Genf begonnen hat und sich zu einer der grössten aussenpolitischen Krisen der Eidgenossenschaft in den letzten Jahrzehnten auswachsen sollte.

Göldi wurde als zufälliges Opfer zum Spielball im machtpolitischen Showdown zwischen dem Regime von Revolutionsführer MuammarGaddafi und der Schweiz. Als Rache für die Behandlung von Gaddafis Sohn Hannibal und dessen schwangerer Ehefrau Aline durch die Genfer Polizei und Justiz wurde der ABB-Ingenieur von den Libyern als Geisel genommen. Hannibal und Aline waren am 15. Juli 2008 im Genfer Nobelhotel «President Wilson» durch ein Grossaufgebot der Polizei spektakulär verhaftet worden. Zwei Hausangestellte warfen ihnen vor, sie misshandelt zu haben. Am 17. Juli eröffnete ein Genfer Untersuchungsrichter ein Strafverfahren gegen das Ehepaar Gaddafi wegen einfacher Körperverletzung, Drohung und Nötigung. Später veröffentlichte die Tribune de Genève Polizeibilder des Diktatorensohns, die illegal in die Hände der Zeitung gelangt waren. Für den Gaddafi-Clan waren die Vorfälle eine Staatsaffäre, die in eine eigentliche Kriegserklärung an die Adresse der Schweiz mündeten. Aischa Gaddafi, Hannibals Schwester, reiste nach Genf und kündigte Vergeltung an: Man werde «Auge um Auge, Zahn um Zahn» zurückschlagen. Ihr Vater forderte im Lauf der Krise mehrfach, die Schweiz als Staat auszulöschen und die Landesteile auf die umliegenden Nationen aufzuteilen.

Die Tragweite dieser Drohungen erfassten damals nur wenige. Der auslandserfahrene Informatikingenieur Göldi, der zuvor schon in mehreren arabischen Ländern stationiert gewesen war, machte sich keine Illusionen. In einem Tagebuch, das jetzt in Buchform erscheint («Gaddafis Rache», Wörterseh-Verlag), hielt er vom ersten Tag seiner Geiselnahme an minutiös fest, was ihm widerfuhr. Die nüchternen Notizen tragen die Handschrift eines geerdeten Technikers, der zwar unter der schwierigen Situation leidet, aber nie jammert und immer auf eine rationale Lösung der Probleme bedacht ist.

Die Weltwoche hat Max Göldi zu einem Gespräch getroffen. Die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben habe sich schwierig gestaltet, erzählt er. Plötzlich musste er nicht mehr Klopfzeichen geben, wenn er auf die Toilette wollte. Die ABB liess ihm Zeit, sich im Alltag zurechtzufinden. Heute ist er mit einer Marketingaufgabe in Ostasien betraut, ein Team führt er nicht mehr. Er sei zum Glück von Natur aus ein eher ausgeglichener Mensch und nicht so emotional, sonst hätte ihm die fast zweijährige Geiselhaft wohl noch mehr zugesetzt, sagt der feingliedrige Mann. Gesundheitliche Folgeschäden habe er trotz allem nicht davongetragen.

Göldis Erfahrungsbericht ergänzt die bisher bekannten Fakten der Libyen-Affäre aus der Sicht ihres Hauptopfers. Dabei korrigiert er in politischer Hinsicht vor allem das weitgehend negative Bild, welches das Gros der Schweizer Medien und Politiker vom damaligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz (FDP) zeichnete. Dieser war im August 2009 nach Tripolis gereist, um sich für das Vorgehen der Genfer Justiz zu entschuldigen. An der Heimatfront warf man ihm eigenmächtiges Handeln, einen Kniefall vor einem grössenwahnsinnigen Gewaltherrscher und Kompetenzüberschreitung vor. Sogar Rücktrittsforderungen wurden laut. Merz musste vor Parlamentskommissionen antraben und sich im Bundesrat erklären. Er war der Buhmann einer ganzen Nation.

Agenten lauern vor Botschaft

Nach seiner Instant-Verurteilung und der Verbüssung seiner ersten Haftstrafe fand Max Göldi in der Schweizer Botschaft Unterschlupf. Zeitweilig hielt er sogar allein die Stellung, weil der Botschafter und der Konsul, der später das sinkende Schiff verliess, zum Golf- Spielen oder für Ferienaufenthalte ins Ausland verreist waren. Besonders der überforderte Konsul scheute sich nicht, während der Krise dauernd in die Ferien zu fahren. Göldi erhielt die Schlüsselgewalt über die Botschaft und amtete sogar als zweiter Sekretär, ohne dass allerdings die Libyer und die Schweizer Öffentlichkeit davon erfahren hätten.

Dass Ausnahmezustand herrschte, sah er, wenn er zum Fenster hinaus auf die Strasse blickte: Praktisch rund um die Uhr waren Autos mit libyschen Geheimdienstagenten vor der Botschaft parkiert, die ihn beschatteten. Wagte er einen kurzen Ausflug aus dem goldenen Käfig, wurde er mehr oder weniger diskret verfolgt. Der Alltag war eintönig, Göldi vertrieb die Zeit mit etwas Fitness, Tischtennis mit den Botschaftsangehörigen – das konnten sie gut –, Lesen oder Fernsehschauen. Hautnah bekam er mit, wie die Schweizer Diplomaten mit der Krise umgingen. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) berief eine «Kerngruppe Libyen» ein. Deren Chef habe jedoch keine Erfahrung mit Arabien gehabt, bemängelt Göldi. Den Ratschlägen von Botschafter Daniel von Muralt, einem Experten für die arabische Mentalität, sei in der Zentrale zu wenig Gehör geschenkt worden. In Bern und Genf habe man nicht oder erst spät erkannt, welche Kränkung die Verhaftung von Hannibal Gaddafi für die Herrscherfamilie gewesen sei. Normalerweise regle man solch prominente Fälle mit einer schriftlichen Vorladung – und nicht mit einer aufsehenerregenden Aktion in aller Öffentlichkeit. Die Libyer hätten im Vorgehen der Genfer Justiz nicht den Akt eines Rechtsstaats gesehen, sondern ein politisches Komplott. Es konnte also nur eine politische Lösung geben, bei der die Gaddafis ihre Ehre wiederhergestellt sahen und ihr Gesicht wahren konnten. Ohne Entschuldigung von höchster Schweizer Stelle ging es nicht.

«Ausserhalb jedermanns Reichweite»

Von Muralt und Göldi wiesen den Bundesrat wiederholt darauf hin, Bundespräsident Pascal Couchepin (FDP) müsse mit Revolutionsführer Gaddafi auf Augenhöhe reden – und nicht Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (SP). Alles andere erachte der Potentat für unter seiner Würde als «König der Könige» Afrikas. Calmy-Rey sei jedoch der Auffassung gewesen, das Libyen-Dossier gehöre ihr. Und Couchepin habe gezögert, weil er sicher sein wollte, dass er einen Erfolg heimbringe. Die Schweiz habe bisher eine Verhandlungsstrategie «Nachgeben und nicht provozieren» betrieben, schrieb Göldi in einer E-Mail vom 7. Oktober 2008 an die Schweizer Aussenministerin. Nun sei aber eine härtere Gangart angebracht. Als Druckmittel empfahl Göldi insbesondere, die Visasektion zu schliessen. Es schmerze die Mitglieder des Gaddafi-Clans und der libyschen Oberschicht, wenn sie nicht mehr in die Schweiz und nach Europa reisen könnten. Mit dem Schengen-System hatte die Schweiz einen Trumpf in der Hand: Sie konnte das Veto einlegen, wenn ein anderer Schengen-Staat ein Visum erteilten wollte. Diese Karte habe man zu Beginn zu wenig konsequent ausgespielt, so Göldi.

Die Fälle von Max Göldi und der zweiten Geisel des Regimes, dem tunesisch-schweizerischen Geschäftsmann Rachid Hamdani, lagen «ausserhalb jedermanns Reichweite», wie es im Umfeld des libyschen Premiers al-Baghdadi al-Mahmudi hiess. Mit anderen Worten: Sie waren Chefsache, ohne das Einverständnis von Colonel Gaddafi ging gar nichts. Göldi sah sofort illusionslos ein, was das für ihn und Hamdani bedeutete: Sie müssten «bis zum bitteren Ende warten», notierte er am 10. November 2008.

In Anbetracht der aussichtslosen Lage und der sich nur mühsam dahinschleppenden Verhandlungen prüfte Göldi mit Unterstützung der eher draufgängerisch gesinnten Fraktion in der Bundesverwaltung einen «Plan B», sprich: die heimliche Flucht aus Libyen. Botschafter Daniel von Muralt favorisierte die Variante «Im Kofferraum eines Diplomatenfahrzeugs über die Grenze nach Tunesien» und wäre notfalls selbst am Steuer gesessen. Das Szenario «Durch die Wüste» sah einen Übertritt bei Nalut nach Tunesien oder irgendwo zwischen Tobruk und Jalu nach Ägypten vor. Göldi selbst liebäugelte mit der Idee, per Boot oder Jetski übers Meer zu flüchten. Ausserhalb der Zwölfmeilenzone wäre er dann in internationalen Gewässern von einem Schiff aufgegriffen worden. Troubleshooter-Diplomat Jacques Pitteloud (Spitzname «007») und Verteidigungsattaché Jack Rohner unterstützten Göldi bei den Vorbereitungen. Zu Übungszwecken fuhr dieser zum Strand und raste mit einem Jetski über die Wellen. Es habe Spass gemacht, doch die Fluchtpläne wurden als zu risikoreich gestoppt.

Den Geiseln blieb nichts anderes übrig, als auf die Fortschritte in den Verhandlungen zu warten. Am 20. August 2009 kam es endlich zum langersehnten Besuch eines Schweizer Bundespräsidenten in Tripolis. Göldi, dessen japanische Partnerin schon zuvor hatte ausreisen können, packte den Koffer, ebenso Hamdani. Sie wurden in den Bundesratsjet verladen, doch am Ende kehrten nur die Koffer nach Bern zurück, ohne die Geiseln. Merz entschuldigte sich für die Behandlung Hannibal Gaddafis in Genf und unterschrieb einen Staatsvertrag. Dieser sah neben der Entschuldigung ein Schiedsgericht vor, das die Vorfälle in Genf untersuchen sollte, allfällige Kompensationszahlungen und die Normalisierung der Beziehungen. Von der Freilassung der Geiseln stand darin nichts.

Polizist im Schwitzkasten

In der Schweiz war der Trip des Bundespräsidenten das Topthema in den Medien. Die Volksseele kochte. Der Tenor: Man könne sich doch nicht bei einem Verbrecherclan für etwas entschuldigen, das rechtens sei. Göldi nimmt Merz in Schutz: Der Bundespräsident habe etwas getan, «was schon lange überfällig war», schreibt er am 21. August 2009 in sein Tagebuch. Die Fragen der Journalisten an der Pressekonferenz nach Merz’ Rückkehr findet er «ziemlich doof»: «Viele haben keine Ahnung, worum es geht. Sie können sich nicht vorstellen, dass die Schweiz mit einem wenig rational denkenden und handelnden Verhandlungspartner konfrontiert ist.» Auch von seinen Bundesratskollegen wird der Bundespräsident in die Mangel genommen. Doris Leuthard (CVP) kündigt an, der «Alleingang» von Merz werde sicher noch zu reden geben.

Diese Uneinigkeit auf Schweizer Seite zeigt sich auch auf tieferem Level: Göldi stellt fest, dass spürbare Rivalitäten zwischen den involvierten Departementen bestehen. Die EDA-Diplomaten wollen wenig wissen von den Aktivitäten des Verteidigungsdepartements (VBS), während das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vor allem an einer raschen Normalisierung der Handelsbeziehungen interessiert ist und kaum Verständnis für die Lage der Geiseln aufbringt.

Die Libyer zogen die Daumenschrauben weiter an. Unter dem Vorwand einer medizinischen Abschlussuntersuchung wurden Göldi und Hamdani entführt und über sieben Wochen in Einzelhaft gesteckt. Am 30. November 2009, dem fünfhundertsten Tag seit Ausbruch der Krise, fällt ein Richter ein neues Urteil: je sechzehn Monate Haft für Hamdani und Göldi. Sie erhielten weder Akteneinsicht, noch gewährte man ihnen rechtliches Gehör. Die Schweizer konnten Berufung einlegen, doch die Verhandlungen wurden immer wieder hinausgeschoben. Schliesslich wurde Hamdani freigesprochen, die Strafe von Göldi wurde auf vier Monate reduziert.

Da die Schweiz in den Verhandlungen mit dem libyschen Regime allein nicht zum Erfolg kam, schaltete sie – nach Einschätzung Göldis viel zu spät – die USA und die EU ein. Insbesondere die Deutschen und die Spanier, die im ersten Halbjahr 2010 den EU-Ratsvorsitz innehatten, erhöhten den Druck. Neben den Schweizer Staatssekretären Michael Ambühl und Peter Maurer (ab März 2010) setzte sich auch der deutsche Staatssekretär Wolf-Ruthart Born für eine Lösung ein. Er flog für einen Blitzbesuch nach Tripolis, wo er die Schweizer mit einem jovialen «Hopp Schwiiz» zur Eile mahnte und einen neuen Plan präsentierte. Der deutsche Botschafter Matthias Meyer, beinahe ein Zwei-Meter-Mann, setzte sich nach Leibeskräften für die Geiseln ein. Ende Januar 2010 verkündete ein libyscher Staatsanwalt plötzlich, er habe Befehl, Rachid Hamdani festzunehmen. Botschafter Meyer liess sich das nicht bieten. Es gebe Abmachungen und Garantien. Würden sie gebrochen, habe dies ernsthafte Konsequenzen für die Beziehungen Libyens zu Europa. Bei seinen Ausführungen schlug er mit der Faust so hart auf das Pult des Staatsanwalts, dass dessen Teetasse in die Luft sprang. Als Gerichtspolizisten Hamdani trotzdem festnehmen wollten, kam es zu einem Handgemenge. Der deutsche Botschafter nahm dabei den kämpferischsten Polizisten undiplomatisch in den Schwitzkasten.

Nach dem Freispruch für Rachid Hamdani wurde die Lage für Max Göldi noch bedrohlicher. Er war das letzte Pfand, das die Libyer in der Hand hielten. Im Februar 2010 stellten sie ihm ein Ultimatum: Wenn er sich nicht stelle und die viermonatige Haftstrafe antrete, würden sie die Botschaft stürmen und ihn gewaltsam herausholen. Die diplomatischen Beziehungen zur Schweiz würden abgebrochen.

Schier unmenschliches Opfer

Staatssekretär Ambühl drängte Göldi, nachzugeben. Für die Geisel war es ein schier unmenschliches Opfer: Um die Verhandlungen und die diplomatischen Beziehungen zu retten, musste er sich in die Gewalt eines skrupellosen Regimes begeben. Göldi kannte den libyschen Unrechtsstaat aus eigener Erfahrung, schon zuvor war er kafkaesken Schauprozessen ausgeliefert gewesen. Jetzt drohte alles noch viel schlimmer zu werden, mit ungewissem Ausgang. Im Interesse der Schweiz entschied er sich, wie ein moderner Winkelried den Diplomaten und Politikern eine Gasse zu bahnen. Was Göldi dann erlebte, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen, wie er im Gespräch mit der Weltwoche sagt. Er wird wie ein Schwerverbrecher – oder ein politischer «Staatsfeind» – ins berüchtigte Jdeida-Gefängnis gebracht. Göldi muss in seiner Zelle mitanhören – es ist jetzt Ende Mai 2010 –, wie Mithäftlinge durch Erschiessungen hingerichtet werden. Die Exekutionen finden auf dem «Schiessplatz» im Freien statt, das Gefängnis liegt mitten in einem Wohnquartier. Den ganzen Tag über wurde geschossen. Wie viele Insassen getötet worden sind, bleibt unklar.

Derweil rückte unter Federführung der Deutschen und der Spanier eine Lösung der diplomatischen Krise näher. Für die Libyer war es wichtig, dass die ehemaligen Hausangestellten von Hannibal Gaddafi ihre Klagen zurückzogen. Dies hatten sie zwar schon länger getan, aber es reichte nicht. Neben der bereits geleisteten Entschuldigung der Schweiz mussten die Tribune de Genève und der Kanton Genf das Urteil veröffentlichen, zu dem die Zeitung wegen der Publikation der Polizeifotos verurteilt worden war. Falls die Verantwortlichen dafür nicht zur Rechenschaft gezogen würden, sei eine Kompensation an Libyen zu zahlen. Im Gegenzug würden die Schweiz und die EU die Visablockade aufheben.

Am 10. Juni 2010 beginnt für Max Göldi der letzte Akt in diesem Drama: Er darf das Gefängnis verlassen. Am Abend des 12. Juni fliegt Aussenministerin Calmy-Rey mit Staatssekretär Maurer nach Madrid, wo sie in eine zwölfplätzige Falcon der spanischen Regierung umsteigen; mit an Bord ist der spanische Aussenminister Miguel Angel Moratinos. Die Schweizer Besucher treffen Revolutionsführer Gaddafi in einem Zelt im Hof der Militärkaserne Bab al-Aziziya. Auch der italienische Premier Silvio Berlusconi ist Gast des Herrschers. Göldi bekommt die nötigen Ausreisepapiere. Am 13. Juni 2010 – am 695. Tag der Geiselnahme – darf er ausreisen. Am Flughafen kommt es zu einem Kurz-Rendez-vous mit Moratinos und Calmy-Rey. Darauf schickt er eine SMS an seine Partnerin und die engsten Vertrauten: «Flugzeug rollt!» Via Tunis landet Max Göldi in den frühen Morgenstunden des 14. Juni in Zürich – als freier Mann.

«Schönwetterdiplomaten»

Seine politische Bilanz fällt kritisch aus. Einige Schweizer «Schönwetterdiplomaten» seien der Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Beamte und Staatsräte des Kantons Genf hätten die Bemühungen des Bundes, eine Lösung mit Libyen zu finden, nicht nur behindert, sondern teilweise auch sabotiert. Mit seinem Alleingang, der ihn beinahe den Kopf gekostet hätte, sei Bundespräsident Merz ein grosses politisches Risiko eingegangen. Er, Göldi, sei aber überzeugt, dass Merz mit seinem Vorsprechen den Weg geebnet habe, um aus der verfahrenen Situation herauszukommen. Zur Rolle von Micheline Calmy-Rey meint Göldi, sie haben den Verlauf der Krise massgeblich geprägt. Es sei ihm klar, dass die Interessen der Geiseln nur eine Variable in einer komplexen Gleichung gewesen seien. Dennoch hätte die Aussenministerin aus seiner Warte wesentlich früher die Unterstützung des Bundespräsidenten und der befreundeten europäischen Länder in Angriff nehmen sollen. Zu einem Debriefing, wie in der Privatwirtschaft üblich, sei er nach Beendigung der Affäre vom Bund nie eingeladen worden.

 

Max Göldi: «Gaddafis Rache», Wörterseh-Verlag. 608 S., Fr. 39.90

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Alex Baur, Redaktor

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Kommentare

Bruno Mair

07.11.2018|20:17 Uhr

So viel namenloser Frust auf einmal, ist ja kaum auszuhalten!

John Doe

05.11.2018|12:11 Uhr

@ Rudolf R. Blaser, echt jetzt? Informieren Sie sich, was damals geschah. Schweizer Recht gilt nur für die Machtlosen. Feigheit als aussenpolitisches Programm. Toll... Ach ja, Sie können ja die ehemalige Schweiz weiter toll finden, wenn Sie zu den Profiteuren gehören. Hoffe, Sie haben nie eine Frontalkollision mit der Realität! Leben Sie weiter in Ihre Filterblase.

Rudolf R. Blaser

03.11.2018|15:40 Uhr

@ John Doe: Vor welchen MÄCHTEN führen sie «Ihren» Kotau denn durch und wieso sollten wir auf SCHWEIZER IHRES FORMATES angewiesen sein? Was die Kabalen der Vereinigten Schurkenstaaten in Libyen anrichteten bleibt jedenfalls UNVERGESSEN. Aber die Gerechtigkeit KOMMT und die bevorstehende Polverschiebung wird unsere Küsten mit einem, 5 km hohen Tsunami beglücken und die Schurkenstaaten der USA beim Ausbruch des Yellowstone mit einem Meter Asche zudecken und uns auf der nördlichen Hemisphäre eine Hungersnot bescheren! Siehe Ablauf der Polverschiebung:https://www.youtube.com/watch?v=SyYhZtTezbM

John Doe

02.11.2018|09:22 Uhr

Wie man nach Lybien geht ist eh unverständlich. Das Andere: die Schweiz liess sich erpressen und vom irren Ghaddaffi vorführen. Der Bundesclown Merz ging hin, machte den Kotau und erklärte, das zu Recht ergangene Urteil gegen den Sohn des Diktators eigenmächtig als ungültig und entschuldigte sich. Seit diesem Tag ist die offizielle Schweiz für mich tot und ich verleugne auf der ganzen Welt, dass ich aus der Schweiz stamme.

Jürg Brechbühl

01.11.2018|21:27 Uhr

Zitat: "Zu einem Debriefing, wie in der Privatwirtschaft üblich, sei er nach Beendigung der Affäre vom Bund nie eingeladen worden." -- Iiih, wo, da müssten unsere Beamten am Schluss noch so etwas wie arbeiten und noch schlimmer AUS FEHLERN LERNEN. Das wäre dann eine wirklich grosse Katastrophe.

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