Wer hat Angst vor dem Volk?

Tonangebende Wirtschaftsorganisationen schiessen auf voller Front gegen die Selbstbestimmungs-Initiative. Stimmen der kleineren und inhabergeführten Firmen dringen weniger durch. Die Aargauer Unternehmer Otto H. Suhner und Daniel Knecht unterstützen sie.

Sie nehmen die Zeit und den Aufwand für ihr politisches Engagement auf eigene Kosten, sie sind Unternehmer und nicht Verbandsmanager, deren Einsatz in Abstimmungskampagnen durch Stellenbeschreibung und Salär voll abgedeckt ist. Nein, die beiden Aargauer Unternehmer Otto H. Suhner und Daniel Knecht machen sich zurzeit mit viel persönlicher und privater Leidenschaft daran, ihre Ansichten und ihre Haltung in die öffentliche Diskussion über die Selbstbestimmungsinitiative einzubringen. Sie zwacken die knapp zwei Stunden für das Gespräch in Brugg von Terminen ab, die für ihre normalen Geschäfte wichtig wären, rasch müssen sie dann wieder weiter. Ihnen ist klar, dass es in der Geschäftswelt oft nicht besonders populär ist, sich gegen den politischen Mainstream zu stellen. Sie setzen jedenfalls ganz andere Akzente, als man dies von den Wirtschaftsorganisationen und NGOs kennt, die zurzeit mit Dutzenden von Fachexperten das Risiko von Volksentscheiden mit dickem Strich an die Wand malen.

Was der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse kürzlich vor dem Bundeshaus in Bern mit aufgestapelten Frachtcontainern und professionellen Propaganda-Auftritten zugunsten internationaler Rechtsvorgaben inszeniert hat, steht in grellem Kontrast zu den Argumenten von Suhner und Knecht, denen es vor allem um möglichst gute Rahmenbedingungen im Innern, in der Schweiz, geht. Suhners Ansicht nach hängt der grosse Erfolg der Schweizer Wirtschaft eng mit Demokratie und Selbstbestimmung zusammen, mit dem Initiativ-, Referendumsrecht. «Das bringt Ruhe ins Land, und das macht die Entwicklung berechenbar, weil da das Volk entscheidet und nicht Abgeordnete einer repräsentativen Demokratie oder ein Präsidialsystem», fügt er an. Er weist auf all die Untersuchungen von Ökonomen hin, die darauf hindeuten, dass mehr direkte Demokratie mit effizienterer Staatstätigkeit und mehr Freiheit einhergeht, er sagt es so: «Je mehr Freiheit und Demokratie, desto besser läuft die Volkswirtschaft.»

Wenn Selbstbestimmung der Bürger erwiesenermassen gut ist für die Volkswirtschaft, warum sind die Wirtschaftsorganisationen dann auf breiter Front gegen die Initiative? Die zwei Unternehmer stehen doch auch für die Wirtschaft. Der 73-jährige Suhner, ETH-Maschineningenieur, vertritt als Verwaltungsratspräsident die 1864 gegründete Industriegruppe Suhner – der Huber + Suhner-Konzern ging Ende des 19. Jahrhunderts auch aus diesem Stammbaum hervor. Nach seinem Eintritt ins Unternehmen 1972 war Suhner während 42 Jahren Konzernchef dieses Familienunternehmens, bevor er die operative Leitung 2014 an seinen Sohn Jürg E. Suhner übergab. Zudem steht Otto Suhner ebenfalls als Verwaltungsratspräsident an der Spitze der Kabelwerke Brugg AG, die auch von Suhner-Vorgängern gegründet wurde. Die beiden Gruppen kommen heute mit rund 2600 Mitarbeitern in 25 Ländern auf einen Jahresumsatz von etwas über 700 Millionen Franken – wobei die Suhner-Gruppe besonders stark international orientiert ist.

Und Daniel Knecht? Der 62-jährige ETH-Bauingenieur ist Inhaber und Chef der Knecht Brugg Holding AG, die mit mehreren Töchtern auf den Gebieten Bau, Transport, Recycling, Chemiehandel und Immobilien (Reliag) engagiert ist und rund 220 Mitarbeiter beschäftigt. Daniel Knecht verkörpert über den Unternehmer hinaus auch eine politische Rolle, er war früher im Aargauer Grossen Rat (FDP) und von 2007 bis 2017 Präsident der Industrie- und Handelskammer Aargau. In dieser Eigenschaft war er auch Vorstandsmitglied bei Economiesuisse. Seine Nachfolgerin als Handelskammer-Chefin und Economiesuisse-Vorstand ist Marianne Wildi, Chefin der Hypothekarbank Lenzburg – und pikanterweise tritt die Kammer samt Chefin im Abstimmungskampf gegen die Selbstbestimmungsinitiative auf.

Sichtweise der Grossen

Knecht weist auf das Spannungsverhältnis hin, in dem sich viele Führungsleute befinden: «Auf kurze Frist gesehen, ist es für Unternehmen oft einfacher und bequemer, Regelungen oder Vorgaben von aussen zu übernehmen. Solche Vorteile geben Interessengruppen ungern auf. Aber wenn man die Themen langfristig anschaut, kann der Vorteil von heute der Nachteil von morgen sein.» Sich jetzt einfach all den internationalen Verträgen zu unterstellen und auf Reibereien mit dem Ausland zu verzichten, könne im Moment vielleicht attraktiv aussehen, aber auf lange Frist zu Problemen führen. Meist werde zu wenig bedacht, dass man auf diese Weise langfristig den Konsens zwischen Wirtschaft und Volk untergrabe. Er sagt es so: «Freiheit, Selbstbestimmung, das war noch nie gratis zu haben. Das hat seinen Preis, aber eben auch einen Wert an sich. Bis jetzt sind wir in der Schweiz gut gefahren mit dieser Strategie.» Er finde es jedenfalls eindrücklich, wie gut die Schweiz durch die wirtschaftlich schwierige Zeit der letzten zehn Jahre gekommen sei – und das sei grossenteils den Rahmenbedingungen zu verdanken, die unter demokratischer Mitwirkung der Bürger zustande gekommen seien.

Denken viele Firmenchefs zu sehr an die Erfolgsrechnung der nächsten Jahre und zu wenig an die Lebensbedingungen der nächsten Generation? So krass ist es Knechts Ansicht nach nicht gerade, immerhin gebe es Anzeichen dafür, dass inhabergeführte Betriebe anders tickten als grosse Publikumsunternehmen. «Mein Eindruck ist: Je mehr die Leute mit eigenem Geld unterwegs sind, desto langfristiger denken sie», meint Knecht. Die kleineren Firmen sind in Verbänden allerdings weniger tonangebend als die grossen, weshalb diese Sichtweise in der veröffentlichten Meinung wahrscheinlich weniger zum Tragen kommt als dann vielleicht bei der Stimmabgabe, die ja geheim ist. Knecht erinnert die gegenwärtige Stimmungslage ein klein wenig an die Brexit-Auseinandersetzung in Grossbritannien, bei der das Resultat an der Urne anders herauskam als in Umfragen.

Suhner fühlt sich angesichts der heutigen Debatte über inländische und ausländische Spielregeln an eine andere dramatische Abstimmung erinnert, an den Dezember 1992, als der Beitritt zum EWR abgelehnt wurde. Damals war er ebenfalls im Lager der Gegner und aktiv im Abstimmungskampf engagiert. Aus dieser Sicht meint er: «Ich werfe den Gegnern der Selbstbestimmungsinitiative vor, dass sie heute mit genau den gleichen Argumenten genau die gleiche Angstmacherei betreiben wie vor 26 Jahren.» Er breitet Zeitungsseiten von 1992 vor sich auf dem Tisch aus, Inserate mit den Schlagzeilen «Unser bester Arbeitgeber ist der EWR», «Damit unsere Wirtschaft weiterhin in der Schweiz investiert» oder «Nur europäischer Umweltschutz ist wirksam». Daneben liegen Artikel aus der NZZ mit dem Titel «Manifest der Schweizer Wirtschaft> für den EWR», ein Bild mit einer Demonstration der Spitzenvertreter der Wirtschaft vor dem Bundeshaus, samt Aufruf des Bundesrats, an der Urne ja zu stimmen.

EU nicht überschätzen

Er habe nun 46 Jahre Erfahrung in der Wirtschaft, meint Suhner, und er finde die Parallelen frappierend: «Heute sind wiederum die führenden Verbandsleute in Bern vor dem Bundeshaus, genau gleich wie damals. Und die gleichen Leute finden, all die Initiativen und Volksabstimmungen seien zu leicht lancierbar, man müsse dies erschweren. Da muss ich fragen: Haben diese Leute Angst vor der Demokratie, Angst vor dem Volk? Ich verstehe das nicht.» In den Suhner-Firmen machten Exporte und Auslandgeschäfte 90 Prozent des Umsatzes aus, und aus seiner Erfahrung bieten die Schweizer Spielregeln im Vergleich mit dem Ausland grosse Vorteile, vor allem die relativ liberalen Arbeitsgesetze. Da wäre es fatal, wenn plötzlich internationales Recht aus der EU nach deutschem oder französischem Muster in die Schweiz eindringen würde. «Wenn wir als Exporteur eine gute Dienstleistung, ein gutes Produkt zu einem anständigen Preis haben, dann ist das gefragt, und zwar weltweit. Ich sehe nicht, wo die Barrieren sein sollten.»

Zudem dürfe man die EU nicht überschätzen. «Der Takt wird heute in Peking oder in Chicago angegeben, nicht mehr in Brüssel», sagt er, das werde oft vergessen. Knecht sieht ebenfalls Parallelen zwischen heute und dem EWR-Fall. Damals wie heute habe letztlich eine Grundsatzfrage im Zentrum gestanden. Heute gehe es für ihn um die Frage, ob man in der Schweiz das Recht selber setzen und selber den Weg bestimmen wolle oder aber ob man bereit sei, gewisse Rechte und Entscheide zu delegieren und dann zu akzeptieren. Sein Fazit: «Ich habe mich entschieden, dass ich das selber machen und nicht outsourcen will.»

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Kommentare

Brigitte Miller

06.11.2018|14:45 Uhr

Vernünftige Leute, die auch fähig sind, vorausschauend zu denken."«Mein Eindruck ist: Je mehr die Leute mit eigenem Geld unterwegs sind, desto langfristiger denken sie», meint Knecht."Wenn etwas wahr ist, dann diese Feststellung.Müsste jeder Politiker beim Geldausgeben einen kleinen Prozentsatz aus dem eigenen Portemonnaie dazu geben, wir würden verblüffende Veränderungen beobachten.

Markus Dancer

05.11.2018|10:02 Uhr

Leider hat niemand mehr "Angst" vor dem Volk! Politiker tun was sie wollen inkl. Verfassungsbruechen, Verrat, Selbstbereicherung usw. Sie haben sich wie schon immer den "Persilschein" ausgestellt! Ebenfalls die Banken und Globalwirtschaft muessen den Buerger nicht mehr fuerchten, denn sie haben dessen pol. Vertreter einfach umgedreht und gekauft! Praktisch auf Lebzeiten! Zuerst sind sie Politiker, dann Lobbyisten u. spaeter arbeiten sie in "Thinktanks" herausragend entschaedigt! Die Verwaltungen sind auch total korrupt, das ist u. war schon immer so! Leute - dagegen gaebe es Revolutionen!!

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