Merkel

Ihr Untergang war die EU.

Mit Angela Merkel geht jetzt die deutsche Nachkriegszeit zu Ende. Damit ist nicht gemeint, dass die Deutschen wieder vor einem Krieg stünden, im Gegenteil. Deutschland normalisiert sich.

Kanzlerin Merkel stand für die bewährten Grundpfeiler der deutschen Politik nach 1945: Westbindung, soziale und immer sozialer werdende Marktwirtschaft, Wiedervereinigung, Ökologie, Verdrängung des Nationalstaats, die EU als Leitstern und Vaterlandsersatz.

Merkel verkörperte diesen antinationalen ökobürgerlichen deutschen EU-Nachkriegskonsens eher, als dass sie ihn gestaltete. Merkel stand für Kontinuität, für Fortsetzung. Die Kanzlerin war politisch die Quersumme aller Regierungen, die ihr vorausgingen.

Von CDU-Kanzler Helmut Kohl übernahm sie die Marktwirtschaft und die Europapolitik. Im Zweifel für die EU. Von SPD-Kanzler Gerhard Schröder und seinen grünen Mitstreitern übernahm sie Teile des linken Programms, aber auch die Agenda-Politik, der sie viel verdankte. Die SPD machte sie dabei fast überflüssig.

Es war der Versuch, das biedere CDU-Deutschland von Kohl mit dem progressiven Nach-68er-Deutschland von Rot-Grün zusammenzubringen, zu versöhnen, die beiden grossen Milieus nicht gegeneinanderprallen zu lassen, alles Spaltende, alles Polarisierende, alles Konfrontative zu vermeiden, abzudrängen.

Merkels Politik war Naturwissenschaft mit anderen Mitteln, ausgerichtet auf die Herstellung des grossen Wärme-Gleichgewichts, in dem sich die Gruppen, die Parteien, die Gesinnungen, die Mentalitäten, die Menschen wie Elementarteilchen annähern, angleichen in einer harmonischen Gemeinschaft, für die Politik nicht mehr im Austrag von weltanschaulichen Gegensätzen besteht, sondern nur noch als technokratisches Verfahren zur Lösung konkreter Probleme dient.

Dieser kühle, pathosfreie Ansatz kam lange sehr gut an. Nach dem Pfauengehabe der grossen Egos Kohl und Schröder war Merkel erfrischend, befreiend, zeitgemäss, modern. Es miefte nicht bei ihr. Sie umkurvte den Resonanzkasten deutscher Traditionen, den Giftschrank, alles, was aus den Tiefen und Abgründen der deutsche Seele und Geschichte dampfte. Ihre Politik wirkte so keimfrei wie ihr Kanzleramt in Berlin, die «Waschmaschine» aus Beton und Glas, Merkels Laboratorium, ein Tempel eisiger Sachlichkeit.

Merkel, diese wandelnde Synthese, diese Einpersonen-Grosskoalition, vereinte scheinbar nicht nur links, rechts, grün und EU. Sie stand auch für die Wiederherstellung der deutschen Einheit, indem sie als in Hamburg geborene Westdeutsche bei der Wende aus dem Osten kam. Man hat ein grosses Theater gemacht um ihre DDR-Prägungen. Ihre wichtigste war wohl: In einem historisch zerteilten, zersägten Land sollten Regierungschefs einen, nicht trennen.

Die Ironie ist, man kann es auch Tragik nennen, dass ausgerechnet die Allversöhnerin, die Synthese-Frau, die provokationsunfreudige Konsenspolitikerin Merkel die vermutlich gespaltenste, polarisierteste, balkanisierteste Bundesrepublik hinterlässt, die es je gegeben hat. Merkel wollte alles zusammenfügen. Jetzt sieht sie vieles auseinanderstreben, auseinanderfallen: Die Mitte löst sich auf. Rechts und links erstarken die Pole. Noch nie war bei vielen so wenig Vertrauen in die EU, in die Regierung wie heute.

Was lief schief? Gewiss, am Ende trägt der Chef, trägt die Chefin die Verantwortung. Das machte Merkel bei ihrer Teil-Rücktrittsrede am Montag deutlich. Ihre Gegner höhnen, dass die Kanzlerin gewaltige Fehler machte, vor allem bei der zeitweiligen Grenzöffnung 2015.

Politiker fallen schnell. Ein prominenter Journalist nannte Merkels Migrationspolitik in einer Schweizer Zeitung einen «in der Geschichte der deutschen Kanzler beispiellosen Fehler». Kanzlerin Merkel – schon schlimmer als Kanzler Hitler?

Gemach, gemach. Man kann es auch mit der Apokalypse übertreiben

Merkel machte Fehler, natürlich, aber diese Fehler waren nicht in erster Linie das Resultat persönlicher Fehlentscheidungen, sondern vor allen die Folge von überpersönlichen Konstellationen, aus denen auch die Physikerin, die angeblich alles vom Ende her denkt, nicht herausfand.

Merkels Untergang war die EU. Die institutionelle Brüsseler Fehlkonstruktion stand am Ursprung der Krisen, mit denen die Kanzlerin nicht fertig wurde. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Zuerst kam der Euro, diese Gemeinschaftswährung, die weltfremd über unterschiedlichste Volkswirtschaften gestülpt wurde und heute trügerisch den Export beflügelt, aber die deutschen Ersparnisse bedroht.

Noch schlimmer schlug die Migrationskrise ein. Wie beim Euro so auch hier: Es funktioniert nicht, wenn alle plötzlich für alle Grenzen verantwortlich sein sollen und niemand mehr für seine eigenen. Nicht die humanitäre Misere, die institutionelle Misere der Europäischen Union an den Aussengrenzen hat die Völkerwanderung in Gang gebracht.

Hätte es Merkel besser und anders lösen können? Sicher. Nur wie? Dass eine deutsche Kanzlerin keine Schäferhunde und Sturmtruppen nach Griechenland schickt, um die Migranten abzublocken, ist vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nachvollziehbar. Merkel musste ausbaden, was die EU-Konstrukteure angerichtet hatten.

Merkel sinkt mit einem System, das den Stützpfeiler der deutschen Nachkriegsidentität ausmachte. Nach dem Weltkrieg konnte man nicht mehr Deutscher sein. Dank der EU kehrten die Deutschen entteufelt auf die Bühne zurück. Die EU war Ersatzvaterland, natürliche Rückfallposition der Politik. Jetzt ist der einstige Glücks- und Wohlstandsbringer zum Problem geworden.

Massenmigration, Euro-Debakel, Polarisierung, Populismus und Nationalismus: Das sind nur die Symptome. Ohne EU gäbe es keine AfD. Das Problem ist die institutionelle Unordnung der heutigen EU irgendwo zwischen Bundesstaat und Staatenbund. Merkel flickte und reparierte, wo es ging. Jetzt braucht es richtige Reformen, Behandlungen an der Wurzel.

Für die Deutschen ist es der Griff in den Giftschrank. Sie müssen sich ein Stück weit mit ihrem Nationalstaat versöhnen, denn ohne stärkere Nationalstaaten wird es in Zukunft keine EU geben. Der Versuch, der deutschen Geschichte zu entkommen, den Nationalstaat in einem Supranationalstaat aufzulösen, ist gescheitert.

Merkels Nachfolger müssen das Tabu anpacken, das zu meiden sich die Kanzlerin lange leisten konnte.

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Von Hildegard Schwaninger
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Kommentare

Rainer Selk

09.11.2018|10:41 Uhr

@Mair. Ha, ha, ha, ich DARF Sie also hier nicht kommentieren? Dann der linksabgedroschene 'copy-Paste' Einwurf aus IBM Kugelkopfzeiten! B. Mair, vor was haben Sie eigentlich Angst? Vor sich selbst, vor der sich in Ihren Bauch beissenden Argumentation oder ganz allgemein vor einem Diskurs, der ausserhalb Ihrer Denke liegt und dem Sie nicht gewachsen scheinen? Bitte tief durchatmen und nachdenken, lieber B. Mair. Aaber was ich DARF und was nicht, lieber B. Mair, bestimmen nie und nimmer Sie, per linkskonservativer Dümpelscheinideologie!

Bruno Mair

08.11.2018|01:07 Uhr

@Selk. Ich habe nicht mit Ihnen diskutiert. Ihre ständig gleich aufzählenden Copypaste-Liste (7.11.) kenne ich bereits zu genüge und hat(te) mit meiner Post (an Wohler), nicht im geringsten zu tun.

Rainer Selk

07.11.2018|14:28 Uhr

@Mair. Dass BKM die politische Verantwortung für die Zustände des BRD BAMFs übernommen hat, ist vermutl. für Sie Verschwörungstheorie, gell? Und dass sie 'Fehler' in 09/2015 eingestand, wohl auch, wie? Nein, B. Mair, man MUSS BKM kritisieren, denn hinter den BKM Machenschaften steckt für mich kriminelle Energie und wer das 'verdarft', macht sich geistig mitschuldig + ebnet dafür die Wege wie ab 1933, B. Mair! Soviel zu Ihrer 'Weltverschwörung' - > ein einziger von Ihnen herbeigeschriebener Unterstellungsqutasch, also nichts als heisse schwatzhafte Luft.

Bruno Mair

07.11.2018|10:29 Uhr

Selk. Demnach fühlen sie sich betroffen... was durchaus Sinn macht.

John Doe

07.11.2018|07:36 Uhr

@ Michael Hartmann, brennende Asylunterkünfte und so? Hahaha. Ihr Kommentar ist so ziemlich das Gegenteil der Realität. Wahrheit ist, es herrscht Krieg. Die Asylanten sind barbarische Invasionstruppen und die deutschen Männer, Frauen und Kinder bezahlen die Agonie und Verblendung links grün bunter Kreise jeden Tag mit Euro, Schmerz und Tod! Wie kommen Sie auf solche Aussagen?

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