Jugend und Sex

Wir reden so offen über Sex wie wohl keine Generation vor uns. Für feste Beziehungen aber fehlt uns der Mut. Nur weil wir einen Typen täglich sehen, mit ihm schlafen, heisst das noch lange nicht, dass man mit ihm zusammen ist.

Unsere Generation wird oft als beziehungsunfähig abgetan. Ehrlich gesagt, klassifizieren wir uns sogar selber mit diesem Attribut. Dies kommt nicht von ungefähr. Viele Jugendliche in meinem Alter wollen keine festen Beziehungen eingehen. Sie möchten sich nicht binden und Verpflichtungen aufbürden. Ist dies so, weil in der heutigen Zeit alles so schnell geht und sich ständig neue Möglichkeiten ergeben, die man auf keinen Fall verpassen will? Vielleicht kommt ja irgendwann etwas Besseres daher.

Nur weil zwei Leute sich jeden Tag sehen, zusammen schlafen, die Familie des anderen kennen und alles übereinander wissen, heisst das heute noch lange nicht, dass sie auch zusammen sind. Sie erklären ihren Beziehungsstatus lieber mit: «Ach weisst du, wir wollen uns nicht definieren und einfach die Zeit geniessen. Nein, nein, wir sind nicht zusammen! Wir sind Freunde.» So verläuft die typische Beziehung der Jugend. Wir wundern uns nicht einmal mehr darüber, so normal sind solche Pärchen geworden. Erfahrungsgemäss halten diese Arrangements nie lange an. Entweder die zwei kommen irgendwann zusammen, oder – was viel öfter der Fall ist – sie trennen sich wieder. Deshalb wage ich die Behauptung aufzustellen, dass jene Beziehungen, die es wirklich zu einer gebracht haben, auch lange halten.

Ein Freund von mir ist seit längerer Zeit in einer solchen «Freundschaft plus»-Beziehung. Obwohl er immer beteuert, wie unkompliziert und schön es doch sei, kommen mir das ewige Hin und Her – mal fast zusammen, dann wieder nicht –, die Eifersucht, die trotz Unverbindlichkeit mitschwingt, und das Schwanken zwischen Verletztsein, weil einer der beiden mehr will, und dem Wunsch, sich trotzdem nicht binden zu wollen, ziemlich anstrengend vor.

Verklemmt war früher

Bei den jüngeren Jungen, sagen wir alle unter siebzehn, ist es ein Tabu, mit jemandem ein Gschläick zu haben, ohne eine feste Beziehung einzugehen. Dies ist eine ungeschriebene Regel. Unter den Gleichaltrigen wird man, als Frau vor allem, schnell als billig abgetan, wenn man immer mal wieder einen neuen Freund hat. Viele Teenager sind deshalb vorsichtig und gehen nicht schnell Beziehungen ein. Sex hat man nur in festen Beziehungen und aus Liebe, was bestimmt auch damit zusammenhängt, dass in dieser Zeit die ersten Erfahrungen gemacht werden. Dass man auch nur aus Lust zusammen ins Bett steigt, wird in diesem Alter noch nicht gutgeheissen – dafür später als völlig normal angesehen und ausgelebt.

Was unsere Generation auch auszeichnet, ist ihre Offenheit sexuellen Themen gegenüber. Gerade fragte ein Freund von mir seine Follower auf Instagram, welche alternativen Begriffe sie für «Sex haben» verwenden. Viele Leute antworteten ihm. Die Sexualität ist längst nicht mehr etwas, worüber man nur im Flüsterton und hinter verschlossenen Türen spricht. Ohne Scham können wir untereinander unser Intimleben ausbreiten und darüber diskutieren. Letztens war ich mit Freunden etwas trinken, und da kam die Frage auf, ob Frauen Orgasmen öfters vortäuschen oder nicht. Männer und Frauen am Tisch vertraten offen ihre Meinung – und es entstand ein unterhaltsames und heiteres Gespräch.

Mir behagt diese Offenheit. Sie steht ganz im Gegensatz zum Verhalten unserer Sexualkundelehrerin in der 5. Klasse, der beim Aussprechen des Wortes Vagina die Stimme zu quietschen und der Schweiss aus den Poren zu fliessen begann. Sie steht für mich bis heute für die verklemmte Art unserer Vorgenerationen.

Besagte Offenheit führt meiner Meinung nach auch dazu, dass zuvor lange verdrängte Probleme wie sexuelle Gewalt und Belästigung endlich thematisiert werden und Internet-Bewegungen wie #MeToo ins Rollen kommen können.

Das Internet steht wohl auch am Ursprung unseres Freimuts. In seinen Weiten wird man immer wieder mit dem Thema Sexualität konfrontiert. Sei es, weil in einem Whatsapp-Chat eine Diskussion darüber ausbricht, welcher Kanton die absurdesten Synonyme für Geschlechtsverkehr benutzt. Oder weil man einer Künstlerin auf Instagram folgt, die sich mit den menschlichen Trieben beschäftigt und Selbstbefriedigung in Form von Malereien glorifiziert. Auf Youtube stösst man vielleicht auf ein Video, in dem jemand von seinem ersten Mal berichtet – davon gibt es dort Hunderte. Auch Texte und Artikel zum Thema Selbstliebe, guter Sex und Beziehungen tauchen überall auf und warten darauf, gelesen zu werden, wobei sie neue Blickwinkel eröffnen.

Jungs prahlen mit Penisbildern

Das Internet überbrückt Hemmschwellen. Eine davon ist das Versenden intimer Fotos, vor dem so oft gewarnt wird. Der Ausdruck send nudes ist ein Running Gag im Internet. Dass das Ganze oft nicht lustig ausgeht, beweisen unzählige Fälle, in denen solche Fotos in falsche Hände gerieten und ihren Weg durchs Netz machten.

Doch es versenden viel mehr junge Leute Nacktfotos von sich, als man denkt. Ich habe mit zwei guten Freunden darüber gesprochen. Sie sind beide 22 Jahre alt und seit drei Jahren ein Paar. Auch sie schicken sich ab und zu intime Fotos. Bei der Frage, warum sie das tun, lächelten beide verlegen. «Na, weil’s aufregend und schön ist!» Angst, dass die Bilder an jemand Falschen gelangen könnten, haben sie keine. «Wir vertrauen uns», meinen sie, die Arme beschützend um den anderen gelegt.

Die unverständlichste Sorte von Nacktbildern sind die dick pics. Eine plausible Erklärung, warum Männer ungefragt Fotos ihres Geschlechtsteils versenden, konnte noch nicht gefunden werden. Denken die tatsächlich, dass Frauen das im Dunkeln mit Blitz geschossene Bild anziehend finden? Die meisten meiner Freundinnen haben schon mindestens ein solches Foto zugeschickt bekommen, und keine war erfreut über die übergriffige Überraschung. Dickpics sind respektlos und eine Belästigung.

Schnelle Nummer mit Tinder

Das Internet hat das Kennenlernen revolutioniert. Durch Dating-Apps wie Tinder ist es viel einfacher geworden, jemanden kennenzulernen. Die Online-Partnersuche ist zur natürlichsten Sache der Welt geworden; wer die Dating-Apps verschmäht, wird belächelt und als altmodisch abgetan. Die Motive für eine Anmeldung sind sehr unterschiedlich. Die einen nehmen die Sache nicht ganz so ernst, nutzen die Plattformen «nur so aus Spass». Diese Leute chatten nach Lust und Laune mit ihren zugewiesenen Partnern. Andere verbringen Stunden auf der App, suchen verbissen nach der richtigen Person. Wobei am Vorurteil, dass vor allem Männer häufig bloss an einer einmaligen Sache interessiert sind, eindeutig etwas dran ist. Oft sieht man Chatverläufe, die mit einem «Hey, hast du Lust mit mir zu schlafen?» beginnen. Allerdings kenne ich mehr als nur ein Paar, das sich auf einer Datingseite kennen- und lieben gelernt hat.

Meine Freundin Meli beklagt sich oft über die Voreingenommenheit der Leute, wenn’s um Tinder geht. Sie benutzt das Portal seit längerer Zeit und trennte sich erst vor kurzem von einer daraus entstandenen Beziehung. Jetzt ist sie bereits wieder aktiv auf Partnersuche mit Hilfe der App. Für Meli ist es einfacher, jemanden online kennenzulernen, weil es ihr wegen ihrer Schüchternheit im echten Leben schwerfällt, sich auf einen Flirt einzulassen. Sie findet es aufregend, auf Tinder-Dates zu gehen und so neue Männer zu treffen. Jeder tickt da anders.

Wir haben ein ziemlich schizophrenes Verhältnis zur Freizügigkeit. Einerseits ist es wegen der Instagram-Stars und Vorbilder unserer Zeit, die oft viel Haut zeigen, zur Norm geworden, solche Fotos zu sehen. Anderseits wird es nicht wirklich toleriert, wenn wir uns selber freizügig geben. Dann läuft man Gefahr, als billig bezeichnet zu werden. Dies einerseits in den sozialen Medien, aber auch im Ausgang oder auf der Strasse. Schweizer Jugendliche verurteilen andere schnell und lehnen oft alles ab, was von der Norm abweicht.

Keine Orgien

Dafür ist es heute bei uns Jugendlichen sehr akzeptiert, eine andere sexuelle Orientierung zu haben. Zahlreiche Leute im Internet machen einander Mut, sprechen über solche Themen. Dieser Wandel hin zur Toleranz, die früher nicht gleich präsent war, finde ich grossartig.

Wir sind nicht die wildeste Jugend, was unsere Sexualität angeht: keine ausartenden Orgien, wenige Teenie-Schwangerschaften, keine akute Angst vor Geschlechtskrankheiten. Das ist wahrscheinlich keine besonders prickelnde Enthüllung über das Sexleben der heutigen Jugend. Trotzdem, Tabus gibt es nur noch wenige: Wir sind offen dem Thema gegenüber und probieren uns auch gerne aus.

 

Yaël Meier, 18, ist Schauspielerin, SRF-Mitarbeiterin und Blick-Redaktorin.

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Kommentare

Tino Fisch

02.11.2018|09:36 Uhr

Die im obenstehenden Text geäusserten Gedanken, sind die eines jungen Menschen, der vermeint, auf neue Erkenntnisse gestossen zu sein. Dies trifft jedoch nicht zu, was ihre Aussage relativiert und den Text in eine oberflächliche Causerie abgleiten, ihn als Fremdkörper in dieser Zeitung erscheinen lässt. Sex im Titel verkauft sich immer gut. Ob die Weltwoche dies braucht, wage ich zu bezweifeln.

Jürg Brechbühl

01.11.2018|20:58 Uhr

... die einen haben Sex, die anderen reden darüber.

Jürg Brechbühl

31.10.2018|23:24 Uhr

Yaël Meier nimmt wohl die politisch korrekte, verklemmte Generation der Post-68er als Masstab. Das wäre die Generation ihrer Eltern. Sie sollte sich besser einmal mit ihren Grosseltern unterhalten, wie das in den 50er Jahren so war.

Jürg Brechbühl

31.10.2018|23:22 Uhr

Was daran so normal und freizügig und anders sein soll, kann ich nicht erkennen. Die sind genau so bünzlig und genau so offen wie die letzten vier oder fünf Generationen vor ihnen. Nur weil ihre Grosseltern und Urgrosseltern finden, die Jungen sollen ihre Erfahrungen selber machen, heisst das noch lange nicht, dass es damals anders war. Habe vor kurzem die Schuhschachtel mit den Fotos meiner vor über 20 Jahren verstorenen Grossmutter durchstöbert. Wenn ich die Geschichten zu den Gesichtern und der Mimik der Schnappschüsse aus den 20er und 30er Jahren anschaue, dann mei, mei, mei!

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