Der stille Amerikaner

Kavanaugh wollte perfekt sein, darum stürzte er ab.

Selten ist ein Mann auf dem Grillrost der Politik schneller verglüht als Brett Kavanaugh. Gewogen und für zu leicht befunden. Der von Trump aufgestellte Kandidat fürs Oberste Gericht sieht sich als Opfer einer finsteren Verschwörung linker Feministinnen, aber die Wahrheit ist, dass sich der Richter selber demontierte.

Natürlich: Es ist infam, einen Mann dreissig Jahre nach dem mutmasslichen Vorfall an einer Teenager-Party mit dem Vorwurf der sexuellen Belästigung heimzusuchen. Zeugen gab es keine. Auch die Anklägerin konnte sich nicht mehr so genau erinnern. Ihre Vorwürfe, die sie angeblich so drückend begleiten, musste sie allesamt vom Blatt ablesen.

Die Gerichtshöfe der Moral kennen keine Prozessordnung.

Hexenjagden dieser Art gibt es nur in den Vereinigten Staaten, diesem Land der Gerechten und der Selbstgerechten, ursprünglich gegründet von protestantischen Sektierern, Frömmlern und Fanatikern, vertrieben aus Europa, glühende Moralisten der Tüchtigkeit, enorm leistungsfähig, aber eben immer auch von jenem ausgeprägten Hang zur doppelten Moral beseelt, der es einem bis heute so schwer macht, den Amerikanern bei aller Bewunderung vorbehaltlos zuzujubeln.

Das beste Bild zeichnete der britische Romancier Graham Greene in seinem Jahrhundertwerk «The Quiet American». Die Titelfigur dieses Vietnamkrieg-Romans ist ein US-Geheimagent, der dem befreundeten englischen Ich-Erzähler in Saigon nicht nur die Frau ausspannt, sondern von ihm auch noch erwartet, den Vollzug des Ausspannens als eine Art Freundschaftsdienst zu verstehen, denn die Tatsache, dass der Amerikaner am Schluss die Frau bekommt, sei doch eigentlich auch im besten Interesse von ihm, dem gehörnten Briten.

Die Amerikaner reden von Gott und meinen sich selbst. Das macht sie so einzigartig in ihrem religiösen Ichbewusstsein. Sie wollen nicht nur für ihre Glanzleistungen, sie wollen auch für ihre Verbrechen geliebt werden.

Brett Kavanaugh präsentierte die perfekte, spiegelblanke Oberfläche, bis ihn seine Koma-Partys aus der Studienzeit ereilten. Brillanter Jurist, wunderbare Familie, der Rückhalt des amerikanischen Präsidenten: Es sah nach einem Durchmarsch aus, doch der Rechtsgelehrte unterschätzte den Bürgerkrieg, der auf allen Stufen des amerikanischen Staates tobt.

Vielleicht hätte er die Anschuldigungen sogar überstanden, wenn dieser fatale Fernsehauftritt nicht gewesen wäre. Doch als ihn die Senatoren zu den Vorwürfen vor einem Millionenpublikum unter Feuer nahmen, implodierte Kavanaugh. Der Mann verlor die Fassung. Sein Gesicht verzerrte sich zur hasserfüllten Fratze, Tränen in den Augen. Wild schlug er um sich, gegen die Frauen, gegen die Linken. So sprach kein Richter, der unparteiisch über den Dingen thront.

Weinende Frauen wecken Mitleid. Weinende Männer wecken Zweifel.

Steht der Fall Kavanaugh für die Raserei der politischen Korrektheit, für einen männerhassenden Feminismus, der von linken Parteien gesteuert wird, weil ihnen die Wähler abhandenkommen?

Vielleicht ist es banaler. Kavanaugh war der Aufgabe einfach nicht gewachsen. Ist er unschuldig, wie er beteuert, hätte er die Frau seelenruhig fragen können, warum sie die Amerikaner belüge. Es hätte keinen emotionalen Ausbruch, keine tränenreichen Attacken des Zorns gebraucht.

Hat Kavanaugh gedacht, dass seine Wahl ins höchste Richteramt im derzeit herrschenden US-amerikanischen Klima ein Spaziergang werden würde? Dann wäre er schrecklich, auf disqualifizierende Art naiv.

Anstatt sich wutschnaubend in die Schlacht zu werfen, hätte er zum Beispiel sagen können, er habe volles Verständnis, dass man einen wichtigen Beamten so kritisch unter die Lupe nehme, dass man seinen Charakter unters Elektronenmikroskop lege. Er freue sich auf die Befragungen und werde nach bestem Wissen und Gewissen Antwort geben. Er stelle sich der Kritik, auch der bösartigen, der ungerechtfertigten. Grosse Macht schafft grosse Gegenmacht.

Aber kann es nicht doch sein, dass sich die Frau alles ausgedacht hat, eine bösartig fabrizierte Halluzination, um Trumps Kandidaten aus parteipolitischen Motiven zu Fall zu bringen? So verführerisch es für die Rechten klingen mag, es ist schwer vorstellbar. Möglicherweise sagt die heutige Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford die Wahrheit. Wahrscheinlich ist es ungefähr so, wie sie es erzählt hat. Kavanaugh, der jugendliche Kampftrinker, hatte sich, in den frühen Achtzigern, an einer Studentenparty auf üble Art an ihr vergriffen.

Die Frage ist: Disqualifiziert ihn diese Entgleisung aus der Jugend endgültig für das höchste Richteramt? Kavanaughs Krisenmanagement war jedenfalls erbärmlich. Seine Reaktionen fielen so unsouverän aus, seine Gefühlsausschweifungen schreckten ab.

Was immer man von Trump hält, der seit bald zwei Jahren durch den Kugelhagel marschiert: Er ist geschickter, schlauer, eine Persönlichkeit von anderem Kaliber. Dass ihm Kavanaughs Auftritt missfiel, machten seine Twitter-Kommentare deutlich. Der Überlebenskünstler im Weissen Haus hat sich längst von seinem Kandidaten abgesetzt.

Wir bleiben dabei: Der Aufstand der Frauen gegen die Männer, mitunter Jahrzehnte zu spät, ist Teil jener kleinen Revolte, jener weltweiten Reformation im Westen, der zahllose Autoritäten zum Opfer fallen. Faules bricht ein, falsche Götzen werden abgeräumt.

Wie bei der früheren Reformation im 16. Jahrhundert sind bei der heutigen, politischen und sexuellen Reformation auch Spinner und Verrückte dabei, Übertreiber und Hysteriker, aber eben nicht nur.

Wer eine Führungsposition beansprucht, kommt auf den Grill, ins Säurebad. Nur die Robusten und Glaubwürdigen überleben. Und noch etwas wird deutlich: Wir leben wirklich im Zeitalter der totalen Transparenz. Man kann nicht darauf hoffen, dass irgendetwas unter dem Deckel bleibt.

Man mag es bedauern und beklagen, aber besser ist es, sich darauf einzustellen. Alles kommt raus. Tröstlich: Niemand ist perfekt. Kavanaugh wollte perfekt sein. Auch darum stürzte er ab.

Lesen Sie auch

«Das wäre wie die Todesstrafe»

Zehn Angeklagte stehen im An-Nur-Prozess vor Gericht. In vier Fällen f...

Von Erik Ebneter
Jetzt anmelden & lesen

Gedankentief, glühend, grimmig

Albin Zollinger vollendete seinen Künstlerroman «Pfannenstiel&ra...

Von Christoph Mörgeli
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Rainer Selk

25.10.2018|09:32 Uhr

@Mair. Sind Sie sonst nicht ehrlich oder hin und wieder nur 'mal'? Sie haben sich kaum durch die vielen Berichte gelesen, gell? Und wenn Sie nicht mehr weiter wissen, 'schiessen' Sie auf Personen. Nichts Neues B. Mair, aber total vernachlässigbar + genau auf Linie links vornehm zerknitterter professoraler Lift-US-Tanten: kaum Niveau vom Keller bis ins UG.

Bruno Mair

10.10.2018|11:54 Uhr

Sind wir doch ehrlich, keiner weiss es wirklich... ausser die direkt Betroffenen und anscheinend Selk. Was eine oder deren mehrfache Vergewaltigung, mit Links-Versifft" zu tun hat, bleibt wohl das üble Geheimnis, von dem besagten Autor und sein äusserst radikales Gedankengut.

Laclinic

08.10.2018|14:13 Uhr

Warum haben Sie sich so geirrt, Herr Köppel? Entäuscht, sind wir.....

Rainer Selk

08.10.2018|08:38 Uhr

Philippe Bonhôte. Nach jetzigem Kenntnisstand, sind alle Vorwürfe gegen Kavenaugh nichts als Schall + Rauch einer linksversifften Kampagne. Die geschickt inszenierte Frau Ford wurde in diversen Punkten der Flaschaussage überführt und muss, wie die 2 weiteren Damen mit Anklagen wegen Verleugnung und Falschaussagen rechnen.- So ist der Stand heute.

fred debros

06.10.2018|23:33 Uhr

new block on the kid! thanks, ich raffe mich nochmals auf: 48-50 heute, republican senate +5, republican congess +12 morgen.....4. Nov, red tsunami. helden dieser komoedie: Grassley (84 und kein stottern!) und McC...beide geduldig, mutig, ehrlich sauber und unbeirrbar klar. see die utube speeches von beiden. trump hat gut mitgespielt. kavanaugh="rechtsrutsch" des scotus? kasch daenke: das wird ein neuer swingvoting stil kennedy, bestenfalls. overall winner: us constitution/us populismus. looser: #metoo movement, demokraten, presse. not necessarily in that order.

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier