Schweiz, Deutschland

Warum sind uns Bombenkrieg, Völkermord und Totalzerstörung bis jetzt erspart geblieben?

Die Tatsache, dass wir in der Schweiz in einer Art Paradies leben, wurde mir indirekt dadurch bewusst, dass das Thema Politik in meiner Kindheit und bei meinen Eltern nicht die geringste Rolle spielte. Wenn am Mittags- oder Abendtisch nie über schweizerische Politik geredet wird, ist das ein sicherer Beleg dafür, dass das Thema einfach zu wenig brisant, zu wenig drängend ist. Nur dort, wo die Politik alles in allem gut läuft, wo es keine gröberen politischen Probleme gibt, können es sich die Leute leisten, freiwillig nicht über Politik zu reden.

Es gab allerdings durchaus ein prägendes politisches Thema in meiner Kindheit, ein Thema, das immer wieder besprochen, nacherzählt und leidenschaftlich vertieft wurde: die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, den meine Grosseltern, meine Mutter, meine Tante und mein Onkel persönlich als Auslandschweizer in der ostpreussischen Hafenstadt Königsberg und dann als Flüchtlinge auf dem Weg in ihre ursprüngliche Heimat miterlebten.

Unser Grossvater erzählte oft vom Russlandfeldzug, vom Tod seines siebzehnjährigen Stiefsohns an der Ostfront, von den deutschen Verbrechen, von den Verheerungen des Luftkriegs, vom brennenden Königsberg, von den Phosphorbomben, die sogar den Fluss in ein Flammenmeer verwandelten, von der Flucht, von den Läusen, den Tieffliegern und davon, wie es ist, wenn die eigene Existenz zusammenstürzt und eine Familie alles verliert und gezwungen ist, alles wieder aufzubauen. Und immer wieder die Frage: Warum nur konnte es in Deutschland so weit kommen?

Als ich viel später in Berlin arbeitete, wurde mir die Gegenwart der Vergangenheit täglich bewusst. Es gibt keine Häuserzeile, keinen Platz, keine grosse Strasse in Berlin, auf der die Brüche der Geschichte nicht sofort erkennbar sind. Alte Häuser stehen neben Glaspalästen, historische Bauten neben der Schuhschachtelarchitektur der Nachkriegszeit. Es gibt Ruinendenkmäler und seltsame Leerflächen. Dort, wo Hitler seine monumentale «Staatskanzlei» in Marmor hatte, steht heute ein Plattenbau mit Wohnungen und dem China-Restaurant «Peking Ente».

Kürzlich fuhr ich vom Sempachersee nach Meierskappel am Zugersee. Es war eine Fahrt durchs Paradies. Wunderschöne Landschaften, zauberhafte Dörfer, jahrhundertealte unversehrte Bauernhäuser. Aber auch in unseren grösseren Städten erkennt man mühelos, wie organisch und äusserlich harmonisch die Schweiz durch die Jahrhunderte gekommen ist. Keine Bombenkriege, keine Invasionen, keine Enteignungen, kein Völkermord, keine Totalzerstörung. Wir sind verschont geblieben. Ich vermute, 99,99 Prozent der Weltbevölkerung würden alles stehen- und liegenlassen, um sofort an diesen herrlichen Flecken Schweiz zu ziehen.

Viele Schweizer, so mein Eindruck, nehmen die Schweiz für selbstverständlich, für gottgegeben. Sie ist es nicht. Klar, wir hatten auch Glück. Deutschland ist gross, wir sind klein. Deutschland ist geopolitisch exponiert, wir waren durch die Berge geschützt. Der Hauptgrund aber, dass Deutschland von der Weltgeschichte immer wieder wie von einem Bulldozer überrollt wurde und die Schweiz nicht, ist die Politik, ist das Staatsmodell. Wir sind seit Jahrhunderten eine Demokratie, Deutschland ist es erst seit ein paar Jahrzehnten.

Die Tragik Deutschlands ist die Tragik seines politischen Systems. Die Deutschen haben es zugelassen, oft unter Zwang, dass sich die Staatsmacht in ganz wenigen Händen konzentrierte. Kleine Eliten, Aristokraten, Kaiser, die verbrecherische Clique um einen fanatischen Diktator, der sich für überschlau und für erleuchtet hielt, trafen weitreichende Entscheidungen mit verheerenden Konsequenzen. Deutschland ist das tragische Beispiel dafür, was passieren kann, wenn die Macht nicht mehr kontrolliert wird, wenn die Macht die Demokratie ausschaltet.

Die Schweiz ist eine uralte, Deutschland ist eine noch sehr junge Demokratie. Das merkt man. Der obrigkeitliche Kommandostil wirkt nach. Kanzlerin Merkel regiert «alternativlos». Politiker und Medien pflegen eine moralisierende Herrenreiter-Attitüde gegen Andersdenkende, die auf den Strassen gegen die aus ihrer Sicht schädliche Politik demonstrieren. Wie in einer Bananenrepublik oder in einer Diktatur werden Oppositionelle von oben überwacht, zu Rechtsextremen, also zu Staatsfeinden erklärt, die ausserhalb der demokratischen Ordnung stehen. Nicht einmal der Bundespräsident redet noch mit ihnen. Die Eliten greifen zur Nazikeule, weil sie mit ihrem Latein am Ende sind.

Vielleicht ist es Überforderung, vielleicht ist es böser Wille, Machtgier und Machterhalt um jeden Preis. Auf jeden Fall zeigt die obrigkeitliche Politik in Deutschland Auflösungserscheinungen. Die Autorität der Kanzlerin muss sehr stark angeschlagen sein, wenn ihr Polizisten, Staatsanwälte und Verfassungsschützer bei der Beurteilung der jüngsten Volksaufstände so offen widersprechen, wie sie es in der letzten Woche getan haben. Das hätten sie sich vor fünf Jahren noch nicht getraut.

Ein prominenter westdeutscher Journalist sagte mir kürzlich, die Leute im Osten, in Sachsen würden sich eben nach einem «starken Führer» sehnen. Diese Überheblichkeit ist typisch, aber der Journalist liegt falsch. Gerade die Ostdeutschen, die unter zwei Diktaturen litten, sehnen sich nach mehr Freiheit, nach einer richtigen Demokratie. Die Verfechter des Obrigkeitsstaats sitzen heute nicht im Osten, sie sitzen im Westen.

Wir sollten uns in der Schweiz nicht einbilden, wir seien etwas Besseres. Machtgier und politische Arroganz gibt es auch bei uns. Auch wir haben Politiker, die das Volk schlechtreden. Auch wir haben eine Linke, die ihre Kritiker als rechtsextrem verleumdet. Die meisten Parteien in Bern sind bereit, die direkte Demokratie, den Föderalismus und die bewaffnete Neutralität preiszugeben. Sie wollen europäisches Recht übernehmen und die Schweiz fremden Richtern unterstellen. Die Schweiz ist nicht frei von jener Elitenarroganz, die in Deutschland die Leute auf die Strasse treibt.

Was tun? Wählen, abstimmen, die Politik der Demokratie-Aushöhlung stoppen! Der Schweiz ist das Schicksal Deutschlands erspart geblieben, weil die Schweizer die Macht nicht an den Staat und an die Politik abgegeben haben. Sorgen wir dafür, dass dies so bleibt.

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Kommentare

Daniel Thoma

15.09.2018|11:55 Uhr

@Truninger: Gut gesagt! Demokratie funktioniert nur, wenn Meinungs- und Redefreiheit respektiert wird und am Schluss das Verdikt der Stimmbürger-Mehrheit gilt. Das wird aber durch eine zunehmend aufgeblähte Administration und "akkreditierte" Pressure Groups erodiert. Die "Tempel" gehören aufgeräumt. Will man leider nicht und nagelte bspw. JC ans Kreuz.

Kaspar Truninger

15.09.2018|04:39 Uhr

Wieder eine treffende Analyse: „Der Hauptgrund aber, dass Deutschland von der Weltgeschichte immer wieder überrollt wurde und die Schweiz nicht, ist die Politik, ist das Staatsmodell. Wir sind seit Jahrhunderten eine Demokratie.“ Genau! Und zur Ergänzung: eine lebendige Demokratie, mit Linken und Grünen, Sozialisten, Freisinnigen, Liberalen, Bürgerlichen und Andersdenkenden. Sie alle machen die schweizerische Demokratie aus. Dieses Schweizer Volk wird sich deshalb niemals, einer populistischen One-Stream-Diktatur unterwerfen. Totalitäre Systeme, waren in der Geschichte noch nie erfolgreich.

Rainer Selk

14.09.2018|17:41 Uhr

Was in der BRD 'Deutungshoheit' zu poilt. Themen betrifft, kann man im Wikiped. googeln. Derzeit hat die linke Parteienströmung bis in die CDU hinein grosse Angst, diese seit Jahren selbstverliebte 'demokratische' DH zu verlieren + damit ins 'Aus' zu gelangen. Motto heute: wehret den linken Fehlentwicklungen? Na ja, Herr Hartmann, Sie müssen schon tief in die Mottenkiste greifen, um diese willkür DH zu 'verteidigen'?? Linkeste Tragträumereien? Lach. Ein Wunder, dass Sie nicht b. Adam + Eva anfingen. Aber das kommt wohl auch noch. Dann, ja, dann wäre die Argumentations-Show kaum noch zu toppen.

Hans Georg Lips

14.09.2018|06:11 Uhr

Nie Vergessen, immer daran denken.Einer der vielen, der in der Schweiz die Härte des Krieges, die Mangelwirtschaft (Fragen Sie mal einen Jungen, was "Aehren lesen"bedeutet), die permanent vorhandenen Drohungen, den Lärm der Bomber, die Omnipräsenz unserer Truppen in den heissen Zeiten, also die Abwesenheit der Väter, die dadurch verursachte Armut in breiten Kreisen ERLEBT hat, finde ich, dass dies leider nicht mit einem einzigen Wort Eingang in diese Eloge gefunden hat! DER SCHWEIZ MUSS ES ZUERYST RICHTIG DRECKIG GEHEN, DAMIT AUSLÄNDER DRAUSSEN BLEIBEN ODER ABREISEN. Der BR arbeitet daran

Michael Hartmann

13.09.2018|14:40 Uhr

ist wie immer unverschämt, den bisherigen demokratisch gestalteten anschluss an die EU mit nazis zu vergleichen. aber das ist ja 'the movement'.

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