Er bringt den Server zum Qualmen

Tom Hanan war der erste Google-Mitarbeiter in der Schweiz. 2009 verliess er das Unternehmen und gründete in Zürich die Firma Webrepublic. Die Agentur beschäftigt mittlerweile 150 Mitarbeiter. Mit ihren Online-Kampagnen erreicht sie Milliarden von Menschen.

Der Siegeszug von Google in der Schweiz begann in einer kleinen Wohnung in Erlenbach. Wir schreiben das Jahr 2001. Der junge Marketingspezialist Tom Hanan hat gerade eine Stelle als Verkäufer bei einer neuen, noch weitgehend unbekannten Suchmaschine aus dem Silicon Valley angenommen. Ihr Name: Google. Von seinem Homeoffice aus ruft Hanan potenzielle Werbekunden an und versucht, sie von den Vorzügen der guten Platzierung ihrer Website bei Google zu überzeugen. Die meisten lehnen ab. Es sei «Missionsarbeit» gewesen. «Den ersten Erfolg hatte ich bei der damaligen Cablecom», erinnert sich Hanan. Der Telekommunikationsanbieter gab ihm ein Budget von 5000 Franken, mit dem Ziel, diese in Website-Besucher umzumünzen.

Schon damals liess sich Google für Klicks bezahlen, also für tatsächlich vermittelte Besucher. Doch weil noch die wenigsten im Internet googelten, blieben die 5000 Franken unausgeschöpft. «Um das bescheidene Budget überhaupt ausgeben zu können, mussten wir dafür Raum auf den Websites der grossen Schweizer Verlage kaufen.»

Bald einmal siedelte Google die ersten Softwareingenieure in Zürich an, mit denen sich Hanan das Büro teilte. «Es kam gelegentlich vor, dass der heutige Google-Spitzenmanager Urs Hölzle im Schneidersitz auf dem Boden sass und programmierte.» Zu einer gewissen firmeninternen Bekanntheit sei das Schweizer Büro gelangt, als Hanan in den USA einmal das Snowboardrennen von Google gewann. «Da wurde man dann zu Larry Page und Sergey Brin auf die Bühne gebeten.»

Wertsteigerung um 1800 Prozent

Lang ist es her. Aus den 5000 Franken von Cablecom sind mittlerweile gegen 1,5 Milliarden geworden. So viel Werbeumsatz erzielt Hanans früherer Arbeitgeber heute in der Schweiz. Googles erster Mann in Zürich verliess das Unternehmen im Jahr 2009, um eine eigene Firma zu gründen. Mit im Gepäck: ein grosszügiges Paket von Mitarbeiteraktien, die er bis heute nicht verkauft hat. «Zum Glück war ich dazu immer zu faul», lacht er. Seit dem Börsengang im Jahr 2004 ist der Wert der Papiere um 1800 Prozent gestiegen.

Bei unserem Treffen mit Tom Hanan schwebt der Unternehmer auf Wolke sieben. Gerade ist das grösste Projekt der noch jungen Firmengeschichte zu Ende gegangen. Den Namen seines Kunden darf er nicht nennen, aber die Werbekampagne im Sommer erreichte «weit mehr als eine Milliarde Menschen». Für ein paar Monate sei Webrepublic «das grösste digitale Medienhaus Europas» gewesen, freut er sich. Unter anderem habe man «eine der dreissig erfolgreichsten internationalen Twitter-Kampagnen aller Zeiten» auf die Beine gestellt.

Gerade hat die Agentur mit ihren 150 Mitarbeitern ein fünf Stockwerke umfassendes Büro am Bahnhof Enge in Zürich bezogen. Die Räumlichkeiten atmen den Geist der digitalen Kreativwirtschaft: grosse, offene Räume, ausgedehnte Begegnungszonen, spielerisch-kreatives Design. Junge, attraktive Menschen sitzen oder stehen in kleinen Gruppen zusammen und besprechen scheinbar mühelos die anspruchsvollen Finessen des digitalen Marketings.

Bei der Gründung vor neun Jahren war Tom Hanan zu zweit mit seinem Geschäftspartner Tobias Zehnder. Die ersten Kunden waren der Fotodienstleister Ifolor sowie wiederum Cablecom. Heute ist Webrepublic die grösste auf Onlinemarketing spezialisierte Agentur des Landes. Man sei organisch gewachsen, sagt Hanan: keine Bankkredite, kein Aufkauf anderer Unternehmen. Durch das starke Wachstum der letzten Jahre platzte der Zweimannbetrieb aus allen Nähten. In letzter Zeit war die Belegschaft über unterschiedliche Büros verstreut. Jetzt zieht Firmenchef Tom Hanan das ganze Team wieder zusammen. Obwohl die Domäne von Webrepublic das Internet ist, legt der Chef Wert auf die physische Präsenz seiner Mitarbeiter. «Es ist wichtig, dass man sich spontan austauschen kann und für Kunden telefonisch erreichbar ist.»

Erste Digitalagentur des Landes

Dass Tom Hanan dereinst eine erfolgreiche Unternehmerlaufbahn einschlagen würde, war nicht immer klar. Seine schulischen Leistungen waren so durchzogen, dass seine Eltern ihn auf das Internat «Institut Montana» in Zug schickten, wo er das Handelsdiplom erlangte. Anschliessend absolvierte Hanan ein dreijähriges Trainee-Programm bei der Credit Suisse. Er merkte aber, dass er nicht sein ganzes Leben in den bürokratischen Fängen eines Grosskonzerns verbringen wollte, «und ich hatte den Drang nach mehr». Also nahm Hanan einen Studienkredit auf und ging nach Denver, Colorado, um dort zu studieren. Die betriebswirtschaftliche Abteilung der Universität Denver ist seit je berühmt für ihren Schwerpunkt in der Telekommunikation. Neben Marketing und Kommunikation studierte Hanan Astronomie – eine Leidenschaft, die er sich neben dem Segeln bis heute bewahrt hat. «Manchmal steige ich nachts mit dem Teleskop auf eine Wiese, die möglichst wenig lichtverschmutzt ist.»

Mitte der 1990er Jahre kam Tom Hanan zurück in die Schweiz. Er heuerte bei der allerersten Digitalagentur des Landes an. «Damals ging es darum, statische Banner auf irgendwelche Websites zu verpflanzen», erinnert er sich. Bevor er 2001 zu Google ging, war Hanan drei Jahre lang als Verkäufer für die damals dominante Suchmaschine Yahoo tätig.

Heute tritt einem der zweifache Familienvater mit dem Selbstbewusstsein des Mannes gegenüber, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss. Hanan wirkt unternehmungslustig und dynamisch, aber auch wie jemand, der den Wert seiner Dienstleistung ganz genau kennt. Seine Firma segelt auf der Welle der Digitalisierung: Die Budgets für Marketing und Vertrieb wandern ins Internet ab. An Kunden mangelt es nicht. «Der beschränkende Faktor beim Unternehmenswachstum sind die Mitarbeiter», sagt der Firmenchef. Der Arbeitsmarkt für Leute mit Kenntnissen im digitalen Marketing sei ziemlich ausgetrocknet.

In den Schoss gefallen ist der unternehmerische Erfolg dem Gründer von Webrepublic trotz allem nicht. Den Start der Firma sei man «mit dem Selbstverständnis des Revoluzzers» angegangen, als Herausforderer der grossen internationalen Werbeagenturen. Anfangs beschränkte sich das Angebot weitgehend auf den Bereich, den Hanan aus dem Effeff kannte, das Suchmaschinenmarketing. Heute kann der Kunde sämtliche Dienstleistungen bis hin zu grafischem Design und anspruchsvollen Realisierungen inklusive Programmierung bei Webrepublic beziehen.

Das Alleinstellungsmerkmal sei von Anfang an «der konsequente Fokus auf das Digitale» gewesen. Ein entscheidendes Verkaufsargument dabei: Im Internet lässt sich der Erfolg oder Misserfolg einer Kampagne messen. Wie viele Leute bekommen einen Link angezeigt? Wer klickt darauf? Wie viele davon bestellen dann etwas im Online-Shop? «Damit haben wir in der Schweiz angefangen.» Vor elf Jahren habe in der Werbewirtschaft noch niemand den Begriff «Performance» verwendet. Bei Webrepublic stecke das Performance-Marketing in der DNA: «Der Kunde hat das Geld hart erarbeitet. Darum muss man damit respektvoll und smart umgehen.»

Bei der Internetwerbung, das ist sich Hanan sicher, «wird auch sehr viel Geld verschwendet». Er sieht Webrepublic als Anwältin des Kunden, auch gegenüber den grossen Kanälen wie Google, Facebook oder Youtube. Das Problem sei, dass in vielen Firmen der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung keine Ahnung von der digitalen Wirtschaft hätten. «Dann gibt man der Marketingabteilung ein bisschen Geld, und die machen dann einfach ein bisschen etwas.» Die Vorbedingung für eine erfolgreiche Kampagne sei jedoch, die strategischen Ziele festzulegen und dann die geeigneten Mittel und Kanäle auszuwählen.

Neben Google dominiert Facebook in der Schweiz gemäss Tom Hanan das digitale Marketing. «Auf diesen beiden Kanälen erreicht man die meisten Leute.» Je nach Zielgruppe könnten aber auch Youtube oder Instagram gelegentlich eher zum Ziel führen.

Wer teurer ist, muss besser sein

Bei der Rekrutierung seiner Mitarbeiter achtet Hanan auf die Sprachkenntnisse. Im Team sind englische Muttersprachler und gebürtige Chinesen, Japaner, Südkoreaner und Russen. «Eine solche Leistung bieten Ihnen die meisten Agenturen nur im Rahmen weltweiter Partnernetzwerke.» Auf internationalem Parkett feiert das Unternehmen mit dieser Strategie Erfolge: «Diese Woche haben wir einen grossen Vertrag unterschrieben mit einem neuen Kunden aus Oslo.» Globale Luxuskonzerne nehmen die Dienstleistungen von Webrepublic ebenso in Anspruch wie Sportverbände. Zwar sei die Agentur durch die hohen Schweizer Löhne teurer als die internationale Konkurrenz, aber «wir versuchen, es mit der Leistung wettzumachen». Wer teurer sei, müsse besser sein. Hanan sieht in der Geschichte von Webrepublic einen Beweis dafür, dass man sich «mit Schweizer KMU-Tugenden» selbst im umkämpften Markt der digitalen Wirtschaft behaupten kann.

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