Schweizer Raketenmann im Silicon Valley

Von Beruf ist er Programmierer und in seiner Freizeit baut er Raketen: Der Bündner Peter Thoeny wohnt seit zwanzig Jahren in San José, Kalifornien. Er hat eine weltweit führende Software erfunden, doch unternehmerisch hatte er trotzdem nur wenig Glück.

Seine drei Visitenkarten übergibt er nach japanischer Sitte: mit beiden Händen und einer angedeuteten Verbeugung. Von den mehreren tausend Schweizern, die sich im Silicon Valley tummeln, ist Peter Thoeny einer der Interessantesten. Geboren in einem kleinen Dörflein ob Schiers im Prättigau, berufliche Stationen als Softwareentwickler in Japan, seit zwanzig Jahren in Kalifornien. Hobby: Raketenschiessen. Und der Mann hat eine der weltweit meistgenutzten Softwares für die firmeninterne Kommunikation programmiert.

Die Interviewanfrage beantwortet Thoeny mit dem Vorschlag, das Gespräch doch im Anschluss an eine gemeinsame Meditation im japanischen Garten von Saratoga an einem Samstagmorgen zu führen. Aus terminlichen Gründen klappt das nicht. Stattdessen treffen wir den Programmierer in seiner natürlichen Arbeitsumgebung, in der Cafeteria des amerikanischen Chipherstellers Broadcom in San José. Hier steht er zurzeit als Freelancer unter Vertrag. Der Schweizer hilft Internetfirmen dabei, ihre Softwareprobleme zu lösen. Bei Broadcom lautet sein Auftrag, ein System zur Planung von Personalressourcen zu modernisieren: Die alten Excel-Tabellen werden durch eine Internetanwendung ersetzt. «Jeder Angestellte erfasst seine Daten online, und das Management kann jederzeit Analysen durchführen und Prozesse verbessern», erklärt Thoeny.

4000 Dollar Miete

Es sind solche temporären Engagements (Gigs), mit denen der zweifache Familienvater sich und seine Familie über Wasser hält. Man ahnt, dass dies alles andere als einfach ist. «Die Häuserpreise hier sind gewaltig», sagt Thoeny. Die Familie bewohnt ein typisches kalifornisches Einfamilienhaus in San José, am südwestlichen Ende des Silicon Valley. Seit Jahren wird die Stadt zum teuersten Pflaster der USA erklärt. Kostspieliger als New York City. Das heisst: Ein mittelgrosses Einfamilienhaus von 180 Quadratmetern wird für über zwei Millionen Dollar feilgeboten. Wenn man, wie die Thoeny-Familie, zur Miete wohnt, werden 4000 Dollar im Monat fällig, mehr als doppelt so viel wie vor zwanzig Jahren.

Als hochqualifizierter contractor von Technologiefirmen kommt Peter Thoeny trotz der hohen Kosten über die Runden. Unbehagen bereitet ihm die Entwicklung trotzdem. «Für Leute in einfacheren Berufen und sogar für Lehrer liegt ein Wohnsitz im Silicon Valley ausserhalb jeglicher Reichweite.» Das Dienstpersonal, welches die Kinder der Technologie-Elite unterrichtet oder den Kaffee kocht, nimmt täglich mehrstündige Anfahrtswege in Kauf.

In seinem Äusseren verweigert sich unser Gesprächspartner betont den modernen Zwängen des sportlichen Chics. Das ergraute Haar ist zu einem langen Rossschwanz zusammengebunden, die Kleidung salopp, auf den Zähnen spiegelt sich reichlicher Kaffeegenuss.

Peter Thoeny kam im Frühjahr 1998 ins Silicon Valley, als Google noch ein Fremdwort und auch Facebook noch nicht geboren war. Die Programmiersprachen haben sich rasant weiterentwickelt. Wäre Thoeny auf dem Niveau seines ETH-Abschlusses von 1985 stehengeblieben, er wäre heute arbeitslos. Stattdessen hat er sich mit der Leichtigkeit eines Genies immer wieder die neusten Techniken angeeignet. «Man lebt nur, wenn man ständig lernt. Sonst stirbt man geistig.»

In den siebziger Jahren, an der Mittelschule in Chur, kam Peter Thoeny zum ersten Mal in Berührung mit einem Computer. Der Mathematiklehrer erkannte sein Talent und liess ihm freien Lauf. «Er hatte manchmal Mühe, meine Berechnungen nachzuvollziehen», sagt Peter Thoeny halb amüsiert.

Nach dem Studium an der ETH folgten ein paar erste Jobs in den USA und in der Schweiz. Bald ging Thoeny nach Tokio, um in der Softwareabteilung des japanischen Automobilzulieferers Denso («die japanische Bosch») mitzuwirken. Nach acht Jahren, damals erwartete seine Frau das erste Kind, sah sich Peter Thoeny nach einer Beschäftigung in den USA um.

Für den österreichischen Anbieter einer Software-Entwicklungsumgebung für Betriebssysteme sollte er im Silicon Valley ein Forschungsbüro aufbauen. Doch bevor er diese Stelle antreten konnte, verschoben sich die Prioritäten der Firma. Thoeny wurde mit der Aufgabe abgespiesen, das Verkaufsteam in Europa von Kalifornien aus zu unterstützen. «Technologisch war ich dabei unterfordert», erinnert er sich. Gleichzeitig habe er aufgrund der grossen zeitlichen und räumlichen Distanz nach Wegen gesucht, um firmeninternes Wissen einfacher auszutauschen.

Dabei hatte Thoeny seinen bislang genialsten Einfall: Warum nicht eine Softwareplattform für die firmeninterne Kommunikation programmieren? Dabei liess sich Thoeny von der damals neuen Idee sogenannter Wikis inspirieren, deren bekannteste Anwendung drei Jahre später die Internetenzyklopädie Wikipedia wurde. Sein Produkt nannte er TWiki und stellte es frei zugänglich für jedermann ins Internet (Open Source). Bald nutzten Firmen wie Alcatel und Sun Microsystems Thoenys System. Heute ist es bei zehntausenden Firmen im Einsatz, so etwa beim Cern in Genf. Auch die Investmentbank Morgan Stanley stellt den internen Wissenstransfer über TWiki sicher. «Sie haben 30 000 tägliche Nutzer und über 1,5 Millionen Seiten.»

Versuche, das erfolgreiche Produkt zu kommerzialisieren, scheiterten allerdings. Thoeny machte sich eine Weile lang mit TWiki selbständig, doch die Bewegung für kostenlose Software revoltierte. Ein Mischsystem aus kostenlosem Angebot für kleinere Unternehmen und bezahltem Angebot für Grosskunden scheiterte an langen Entscheidungswegen bei den Grossfirmen. «Wir hatten zu wenig finanzielles Polster, um zwei Jahre auf positive Entscheidungen zu warten», so Thoeny.

Neues Glück in Zug

Getreu der Mentalität in Kalifornien, wonach der Mensch an seinen Misserfolgen wächst, will es Peter Thoeny jetzt nochmals wissen. Letztes Jahr hat er das Zuger Start-up Liquineq mitgegründet, dessen Technologiechef er ist. Die Firma möchte die Funktionsweise von Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum, die sogenannte Blockchain, für Banken nutzbar machen. Thoeny erklärt: Das Bitcoin-Netzwerk habe nur eine Kapazität von drei Transaktionen pro Sekunde, das Netzwerk der Kreditkartenfirma Visa könne aber 50 000 Transaktionen pro Sekunde abwickeln. «Die Frage ist nun: Wie machen wir eine Blockchain, die ebenso effizient ist wie das Visa-Netzwerk?» Liquineq habe darauf eine Antwort gefunden. Bereits sei man im Besitz aller notwendigen Genehmigungen und könne potenziellen Kunden eine «realistische Demo» vorführen. «Die Firma hat ein riesiges Potenzial, aber wie bei jedem Start-up gibt es keine Erfolgsgarantie.»

Auch in seiner Freizeit zieht es Peter Thoeny hoch hinaus. Sein wichtigstes Hobby, neben der Fotografie, ist das Raketenbauen. Genauer gesagt: flugfähige Modellraketen. In dieser Disziplin hat er bereits etliche Erfolge gefeiert. Nach ersten Gehversuchen in Kalifornien, wo der Abschuss von Raketen in den Luftraum über eine bestimmte Höhe hinaus für Privatleute untersagt ist, feuerte Thoeny gemeinsam mit seinem Sohn vor zwei Jahren in der Wüste von Black Rock, Nevada, eine sechs Meter lange Rakete ab. In der Spitze erreichte diese dreifache Schallgeschwindigkeit und war damit «schneller als eine Gewehrkugel».

Je grösser die Rakete und je höher man sie in den Himmel schiesst, desto schwieriger sind die physikalischen Probleme zu lösen: Wie stellt man sicher, dass alle Bauteile der enormen Beschleunigung und Hitzeentwicklung standhalten? Wie hält man die Flugbahn stabil und sorgt im richtigen Moment für die Explosion der Schwarzpulverladung, welche die Rakete teilt und den Fallschirm auslöst? Das sei schon «eine technologische Challenge», sagt Peter Thoeny, die englischen Einschübe mit Bündner Akzent einfärbend.

Jetzt muss er weiter. In der Nacht hilft er Morgan Stanley dabei, eine neue Version seines Open Source TWiki online zu stellen.

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