Fahrstunde auf der Rennstrecke

Einen Porsche GT2 RS zu fahren, ist schon eine grosse Sache. Wenn man von jemandem wie Le-Mans-Sieger Neel Jani lernen kann, wird der Wahnsinn kontrollierbar.

Es gibt Autos, die sind sehr schnell, und es gibt den Porsche 911 GT2 RS, den «leistungsstärksten 911er aller Zeiten». Dieses Auto kultiviert Beschleunigung und Geschwindigkeit zu einem gleichzeitig nüchtern-perfektionistischen wie hochemotionalen Erlebnis. Rein äusserlich will der neue GT2 keinesfalls verbergen, worum es ihm geht: Der gewaltige Carbon-Heckspoiler von der Grösse eines Stehpults, die Lufteinlässe, die Kühlung für die gelochten Porsche-Ceramic-Composite-Bremsen bringen sollen, die schwarzen Hutzen, die Luft zu den mächtigen Turboladern leiten sollen, oder die 21-Zoll-Räder mit Michelin-Sport-Cup-Bereifung – alles überdeutliche Anzeichen maximaler Schnelligkeit.

Weil ich angesichts dieses ganzen Carbonverzierten Wahnsinns zunächst leichte Anzeichen von Überforderung verspüre, habe ich mir eine exklusive Fahrstunde auf der Rennstrecke organisiert. Der Schweizer Le-Mans-Sieger Neel Jani steht an einem leicht bewölkten Morgen um 8.03 Uhr bereit, um mir auf dem Rundkurs des TCS-Trainingscenters im jurassischen Lignières ein paar Grundfertigkeiten beizubringen.

Jani rollt los, entspannt erkundet er den rund drei Kilometer langen Kurs und wechselt nach zweieinhalb Runden in seinen persönlichen Dynamikmodus. Brachial beschleunigt der GT2 RS auf der langen Geraden auf über 160 km/h, bevor eine scharfe Linkskurve folgt. Jani bremst hart, lenkt, bremst, beschleunigt wieder und schaltet früh (short shift) hoch, um das Auto zu beruhigen.

Es fühlt sich an, als würde sich mein Hirn langsam wieder von der hinteren Schädelwand lösen und sich in die Position zurückbegeben, in der es via Sprachausgabe im Mund eine Frage formulieren kann: Wie bremst man vor so einer Kurve eigentlich richtig? Jani bremst ab, steuert mit der linken Hand und zeichnet mit dem rechten Zeigefinger Verlaufskurven auf meine Seite des Armaturenträgers. «Die meisten Leute bremsen zu weich», sagt er und zeichnet eine langsam ansteigende und wieder abfallende Kurve. «Ich bremse degressiv, das heisst ich bremse hart und lasse den Bremsdruck dann langsam wieder abfallen», erklärt der sympathische 34-Jährige und zeichnet eine Linie, die steil ansteigt und schräg wieder nach unten fällt.

«Erstaunlich gut»

Neel Jani zeigt an dem kurzen, aber herausfordernden TCS-Kurs, wie man in einem Supersportwagen lernt, den Wahnsinn zu kontrollieren. Man müsse die Stärken des Autos spüren und sie für sich nutzen. Dieses hier biete mit seinem herausragenden Einlenkverhalten und dem Heckantrieb ideale Voraussetzungen dafür , findet Jani. Beim Anbremsen senkt sich der Wagen vorne ab und wird so beim Lenken in der Kurve besser beherrschbar. Beim Beschleunigen aus der Kurve richtet er sich wieder auf, der Druck auf die Hinterachse erhöht sich und dreht das Auto gewissermassen aus der Kurve.

Während Neel Jani mir geduldig das Einmaleins des Rennstreckenfahrens beibringt, hetzt er mit viel Gefühl über die Strecke, seine Hände scheinen über das Lenkrad die Fahrbahn ertasten zu können: Mit feinen Bewegungen korrigiert der schnelle Schweizer das Auto laufend aus und fährt es mit einer Präzision von Kurve zu Kurve, als würde er beim «Malen nach Zahlen» die Ziffern mit einem Bleistift verbinden.

Nach etwas mehr als einer Stunde hat Jani alles erklärt, was es vorerst zu erklären gibt. Der GT2 RS hat ihn ausserdem überzeugt: «Für ein Auto, das letztlich für die Strasse gebaut wurde, ist es auf der Rennstrecke schon erstaunlich gut», sagt er. Kaum ein Sportwagenbauer schafft diesen Kompromiss besser. Bei der Anfahrt über Autobahn und Landstrassen brummt der aufgeladene Sechs-Zylinder-Boxermotor vor sich hin, lässt man die Klappe im Auspuff geschlossen, kann man sogar Musik hören oder ein Telefongespräch führen. In der Einstellung «Normal» wirkt die Federung halbwegs komfortabel, während man in manchen Konkurrenzprodukten um die Gesundheit seines Rückens fürchten muss. Der Benzinverbrauch pendelt sich bei normaler Fahrweise bei zehn bis zölf Litern ein – für ein Fahrzeug der 700-PS-Klasse ein sensationeller Wert.

General Maximus: «Unleash hell!»

Um vom Strassen- in den Rennsportmodus zu wechseln, braucht es im Übrigen keine Mechaniker und keine komplizierten Einstellungen im Cockpit. Federung auf «Sport», das Doppelkupplungsgetriebe auf «PDK Sport». und schon ändert sich eigentlich alles. Um es in einem dramatischen Bild auszudrücken: Es ist vergleichbar mit der Eröffnungsszene von «Gladiator»: General Maximus (Russell Crowe) führt seine Legionäre in die entscheidende Schlacht gegen die Germanen und eröffnet den Kampf mit den Worten «At my signal, unleash hell!» – «Auf mein Zeichen: Entfesselt die Hölle!»

Der 911 GT2 RS ist ein Biest, wenn man will, aber trotzdem kein Auto, das einem nach dem Leben trachtet. Nach der Einführung durch den Profi verliere ich zwar nicht den Respekt vor den Möglichkeiten dieses Fahrzeugs, vertraue ihm und mir selbst aber soweit, dass ich mich an das nächste Projekt wage. Ein Kollege, mit der Materie vertraut, hat mir geraten, herauszufinden, wie sich das Auto anfühlt, wenn es nicht nur um Beschleunigung, sondern auch um Geschwindigkeit geht und wenn die dreistellige Zahl auf dem Tacho mit einer Drei beginnt.

Dafür reichen an einem verkehrsarmen Morgen auf einer deutschen Autobahn ohne Tempolimit ein paar Minuten. Ich bin gemütlich hierhergerollt, mit 80 km/h hinter Lastwagen und Wohnmobilen hergefahren, bis schräge schwarze Striche in einem weissen Kreis das Ende der Schleichfahrt anzeigten.

Beim ersten beherzten Druck aufs Gaspedal fehlt mir noch etwas der unbedingte Glaube ans Material. Trotzdem sind wir schnell bei 267 km/h, als sich am Horizont eine Fahrbahnverengung abzeichnet. Ganz im Sinne von Neel Jani trete ich kontrolliert auf die Bremse. Jani hatte noch bemerkt, dass man halt schon spüre, dass dies Bremsen für ein Strassenauto seien, sie hätten nicht den gleichen Biss wie die Verzögerungsinstrumente in einem Rennwagen. Aber die Art, wie das System kontrolliert Energie vernichtet, schafft höchstes Vertrauen in die Technik. Keinen Millimeter verzieht das Auto, hält eisern die Spur und hat präzise auf Höhe der Höchstgeschwindigkeitstafel das erlaubte Tempo erreicht.

Rechenprozesse im Hirn

Kurz darauf ist die Bahn wieder frei, im zweiten Anlauf gehe ich es kompromissloser an. Gemäss Datenblatt braucht der Extremelfer 2,8 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, bis 300 km/h vergehen 22,1 Sekunden. Das ist wahnsinnig schnell und fast erschreckend leicht zu erreichen. Ich merke, wie die Grenze meiner Wahrnehmungsfähigkeit rasant näher kommt, und verstehe endlich, was Neel Jani meinte, als er mir erklärte, man müsse als Rennfahrer vor allem in der Lage sein, verschiedene Rechenprozesse im Hirn gleichzeitig zu vollziehen.

Mit der Erkenntnis, dass ich dafür noch ein paar Fahrstunden auf höchstem Niveau brauchen würde, bremse ich wieder schön degressiv ab und fahre dennoch äusserst zufrieden mit dem Erreichten wieder nach Hause.

 

Porsche 911 GT2 RS
Leistung: 700 PS/515 kW;
Hubraum: 3800 ccm;
Höchstgeschwindigkeit: 340 km/h;
Beschleunigung 0–100 km/h: 2,8 sec;
Verbrauch (EU-Norm): 11,8 l/100 km;
Preis: Fr. 370 900.–, Testauto: Fr. 422 300.–

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