Eidgenossen

Wer wissen will, warum es die Schweiz immer noch gibt, sollte den Bundesbrief lesen.

Die Schweiz ist die erste und älteste urkundlich beglaubigte Selbsthilfeorganisation der Welt. Es stimmt, es gab im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit, also im 14. und 15. Jahrhundert, noch andere Schwur- und Eidgenossenschaften, aber nur eine überlebte, nur eine gibt es noch. Die Schweizerische Eidgenossenschaft. Sie feierte letzte Woche ihren 727. Geburtstag.

727 Jahre. Unglaublich. Unmöglich. Warum gibt es die Schweiz überhaupt noch? Viel grössere, mächtigere Staaten und Reiche zerfielen, die Schweiz ist geblieben. Was ist der Grund? Klar, da waren auch Glück und göttliche Vorsehung dabei, aber entscheidend war die stabile Grundkonstruktion, die politische Urleistung der Gründerväter. Wer die Schweiz verstehen will, muss deshalb ihre Geburtsurkunde studieren, den Bundesbrief von 1291. Er dokumentiert den Willensakt, aus dem die Eidgenossenschaft hervorgegangen ist.

Nein, der Bundesbrief ist kein Mythos, er ist eine Realität. Man kann ihn besichtigen im Bundesbriefmuseum in Schwyz. Die Pergamenturkunde ist 32 Zentimeter lang und 20 Zentimeter breit. Der Text umfasst 17 Zeilen auf Lateinisch, verfasst von einem Geistlichen, weil die Schwurgenossen, die «im Jahre des Herrn 1291 zu Anfang des Monats August» zusammenkamen, weder lesen noch schreiben konnten.

Immer wieder gab es Historiker, die behaupteten, der Bundesbrief sei eine Fälschung, eine «erfundene Tradition», wie das marxistische Modewort damals hiess. Doch zum Ärger dieser Kritiker fand die ETH Zürich mit hochmodernen Messmethoden der Altersbestimmung heraus, dass das in Schwyz lagernde Dokument tatsächlich – für manche ärgerlicherweise – eben doch genau aus der Zeit stammt, die es sich selber zuschreibt. Seither behaupten die gleichen Historiker, der Bundesbrief sei «vergessen» worden und «nicht so wichtig». Ihre Methode: Wenn deine Theorie nicht zu den Fakten passt, ändere die Fakten, damit die Theorie wieder stimmt!

Warum ist der Bundesbrief so wichtig? Weil hier der Ur-Code der Schweiz drinsteckt, und weil man das Rezept erkennt, weshalb dieses kleine, verletzliche Land so unbeschadet durch die Jahrhunderte kam. Was sind die wichtigsten Botschaften? Erstens: Kein hochkarätiges Expertenteam, kein weiser Königsbeschluss stehen am Ursprung der Eidgenossenschaft. Es sind einfache Landleute aus den Tälern Uri, Schwyz und Unterwalden. Sie standen mit beiden Beinen im Leben, und sie kamen zusammen, um mit einem Vertrag unter Gleichberechtigten ihre alten zugesicherten Freiheiten zu verteidigen – «gegen die Arglist der Zeit».

Zweitens: Solidarität! Jede Gemeinde, heisst es, solle ihren Beitrag «auf eigene Kosten» leisten. Von Subventionen, Stützbeiträgen, Kohäsionsmilliarden oder Finanzausgleichszahlungen ist keine Rede. Finanzielle Eigenverantwortung zählte.

Drittens: Die einfachen Landleute gelobten «einhellig», dass sie über sich «durchaus keine» fremden «Richter», keine fremden Vögte, keine fremden Amtsleute, keine fremden Herrscher dulden wollten und auch keine, die sich ihr Amt erkauft hätten, sondern nur solche, die aus den Talschaften heraus gewählt, bestimmt würden, Richter, Politiker also, die sich mit den Lebensverhältnissen der Waldstätte auskannten und das Vertrauen der hier lebenden Menschen genossen. Mit einem Wort: Selbstbestimmung unter dem hergebrachten Recht!

Viertens: «Entsteht Streit unter Eidgenossen, sollen die Einsichtigsten unter ihnen vermitteln [...]» Dies ist ein unerhört moderner, urdemokratischer Gedanke: Wenn die einen den Frieden nicht mehr gewährleisten, also ihren Auftrag nicht mehr erfüllen können, sollen Geeignetere das Ruder übernehmen. Gibt es eine schroffere Absage ans Untertanen- und Führerprinzip? Die Eidgenossen waren keine Knechte, sondern selbstbewusste Männer, die auch Herr sein konnten – wenn es die Not erforderte. Das zieht sich durch bis heute: Bundesräte sind nicht so wichtig, wenn einer oder mehrere versagen, funktioniert die Schweiz trotzdem.

Der Bundesbrief wurde zum Ärgernis für alle Mächtigen und Regierenden. Warum? Eben weil hier keine devoten Untertanen reden, sondern stolze, selbstbewusste Männer, die sich zumuten und zutrauen, ihr Recht selber zu sprechen, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Nicht nur «fremde Vögte» zeigten sich irritiert, auch die eigenen. Sogar der heutige Bundesrat rümpft auf seiner Homepage überheblich die Nase. Der Bundesbrief, spielt er es herunter, sei nicht so wichtig und schon gar nicht vorbildlich gewesen. Botschaft an die Bürger: Kommt ja nicht auf die Idee, dieses aufmüpfige Dokument zu ernst und zu wörtlich zu nehmen!

Wir nehmen es ernst und lernen noch etwas: Die Eidgenossenschaft ist seit ihrer Gründung eine Rechtsgemeinschaft. Die Eidgenossen verschworen sich im Namen des Rechts. Ihr demokratischer Schwurbund hatte zum Ziel, das, was man damals unter Rechtsstaat verstand, in unfriedlichen Zeiten zu gewährleisten. Kurz: Demokratie und Rechtsstaat sind in der Schweiz keine Gegensätze, sondern gehören von Anbeginn zusammen, das eine ist ohne das andere undenkbar. Weder «Experten» noch «Völkerrechtler» und schon gar keine fremden EU-Richter, sondern die Eidgenossen, die Bürger, die Schweizer sind Hüter des Rechtsstaats in der Schweiz.

Das muss heute leider wieder besonders betont werden. Es gibt immer mehr Politiker, Richter und Bundesräte, die sich weigern, Volksentscheide umzusetzen. Sie behaupten, es gebe einen Widerspruch zwischen «Rechtsstaat» und «Demokratie», und natürlich sprechen sie sich selbst das Recht zu, den Rechtsstaat «oberhalb» der Demokratie zu vertreten. Das ist natürlich Unsinn, eine freche Anmassung. Es gibt in der Schweiz keinen Rechtsstaat über der direkten Demokratie. Die direkte Demokratie ist der Rechtsstaat. Das Volk setzt das Recht, an das sich alle, auch die Politiker, zu halten haben.

Was hätten die Eidgenossen des Bundesbriefs dazu gesagt? Sie hätten einfach nein gesagt. Und sie hätten «geeignetere» Eidgenossen nach Bern geschickt. Der Bundesbrief ist aktuell wie eh und je.

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Kommentare

Michael Wäckerlin

10.08.2018|19:38 Uhr

Stimmt, die Eidgenossen waren einmal frei. Aus ihrer Freiheit wurden sie reich. Aus dem Reichtum wuchs eine tumoröse politische Klasse, die von Enteignung lebt. Um weiter wachsen zu können musste die Unabhängigkeit der Bürger und Gemeinden zerstört werden. Die parasitäre Kaste entfremdete sich, wurde immer feindseliger und schloss sich mit ihren Artgenossen in anderen Staaten gegen ihre Völker zusammen. Und so kam es, dass wir heute von Bundesräten hören müssen, dass eine Kabale von tyrannischen Internationalisten erste Geige spielen soll.

Ingeborg Vetsch

10.08.2018|11:34 Uhr

Philippe Bonhôte hat sicher Recht. Totzdem: Coole Sache - der Bundesbrief, die Eidgenossenschaft, das Editorial+Roger Köppel. Die Idee, der Sinn und die Kraft eben.

Gregor Braun

10.08.2018|10:55 Uhr

Schöner Artikel, aber wo spielt der Bundesrat die Bedeutung dieses Dokumentes herunter? Schauen Sie nochmal genauere hin: https://www.admin.ch/gov/de/start/bundesrat/geschichte-des-bundesrats/bundesbrief-von-1291.html. Der Bundesrat lobt tatsächlich den Bundesbrief und sagt "Fremde Richter sollen nicht geduldet, bestehende Herrschaftsverhältnisse aber unangetastet bleiben".

Philippe Bonhôte

09.08.2018|14:00 Uhr

Sehr schöne Geschichte, die mich an jene erinnert, die mir in den 1960er Jahren in der Schule erzählt wurden. Fast poetisch. Berühren. Ich rate den Lesern, Geschichtsbücher zu lesen und den Autor zu wählen, den sie bevorzugen. Sie werden sehen und verstehen, warum sie heute hier sind und in einer guten Verfassung sind. Es ist komplizierter als Herr Köppel sagt. Weniger malerisch ...

René Sauvain

09.08.2018|11:47 Uhr

Wie immer ein guter und sinnvoller Artikel! Ihre Frage sollte jedoch nicht lauten "warumgibt es die CH überhaupt noch"...sondern "wie lange gibt es die CH noch"! Mit zum Teil unfähigen Politikern an den wichtigen Schaltstellen, einem verkalkten Beamtenstaat undeiner unkontrollierten Überfremdung (nach "Art Sommaruga") nicht mehr lange!

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