Klaus Schwab

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums gehört zu den Weltverbesserern, die diesen Titel auch wirklich verdienen.

Nächste Woche beginnt das 48. World Economic Forum (WEF) in Davos. Fast alles, was weltweit Rang und Namen hat, rückt an, eine Art dreitägiges Weltmeisterschaftsturnier, ein Wirtschaftswimbledon der Weltelite, die aus rätselhaften Gründen seit bald fünf Jahrzehnten den unwiderstehlichen Drang empfindet, sich ausgerechnet in ­diesem hochalpinen Schweizer Tourismusstädtchen über den Gang der Dinge zu verständigen.

Es sind schon Bücher verfasst und tonnenweise Zeitungspapier mit Abgesängen und höhnischen Verrissen beschriftet worden. Trotzdem staunt die Weltgemeinschaft jedes Jahr von neuem, dass dieses Forum den ihm schon dutzendfach prophezeiten Niedergang immer wieder durch neue glanzvolle Be­sucherrekorde überwindet beziehungsweise gar nicht erst zustande kommen lässt.

Als auch diesmal die Ersten zu lästern begannen, das WEF habe nun aber wirklich seinen Zenit allmählich überschritten, schlug wie eine Neutronenbombe die Meldung ein, dass US-Präsident Donald Trump mit einem Gefolge in Regimentsstärke dem Anlass seine Reverenz erweise. Jetzt stehen sie alle unter Starkstrom. Trumps Auftritt im Nachgang zur «Shithole»-Debatte ist das meisterwartete aussenpolitische Ereignis des Jahres. Bis zur nächsten globalen Provokation des Twitter-­Kaisers.

Natürlich hat das WEF – wie das Leben insgesamt – Züge eines Eitelkeitenjahrmarkts. Schon vor Jahren sagte der geniale amerikanische Wirtschaftsschriftsteller Michael Lewis in einem Interview der Weltwoche, das Forum sei ein Zirkus für Manager, die Intellektuelle ­spielen wollten. Deshalb verzichte er darauf, selber teilzunehmen. «Zu viel Warmluft», bemängelte etwas hochnäsig der preisgekrönte Autor, dessen Bestseller zur Finanzkrise Mil­lionenauflagen produzierten.

Viele dürften Lewis’ Diagnose unterschreiben. Die meisten Journalisten steigen mit ­einer Mischung aus aufgesetzter Coolness und professioneller Herablassung in die Davoser Zauberberge. Niemand will sich anmerken lassen, dass er oder sie es im Grunde wahn­sinnig beeindruckend, ja überwältigend findet, was für eine Ballung an Berühmtheiten und Leistungsträgern sich an drei Tagen dort oben einfindet. Davos ist auch ein Stresstest für das Selbstbewusstsein jedes Teilnehmers. Man trifft immer einen, der es noch weiter ­gebracht hat. Die konzentrierte Anwesenheit von Erfolg ist nicht leicht zu ertragen, vor ­allem, wenn es sich um den Erfolg der anderen handelt.

Trotzdem liegen die Kritiker falsch. Wäre das WEF nur eine gigantische, dekadente Prominentenparty, gäbe es die Veranstaltung längst nicht mehr. Das Forum hat auch nicht deshalb Bestand, weil es bahnbrechende politische Resultate bringt oder die Probleme dieser Welt lösen würde. Die Elite pilgert ans WEF, weil sich hier die Mächtigen und die Reichen wenigstens einmal im Jahr einigermassen zwanglos in einem herrschafts­freien Raum begegnen und austauschen können. Vielleicht reden sie in der freien Schweizer Bergluft auch einfach ehrlicher und direkter als sonst.

Der Mann, der erkannt hat, dass es einen jährlichen Treffpunkt in neutraler Umgebung braucht und dass es diesen Treffpunkt nur in der neutralen Schweiz geben kann, ist der mittlerweile pensionierte Hochschullehrer und Ökonom Klaus Schwab, ein Mann mit der Aura eines Weltweisen irgendwo zwischen Genie und Orakel, wobei seine Ausstrahlung nicht nur von einem messerscharfen Intellekt bestimmt wird, sondern auch von einer kehligen Baritonstimme, die ihn, noch verstärkt durch einen provozierend ruhigen Sprechrhythmus, auch akustisch als Inkarnation von Intelligenz und Augenmass ausweist.

Was er in Davos gestemmt hat, verdient uneingeschränkte Bewunderung. Das Forum begann in den siebziger Jahren als Trainingslager für europäische Führungskräfte, die den Anschluss an die USA zu verlieren drohten. Dann machte Schwab sein WEF zum geistigen Hauptquartier der Globalisierung, bei der ­Politik und Wirtschaft Hand in Hand marschierten, rückblickend wohl etwas allzu eng. Vieles, was auf den Podien diskutiert und manchmal auch gefeiert wurde, zerschellte später an der Wirklichkeit, aber irgendwie schaffte es Schwab mit seinen Antennen immer wieder, sein Treffen auf der Höhe des Zeitgeists einzupendeln.

Was die meisten über­sehen: Der WEF-Erfinder hat einen ­eigenwilligen, fast exzentrischen Humor, Ausdruck seines Fein­gespürs für Schwingungen und Nuancen. Er ist kein weltfremder Anwalt des Globalen. Kürzlich ver­suchte ihn der Chefredaktor des Wall Street Journal, ein ­bissiger Brite, in einem ­gefilmten Interview mit Fragen über Trump aufs Glatteis zu ­locken. Mit skylinemässiger Überlegenheit und doch charmant hielt Schwab ­dagegen. Souverän ordnete er den umstrittenen Präsidenten als politischen Ausdruck der Not­wendigkeit ein, ein neues Gleichgewicht zu finden zwischen dem Nationalen und dem Internationalen.

Es stimmt. Nicht alles ist gleich nobelpreiswürdig, was er sagt, aber wenn es Schwab sagt, klingt es klug und vernünftig, und meistens ist es das auch. Eine grosse Leistung ist, dass er der Versuchung widerstand, das WEF zur Propagandaplattform seiner eigenen Überzeugungen zu machen. Vieles fasziniert ihn, aber er lässt sich nicht mitreissen. Er ist kein Dogmatiker, eher ein subtiler Missionar mit einer im Grunde unbezweifelbaren Botschaft: Der Welt geht es besser, wenn die Grossen und Mächtigen keine Kriege führen, sondern sich regelmässig treffen, um über die Dinge zu sprechen, die ihnen durch den Kopf gehen. Und wenn die Unternehmer nebenbei noch ein paar Geschäfte einfädeln – umso besser.

Der berühmte Soziologe Richard Sennett prägte für die WEF-Teilnehmer den Begriff des «Davos man». Dass jetzt ausgerechnet der beherzte Anti-«Davos man» Donald Trump in Davos auftritt, ist für Schwab der bisher schönste Triumph. Auch der grösste Davos-­Kritiker kommt nicht um Davos herum. Und indem er seine Bühnen auch jenen öffnet, die das Gegenteil von dem vertreten, was er selber für richtig hält, trägt Schwab ­bereits zur Entschärfung der Gegensätze bei. Zivilisation ­beginnt, wenn man redet, anstatt sich den ­Schädel einzuschlagen. Klaus Schwab gehört zu den grossen Weltverbesserern, die diesen Titel auch wirklich verdienen.

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Kommentare

Kaspar Trunniger

23.01.2018|08:35 Uhr

Wieder eine perfekte Weltwoche-Inszenierung. Schon die Anmoderation ist äusserst erheiternd. Roger Köppel mit Gauland-Kittel und Trump-Krawatte. Im Hintergrund CNN anstatt SRG. Dann eine nicht enden wollende Wortlawine zu den aktuellen Themen WEF, Shit-Hole-Trump, PFZ-Beseitigungs- und No Billag-Initiative. Alles one-stream-mässig stramm zurechtgebogen. Und als krönender Abschluss noch eine fadenscheinige Reportage über Berchtesgaden zur Ergötzung der wiedererwachenden Fangemeinde des grössten Führers aller Zeiten. Ich freue mich schon auf die nächste Ausgabe :-)

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