Ruhe bitte!

Die Welt ist ein wunderbarer Ort. Der neue Rolls-Royce Phantom begleitet einen in ein perfektes Paralleluniversum.

Es gibt für mich eigentlich keinen Grund, nicht Auto zu fahren. Nicht einmal das rot-­grüne «Zone-30-Ballenberg»-Zürich konnte mir bisher die Freude am Fahren nehmen. ­Neben möglichen schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen gibt es nur eine Situation, in der ich nicht dringend selber das Steuer in die Hände nehmen möchte: wenn mir ein Fahrer mit einem Rolls-Royce zur Verfügung steht.

Nun ist es natürlich so, dass in der Einkommensklasse der Journalisten diese Situation selten entsteht, kürzlich aber war ich eingeladen, den neuen Phantom in München kennenzulernen. Bevor ich selber ans Steuer durfte, wurde mir die hintere Portaltüre von einem jungen Mann im schwarzen Anzug aufgehalten. Der Phantom in royalem Blau stand dank Sondergenehmigung mitten in der Fussgängerzone am Mariannenplatz, wo – nur für kurze Zeit – Touristenhorden und schlechte Gerüche meinen Grundoptimismus über die Welt als wunderbaren Ort in Frage stellten. Allein der Schliessmechanismus der vermutlich mehrere hundert Kilogramm schweren Rolls-Türen ist ein Ausrufezeichen wert! Lautlos, bis auf ein ­leises Knacken, verlässt man diese Welt aus Lärm und betritt ein Par­al­lel­uni­ver­sum der ­erhabenen Stille. Sogar der traditionelle, 6,75 Liter grosse V12-Motor mit Biturbo-Aufladung ist so leise, dass einem selbst das Blinker­geräusch irgendwann störend vorkommt.

In Leder und Ruhe gebettet, fuhr ich durch die bayrische Landeshauptstadt, die Füsse ­lagen auf einer verstellbaren lederbezogenen Auflage, während die Massagesitze den müden Rücken auffrischten. Seit 1925 wird der Phantom gebaut, kein Automodell existiert länger, die nun achte Generation basiert auf einer ­«Architektur des Luxus», wie man es bei Rolls-Royce ausdrückt. Die Kombination aus ­einer extrem verwindungssteifen Alumi­niumstruktur, der formidablen Luftfederung und besonders grossen, weichen Reifen garantiert das unvergleichliche Fahrgefühl wie auf einem fliegenden Teppich, «the magic carpet ride», wie man bei Rolls-Royce zu sagen pflegt.

Zum luxuriösen Angebot gehört jetzt die «Gallery», ein kleiner Ausstellungsraum hinter einer Glasscheibe am Armaturenbrett. Dort ­lassen sich in wochenlanger Handarbeit ge­fertigte Porzellankunstwerke der Manufaktur Nymphenburg anbringen. Die englischen ­Rosen strahlen eine filigrane Eleganz aus und sind mit derselben handwerklichen Hingabe und Präzision gefertigt wie das ganze Auto.

In der pittoresken, bäuerlichen Landschaft um Starnberger See und Ammersee verliess ich meinen Platz in der Surrealität hinten rechts und setzte mich ans Steuer. Schon der letzte Phantom war, gemessen an seinen königlichen Dimensionen, ein Wunder an Automobiltechnik. Irgendwie scheint es aber den Ingenieuren gelungen zu sein, dieses Gefühl der mühelosen Fortbewegung noch zu steigern. Der mächtige Wagen lässt sich mit beschwingter Leichtigkeit steuern und bewegen, die nicht vergleichbar ist mit irgendeinem anderen mir ­bekannten motorbetriebenen Fahrzeug. Wenn der mächtige Bug sich beim Druck aufs Gas­pedal hebt und beim Betätigen der beeindruckenden Bremsen leicht einsinkt, erinnert der Phantom eher an ein Schiff als an ein Auto.

Die einzige Schwierigkeit mit dem Rolls-­Royce, wenn man in der Einkommensklasse der Journalisten zu Hause ist, stellt der Übergang von diesem perfekten Paralleluniversum in die andere Welt, so schön sie auch sein mag, dar. Aber ich gebe zu: Das ist ein Luxusproblem.

 

Rolls-Royce Phantom:
Leistung: 571 PS / 420 kW,
Hubraum: 6749 ccm.
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h.
Beschleunigung 0–100 km/h: 5,3 s.
Verbrauch (EU-Norm): 13,9 l/100 km.
Preis: ab Fr. 500 000.–

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