Madam Switzerland

Niemand hat die Freundschaft zwischen den USA und der Schweiz in den letzten Jahrzehnten nachhaltiger geprägt als Faith Whittlesey. Als Botschafterin und enge Freundin Ronald Reagans stellte sie sich selbst in ­dunkelster Stunde schützend vor die Schweiz. Nun ist sie in Washington 79-jährig gestorben.

An einem Wintermorgen be-steigt eine Frau in Philadelphia den Zug nach Washington, D. C. Sie tut es widerwillig. Lieber ­wäre sie jetzt zu Hause bei ihren drei Kindern. Noch ahnt sie nicht, wie nachhaltig diese Reise ihr Leben – und das unzähliger Menschen in Amerika und in der Schweiz – verändern wird.

Die Frau im Zug heisst Faith Whittlesey. Sie ist 42, Witwe und alleinerziehende Mutter. Wie immer, wenn ein neuer Präsident das Amt antritt, wetteifern auch in den ersten Wochen des Jahres 1981 Politiker, Spender und Lobbyisten miteinander um wichtige Posten. Whittlesey zeigt kein Interesse, in dem Zirkus mitzuspielen. Doch in Washington insistiert der frischgebackene Präsident persönlich. «Ronald Reagan versuchte, mich am Telefon umzustimmen.» Auf wiederholtes Drängen bekundet Whittlesey schliesslich die Bereitschaft, als Botschafterin in der Schweiz zu dienen, wo sie mit ihrem verstorbenen Ehemann unvergessliche Tage verbracht hatte.

Als sie Reagan 1976 zum ersten Mal traf, wusste Whittlesey sofort, dass er das Zeug zum Präsidenten hatte. «Er hatte ein enormes Charisma, Charme und Intelligenz. Er war gross, gutaussehend, athletisch, und ich glaubte an die Dinge, für die er einstand.» Als Reagan 1980 ins Rennen ums Weisse Haus stieg, leitete sie in ihrem Heimatstaat Pennsylvania sein kleines Wahlkampfteam und verhalf ihm zu einem Erdrutschsieg. Reagan wusste, wer im Kern dafür verantwortlich war, und sorgte dafür, dass die Frau seinem Team erhalten blieb.

Whittlesey war nicht die erste US-Botschafterin in der Schweiz (Eisenhower hatte 1952 Frances Willis nach Bern geschickt), aber sie war die erste, die den Posten gleich zweimal übernahm. Und sie ist jene Botschafterin, die die Beziehungen zwischen der Schweiz und Amerika seit dem Zweiten Weltkrieg am stärksten geprägt hat.

Bankgeheimnis blieb verschont

«Die Bedeutung der Schweiz übersteigt bei weitem die Grösse des Landes», sagte Whittlesey der New York Times, bevor sie nach Bern reiste. Während ihrer Amtszeit weilten US-Grössen wie Vizepräsident George H. W. Bush und Aussenminister George P. Shultz in ihrer Residenz. 1985 half sie den Abrüstungsgipfel mit Gorbatschow und Reagan in Genf zu organisieren. Und sie sorgte dafür, dass der Schweizer Bundesrat stets eine direkte Linie nach Washington hatte.

Bei ihrer Ankunft in Bern allerdings war noch nichts zu spüren vom späteren Tauwetter. Reagan bezeichnete die Sowjetunion als das «Reich des Bösen» und setzte im Duell mit dem kommunistischen Erzfeind auf militärische Stärke. In Europa wurde der «Hollywood-­Präsident» – ähnlich wie Trump heute – als «Kriegsgurgel» und «Cowboy» verachtet.

«Es gab fast wöchentlich Demonstrationen», erinnerte sich Whittlesey. «Das Quartier rund um die Botschaft wurde mit Graffiti ­verschmiert. Einmal steckte ich mit meinem Wagen in einer Demonstration fest. Zum Glück hat mich die aufgebrachte Menge nicht erkannt.»

Whittlesey verbarrikadierte sich nicht hinter den Botschaftsmauern. Sie sah es als ihre Hauptaufgabe an, mit den Schweizern ins Gespräch zu kommen. Dafür bereiste sie jeden Kanton, besuchte Zeitungsredaktionen, hielt Vorträge, lud Unternehmer, Autoren, Professoren und Leute aus dem Volk in die Botschaft ein. Dabei ging sie stets in der ihr typischen Art vor. Zuerst erkundigte sie sich nach der Meinung des Gegenübers. Sie hörte interessiert zu, fragte nach, um darauf den Schweizern die Politik Reagans zu erklären. «Ich legte dar, dass seine Politik auf Fakten beruhe. Lagen diese einmal auf dem Tisch, konnte sich jeder eine eigene Meinung bilden.»

«Es war ihre aufgeschlossene, offene Persönlichkeit», erinnerte sich Egon Zehnder, Gründer eines der weltweit grössten Personalberatungsunternehmens, welche ihr Respekt eingebracht habe. «Sie war interessiert an Menschen und Meinungen und verfügte über eine enorme emotionale Intelligenz.»

Innert weniger Monate baute sie eine effektive Public Diplomacy auf, die auf gegen­seitigem Verständnis basierte, und verbuchte in einem delikaten Kerndossier einen wichtigen Erfolg: Die US-Regierung zeigte sich ­einverstanden, «das Bankgeheimnis nicht ­anzugreifen».

«Komplett sexistisch»

Im Weissen Haus blieb das Engagement der Neodiplomatin nicht unbemerkt. Zwei Jahre nach dem Anruf, der sie von Pennsylvania in die Schweiz führte, klingelte wieder ihr Telefon. Am Apparat war James Baker, Reagans Stabs­chef. Sie solle nach Washington zurückkommen, «sofort». Reagan wollte sie an seiner Seite. Er machte Whittlesey zur Chefin für Öffentlichkeitsarbeit (Public Liaison) und quartierte sie im Büro direkt vor dem Oval Office ein.

«Er hatte ein Zwinkern im Auge, wenn er mich sah. [. . .] Wir hatten beide irische Wurzeln und denselben Humor, wir verstanden uns blind», beschrieb Whittlesey die besondere Chemie, die sie mit dem Präsidenten verband. Die beiden waren ein professionelles Dreamteam. Von den konservativen Grundwerten über einen entschiedenen Antikommunismus und die Fiskalpolitik bis zum Schutz des ­ungeborenen Lebens teilten sie dieselben ­Ansichten.

Reagan hatte Flankenschutz bitter nötig. Als Whittlesey ihre Stelle im Oval ­Office antrat, lag die Zustimmung für den Präsidenten im Volk bei 35 Prozent. Nun wandte sie in ganz Amerika an, was sie in der Schweiz eingeübt hatte. Unermüdlich erklärte sie Reagans Agenda. Bei der Präsidentenwahl 1984 war Reagan zurück, kräftiger als je zuvor. Er gewann praktisch in jedem Staat. Im Repräsentantenhaus legten die Republikaner um sechzehn Sitze zu.

Whittlesey war die einzige Frau unter den achtzehn Schlüsselfiguren im Weissen Haus. Zu ihrem Erstaunen planten Stabschef Baker und sein Stellvertreter Michael Deaver, sie ­speziell auf Frauenfragen anzusetzen. Whit­tlesey empfand das Ansinnen als «komplett sexistisch».

Als Berufsfrau und alleinerziehende Mutter von drei Kindern wusste niemand besser als Whittlesey, unter welchem Druck Frauen in der Politik standen. Doch sie weigerte sich ­beharrlich, auf Frauenthemen reduziert zu werden. Das Schicksal hatte sie gelehrt, alles selbst an die Hand zu nehmen. Mit einer Referenz auf das Hollywood-Tanztraumpaar der dreissiger Jahre beschrieb sie ihre eigene ­Situation treffend: «Erinnern Sie sich an Ginger Rogers? Sie tat alles, was Fred Astaire tat – nur rückwärts und in Stöckelschuhen.»

Ihr Lieblingsparkett war die Schweiz, ihre Lieblingspartner waren die Schweizer, die sie in kurzer Zeit ins Herz geschlossen hatte. 1985 bat sie den Präsidenten, als Botschafterin nach Bern zurückkehren zu können, wo sie das Fundament zementierte, auf welchem die ­guten Beziehungen bis heute stehen.

Als sie 1988 den Wunsch äusserte, sich ihrem Privatleben und ihren Kindern in den USA zu widmen, akzeptierte Präsident Reagan «widerstrebend». «Ich habe dich vermisst, seit du wieder in die Schweiz zurückgingst», schrieb Reagan in einem privaten Brief und sagte ­voraus: «Ich bin sicher, die Schweizer werden dich auch vermissen.»

Reagan hatte recht. Doch Whittlesey liess ihre Freunde nicht im Stich. Mindestens ­einmal im Jahr kehrte sie zurück – mit der Young Leaders Conference, einem Programm der American Swiss Foundation (ASF), deren Präsidium sie übernahm. Mit «Mutterinstinkt», wie sie sagte, kümmerte sie sich um den Nachwuchs. Während sie aus ihrer konservativen Meinung nie einen Hehl machte, sorgte sie mit professionellem Blick und mit Fairness dafür, dass junge Talente parteipolitisch ausgewogen ausgewählt wurden. 1200 Alumni, unter ihnen auch der gegenwärtige US-Botschafter in Bern, Ed McMullen, beleben bis heute die bilateralen Beziehungen.

Die Schweiz steht in der Welt hoch im Kurs. Doch zeigt bekanntlich erst die Krise, wer ein wahrer Freund ist. Als unser Land in den neunziger Jahren im Zusammenhang mit nachrichtenlosen Konten von Holocaust-Opfern unter heftigen Beschuss geriet, stellte sich Whittlesey schützend vor die Schwesterrepublik. «Sie war ein Schlechtwetterfreund», sagt Doug ­Sears, Vizepräsident der Boston University, der unter ihr in der Botschaft in Bern arbeitete. «Und sie tat es nicht entschuldigend oder halbherzig. Sie war, wie wir sagen, ‹all in›.»

Als Obama angriff

Darüber, dass es in ihrem Privatleben bittere Stunden gab, sprach sie kaum. 2012 nahm sich ihr ältester Sohn Henry, an einer schwerer ­Depression leidend, wie bereits sein Vater das Leben. Besser umgehen konnte Whittlesey mit Schicksalsschlägen, die ihre eigene Gesundheit betrafen. 1994 wurde bei ihr ein bösartiger Tumor im rechten Auge entdeckt. Ärzte gaben ihr eine Überlebenschance von neun bis fünfzehn Prozent. Ohne zu zaudern, liess sich die zierliche Frau, die stets auf perfektes Erscheinen Wert legte, das Auge (und einen Teil der Lunge) entfernen und kämpfte sich zurück ins Leben. «Du kriegst sie nicht klein», sagte eine langjährige Freundin, «sie glaubt, was sie glaubt, und sie handelt danach, bis sie tot ist.»

Vor wenigen Wochen erfuhr Whittlesey, dass ihr Körper wieder von Krebs befallen war. Diesmal liess die Krankheit der Kämpferin keine Chance. Im Beisein von ihren zehn Grosskindern verabschiedete sie sich still und leise auf ihre letzte Reise.

«Es gibt in den USA keinen erfahrenen Diplomaten mit einem geschichtlichen Gedächtnis, der die Schweiz versteht», sagte sie der Weltwoche, als 2009 die Obama-Regierung mit voller Wucht Angriffe auf das Schweizer Bankgeheimnis lancierte. Faith Whittlesey war dieses Gedächtnis in Person. Die Lücke, die sie hinterlässt, vermag ein Einzelner nicht zu füllen. Dennoch lässt sie auch jetzt die Schweiz nicht im Stich. Das Netzwerk der Swiss American Foundation beidseits des Atlantiks trägt jährlich neue Früchte. Sie sind Ambassador Whittleseys Vermächtnis. Und für die Schweiz von unschätzbarem Wert.

 

* Die Zitate stammen aus zahlreichen Gesprächen, die der Autor zwischen 2009 und 2018 mit Botschafterin Whittlesey geführt hat, sowie aus der Biografie von ­Thomas J. Carty: «Backwards in High Heels», Casemate, 2012

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