Molsheim–Paris–Molsheim

Das ist die Traumreise jedes Autoliebhabers: mit dem Bugatti Chiron, dem wahrscheinlich besten Fahrzeug der Welt, in eines der besten Restaurants von Paris.

Um sieben Uhr morgens ist es an diesem Tag im elsässischen Molsheim kühl und bewölkt, die gutgesicherte Werksanlage von ­Bugatti liegt noch ruhig in der Morgendämmerung. Aber vor dem Tor einer der Hallen, in denen der Chiron gebaut wird, steht das wohl beste Auto der Welt, sein Motor grollt mit dumpfem Bass vor sich hin. Ein Mechaniker hat den Wagen bereitgestellt und gestartet – für mich!

Es ist ein seltenes Privileg, das mir hier zukommt, und ich sehe dem Abenteuer mit einer adrenalintreibenden Mischung aus Aufregung, Vorfreude und einer gewissen Demut entgegen. In der Liste der besten Tage meines Lebens bekommt dieser einen Platz irgendwo kurz nach Heirat und Geburt der Kinder. Der Plan lautet so: Andy Wallace, meine Begleitung und einer der Chiron-Testfahrer, und ich fahren gleich auf direktem Weg nach Paris. Dort ist im Drei-­Sterne-Restaurant «Epicure» im famosen Hotel «Le Bristol» ein Tisch reserviert. Danach geht es zurück nach Molsheim, wo mein Traum­auto für einen Tag wieder in der Bugatti-­Schatzkammer verschwinden wird.

Ein Artikel über den Bugatti Chiron kommt nicht ohne ein paar Superlative aus, die meisten sind gewissermassen alternativlos. Der Chiron ist das beste Auto der Welt, weil es kein zweites gibt, das schier unglaubliche Leistungsdaten so überzeugend mit Fertigungsqualität, Komfort und Ästhetik zu verbinden vermag. Niemand sonst baut Fahrzeuge wie die Ingenieure, Arbeiter und Testfahrer in den Bugatti-Ateliers in Molsheim – «Fabrik» wäre ein zu profaner ­Begriff für den weitgehend in Handarbeit hergestellten Supersportwagen.

Tausend Liter Luft

Und niemand sonst ist in der Lage, einen so­genannten Hypercar zu bauen, der in 2,4 Sekunden von null auf 100 km/h beschleunigt, der sich gleichzeitig so einfach und bequem fahren lässt wie ein VW Golf und der, drittens, praktisch wartungsfrei ist. Das jedenfalls bestätigt mir ein Schweizer Händler, der schon eine ganze Reihe Chirons verkauft hat. Seine Kunden seien hochzufrieden mit dem «dauerhaften Werteversprechen», das jeder Bugatti darstelle.

Bevor ich ans Steuer darf, gibt es eine Fahrviertelstunde mit Andy. Wie ich später erfahre, hat er verschiedene Geschwindigkeitswelt­rekorde geknackt, gewann die 24 Stunden von Le Mans in einem Jaguar und hat 70 000 Testkilometer im Chiron absolviert. Andy will zuerst die Reifen auf Temperatur bringen; bei 4 Grad Aussentemperatur dauert es, bis sie auf die optimalen 21 Grad für das Spezialgummigemisch von Michelin warm­gefahren sind.

Während Andy mich auf einer nicht ganz ­optimalen elsässischen Landstrasse mal kurz mit den Leistungsreserven des Wagens vertraut macht, erzählt er von den vier Turboladern und den tausend Liter Luft, die bei voller Leistung in den 8 Liter grossen 16-Zylinder-Motor hinein­gesogen werden – pro Sekunde! Der Grund für die Grösse des Motors – ein halber Liter Hub­raum pro Zylinder – sei allein, die Lebensdauer des Aggregats zu verlängern. Andere Hyper­cars brauchen nach 30 000 Kilometern wahrscheinlich einen neuen Motor.

Die Einführungsrunde ist beendet, Andy findet, dass ich möglichst schnell ans Steuer sollte, und die Reifen sind jetzt fast auf Temperatur. Schon das Einsteigen ist beim Chiron im Vergleich zu anderen Supersportwagen erfreulich. Der Fahrer kann dabei seine Würde behalten und muss sich nicht in den – über­raschend ­bequemen – Leichtbausitz hineinquälen. Ich ­blicke auf ein handliches, sym­metrisches Lenkrad mit einem grossen Startknopf sowie einem Regler für die verschiedenen Aerodynamik­programme: EB (automatisch), Autobahn, Handling (für die Rennstrecke) und Lift (für Hindernisse). In der Mitte des Cockpits glänzt eine schön gearbeitete Chromleiste mit vier runden Displays, auf denen entweder die Anzeigen für die Klimaanlage oder die jeweiligen Leistungsdaten eingeblendet werden. Darauf wird sich gleich mein Ehrgeiz konzentrieren.

Ich gehe es vorsichtig an: Bis zur A4 geht es zunächst übers Land und durch kleine Dörfer, dabei ist der Chiron trotz seiner in die Breite gezogenen Erscheinung so handlich und angenehm zu fahren wie ein 911er. In engen Kurven spürt man natürlich die Dimension des ­Autos und sein Gewicht von knapp zwei Tonnen, aber sobald der Kurvenausgang in die Gerade mündet, zaubert es einem diese Mischung aus reinster Freude und Erstaunen ins Gesicht, wenn das Auto mit der Geschwindigkeit eines startenden Jets Fahrt aufnimmt.

Den Chiron zu beschleunigen, heisst: unbändige, aber kontrollierte Kraft mit Mühelosigkeit und Eleganz zu kombinieren. Im Vergleich zur Brutalität eines Lamborghini Aventador S verhält sich der Chiron wie ein Skalpell zur Axt. Ich biege auf die Autobahnauffahrt ein und erlaube mir ­einen Moment der Unvernunft, denn der Weg ist frei, die Reifen auf Temperatur. Ein beherzter Druck aufs Gaspedal – mit laserartiger Präzision zieht der Wagen davon. Die Anzeigen in der Chromleiste zeigen an, dass ich 1502 PS mobilisiert habe und der Chiron bei 6628 Umdrehungen auf 301 km/h beschleunigt hat.

Vorfahren wie ein Popstar

Damit wäre das erledigt, meine Grand Tour geht entspannt weiter. Sie dürfte ganz im Sinne von Ettore Bugatti sein. Bugatti (1881–1947) war ein Universalgenie, ein Leonardo da Vinci des Industriezeitalters. Er baute sein erstes Motorfahrzeug – ein Dreirad – als Siebzehnjähriger. Später entwickelte er in einem Keller in Köln den Bugatti Type 13 oder im Auftrag des amerikanischen Militärs einen 16-Zylinder-Flugzeugmotor mit 400 PS. Luxusautos, Schienentriebwagen, selbst eine Pastamaschine erfand der «Lebemann und Gourmet» (Wikipedia). Und für einen Freund, der am Spital Strassburg als Chirurg arbeitete, entwickelte Bugatti ein ein­faches Operationsbesteck, um die Bauchhöhle bei einem Eingriff offen zu halten. Es wird bis ­heute von einer Schweizer Firma produziert.

Die historische Parallele zu meiner Reise schaffte Jean Bugatti: Der Juniorchef empfing im Sommer 1928 einen Gast in Molsheim, der abends den letzten Zug von Strassburg nach ­Paris verpasst hatte. Weil der Mann am Tag darauf schon morgens einen wichtigen Termin wahrnehmen sollte, versprach Jean, ihn zu fahren. Vermutlich in einem Type 43 Grand Sport mit etwa 120 PS fuhren die beiden um 18.30 Uhr los und kamen um 22.30 Uhr vor dem «Maxim’s» an. Das ergibt 125 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit für die rund 500 Kilometer. Damals gab es allerdings keine Autobahn, Jean Bugatti nahm die unbefestigte Nationalstrasse 4. Gemäss ­Google Maps brauchte man für die Strecke heute rund sieben Stunden.

Bugattis Zeit bleibt bei den heutigen Verkehrs- und Kontrollverhältnissen unerreichbar, aber nach fünf Stunden, Tankstopp inklusive, fahren wir wie Popstars vor dem «Le Bristol» an der 112 rue du Faubourg Saint-­Honoré vor. Der Elysée-Palast ist nur ein paar Schritte entfernt, und um das weiss-dunkelblaue Auto bildet sich sofort eine fotografierende Menschentraube. Ein Chiron in der Stadt ist wie ein spektakuläres Naturereignis.

An diesem Tag der perfekten Kontraste sitze ich nur ein paar Schritte durch die barocke Eingangshalle später an einem Tisch mit Gartensicht im «Epicure» und bestelle zum Hauptgang das Poulet aus der Bresse, gegart «en vessie» in einer Schweinsblase (290 Euro). ­Küchenchef Eric Fréchon hat dieses Rezept nach dem Jahrhundertkoch Paul Bocuse zu ­einem seiner signature dishes gemacht.

Blue-Mountain-Kaffee zum Dessert

Eine Stunde später wird das Geflügel präsentiert, am Tisch tranchiert und mit einer ­Mischung aus Flusskrebsen, grünem Spargel und mit Morchelfarce gefüllten Morcheln ­sowie einer weltmeisterlichen Sauce aus Ge­flügelfond, Foie gras und Vin jaune serviert. Mit nur ein wenig Pathos kann ich behaupten: Allein diese Sauce lohnt die Fahrt nach Paris.

Nachdem wir in einem zweiten Gang die ­Pouletschenkel in einer leicht fettigen, aroma­tischen Brühe mit Périgord-Trüffeln gegessen ­haben, gibt es die «Citron de Menton» und ­einen Blue-Mountain-Kaffee zum Dessert. Zur Freude der Menschenmenge steigen wir um 15.15 Uhr wieder in den Chiron. Eine Stunde ­Pariser Feierabendverkehr sowie ein paar hundert angenehme Gran-Turismo-Autobahnkilometer später steht das Auto kurz nach zwanzig Uhr wieder vor den Werktoren in Molsheim. Ich steige aus, der Motor wummert immer noch vor sich hin, und Andy Wallace übernimmt den ­Wagen wieder. Immerhin war ich König für ­einen Tag.

 

Bugatti Chiron
Hubraum: 7993 ccm, Leistung: 1500 PS/1103 kW, max. Drehmoment: 1600 Nm, Beschleunigung 0–100 km/h: 2,4 sec, 0–300 km/h: 13,1 sec; Höchstgeschwindigkeit: 420 km/h (abgeregelt) im Top-Speed-Modus, Verbrauch: 22,5 l/100 km (EU-Norm), Preis: 2 500 000.– (plus MwSt.)

Restaurant Epicure, Hotel Le Bristol, 112, rue du Faubourg Saint-Honoré, Paris, Tel. +33 1 53 43 43 40. www.oetkercollection.com

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