Familien im Sozialparadies

Noch nie waren Mütter und Väter so frei in der Lebensgestaltung wie heute. Trotzdem baut die Politik die Hilfeleistungen für Familien munter weiter aus, gestützt auf moderne Mythen und Märchen.

Die Schweiz gibt sich seit Jahren alle Mühe, ihr Image als familienpolitisches Entwicklungsland loszuwerden. Denn, so hört man es jeden Tag: Das Land leidet unter der «schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie», und das nicht zu knapp. Ja, die «schwierige Vereinbarkeit» ist letztlich stets der Grund, wenn es irgendwo harzt: Sie ist schuld, dass Frauen Floristinnen werden und nicht Ingenieur­innen, dass Männer Ingenieure werden und gut verdienen, sie ist schuld an Be­zieh­ungsproblemen und Armutsraten und daran, dass jedes Jahr Abertausende von ausländischen Arbeitskräften in die Schweiz geholt werden müssen, um die an den Herd verbannten Schweizer Mütter zu ersetzen.

Auch der Umstand, dass es Frauen weniger in die Politik zieht als Männer, ist selbst­redend auf die «schwierige Vereinbarkeit» zurückzuführen – worauf denn sonst? Und so tut die Schweiz alles, um fortschrittlich zu werden und sich so leuchtenden Vorbilder wie den Hochsteuerländern Schweden oder Frankreich anzuschliessen, wo der Staat die Fami­lien eng umsorgt, die Kleinen von der Wiege an unter seine Fittiche nimmt und wo die Gesellschaft ja so viel glücklicher ist als hier.

Wer an dieser Politik Zweifel äussert, steht heute ziemlich allein da. Die Auffassung, dass Familienleben und die Organisation der ­Kinderbetreuung Privatsache seien und in der Verantwortung der Eltern lägen, gilt inzwischen als hoffnungslos rückständig oder als unerhört libertär. Es ist praktisch ausgemacht, dass der Staat gegenüber den Familien in der Pflicht steht, und zwar umfassend. Das dürfte sich in der bevorstehenden Sommersession einmal mehr bestätigen. Der Nationalrat wird entscheiden, ob der Bund sein seit 2003 betriebenes und bereits mehrmals verlängertes ­Impulsprogramm für Krippen, das 2019 auslaufen würde, nochmals für weitere vier Jahre fortführen und zusätzliche 130 Millionen Franken Finanzhilfen ausrichten soll.

Bei der SVP und Teilen der FDP regt sich zwar Widerstand gegen das Vorhaben, und auch der Bundesrat findet, es sei langsam genug. Er möchte das Impulsprogramm aus­laufen lassen; offenbar hat sich die bürgerliche Mehrheit innerhalb der Landesregierung daran erinnert, dass Familienpolitik nicht Sache des Bundes, sondern der Kantone und vor ­allem der Gemeinden ist.

Doch auch wenn der Widerstand gegen den umstrittenen Kredit den familienpolitischen Gottesdienst im Parlament etwas stören mag: Am neuen Dogma, dass Kinderbetreuung ­eine Staatsaufgabe sei, wird sich kaum etwas ändern. Dass es so weit gekommen ist und ­unter dem Titel der «Familienpolitik» seit Jahren ein massiver Sozialausbau stattfindet, hat massgeblich mit einer Reihe von modernen Mythen und Märchen zu tun, die von Lobby­organisationen herumgeboten und von Politikern bereitwillig übernommen werden. Wer will sich schon gegen den Zeitgeist stellen?

«Fehlende Krippenplätze» – Es ist der Gemeinplatz, der noch immer in keiner familienpolitischen Diskussion fehlen darf. Seit 2005 eine fragwürdige Hochrechnung – gestützt auf die Wünsche von 750 befragten ­Eltern zur potenziellen Betreuung ihrer Kinder – die ­Behauptung aufstellte, dass in der Schweiz Tausende von Krippenplätzen fehlen, gilt der Mangel an Betreuungsmöglichkeiten als unumstössliche Tatsache. Wer die Organisation der Kinderbetreuung aus eigener Erfahrung kennt, weiss hingegen, dass es sich dabei um eine Mär handelt. Anders als noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren gibt es heute zahlreiche offene Plätze, neue Krippen buhlen geradezu um «Neuzugänge»; man braucht sich nur die einschlägigen ­Onlineportale mit den vielen verfügbaren Betreuungsangeboten anzusehen. Initiative ­Eltern finden eine ­Lösung für ihr Kind – ­keine Mutter muss heutzutage zu Hause versauern, wenn sie das nicht will. Auch wenn die nächstgelegene Krippe an den zwei Wunschtagen vielleicht schon besetzt ist, ist das noch kein Notstand, der eine staatliche Intervention ­nötig macht. Der private Markt für Kinder­betreuung spielt.

«Abschreckend hohe Kosten» – In der letzten Zeit ist verstärkt ein anderes Argument in den Vordergrund gerückt: Man könne den ­Eltern nicht zumuten, jährlich Tausende von Franken für die auswärtige Betreuung ihrer Kleinen auszugeben. Die Drittbetreuung sei derart teuer, dass zahlreiche bestens ausgebildete Frauen ihren Beruf an den Nagel hängen würden. Deshalb müsse sich die öffentliche Hand viel stärker engagieren. Diese Haltung ist auch im bürgerlichen Lager und in der Wirtschaft verbreitet. In links-grünen Hochburgen wie Bern, Basel oder Zürich werden ­berufstätige Eltern bei der Kinderbetreuung schon heute finanziell grosszügig unterstützt, bis weit in die Gruppe der gutgestellten ­Doppelverdiener hinein. Die Mitnahme­effekte dürften beträchtlich sein.

Das Argument, dass sich ambitionierte Frauen allein wegen der Betreuungskosten von ihrer Karriere abbringen lassen, ist nicht glaubwürdig. Zwar kann es tatsächlich Konstellationen geben, bei denen vom Zweiteinkommen nach Abzug von Krippenkosten und Steuern nicht mehr sehr viel Geld übrigbleibt. Jede Frau wird in einer solchen Situation abwägen, was sich für sie eher lohnt: der Arbeitswelt den Rücken kehren? Oder trotz gewisser Nachteile dranbleiben, um beruflich den Anschluss nicht zu verlieren und in der Pensionskasse zu bleiben? Da die Kinder bereits mit vier Jahren in den Kindergarten kommen und die Betreuungskosten ab diesem Zeitpunkt spürbar sinken, ist die Zeitspanne, während der man finanziell zurückstecken muss, nicht allzu lang. Letztlich handelt es sich für die Mutter um die Frage, ob sie in ihr berufliches Fortkommen investieren möchte oder nicht. Das ist ein persönlicher ökonomischer Entscheid, wie man ihn sonst im Leben auch immer wieder treffen muss.

«Rückfall in die Hausfrauenrolle» – Das neue Lieblingskind von Familienpolitikern ist der Vaterschaftsurlaub: Vier Wochen soll er dauern und von der Allgemeinheit bezahlt werden; eine entsprechende Volksinitiative kommt demnächst ins Parlament. Der bezahlte Vaterschaftsurlaub sei nötig, um die traditionellen Rollenmodelle aufzubrechen und den Frauen zu mehr Gleichstellung zu verhelfen, heisst es. Auch das ist eine Mär: Keine selbständige Frau mutiert unweigerlich zum Hausmütterchen, nur weil sie sich nach der Geburt ein paar Wochen allein um das Neugeborene kümmert. Zudem steht es dem frischgebackenen Vater frei, Ferien zu beziehen, um seine Partnerin zu unterstützen. Der Vaterschaftsurlaub ist der unnötigste Sozialausbau, der derzeit aufs politische Tapet gebracht wird. Und er zeigt eine unglaubliche Anspruchshaltung gegenüber dem Staat: Kinderhaben gilt immer mehr als Leistung, welche die Allgemeinheit bezahlen soll. Im Ernst?

«Chancengerechtigkeit» – Ein besonders beliebtes Argument, um familienpolitischen Sozialausbau zu betreiben, ist schliesslich die «Gerechtigkeit»: Jedes Kind soll dieselben Chancen auf ein erfolgreiches Leben haben. Und weil Elternhäuser nun einmal unterschiedlich sind und nicht alle Kinder zu Hause gleich gut umsorgt werden, soll es auch hier der Staat richten. So wird derzeit im Parlament eine neue Vorlage für den Ausbau der frühkindlichen Erziehung ausgearbeitet, die verlangt, dass sich der Staat künftig auch um die Förderung von Kindern von null bis vier Jahren kümmert; schon die Kleinsten sollen ihr Potenzial optimal ausspielen können. Immer stärker wird auch in Richtung von obligatorischen Ganztagesschulen gedrängt, um die individuellen Unterschiede unter Eltern und Kindern – von Aufgabenhilfe über Ernährung bis zur Freizeitgestaltung – zu nivellieren. Dass die Kinder, sofern sie nicht aus eigent­lichen Problemfamilien stammen, auf diese Weise besser fürs Leben gerüstet sind, darf bezweifelt werden. Klar ist jedenfalls, dass sich hier ein lukratives Tummelfeld für Erziehungsexperten, Sozialarbeiter und Bildungsfunktionäre auftut. Und das dürfte denn auch der wesentliche Treiber hinter der ganzen ­Sache sein.

Letztlich läuft die Familienpolitik der letzten Jahre auf eine gigantische Umerziehung hinaus, die die Eltern mit vielen Zückerchen zum «richtigen» Lebensmodell führen will. Bis anhin, so kann man sagen, zeigen sich die Mütter und Väter allerdings recht widerspenstig. Zwar sind vier Fünftel der Mütter mit Kindern unter 15 Jahren hierzulande erwerbstätig. Der grosse Teil arbeitet allerdings bloss Teilzeit. Liegt das allein an der schwierigen Vereinbarkeit, wie Gleichstellungsbeauftragte und Wirtschaftsförderer gebetsmühlenartig wiederholen? Kaum. Sondern schlicht und einfach daran, dass Mütter Zeit mit ihrem Kind verbringen möchten und sich dieses Leben nicht zuletzt dank des höheren Einkommens des vollzeitlich tätigen Mannes vielfach auch leisten können. In dieselbe Richtung weist auch die letzte grossangelegte eidgenössische Jugendbefragung von 2017. Sie hat gezeigt, dass sich die jungen Männer und Frauen ein eher traditionelles Rollenmodell wünschen mit viel familiärer Geborgenheit für den Nachwuchs.

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Kommentare

Hans Georg Lips

30.05.2018|07:22 Uhr

Aber kein Geld für Klassenlager. Unsere Lumpenregierung bringt alles fertig, sogar den Konkurs der Schweiz bei Rekordexporten. GAUNERSYNDIKAT BERN.

Regula Neukomm

26.05.2018|09:13 Uhr

Früh übt sich, was ein guter Sozi werden will! Wie in allen sozialistischen und religiösen Fundistaaten müssen die Gehirne unserer Kinder möglichst von Geburt an gewaschen werden, damit sie sich gar nicht erst an Freiheit, selbständiges Denken und Handeln gewöhnen können. Die schleichende Übernahme der Erziehung durch den Staat spiegelt den Marsch in Richtung International-Sozialismus-Feminismus. Die Schweiz ist auf der Überholspur!

Jürg Brechbühl

25.05.2018|14:03 Uhr

@Markus Spycher, Das kommt bei allem auf die Ansprüche an. Ich habe vor ein paar Jahren meine Grosstante in der Stadt Bern besucht und ihr Haus gesehen. Dort hatte meine Urgrossmutter 8 Kinder grossgezogen. Ich habe noch eine Foto von 1912, da hatte sie erst fünf Kinder. Derselbe Platz würde heute knapp für einen ledigen jungen Mann reichen. Zweitens kommt es halt drauf an, ob die Jungen von ihrem Lohn sparen, den Feierabend mit Weiterbildung verbringen oder ob sie fünf Nächte pro Woche in den Ausgang gehen, zum Fressen, Saufen, Holleien und Drögelen, bevor sie im Suff den Pariser vergessen.

Hans Baiker

25.05.2018|13:06 Uhr

Engels lässt grüssen. Der totalitäre Machtanspruch des Sozialismus über das Individuum. Kannte eine Kinderbetreuerin aus der einstigen DDR. Sie habe die Entwicklung ihrer Zöglinge bis ins Erwachsenenalter verfolgt.Ein Erfolgsmodell sehe anders aus. Die Kinderbetreuung istder Schlüssel zur lebenslangen geistigen Abhängigkeit vom Staat. Die Geringschätzung der Frau als Hausfrau und Mutter hat ein bösartiges Motif.

Rainer Selk

25.05.2018|09:26 Uhr

M. Spycher. Bei uns hat immer ein Lohn gereicht. Auf kostige Ferien im Winter + Sommer wurde verzichtet, aber die CH mit den Kindern 'erwandert'. 7 Jahre habe ich mich nebenberuflich weiter gebildet + mich nie der IT verschlossen, im Gegensatz zu vielen Unwilligen! Ihre Mietzinsdepotklagen sind bei weitem nicht überall gefordert + bei der Wohnungssuche muss man sich den Einkommensverhältnissen anpassen.Ferner: i. d. R. hat 'so einer + so eine' etwas Geld auf der Seite. Wenn nicht -> selbst Schuld! M. Spycher, SIE betreiben linke Einäugigkeit + Polemik. Auf welchem Planet leben Sie?

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