200 Jahre Marx, 100 Millionen Tote

Alle Systeme, die sich auf Karl Marx berufen haben, sind gescheitert. Dennoch bleibt «Das Kapital» die Bibel für die ­Anhänger der Religion des Antikapitalismus.

Zum Jubiläum gab’s Gedenkreden führender Politiker, die Enthüllung einer über­lebensgrossen Marx-Statue und ­glorifizierende Fernsehfilme zur besten Sendezeit. Was ein wenig stört, sind die 100 Millionen ­Menschen, die nach den Berechnungen des französischen Historikers Stéphane Courtois im 20. Jahrhundert im Namen der marxistischen Idee getötet wurden. Vor sechzig Jahren starben etwa 45 Millionen Chinesen an den Folgen des grössten sozialistischen Experiments der Geschichte – Mao nannte es den «Grossen Sprung nach vorne». In der Sowjetunion kamen etwa 20 Millionen Menschen um – die Kommunisten liessen sie verhungern, sperrten sie in Konzentrationslager und ermordeten sie.

Wer darauf verweist, dass seit hundert Jahren alle Systeme gescheitert sind, die sich auf Marx berufen haben, dem wird entgegen­gehalten, diese hätten sich zu Unrecht auf ihn bezogen und seine an sich richtigen Gedanken missbraucht. Das ist die wichtigste Immunisierungsstrategie der politischen Linken: die Entkoppelung des «guten Karl Marx» von der gescheiterten politischen Praxis des Marxismus.

Kann man einen Denker oder Propheten dafür verantwortlich machen, wenn die Menschen ihn missverstehen? Natürlich nicht. Das gibt es immer wieder. Wie oft haben sich Menschen auf Jesus Christus berufen, obwohl sie sich ganz und gar unchristlich verhielten! Aber daneben gab und gibt es eben auch viele Christen auf der ganzen Welt, die seine Lehren durchaus richtig verstehen. Und Jesus hatte schliesslich auch keine Utopie zur Verwirklichung des Paradieses auf Erden entworfen. Vor allem: Es ist etwas ganz anderes, wenn ein Denker angeblich immer und ausnahmslos missverstanden wurde, weil es kein einziges System gegeben habe, das seine Ideen «richtig» umgesetzt habe. Genau dies soll bei Marx der Fall gewesen sein, denn wenn man diejenigen fragt, die den Denker Karl Marx von der Praxis des Marxismus abkoppeln wollen, wo denn seine Ideen jemals «richtig» umgesetzt worden seien, dann erhält man keine Antwort. Der Grund ist einfach: Alle sozialistischen Systeme, die sich auf Marx beriefen, sind ausnahmslos gescheitert, ob in der Sowjetunion, in China, in Jugoslawien, in der DDR, in Nordkorea, in ­Albanien: In jedem dieser Länder wurde das marxistische Experiment auf eine andere ­Weise durchgeführt, aber alle scheiterten an ihrer Ineffizienz, endeten in Armut, Elend und Mord.

Alle haben sie Marx missverstanden

Die These, dass eine Theorie seit über hundert Jahren immer und ausschliesslich missverstanden worden sei, ist äusserst kühn und wäre ein vernichtendes Urteil über einen Theoretiker, denn das hiesse ja, dass er sich extrem unklar und missverständlich ausgedrückt hätte. Damit tut man Marx allerdings unrecht. Er blieb in seinen Vorstellungen einer künftigen sozialistischen beziehungsweise kommunistischen Gesellschaft bewusst vage. Marx wollte gerade kein «utopischer Sozialist» sein, der ein fertiges Modell einer sozialistischen Gesellschaft entwarf. Aber so viel ist klar: Der ­Sozialismus – als Übergangsstadium zur klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus – sollte darauf beruhen, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft würde.

Das hat Marx immer wieder sehr klar formuliert. Und genau dies ist in allen sozialistischen Systemen geschehen. Die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die Ersetzung einer Marktordnung, in der Unternehmer entscheiden, was produziert wird, und die Preise die wesentliche Informationsquelle sind, durch eine Staatswirtschaft war – bei allen Unterschieden – das Gemeinsame ­aller sozialistischen Systeme. Lenin und Stalin, Mao Zedong, Fidel Castro und Kim Il Sung, Walter Ulbricht und alle anderen haben in diesem wichtigsten Punkt Marx durchaus richtig verstanden.

Immer neue Daten für den Weltuntergang

Die Marx-Beschöniger wenden ein, Marx sei immerhin ein «grosser Denker» gewesen, der den Kapitalismus richtig analysiert habe. Und der Kapitalismus sei schliesslich für Hunger und Armut auf der Welt verantwortlich. Das ist nicht sehr marxistisch argumentiert, denn Marx betonte gerade die zivilisatorische Leistung des Kapitalismus, der zu einer ungeheuren Entwicklung der Produktivkräfte geführt habe. Er glaubte jedoch, dass der Kapitalismus schon bald zu einem Hemmschuh für eine weitere Entwicklung der Produktivkräfte würde und an seinen inneren Widersprüchen zusammenbrechen müsse. Das Proletariat würde verelenden und die Profitrate immer weiter sinken – bis schliesslich das Proletariat die Macht übernehme und Produktionsmittel sowie Grund und Boden vergesellschaftet würden.

In seiner «Kritik der politischen Ökonomie» (1859) schrieb Marx: «Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktions­verhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt haben. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln um.»

Bekanntlich ist der Kapitalismus heute, genau 160 Jahre nachdem Marx dies geschrieben hat, lebendiger denn je. So wie die Anhänger von Weltuntergangssekten immer wieder neue Daten für den ausgebliebenen Welt­untergang ausrufen, so verkünden auch die Marxisten seit 150 Jahren das bald nahende Ende des Kapitalismus.

Eingetreten ist genau das Gegenteil dessen, was Marx vorhersagte: Die kapitalistischen Länder entwickelten sich sehr viel dynamischer und schafften sehr viel mehr Wohlstand als ­jene, in denen das Privateigentum abgeschafft worden war. Nicht die Abschaffung des Privateigentums war die Voraussetzung für wirtschaftliche Dynamik, ganz im Gegenteil: China ­beispielsweise ist heute eine aufstrebende Volkswirtschaft, und der Anteil der Armen ist in den vergangenen Jahrzehnten von 88 Prozent auf 2 Prozent gesunken.

Der Grund für die Beseitigung der Armut war, dass nach dem Scheitern des sozialistischen Experiments das Privateigentum an Produk­tionsmitteln wieder eingeführt und dem Markt mehr Raum gegeben wurde. China, das den Deutschen ironischerweise eine überlebens­grosse Marx-Statue zu dessen 200. Geburtstag geschenkt hat, begab sich nach Maos Tod auf den Weg des Kapitalismus – nicht die Befreiung von kapitalistischen Produktionsverhältnissen, sondern die sukzessive Einführung kapitalistischer Produktionsverhältnisse war die Voraussetzung für eine weitere Entwicklung der Produktivkräfte. Und dies ist ganz genau das Gegenteil dessen, was die Theorie von Marx besagte.

Der Kapitalismus ist der Grund für ein ungeheures Wachstum des Lebensstandards, wie es ihn vor der Entwicklung der Marktwirtschaft in der ganzen Menschheitsgeschichte nicht gegeben hat. Seit den Ursprüngen der Menschheit vor etwa 2,5 Millionen Jahren ­benötigte es 99,4 Prozent der Menschheits­geschichte, bis vor etwa 15 000 Jahren ein ­Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf der Weltbevölkerung von 90 internationalen Dollar erreicht wurde (der internationale Dollar ist eine Recheneinheit, die auf der internationalen Kaufkraft des Jahres 1990 basiert). Bis zum Jahr 1750 brauchte es weitere 0,59 Prozent der Menschheitsgeschichte, um das Welt-BIP pro Kopf auf 180 internationale Dollar zu verdoppeln. Das war die Zeit, in der die meisten Menschen unter schlimmer Armut litten, was allerdings von denjenigen verschwiegen wird, die so tun, als sei das Elend erst mit dem «Früh­kapitalismus» in die Welt gekommen.

Und dann, in weniger als 0,01 Prozent der Menschheitsgeschichte, von 1750 bis zum Jahr 2000, wuchs das Welt-BIP pro Kopf um das 37-fache auf 6600 internationale Dollar. Mit anderen Worten: 97 Prozent des Reichtums der Menschheit wurden in den vergangenen 250 Jahren, also in 0,01 Prozent der Menschheitsgeschichte, erzeugt. Die Lebenserwartung eines Menschen hat sich in diesem kurzen Zeitraum fast verdreifacht. Die Menschen sind nicht plötzlich so viel intelligenter oder fleissiger geworden in dieser Zeit, sondern in den westlichen Ländern hat sich vor etwa 200 Jahren ein Wirtschaftssystem entwickelt, das ­allen anderen in der Menschheitsgeschichte überlegen ist: der Kapitalismus.

Attraktiv für die Intellektuellen

Warum hat die marxistische Ideologie trotz ihres Scheiterns so viele Anhänger gefunden? Für die Arbeiter, an die sich die Verheissungen richteten, war der Marxismus weniger attraktiv als für die Intellektuellen, welche die Arbeiter zunächst nur mit grosser Mühe dafür begeistern konnten. Lenin schrieb in «Was tun?»: «Die Geschichte aller ­Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse ausschliesslich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, d. h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschliessen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u. a. m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an.»

Lenin zitiert den damals führenden marxistischen Theoretiker in Deutschland, Karl Kautsky, der ebenfalls betonte: «Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur entstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. [. . .] Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz. [. . .] Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proleta­riats von aussen Hineingetragenes, nicht ­etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes.»

Solche Sätze schmeichelten den Intellektuellen, die sich als Avantgarde des Proletariats im Kampf um eine angeblich bessere Welt verstehen konnten. Der Marxismus ist bis heute attraktiv geblieben, denn sein «Kapital» ist, auch wenn es die meisten niemals gelesen ­haben, die Bibel der für Intellektuelle identitätsstiftenden Religion des Antikapitalismus, in der sie glauben den Beweis für den Untergang des «menschenverachtenden Kapitalismus» zu finden.

 

Rainer Zitelmann, Historiker, Soziologe und Unternehmer, Kenner aller Marx-Schriften. Jüngste Veröffentlichung: «Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung» ist auch eine Antwort auf die aktuelle Marx-Debatte.

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Kommentare

Regula Neukomm

15.05.2018|08:44 Uhr

Dass kaum jemand diesen Mist liest, ist ja das Tragische! Lest alle „Das Kapital“, den Koran und „Mein Kampf“. Sie gleichen sich in ihrem Kern erschreckend: alle sind totalitär: nur noch die eine Klasse, Religion, Rasse überlebt am Ende. Sie alle bewirtschaften menschliche Urbedürfnisse bzw. Ängste: besseres oder ewiges Leben schon im Diesseits oder wenigstens im Jenseits, Gruppenidentifikation mit Überlegenheitsgefühl... Vor allem aber basieren alle drei auf Glauben bzw. auf grundlegenden Denkfehlern über die Natur des Menschen und das Funktionieren von Gesellschaften: Revo- statt Evolution!

Daniel Thoma

12.05.2018|17:01 Uhr

Was ist intellektuell? Wenn einem ein bisschen Zeit zum Nachdenken vergönnt ist, kommt man zwangsläufig auf Ideen. Marx war und bleibt ein verführerischer Bevormundungs-Guru. Geht so bei allen Sekten, wo Zwangsmassnahmen zur richtigen Glaubensausrichtung zur tagesordnung gehören.

Hans Baiker

09.05.2018|22:57 Uhr

Wer die Verbrechen des Sozialismus auf wenige und mächtigeTriebtäter reduzierbar glaubt, dem ist die Verbotsliste der Grünen zu empfehlen. In dieser Liste ist bei einem Sieg des Sozialismus detailliert beschrieben was uns erwartet. Die Furchtdavor könnte mit ein Grund sein, weshalb die FDP, CDU, bzwviele Konservative, die Kirchen so einknicken.

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