Generalin mit Schere und Zigarette

Sie kommt von ganz unten, revolutioniert die Mode und gründet ein Weltunternehmen, das bis heute existiert. Nebenbei kreiert Coco Chanel den meistverkauften Duft der Welt. Ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod wird sie immer noch massenhaft kopiert.

Auf dieses Kind hätte keiner gesetzt: der ­Vater Hausierer, die Mutter, Wäscherin, stirbt nach neun Schwangerschaften entkräftet und lässt fünf Kinder zurück. Gabrielle ist die zweite und ist zwölf, als man sie im nächst­gelegenen Waisenhaus abgibt. Dort lernt sie den Beruf der Näherin. Danach hätte sie mit viel Glück vielleicht eine Neuauflage von Marie Duplessis werden können: Urbild der Kameliendame in Alexandre Dumas’ Roman und in Verdis Oper «La Traviata». Das arme Bauernmädchen, das als teuerste Kurtisane von Paris und verheiratete Gräfin krank wird und stirbt. Tatsächlich scheint die junge Gabrielle Kurs auf diese Laufbahn zu nehmen. Zwar verkauft sie mit zwanzig noch Fischbeinkorsetts und Strumpfbänder und versucht kurz ihr Glück auf den Tingeltangelbühnen der Gegend mit den einzigen zwei Liedern, die sie kennt: «Ko-Ko-Ri-Ko» und «Wo bist du, Coco?».

Doch so sehr ihre Anmut bezaubert, singen kann sie nicht. Also kehrt sie zu ihrer Näh­maschine und der alten Frage «Wie angelt man sich einen Millionär?» zurück. Ein knappes Jahr später kreuzt der erste Kandidat ihren Weg: ein Textil­erbe und Rennstallbesitzer, und sie greift sofort zu, auch wenn er sich mehr für seine Pferde und anderen Mätressen interessiert als für sie. Fünf Jahre wohnt sie in seinem Schloss nordöstlich von Paris und lernt dort Reiten, wie man Melone in Riesling auf Eis isst, die Hand zum Kuss reicht und was sonst noch zum Leben im Luxus gehört. Doch dann befällt sie ein Gefühl, von dem bei Marie ­Duplessis und den anderen grandes horizontales nie die Rede ist: Langeweile.

Der Müssiggang weckt den Ehrgeiz und die Energie des kleinen Nähmädchens aus der südwestfranzösischen Provinz, statt sie zu ­stillen. «Ich habe nicht die Kleider geliebt, ­sondern die Arbeit. Mir ging es nicht darum zu schaffen, was mir gefiel, sondern zu beseitigen, was mir nicht gefiel», resümiert sie später.

«Rüstungen mit herausfallendem Busen»

Mit den Hüten der Society-Damen fängt sie an. Die riesigen Gebilde aus Gaze und Federn – «Wie soll ein Gehirn darunter nur normal funktionieren?» – ersetzt sie durch kleine, ­fesche Strohgebilde mit raffiniert schlichter Garnierung. Und weil die Freundinnen ihres Freundes sie ihr aus den Händen reissen, eröffnet sie 1910 in dessen Pariser Junggesellenwohnung ihr erstes Hut-Atelier. Da ist sie 27. Für den Bankkredit bürgt schon der nächste Liebhaber, ein britischer Bergwerk-Tycoon und ­Polo-champion. Sein Geld und seinen Glauben – «Du hast das Zeug zu einer guten Geschäftsfrau!» – investiert sie umgehend in ein zweites Hutgeschäft, das schon Chanel Modes heisst und in der strategisch günstigeren Rue Cambon auf der Rückseite des «Ritz» liegt. 1913 dann eröffnet sie ihre erste Kleider-Boutique.

Gegen die angesagten «Rüstungen mit herausfallendem Busen und hervorstehendem Hinterteil, in der Taille geschnürt, als wollte man sie zweiteilen» setzt sie schlichte, androgyne Schnitte mit fliessenden, weichen Stoffen ohne Rüschen und sonstigen Schnickschnack, inspiriert von den Blazern, Hemden und Sportsachen ihrer Liebhaber: der Chanel-Look. Dabei kann sie nicht zeichnen, ihre Entwürfe nicht skizzieren. Stattdessen steckt und schneidet sie den Stoff am lebenden Man­nequin, oft stundenlang. Und hat doch Erfolg. 1915 nähen schon 300 Frauen für vier Chanel-­Boutiquen in Paris, ­Deauville und Biarritz. Und als sie mitten im Krieg ballenweise Baumwolljersey kauft und daraus Modellkleider näht, die ihr eine immer verwöhntere Kundschaft bescheren, während die anderen Modehäuser schlies­sen, wird sie Kult im internationalen Jetset.

Sie ist das Kellerkind mit dem unbestech­lichen Blick, den goldenen Händen und der unromantischen Philosophie: «Immer etwas wegnehmen, niemals etwas hinzufügen.»

Ungeniert treibt sie die Preise in die Höhe. Und kauft sich dafür einen Rolls-Royce und die halbe Rue Cambon dazu, während sie nachts weiter im «Ritz» schläft – vorausgesetzt, dass sie nicht gerade mit dem märchenhaft reichen Herzog von Westminster, der sich die Schnürsenkel bügeln lässt, oder einem anderen ihrer exklusiven Liebhaber an der Riviera oder beim Jagen oder Lachsangeln unterwegs ist.

Verkörperung der Reinheit des Geistes

Sie ist keine Intellektuelle. Auch Künstlerin will sie nicht sein: «Couture ist nicht Theater, und Mode ist nicht Kunst, sondern Handwerk.» Das Einzige, woran sie, abgesehen von ihrem Talent, glaubt, ist die Zahl Fünf. Als Verkörperung der Reinheit und des Geists einer Sache, ist es die Glückszahl für sie. Jede neue Kollektion zeigt sie am Fünften eines Monats. Und sie bringt fünf Klassiker heraus, zwei ­davon mit der Fünf im Namen. Den ersten kreiert sie 1924 mit dem Profiparfümeur Ernest Beaux: Chanel No 5. Der meistverkaufte Duft der Welt, noch heute geht alle dreissig Sekunden ein Flakon über den Ladentisch.

1925 entwirft sie das Tweedkostüm, die Weltuniform für Geschäftsfrauen. 1926 legt sie das kleine Schwarze nach. Und als alle sie 1955 schon abgeschrieben haben, trumpft sie mit der 2.55 auf, der Ikone unter den Handtaschen. Der fünfte Klassiker ist sie selbst: die grazile, ­alterslos schöne Frau, die sich bis zum Schluss «Mademoiselle» nennen lässt und über scheinbar unerschöpfliche Reserven an Ideen und Kraft, Geschäftsgeist, Geduld, Disziplin und Willen verfügt, keine Scheuklappen kennt, aber auch keine Skrupel, und ihr Reich mit ­eiserner Hand regiert.

Letzte Jahre in der Schweiz

1936 entlässt sie lieber 300 streikende Mit­arbeiter, als ihnen so simple Rechte wie feste ­Arbeitsverträge, Arbeitszeiten, Wochenlöhne zu gewähren. Als der Krieg beginnt, schliesst sie ihre Häuser in Paris, wohnt aber weiter im «Ritz» und pflegt dort ihre Affäre mit dem ­feschen deutschen Offizier von Dincklage, ­Pressechef der deutschen Botschaft. Mit seiner Hilfe versucht sie, das Eigentum ihres emigrierten jüdischen Teilhabers Pierre Wertheimer für herrenlos zu erklären und zu arisieren.

Nach Kriegsende verschwindet sie, ohne dass man sie der Kollaboration anklagt, in der Schweiz. Aber am 5. Februar 1954, ist sie zurück, mit 71, die Generalin mit ihrer Schere und ­Zigarette. Und dann beherrscht Mademoiselle noch einmal die Modewelt, von ihrem 79. Jahr bis zum letzten Atemzug mit 88.

 

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