Von Sinnen

Der Tesla S P100D beschleunigt schneller als fast alles, was sonst auf der Strasse unterwegs ist. Und er kann ein Leben verändern.

Es ist nicht so, dass sich mein Pulsschlag beim Anblick eines Tesla sofort beschleunigt. Tatsächlich bin ich sogar eher skeptisch, ob die Zukunft des Automobils tatsächlich in 500 Kilogramm schweren Batterien liegt, die mit seltenem Lithium und Kobalt gefüllt werden, welche wiederum unter schwierigen Bedingungen abgebaut werden müssen.

Selbst als Skeptiker muss ich aber zugeben, dass am Tesla ziemlich viel richtig gemacht worden ist. Ich fuhr die stärkste Variante des «best car» (Eigenwerbung): Das Model S P100D beschleunigt unter idealen Bedingungen in 2,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Dafür schaltet man in den Modus «von Sinnen», nimmt allen Mut zusammen und das Lenkrad fest in die Hand. Danach hatte ich eine Vorstellung davon, was die Leute gemeint hatten, die Ende des 19. Jahrhunderts vor der Geschwindigkeit der Eisenbahn warnten, weil sie die menschliche Wahrnehmung überfordere. Der Autor Victor Hugo schrieb nach einer Fahrt in der Eisenbahn (30 km/h): «Alles wird zu Streifen; die Getreidefelder werden zu grossen gelben Strähnen.» Im Tesla geht es so radikal voran, dass ausser der Strasse direkt vor mir keine anderen visuellen Informationen verarbeitet werden können.

Die atemberaubende Beschleunigung ist aber vor allem ein guter Marketing-Zug, denn der Tesla hat andere, wichtigere Qualitäten. Die wichtigste: Hier ist Elektromobilität praktischer Alltag. Die Reichweite einer vollgeladenen Batterie beträgt rund 460 Kilometer. Geladen werden kann eigentlich überall, und gibt man ein Ziel ein, rechnet das Navigationssystem aus, wo und wie lange man unterwegs am besten lädt, um problemlos anzukommen. ­Andere Dinge kann das System, das über einen riesigen Bildschirm gesteuert wird, nicht so gut: «Apple Carplay» etwa gibt es nicht, und das Navi verarbeitet nur Strecken von A nach B, Zwischenziele etwa können nicht eingegeben werden, was für ein Auto aus dem Silicon Valley doch überraschend ist, aber wohl irgendwann mit einem ­automatischen Update behoben wird.

Supercharger und «Iron Man»

Ich fuhr an einem strengen Wintertag von Zürich nach Bern und zurück. Auf dem Heimweg spätabends lag die Tesla-Supercharger-Station Oftringen – gleich neben einem Vergnügungspalast mit Kinos, Restaurants und Spielhalle. Den Zwischenhalt legte ich bewusst ein. Er war nicht zwingend notwendig, verschaffte mir aber 15 Minuten Zeit, um ein paar Bälle an einem «Iron Man»-Flipperkasten zu spielen. In 15 Minuten lädt der Supercharger rund 100 Kilometer Reichweite, und 400 kWh Strom (für rund 1600 Kilometer) sind im Kaufpreis inbegriffen. So konnte ich fünf Franken in den Flipperkasten investieren, holte zwei Freispiele, und das schien mir unterm Strich ein gewinnbringender Zwischenhalt zu sein, den ich mit einem Benzinauto vielleicht nicht gemacht hätte.

Das ist demzufolge keine Übertreibung: Der Tesla kann ein Leben verändern, weil damit die individuelle Mobilität zwar durchaus angenehm und selbstverständlich bleibt, man sie aber gleichzeitig aus einer anderen Perspektive betrachtet und sie einen neuen Wert bekommt.

Tesla Model S P100D Leistung: 611 PS/449 kW, ­ Dreh­moment: 967 Nm; ­Reichweite (EU-Norm): 613 km; 2 Elektromotoren/Allradantrieb; Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h; Preis: Fr. 141 050.–, Testauto: Fr. 149 450.–
 

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