Die Säuberung

Die Beseitigung von Denkmälern in den USA erinnert an ­Bücherverbrennungen.

«Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal ­vergangen.» William Faulkner


General Robert E. Lee (1807–1870) war der tragische Militärheld der Südstaatler im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865. Vor Jahren las ich eine wohlwollende Biografie über ihn, brillant geschrieben von ­Michael Korda, dem Neffen eines berühmten Hollywoodregisseurs. Korda kann nicht verdächtigt werden, heimliche Sympathien für Rassisten oder Neonazi-Ikonen zu hegen, denn seine Familie, ungarische Juden, flüch­tete vor Hitlers Armeen nach England, dann in die USA, wo er und seine Verwandten im Filmgeschäft und in der Kultur Karriere machten.

Korda schildert diesen Lee, ohne ihn zu glorifizieren, als einen auf stille Art mutigen und bescheidenen, noblen Menschen, den die Zeitum­stände in einen Krieg hineinkatapultierten, den er selber nie gewollt hatte. Berufssoldat, Oberst, dann General, am Schluss Oberbefehlshaber der Südstaatenarmee, fand Lee die Sklaverei ein «politisches und moralisches Übel». Die Abspaltung des Südens lehnte er ab. Dennoch schlug er das Angebot von Präsident Lincoln aus, die Nordstaaten-Truppen zu befehligen. Er könne doch nicht, argumen­tierte Lee, gegen seine Familie und seine ­Heimat in den Krieg ziehen. Aus Loyalität zu seiner Herkunft stand er, sehenden Auges, auf der falschen politischen Seite. Das ist Tragik.

Lee war kein Monster, auch kein Heiliger, er war ein Mensch mit Stärken und Schwächen, ein Kind seiner Zeit, die nach anderen moralischen Vorstellungen tickte, als es sich Leute vorstellen können, die ihr Leben in den geschützten Werkstätten der Geisteswissenschaft verbringen dürfen. Nach dem Krieg wurde Lee als Inbild des christlichen Gentle­mans und Symbol des Südstaaten-Widerstands zusehends verklärt. Er selber wehrte sich dagegen, doch nach seinem Tod gab es Gedenkstätten und Denkmäler vielleicht auch mit dem Ziel, die Geschlagenen mit den Siegern zu versöhnen. Eines davon wurde 1924 in Charlottesville errichtet, also dort, wo kürzlich die amerikanische Spinner-Rechte und dieser Attentäter zuschlugen, um gegen die von den örtlichen ­Behörden verfügte Demontage des Lee-Denkmals zu protestieren.

Diese Vorgänge werden jetzt in den Medien breit abgehandelt. Die ewigen Trump-Kritiker finden, der Präsident hätte sich stärker von den rechten Verbrechern distanzieren sollen. Sie drehen dem Regierungschef die Worte im Mund herum, um nun endlich den unzweifel­haften Beweis anzutreten, dass es sich bei diesem Politiker um einen kriminellen Schwarzenhasser und Rechtsextremen handelt, dessen demokratische Wahl schleunigst rückgängig zu machen sei, auf juristischem Weg.

Ich fand Trumps Reaktion auf die Ausschreitungen am Wochenende angemessen. Der Präsident liess sich von seinen übel gesinnten Gegnern nicht erpressen. Anstatt sich von den rechten Spinnern zu distanzieren, mit denen er nichts zu tun hat, verurteilte er entschieden jede Form von politischer Gewalt, egal, auf welcher Seite.

Ich erzähle das nicht, um Trump zu verteidigen, sondern deshalb, um auf eine perfide Methode seiner Widersacher hinzuweisen. Es geht darum, den politischen Gegner, dessen Meinung man ja nicht teilen muss, durch Verleumdung und Verdrehung moralisch unmöglich zu machen, ihn persönlich zu diffamieren. Das beliebte Mittel auch bei uns besteht darin, den andern in die rechtsextreme Ecke zu schieben, in die Nähe von Nazis und Kriegsverbrechern, so dass sich jede weitere Auseinandersetzung mit diesem konstruierten Schmierfinken erübrigt. Die Aufforderung an einen Politiker, sich von bestimmten Gruppen zu distanzieren, wie jetzt bei Trump, ist nichts anderes als der besonders fiese Trick, ihn erst recht in dieses Lager zu befördern. Denn wer sich von Nazis distanzieren muss, ist ja sicher selber einer. Deshalb war es richtig von Trump, nicht gleich auf dieses ­moralerpresserische Manöver einzusteigen.

Nun aber kommen wir zum eigentlichen Thema in der Tiefe, das im Getöse unterging: Ich rede von der krankhaften politischen Korrektheit, von diesem Geschichtsreinigungsfimmel, der hinter der Entscheidung steht, das Reiterstandbild eines vor über einem Jahrhundert verstorbenen Generals und Kriegsverlierers zu beseitigen. Bei den Befürwortern dieser Massnahme scheint der Eindruck vorzuherrschen, dass Lee als Vorkämpfer der Sklaverei, der er nie war, und als Besitzer eines über seine Ehefrau ererbten Landguts, auf dem auch Sklaven arbeiteten, der Gegenwart nicht mehr zuzumuten sei.

Die offiziellen Motive sind vorgeschoben. Hinter der aggressiven Aktion steckt der Wunsch, nicht nur alles, was den eigenen Wertvorstellungen und politischen Vorlieben widerstrebt, auszumerzen. Man dehnt den Narzissmus der ­persönlichen Moral auch auf die Vergangenheit aus, um die Gegenwart zu terrorisieren. Das Verfahren funktioniert nach der Logik von Bücherverbrennungen und erinnert an die russischen Kommunisten, die ­Politiker, die in Ungnade gefallen waren, aus Dokumenten und Bildern wegretuschierten. Die Vergangenheit soll dem Zeitgeist entsprechend umgestaltet werden.

Vermutlich verfolgen die Korrektheitsfrömmler ein vergebliches Projekt. Nähmen sie ihre Argumente wirklich ernst, müssten sie talibanmässig das westliche Kulturerbe ins­gesamt zertrümmern.

Das antike Rom? Schandmal einer dekadenten Sklaven- und Folterzivilisation. Kirchen, Kathedralen und Kreuze? Stumme Symbole der Unterdrückung Andersgläubiger und der sexuellen Ausbeutung Minderjähriger. Auch die Schweiz träfe es hart. Der bejubelte Pädagoge Pestalozzi war ein mieser Vater, der Kinderarbeit sinnvoll fand. Wilhelm Tell? Der Gebirgsmacho mit der Killer-Armbrust stand für Selbstjustiz. Huldrych Zwingli? Schlimmer religiöser Fanatiker mit fragwürdigen Gender-Theorien. Der grosse Kulturforscher Jacob Burckhardt? Die Tausendernoten mit dem Porträt dieses Antisemiten wurden zum Glück schon eingestampft.

Zivilisatorischer Fortschritt findet statt, wenn wir auf andere mehr Rücksicht nehmen. Die politisch korrekte Säuberung der Ver­gangenheit ist ­etwas anderes. Sie kommt aus einer lebensfeindlichen Ideologie, die weder Menschlichkeit noch Vielfalt duldet.

Lesen Sie auch

Me, my Selfie and I

Viele junge Menschen wollen Influencer sein – ausser die Influencer selbs...

Von Claudia Schumacher
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Bruno Mair

23.08.2017|07:36 Uhr

@Tex und Selk. Schreiben Sie doch zukünftig mich direkt an, und nicht gegenseitig, über die "Drittperson". Nach meinem Verständnis ist das eine Frage des Anstandes und deren Charakter! Besten Dank!

Bruno Mair

23.08.2017|07:27 Uhr

@Tex. Als Unternehmer… welcher Ausnahmefall aber auch. Zur Erinnerung, Sie sind nicht der einzige der Arbeitet.

Michael Hartmann

22.08.2017|07:27 Uhr

Es gibt drei Blöcke, Schnüriger René: Sie vergessen den grössten Teil der Bevölkerung: 50 Prozent Nichtwähler und die Nichtwahlberechtigten.Sie sehen, nicht nur haben Sie einen vollständig unverständlichen peinlichen Rechtsdrall (bez. Umverteilung und Massenmord), es kommt noch ein ausgebildetes Undemokratieverständnis dazu.

Franz Tex

21.08.2017|21:44 Uhr

Lieber Herr Hartmann, prinzipiell haben Sie nicht Unrecht. Aber nach der Orwellschen Zeitrechnung ist anders als vor dieser. Damals war man eben noch Stolz auf Sozialismus, weil es neu war. Ich gebe aber gern zu, dass auch Denker wie D'Souza in "The Big Lie" oder auf YT eher von Faschismus sprechen, weil private Unternehmen noch zugelassen waren, die lediglich mit dem Staat korrumpierten. Fuer mich ist das Einerlei, weil sowohl im Faschismus wie Sozialismus der Staat Kern des Uebels ist. Rechts ist es in keinem Fall, wobei Links und Recht sowieso nur ererbte Parlamentsbegriffe sind. LG. :)

Bruno Mair

21.08.2017|20:57 Uhr

@Schnüriger. Auf Ihres schleierhafte empfinden... Fragen Sie doch die Rechtsradikalen gleich selber. Soeben wurde der Geburtstag von Rudolf Hess, ausführlich gefeiert!

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag ab 16 Uhr 30