Liebe und Mechanik

Uhrenmanager Jean-Claude Biver über seine Faszination für Handarbeit, wenn es um Uhren, Fahrzeuge und Käse geht.

Jean-Claude Biver, 66, ist neben Nicolas Hayek wohl der bedeutendste Mann in der jüngeren Geschichte der Schweizer Uhren­industrie. Als sein Management-Prinzip nennt er die «Liebe», und wenn man ihm ­begegnet, stellt der geborene Luxemburger, der seit seinem zehnten Altersjahr in der Schweiz lebt, sofort Nähe her: mit einem offenen Lachen, einer herzlichen Begrüssung und einer kurzen Berührung an der Schulter des Gegenübers, die Vertrautheit signalisiert.

In seinem Geschäft, dem Verkauf von hochwertigen Uhren der Marken Tag Heuer oder Hublot, die nicht viel mehr können, als die Zeit anzuzeigen, gehe es um nichts weniger als die Erfüllung von Träumen, sagt Biver. Er illustriert es mit der Metapher eines kleinen Jungen, der von einem Ferrari träumt. «Ein paar wenige dieser Jungs, die von einem ­F­errari träumen, erfüllen sich als Männer ­irgendwann diesen Wunsch. Eine solche ­Marke lebt davon, dass sie Träume erfüllt.» Sein Traum sei es im Übrigen gewesen, einmal einen Bauernhof zu besitzen und Käse herzustellen. Biver hat das wahr gemacht. «Der Uhren-Bauer», titelte Die Zeit, und es taucht die Frage auf, wie der Käse Bivers ­eigentlich schmecke.

Alles wird verschenkt

«Ich hole mal den Käse», sagt der Tag-Heuer-Chef, springt auf, kommt kurz darauf mit seiner Assistentin und einem Tellerchen zurück, auf dem einige Streifen Käse liegen. Biver, das Marketing-Genie, antwortet auf die Frage, wie er seinen Käse beschreiben würde, mit ­einem lauten Lachen und dem schlichten Satz: «Ganz einfach: der beste Käse der Schweiz.»

Seinen Käse lässt der hochenergetische Manager herstellen wie eine Luxusuhr: aus besten Rohstoffen und in Handarbeit. «Wir machen einen Alpkäse, die Milch kommt von Kühen, die auf 1400 Metern über Meer ausgezeichnetes Gras fressen, und wir erwärmen die nicht entrahmte Milch über einem Holzfeuer auf 55 Grad. Für 60 000 Liter Milch brauchen wir achtzehn Tonnen Holz. Die Bakterienkulturen für die Fermentation kaufen wir nicht ein, sondern machen sie selber.» Dies sei ein Unterschied, sagt Biver, und man würde ihm sofort nicht nur den (unverkäuflichen) ­Käse abkaufen, sondern auch eine seiner ­Uhren, wenn man sie sich leisten könnte. Ein grosses Stück Käse, immerhin, gibt es am Ende des Gesprächs als Geschenk in einer schwarzen, hochwertig wirkenden Tragetasche zum Mitnehmen.

Seinen Traum vom eigenen Bauernhof und vom eigenen Käse hat Biver mit konkreten Vorstellungen in die Realität umgesetzt: «Ich wollte, dass der Käse gewissermassen im Mund schmilzt wie Trüffel. Er sollte nicht bröselig sein wie mancher Gruyère, sondern eher Fondue-ähnlich», sagt der Mann, der seinen Käse ohne kommerzielle Idee produziert und sich deshalb in seiner schwer zu widerlegenden Logik auch nicht darum schert, dass diese Art der Herstellung teuer ist. «Wenn man keine Rendite erzielen muss, spielen die Herstellungskosten keine Rolle», sagt er.

Sammler aus Leidenschaft

«Handarbeit, Tradition, Präzision» seien seine Leidenschaften, so Biver, der neben alten ­Uhren auch alte Autos sammelt. Die Gemeinsamkeiten seien offensichtlich: «Die erste Kupplung wurde von den Uhrmachern erfunden, um die Sekunde in einem Chronografen anzutreiben.» Eine Marke wie Ferrari baue Motoren für die Strasse, Uhrmacher bauten Motoren für das Handgelenk. Allerdings hat in beiden Disziplinen die Informatik die ­Mechanik als Haupttechnologie abgelöst. ­Biver stimmt zu, dass eine Smartwatch wie die neu lancierte Tag Heuer Connected vergleichbar ist mit einer modernen S-Klasse von Mercedes: Wunderwerke der Elektronik mit mechanischem Antlitz. Er bedaure diese Entwicklung keineswegs, sagt Biver. Er respektiere die Tradition, aber er sei kein Nostalgiker. «Ich lebe nicht in einem Museum», und überhaupt, Wiederholung halte er nur schwer aus, so ­Biver. «Ich kann nicht einmal einen Text, den ich geschrieben habe, noch mal lesen, weil es sich wiederholt.»

Das Sammeln von geschichtsträchtigen Fahrzeugen wie dem Ferrari 275 GTB/4 von 1966 (siehe Bild) sieht Biver nicht als Widerspruch zu seinem Glauben an den Fortschritt. «Ich kann mich auch für einen Tesla begeistern. Und der Abstandstempomat in meiner Limousine ist etwas vom Besten an diesem ­Auto. Ich liebe das Handwerk, die Tradition, aber gleichzeitig faszinieren mich die Möglichkeiten der Zukunft.»

Jean-Claude Biver, so viel ist nach wenigen Minuten Gespräch klar, macht die Dinge, die er anpackt, richtig. Zu seiner Autosammlung gehört folgerichtig auch gleich ein Garagen­betrieb: «Donati Biver DB12» in Vevey, der die Klassiker des Sammlers pflegt. «Wenn ich um 14 Uhr meinen Ferrari fahren möchte, rufe ich Alberto Donati an, und dann stimmt zur vereinbarten Zeit der Reifendruck, das Öl und der Batterieladestand. Ich gebe zu, das ist ein sehr luxuriöses Hobby», sagt Biver, der auch gleich eingesteht, selber über keinerlei handwerk­liche Fähigkeiten zu verfügen: «Wenn dieses Bild an der Wand runterfallen würde, könnte ich nicht garantieren, dass ich in der Lage ­wäre, es wieder ordentlich aufzuhängen.»

«Sie haben den Job»

Er möge zwar die Ambiance, den Geruch, die Emotion, den Klang klassischer Fahrzeuge, sagt Biver. Aber dennoch würde er niemandem empfehlen, ein altes Auto zu kaufen, um täglich hundert Kilometer damit zu fahren – «schon allein deshalb, weil es viel zu gefährlich ist». Jean-Claude Biver beschreibt sich als eher schnellen, aber nicht ungeduldigen ­Autofahrer, der gut antizipieren könne. Aber am liebsten sitze er sowieso als Beifahrer ­neben seiner Frau und nutze die Zeit, um zu arbeiten. «Meine Frau ist 55, also einiges jünger als ich, und ich empfinde es als grosses Privileg, von einer so jungen Frau im Auto chauffiert zu werden», sagt Biver und lacht sein heiteres, leicht heiseres Lachen.

So, wie die Uhr am Handgelenk etwas über ihren Träger verrate, findet Biver, so könne man auch an der Art, wie jemand Auto fahre, Rückschlüsse auf den Charakter ziehen. Und dann erzählt er zum Abschluss eine typische Biver-­Anekdote, ebenso unterhaltend wie überraschend: «Ich habe einmal in Los Angeles eine Frau, die sich für das Marketing von Omega beworben hatte, gebeten, mich am Flughafen abzuholen. Wir waren auf einem vierspurigen Highway, als ich bemerkte, dass sie in die falsche Richtung fuhr. Als ich es ihr sagte, wechselte sie langsam von ganz rechts nach ganz links, und als auf den gegenüberliegenden fünf Spuren kein Auto entgegenkam, überfuhr sie die dreifache Sicherheits­linie und machte einen U-Turn in die entgegen gesetzte Richtung. Ich sagte zu ihr: ‹Wir müssen nicht mehr ins Büro fahren, sie haben den Job.› Warum? Erstens hatte sie Mut und Selbstvertrauen – und keine Angst vor mir. Zweitens hat sie einen Fehler sofort korrigiert. Drittens hat sie eine Regel gebrochen, die im Gefahrenfall wichtig ist, sonst aber nicht. Und obwohl sie die Regel gebrochen hat, war sie vorsichtig. Und schliesslich hat sie bewiesen, sehr dynamisch zu sein.»

Das Auto, sagt Jean-Claude Biver zum Ende des Gesprächs, sei sein Freund. Er fahre damit, arbeite darin oder höre Musik. Und wenn das Google-Auto eines Tages zu haben sei, werde er sich eines kaufen. Dann könnte er selber entscheiden, ob er fahre oder ob das Auto fahre.

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Kommentare

Marc Dancer

25.02.2016|05:27 Uhr

Ich mag alte Sachen und Autos. Nur die Frauen sollten jung sein......

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