Abheben ist menschlich

Versuch über den Trump-Effekt. Es wird interessant.

Eine Woche liegt das epochale Ereignis zurück, und noch immer habe ich den Eindruck: Irgendwie geht die Sonne schöner auf. Sogar der Zürcher Herbstnebel fühlt sich freundlicher an. Das ist keine Verklärung, sondern der Versuch, eine merkwürdige Stimmung zu ergründen. Ich bin mir bewusst, dass Trump fürchterlich abstürzen, ein miserabler Präsident werden kann; obschon ich es nicht glaube. Ich kenne ihn viel zu wenig, als dass mich die Beurteilung seiner mutmasslichen Fähigkeiten zu einem Urteil über seine künftige Amtsführung bringen könnte. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass der für unmöglich gehaltene Aussenseiter-Erfolg des Baulöwen eine beschwingende, befreiende Wirkung ausübt. Diesem Gefühl müssen wir nachgehen.

Es ist übrigens nicht so, dass ich alleine wäre mit diesem Gefühl. Ich habe den Verdacht, dass selbst giftigste Trump-Gegner heimlich fasziniert sind. Sie mögen ihn krass und vulgär finden, aber tief drinnen jubelt oder zumindest staunt etwas, denn irgendwie sind wir darauf programmiert, es sympathisch, ja begeisternd zu finden, wenn der Underdog den haushohen Favoriten besiegt. Und Trump war trotz seiner privaten Reichtümer, seiner relativen Bekanntheit und der TV-Popularität, die er ins Rennen mitbrachte, der grösste Aussenseiter und Quereinsteiger, der jemals den Sprung ins Weisse Haus geschafft hat. Trump düpierte das Establishment, national wie international. Er trickste den mächtigsten Gegner aus, den es überhaupt nur gibt: den Status quo mit seiner falschen, politisch korrekten Moral, mit seinen Arsenalen und Armeen. David siegte gegen Goliath.

Es ist immer noch unglaublich. Die Republikaner warnten vor Trump. Die Demokraten warnten vor Trump. Die Journalisten warnten vor Trump. Die Frauen warnten vor Trump. Die Universitäten warnten vor Trump. Hollywood warnte vor Trump. Die Kirchen und Schriftsteller warnten vor Trump. Das Ausland warnte vor Trump. Der Papst warnte vor dem «unchristlichen» Trump. Der amtierende Präsident Barack Obama hörte auf, sein Land zu regieren, um die Amerikaner vor Trump zu warnen. Alle warnten vor Trump. Trotzdem siegte Trump. Die gewichtete Mehrheit pfiff auf die nationalen Alarm-Anstalten, denen man doch eigentlich vertrauen sollte. Rund sechzig Millionen Amerikaner stimmten für einen Nichtpolitiker aus dem Bau- und Showgeschäft, von dem niemand weiss, ob er seiner Aufgabe gerecht werden wird. 

Das ist die wichtigste Botschaft dieser verrückten Wahl: Die Macht gehört nicht den Leuten, die an den Hebeln sitzen. Die Macht gehört dem Volk, und das Volk ist selbstverständlich in der Lage, sich ein unabhängiges, differenziertes Urteil zu bilden, unbeirrt vom offiziellen Getöse. Wie die Schweizer bei der Masseneinwanderungsinitiative wurden die Amerikaner bei Trump mit Belehrungen und Drohungen bombardiert. Die Ironie dabei: Ausgerechnet jene, die Trump den Vorwurf machten, er schüre Ängste, betrieben eine der grössten «Habt Angst vor dem bösen Mann»-Kampagnen der Geschichte. Und gleich noch ein Irrtum ist zu widerlegen: Hillary pumpte viel mehr Geld in den Wahlkampf als Trump. Vergeblich. Nicht der bestfinanzierte, sondern der überzeugendere Kandidat gewann. Die Wähler sind nicht käuflich. Wann merken es die Schweizer Linken, die nach jeder Niederlage der angeblich überlegenen Finanzkraft der Sieger die Schuld geben?

Wir sollten uns jetzt nicht zu lange dabei aufhalten, dass die Eliten arrogant und abgehoben sind. Natürlich sind sie das. Die altlinken Mainstream-Medien versagten kolossal. Progressive Meinungsmacher lachten, als man sie nach Trumps Wahlchancen fragte. Als das Lachen nicht mehr half, versuchten sie es mit Hass und Verleumdung. Die kollektive Totalverblendung war enorm, aber sie liegt in der Natur der Menschen. Es kann jeden erwischen. Errare Humanum est. Abheben ist menschlich. Niemand ist gegen Grössenwahn gefeit.

Wahlen und Volksabstimmungen sind das wirksamste Gegengift. Jede Macht verknöchert, jedes Establishment verkalkt. Jede Elite geht, ohne es zu merken, an der eigenen Selbstverständlichkeit zugrunde. Irgendwann kommt, unerwartet, der Bruch. Was vorher undenkbar schien, wirkt hinterher zwingend. Der Untergang ist für die Verlierer schmerzvoll, aber lehrreich. Die Abgehobenen, die jetzt brutal auf die Nase gefallen sind, werden, wenn sie die Lektion begriffen haben, geläutert aus den Ruinen steigen.

Der Trump-Effekt ist bereits spürbar. Frischluft strömt ins Pharaonengrab. Die alte Elite wurde in den USA zertrümmert, in Europa klammert sie sich noch an die Macht. Es sind Rückzugsgefechte auf Zeit. Der amerikanische Dammbruch befreit auch die Unzufriedenen auf dieser Seite des Teichs. Die deutsche Kanzlerin wirkte noch nie so alt und weltfremd wie mit ihrer Rede nach den US-Wahlen. In TV-Talkshows sind jetzt plötzlich alle gegen die Hirnseuche der Political Correctness. Die Nato ist dabei, ihre Eigenverantwortung auszubauen – das war überf.llig. Wir werden es schon in den nächsten Wahlen sehen: Dank Trump werden auch die Leute in Europa freier über die Probleme reden, die sie wirklich beschäftigen: unkontrollierte Zuwanderung, offene Grenzen, Asyl, Ausländerkriminalität, die schädlichen Nebenwirkungen der Globalisierung.

Und die Schweiz? Wir bilden uns ein, alles sei besser wegen der direkten Demokratie. Schön wärs. Die Amerikaner setzen immerhin ihre Volksentscheide um und machen Trump zum Präsidenten. In der Schweiz beerdigt die Elite Volksentscheide, die ihr nicht passen, wie jenen gegen die Masseneinwanderung. Seit der letzten Woche bin ich wieder etwas zuversichtlicher. Es ist nur eine Frage der Zeit: Der Trump-Effekt wird auch die losgelösten Berner Volksverächter treffen.

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Kommentare

George Lips

23.11.2016|11:51 Uhr

Obamafreunde bitte vergesst nicht dass er so viele Schulden gemacht hat, wie alle Präsidenten vor ihm. 20 Trillionen. Würde Trump so fortfahren wie Obama,so müsste er jetzt pro Regierungsperiode weitere 20 Trillionen Schulden machen. Mit dem Geld kann er eine fantastische Wirtschaft aufbauen, alle US Autos subventionieren und in den USA fertigen lassen, alle Strassen und Brücken reparieren und noch einiges mehr. Nur mal schön zuschauen und erst dann kommentieren. Die Chinesen subventionieren jeden Plastickübel, einfach alles um die Märkte zu gewinnen. Es gibt da keine AHV, keine KV und keine ALV.

Bruno Mair

22.11.2016|21:55 Uhr

Noch zur Ergänzung Herr Selk. Wenn Sie rechtsradikale Links zum Lesen für Leser empfehlen, ist das ganz einfach ein Fakt und ganz Ihrer gegenteiliger Behauptung, eine Vermutung noch eine Unterstellung. "Fatalist bzw. NSU-Leaks", ist eine rechtsradikale Seite, die deren Täter in Schutz nimmt und diese gar als Märtyrer feiert. Wenn Sie meinen da gut aufgehoben zu sein...

Bruno Mair

22.11.2016|20:18 Uhr

Trump hatte sich jahrelang am Etablishment bedient und sich geradezu um Gemeinschafts-Fotos mit Politiker(innen) gerissen. Gar mit Clintons liebevoll Arm in Arm posiert. Für Geschäfte gerade noch gut genug. Heute bekämpft er sein eigenes oder zumindest das ehemalige Clientel. Noch vor kurzem die Presse verhöhnt und stellt nun fest dass, es ohne auch nicht geht. Umsomehr braucht er sie jetzt wieder. Damit sind natürlich nicht Weltverschwöhrungs- und rechtsradikale Webseiten gemeint (Info an Selk). "Frau Clinton ins Gefägnis bringen" seit heute Geschichte. Wie schnell sich doch die Zeiten ändern

George Lips

22.11.2016|16:14 Uhr

Mit Trump sage ich "SWITZERLAND FIRST", vor allem gegenüber der EU, den räuberischen Nachbarstaaten, denen wir die Arbeitslosen, die Ungelernten,Asylanten und sans papiers abnehmen.

Bruno Mair

22.11.2016|14:34 Uhr

Ja Herr Selk. Ertappt? Gegenargumente fehlen, wie immer! Das Resultat: Trotzige Gegenreaktionen mit hilflosem Ablenkungsmanöver. Sie verdrängen Ihr Gedankengut und tummeln sich wohl auch zukünftig auf deren dubiosen Seiten? Kleiner Tip. Wenn auf solchen Website kein Impressum vorhanden ist, wollen sich die Urheber nicht zu erkennen geben. Verbreitung von Hetze und deren Lügengeschichten ist strafbar! Darum bleiben diese anonym! Verstanden? Auf Ihre Frage: ich treibe mich weder auf linksradikalen, noch auf rechtsradikalen Seiten herum und hole dort schon gar nicht das "WISSEN"! Genügt das Ihnen

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