Risiko Clinton

Trump heuchelt ehrlicher als Hillary.

Die meisten Journalisten und Meinungsmacher sind entsetzt. Sie finden es ganz schlimm, was in der zweiten Fernsehdebatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump geboten wurde. Das Niveau sei unterirdisch, primitiv, giftig, verbissen und alles in allem ­einer Diskussion um die amerikanische Präsidentschaft unwürdig gewesen.

Während Clinton insgesamt gut wegkommt, wird Trump, natürlich, mit Schmähungen eingedeckt, unter denen der Vorwurf «Macho-Auftritt» noch der gnädigste ist. ­Daran lässt sich immerhin ablesen, dass die meisten Medien für Clinton und gegen Trump sind, was auch nicht weiter erstaunt. Hillary steht links, Trump steht rechts. Selten wurde ein Wahlkampf einseitiger beschrieben.

Klar, die jüngsten Enthüllungen waren nicht gerade erbaulich für Trump. Es kamen private Tonbänder zum Vorschein, in denen der damals 59-Jährige vor elf Jahren mit seiner se­xuellen Unwiderstehlichkeit, aber auch mit gescheiterten Übergriffen prahlte. Er fühle sich von attraktiven Frauen «automatisch» angezogen, sagte er, wie von einem «Magneten». Er fange einfach an, sie zu küssen, ja, ihnen sogar zwischen die Beine zu greifen: «Du kannst alles machen. Wenn du ein Star bist, lassen sie es zu.»

Der Aufschrei war gewaltig. Das Clinton-Camp twitterte sich in ekstatische Empörung. Serienweise gingen Trump prominente Republikaner von der Fahne. Die Aufnahmen waren daneben und peinlich, aber Trump hatte nur mit seinen Worten ausgedrückt, was der ehemalige US-Aussenminister Henry Kissinger unter allgemeinem Applaus einst gepflegter so formuliert hatte: «Macht ist für Frauen das endgültige Aphrodisiakum.»

Es war bizarr, dass ausgerechnet Hillary Clinton ihr angeblich grenzenloses Entsetzen über Trumps Sexismus in der TV-Debatte ausbreitete. Nicht wenige Amerikaner dürften sich gefragt haben, warum sich Clinton derart aufregte. Hillary liess ihrem Ehemann Bill bis heute die strübsten Seitensprünge und schmierigsten Affären durchgehen, so dass ihre Empörung über Trump einigermassen aufgesetzt und künstlich wirkte. Alles, was Bill als Präsident mit Frauen praktizierte, ist, wenn man es denn schon bewerten will, schimpflicher als das, was Kandidat Trump vor elf ­Jahren über Frauen sagte. Wäre es Hillary mit ihrer Empörung ernst, hätte sie sich längst scheiden lassen müssen.

Ob die Enthüllungen Trump schaden, kann ich nicht beurteilen. Man hat den Immobi­lienmogul ja nicht dabei aufgenommen, wie er eine Vergewaltigung oder einen Raubmord plante. Er redete einfach so, wie viele Männer reden, wenn sie sich in Herrenrunden oder Umkleidekabinen unbeobachtet fühlen. Man möchte auch nicht wissen, wie Frauen, wenn sie unter sich sind, ihre Männer kommentieren. Mindestens so unanständig wie die ­Dinge, die in solchen Situationen besprochen werden, sind die Leute, die das nachher ausplaudern – oder auf Band aufnehmen. Moralisch neutralisiert die Gemeinheit des Verräters die beschämende Schlüpfrigkeit der Aufzeichnungen.

Bezeichnend ist, dass ausgerechnet die besonders Korrekten und Anständigen jetzt Trumps Unterhosen ins Visier nehmen. Hillary Clinton zitiert gern Michelle Obama, die ihr sagte: «Wenn er nach unten geht, gehst du nach oben.» Inwieweit die politische Verwurstung von Trumps privaten Sex-Prahlereien «nach oben» geht, bleibt schleierhaft. Die jüngsten Verwicklungen aber machen deutlich, dass die Moralschiedsrichter um Hillary Clinton, wenn es sein muss, genauso virtuos im Dreck wühlen können wie der Mann, dem sie vorwerfen, es exklusiv zu tun.

Natürlich ist auch Trump ein Heuchler, aber womöglich heuchelt er ehrlicher als ­Hillary. Es ist interessant, dass der Showman und Sprücheklopfer noch immer authen­tischer rüberkommt als die keimfreie Musterschülerin. Sie ist das Versprechen, dass in der Politik alles beim Alten bleibt. Trump steht für die vage Möglichkeit einer Hoffnung, es werde sich etwas ändern. Wenn ihm die ­Amerikaner ihre Stimme geben, dann nicht wegen, sondern trotz seiner nachweislichen Entgleisungen.

Die kreative Bösartigkeit, mit der das Clinton-Lager Trump attackiert, ist aufschlussreich. Es ist nicht so, wie die meisten Zeitungen schreiben, dass in diesem Wahlkampf eine kultivierte Politikerin mit einem durchdachten Programm auf diesen blonden Neandertaler trifft, der von Politik und Staatsführung keine Ahnung hat. Trump wird aufs heftigste angefeindet, gerade weil er mit seiner Person und mit seinen Vorstellungen einen rabiaten Gegenentwurf zum Status quo und seinen Profiteuren verkörpert.

Clinton gegen Trump, das ist: Establishment gegen Aussenseiter, Internationalismus gegen Nationalismus, mehr Staat gegen weniger Staat, Milliardendefizite gegen Ausgabensenkung, steigende Steuern gegen sinkende Steuern, offene Grenzen gegen kontrollierte Grenzen, Multikulti gegen weisses Kernland, Akademismus gegen gesunden Menschenverstand, politische Korrektheit gegen Klartext, Gutmenschen gegen die «Beklagenswerten». Die Etablierten hassen Trump, weil sie wittern, dass er für sie eine echte Bedrohung bedeutet.

Nach dem Brexit wäre eine Wahl Trumps der zweite Befreiungsschlag gegen jene polyglotte, selbstzufriedene, göttergleiche Polit-Elite, die sich demokratisch gibt, aber aristokratisch handelt. Würden ihn die Amerikaner tatsächlich ins Weisse Haus schicken: Es wäre ein ­Erdbeben, dessen Ausläufer auch die EU und ihre arroganten Mandarine in Brüssel erreichte. Allmählich verdichtet sich der Eindruck, dass eine Wahl des Krawallpolitikers Trump das geringere Übel sein könnte als die Fort­führung dessen, was die verblüffend grosse Zahl seiner Anhänger überwinden möchte.

Lesen Sie auch

Katakomben des Abendlands

Dan Browns Verschwörungs-Bestseller wurden alle verfilmt wie auch das jün...

Von Wolfram Knorr
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

glancy mueller

18.10.2016|19:18 Uhr

in meiner beinahe 40-jährigen karriere als aktivsportler in den verschiedensten disziplinen (fussball, handball, volleyball, turnverein, ja jetzt auch golf) habe ich in den zig-hundert garderoben nie wüstes über frauen gehört. ich nehme an, herr köppel stellt sich einfach mal so vor, was da gesprochen wird. und das ist dann plötzlich fakt. es zeigt sehr schön wie kö. denken funktioniert: naiv und unreif.

fred debros

17.10.2016|15:23 Uhr

alea iacta sunt....die mehrzahl der trumpanzees sind antihillaristen. und die stimmen nicht enthusiastisch im moment. die presse hat die public opinion gegen trump massiv angestimmt, aber sicher hat auch sein mundwerk und seine vulgaritaet zu seinem rohrkrepierer beigetragen: er hat nie mehr als ein drittel der leute positiv gewinnen koennen. frage: war das eine bewusste steuerung der presse zu einem voellig unplausiblen kandidaten zu eilen um eine voellig korrupte kandidatin zu stuetzen? machiavellanisch. aber ein coup wie obama vs maverick+palin wurde da sicher wiederholt, oder?

Daniel Jung

16.10.2016|09:46 Uhr

Herr KöppelSie finden die Debatte also oberirdisch, niveauvoll und sachlich?"Ekstatische Empörung" - wie würden Sie denn das Verhalten des Trump-Lagers bezeichnen?Es wird laufend auch über Clintons Verfehlungen berichtet, Ihre Aussage stimmt nachweislich nicht."... wie viele Männer reden" - Wenn also genügend Leute etwas verwerfliches tun, ist es in Ordnung?"Moralisch neutralisiert" - Es lassen sich also Verfehlungen gegenseitig neutralisieren? "Ehrlich dumm und unberechenbar" ist also neutralisiert, und damit zulässig?Herr Köppel, ist das Ihr "gesunder Menschenverstand", ernst jetzt?

Bruno Mair

15.10.2016|14:04 Uhr

@Selk. Herzlichen Dank für Ihre, ja so aufschlussreiche Antwort. Jedoch wie zu erwarten war, haben Sie erneut meine Botschaft nicht verstanden und plaudern einfach zusammenhanglos weiter... Hauptsache am Thema vorbei! Ich probiere es trotzdem nochmals! Die Wahl in der USA, hat noch was mit Brasilien zu tun, so wie in der bras. Bevölkerung, die wenigsten Coca kauen. Diese Treffen Sie dann in deren Andengebieten, wie Peru und Bolivien. Dann hoffe ich doch, dass Sie jetzt wenigstens, nur ein bisschen verstanden haben und dies bei Ihrer nächsten Post zumindest berücksichtigen. Nochmals vielen Dank

Rainer Selk

14.10.2016|22:49 Uhr

Doku NATO Terror legitimiert durch Lügen - YouTubeVideo zu "(Doku) NATO-Terror legitimiert durch Lügen"https://www.youtube.com/watch?v=KvYAVxqCg1M08.08.2016 - Hochgeladen von is halt soDoku NATO Terror legitimiert durch Lügen. is halt so ... Stay Behind - Die Schattenkrieger der NATO ...Dieses Video zeigt nachdrücklich, wie ein deutsche SPD 'Verteidigungsminister' gelogen hat, aber auch, wie Bill Clinton schon 1998 sich einen Deut um UNO Beschlüsse geschehrt hat. Die NATO: eine Kriegsangriffsmaschinerei in den Händen der USA und Clintons Manvöriermasse. Und heute Merkel?

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier