Quietschende Reifen

Mit einem wirklich guten Fahrer den BMW M4 GTS zu bewegen, ist eine Lektion in Sachen Demut.

Zu den Prinzipien dieser Kolumne gehört es, dass nur über Auto­s berichtet wird, an ­deren Steuer der Schreibende selber sass. Diese Woche erlaube ich mir aber einen Perspektivenwechsel. Und das kam so: Vor kurzem erhielt ich die Möglichkeit, am Steuer des BMW M4 GTS Platz zu nehmen. Bloss elf Stück des Rennwagens für die Strasse wurden in der Schweiz verkauft, bloss 700 davon wurden weltweit unter die zahlungskräftige Klientel gebracht.

Die Besitzer erhalten ein Auto, das näher ­an ­einem Rennwagen als an einem für zivile Zwecke eingesetzten Sportfahrzeug ist. Vorwitzig ragt die massive Frontschürze unter dem Fahrzeugboden hervor, sie ist wie der auf einem fili­granen Gestänge sitzende Carbon-Heckflügel manuell einstellbar. Die breiten Räder (19 Zoll vorne, 20 Zoll hinten) scheinen beinahe aus den Radkästen hervorzuquellen, und im Innern erinnern Sechspunktgurte, ein Überrollbügel aus orange lackiertem Stahl und ein Feuerlöscher – Teil des Clubsport-Pakets (ohne Aufpreis) – daran, dass dieses Auto dafür gebaut wurde, die Grenzen des Möglichen auszuloten.

Davon bin ich weit entfernt, als ich mit etwas zittrigen Händen das griffige, mit Alcantara bezogene Lenkrad fasse und den Startknopf drücke. Bedrohlich brüllt der hochdrehende Sechszylinder-Turbomotor auf, der auf 500 PS und 600 Nm kommt und den Paradesprint von 0 auf 100 km/h in 3,8 Sekunden erledigt. Fast noch ­etwas eindrücklicher als diese Grundwerte ist, wie sich dieses Auto bewegen lässt. Ich darf damit nicht auf öffentliche Strassen, sondern auf einen Handling-Parcours im TCS-Zentrum Betzholz bei Hinwil. Ein Slalom, ein paar scharfe Kurven, eine Steigung, noch eine scharfe Kurve, und schon fängt es wieder von vorne an. Langsam versuche ich, die Möglichkeiten des Fahrzeugs zu erfahren, sie übersteigen allerdings die meinen deutlich.

Einmal und nie wieder

Das ist der Moment, wo es besser ist, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen, als von Grenzbereichen zu berichten, von denen man kaum weiss, wo sie überhaupt liegen könnten. Wir kommen also zum angekündigten Perspektivenwechsel, am Steuer sitzt jetzt Martin Tomczyk, 34, sympathisch und Profirennfahrer als Pilot im Team BMW Schnitzer in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM).

Tomczyk rast mit gefühlten 200 km/h auf die erste Kurve zu, reisst den Wagen nach rechts, dann lässt er ihn nach links eine Drehung um sich selbst machen und spurtet daraufhin driftend, mit quietschenden Reifen zentimetergenau durch den engen Parcours auf einen nassen Gleitbelag zu, wo er den M4 elegant und schnell zum Übersteuern bringt, sodass sich das Fahrzeug wie auf einer Eisfläche im Kreise dreht. Mit erhöhten Puls- und Demutswerten verlasse ich das Auto, in dem ich vermutlich nie mehr sitzen werde.


BMW M4 GTS
Leistung: 500 PS/368 kW, Hubraum: 2979 ccm
Höchstgeschwindigkeit: 305 km/h
Preis: Fr. 188 500.–

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