«Es war wie in der Pfadi»

Nach fast dreissig Jahren am Schweizer Fernsehen hört der Komiker Viktor Giacobbo Ende Jahr auf. Im Interview spricht er über seine Zeit als linker Aktivist, über lustige Frauenfiguren und erklärt, was Schneider-Ammann mit Erdogan gemeinsam hat. 

Unter Komikern gibt es in diesen Tagen nur ein Thema: das Schmähgedicht des deutschen Satirikers Jan Böhmermann, das den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdo­gan in Rage gebracht hat. Auch Viktor Giacobbo muss in diesen Tagen ständig Auskunft darüber geben. Als wir uns im Casinotheater ­Winterthur zum Gespräch treffen, sagt er: «Wir haben ja einen eigenen Bundesprä­sidenten, der genauso beleidigt ist wie Erdogan. Er hat einfach nicht die Mittel, um einzugreifen. Der ist sogar beleidigt, wenn man ihn im O-Ton laufen lässt.»


In Deutschland hat ein satirischer Beitrag eine Staatsaffäre ausgelöst. Für Satiriker sind das gute Zeiten.

Es sind immer gute Zeiten für Satiriker. Gabriel Vetter hat recht, wenn er sagt, dass es nicht viel Mut braucht, um ein weit entferntes Staatsoberhaupt zu beleidigen. ­Literarisch wertvoll war Böhmermanns Gedicht auch nicht. Aber darum ging es ja auch gar nicht. Es ging darum, dem Autokraten nach dem ersten Vorfall mit der Erdogan-Satire erst recht eins auszuwischen. Das ist ihm perfekt ge­lungen.

Mit Fäkal-Beleidigungen um sich zu ­werfen, ist doch eher plump, auch wenn es in einen Kontext eingebettet ist.

Natürlich. Aber das ist gewollt plump. Die Anschuldigungen, Erdogan sei ein «Ziegenficker» und schaue Kinderpornografie, sind ja dermassen absurd, dass offensichtlich ist, dass es Böhmermann nicht um den Inhalt geht, sondern darum, den empfindlichen Möchtegerndiktator zu provo­zieren. Nicht so ganz verstanden habe ich jedoch, weshalb er die nachfolgenden ­Sendungen abgesagt hat. An seiner Stelle hätte ich ­Erdogan auf den Knien eine grosse Liebes­erklärung vorgelesen. Am besten ein schwülstiges Gedicht, in dem ausgedrückt wird, was für ein wunder­barer Staatsmann er sei, was für ein grosser Demokrat.

Man hat den Eindruck, auch bei uns ­seien die Leute wieder dünnhäutiger ­geworden, was Satire betrifft.

Es gibt tatsächlich immer mehr empfind­liche Gruppierungen. Dass die Transgender-Leute unsere Sprüche in der Sendung nicht lustig fanden, kann ich ja noch ­nachvollziehen. Aber eine Entschuldigung von einem Komiker zu fordern, ist das Un­geschickteste, was man machen kann. Auch katholische Fundamentalisten sind immer wieder tief in ihrem offenbar nicht sehr festen Glauben getroffen. Bei ­jeder Beschwerde wird die gesamte SRG-­Maschinerie in Gang gesetzt – mit Ombudsmann, Redaktions­leitung et cetera, die alle einen langen Bericht schreiben müssen.

Böhmermann erlebt nun eine grosse Solidaritätswelle. Auch jene Kreise, die Andreas Thiels Koran-Kritik noch ganz übel fanden, halten plötzlich die Fahne der Meinungsfreiheit hoch. Sie nehmen konsequent alle Satiriker in Schutz, auch Thiel durfte gleich wieder in Ihrer Sendung auftreten.

Ganz einfach: Meinungsfreiheit gilt für ­Linke wie Rechte. Auch als SVP-Nationalrat Roger Köppel im Casinotheater seinen Wahlkampfauftritt hatte, meinten einige Leute, wir müssten ihm das verbieten. Ihnen habe ich erklärt, dass uns jungen Links­aktivisten vor dreissig Jahren aus politischen Gründen der Zugang zum Casinosaal verwehrt worden war. Deshalb möchte ich dies heute mit politisch Andersdenkenden nicht auch tun. In diesem Haus bin ich übrigens damals mit einer Showeinlage vom ­Militär weggekommen.

Sind Sie als Debbie Mötteli zur Aushebung gegangen?

Nicht ganz, sondern in einer Frühversion von Fredi Hinz. Damals hatte ich lange ­Haare, bis über die Schultern. Vor der Aus­hebung schlief ich ein paar Tage absichtlich nicht. Der Leutnant war unglaublich stolz, einen Drogenabhängigen ausfindig gemacht zu haben.

Sie nahmen gar keine Drogen?

Drogen haben mich nie wirklich inter­essiert. Ab und zu habe ich aus sozialen Gründen mitgekifft. Aber grundsätzlich wollte ich mich nie benebeln, das schreckte mich ab.

Sie waren damals Mitglied in einer mao­istischen Gruppierung. Viele einstige Aktivisten sagen, diese Gruppierungen seien wie Sekten gewesen. Haben Sie das auch so erlebt?

Absolut. Bloss, dass ich ziemlich früh ausgestiegen bin. Die Sponti-Zeit mit den kreativen Störaktionen hat Spass gemacht. Wobei wir nie gewalttätig waren. Als es dann nur noch ideologisch war, als sogar Stalins Schriften als Referenz herbeigezogen wurden, bin ich raus. Diese Zeit möchte ich aber keinesfalls missen. Ich habe mit Marx’ Schriften gelernt, abstrakt zu denken und Theorie zu lesen nicht etwa in der Schule! Bei mir war aber Politik bei allem Engagement immer auch mit Spass verbunden, ­deshalb habe ich mich auch verkracht mit ­jenen, die sich selber so ernst nahmen.

Sie sind aber doch frühmorgens mit Flugblättern vor die Tore der Sulzer-Fabrik ­gestanden, in der Überzeugung, man könne die Arbeiter vom kopflastigen Konzept des Marxismus überzeugen.

Auch da unterschied ich mich von den ­Studentenaktivisten: Ich stammte aus einer Arbeiterfamilie und habe eine Lehre gemacht. Oft musste ich den Akademikern ­sagen: «Diese Theorie möchte kein Arbeiter lesen, der morgens um sieben in die Fabrik muss.» Ich engagierte mich deshalb vor ­allem in der Gewerkschaft, da ging es um sehr praktische Sachen wie kürzere Arbeitszeiten und nicht um die Weltrevolution.

Die europäische Linke hat damals den ­chinesischen Gewaltherrscher und Massenmörder Mao völlig idealisiert.

Ich auch. Vor allem sein kleines rotes Büchlein und seine Gedichte fand ich toll. Die ­Gedichte waren ja wirklich originell, man dachte, der hat Humor. Alles andere blendete man einfach aus. Nachdem ich ausgestiegen war, habe ich sehr viel gelesen über Mao und Stalin. Die Stalin-Biografie von Simon Sebag Montefiore habe ich verschlungen. Die ­UdSSR war die absurdeste Diktatur, die man sich vorstellen kann: Stalin hat die ­eigenen Leute bis ins Private terrorisiert; nie wusste man, wann er zuschlägt. Die Nazis waren nicht weniger schlimm, aber be­rechenbarer.

War die Erkenntnis, einer falschen Ideo­logie aufgesessen zu sein, so etwas wie ein Erweckungserlebnis?

Das kann man nicht so sagen, es war ein langsamer Prozess. Die 68er Gruppen waren sehr heterogen. Wir starteten in Winterthur unter dem Namen Kritische Jugend, daraus wurde das Kritische Forum. In der ganzen Schweiz entstanden solche Gruppierungen, die sich untereinander auch austauschten. Irgendwann kam die Idee auf, eine grosse kommunistische Partei zu gründen. Die Ideologen waren hier die Wortführer, das war der Zeitpunkt, als mir alles zu viel wurde.

Was war genau das Ziel? Die Schweiz in ein kommunistisches Land umzuwandeln?

Wenn man heute von einem kommunistischen Land spricht, hat man automatisch die Sowjetunion oder die DDR vor Augen. Natürlich wollten wir das nicht. Wir sagten immer: «Der richtige Kommunismus ist noch nirgends umgesetzt worden; er ist menschenfreundlich, lässt es allen Leuten gutgehen» et cetera. Es war eine völlig realitätsferne Idealvorstellung.

Es gab aber schon konkrete Ideen, wie zum Beispiel die, das Privateigentum ­abzuschaffen – «Alles gehört allen»?

Jeder hatte wieder andere Vorstellungen. Mich hat das nicht so interessiert, ich war viel mehr praktisch orientiert. Es war ein bisschen wie bei der Pfadi. Bei den Anti-­Vietnamkrieg- und Anti-AKW-Demons­trationen ging es um konkrete politische Forderungen, da habe ich mich wohl gefühlt. In Gösgen bin ich auch das erste Mal mit Tränengas in Kontakt gekommen, ich war aber nie bei gewalttätigen Aktionen dabei, diese machten mir Angst.

Wurden Sie als Verräter angesehen, als Sie die Szene verliessen, oder löste sie sich ­ohnehin langsam auf?

Ich wurde ausgegrenzt, und die verbleibenden Mitglieder wurden angewiesen, nicht mehr mit mir zu verkehren. Für mich war das aber nicht so schlimm, da ich immer auch Kontakte zu Leuten ausserhalb der Szene gepflegt hatte.

Ihr Vater war Metzger, Ihre Mutter Kleiderverkäuferin – wie haben sie reagiert auf Ihr linksaktivistisches Engagement?

Meine Eltern waren unglaublich pragmatisch. Klar stritten wir manchmal über Politik, aber sie liessen mich immer machen. Sie flippten nicht aus, als sie erfuhren, dass ich schon mal gekifft hatte. Wenn ich vergleiche, was für Konflikte meine Kollegen zu Hause hatten, muss ich sagen: Meine Eltern haben mir die grösstmögliche Freiheit gelassen, was auch den Umständen geschuldet war, schliesslich haben beide gearbeitet.

Sie sind früh von zu Hause ausgezogen.

Mit siebzehn. Ich zog in die erste therapeutische Wohngemeinschaft, die es damals gab. Nicht um therapiert zu werden, man hat Jugendliche mit Schwierigkeiten mit ­anderen gemischt, das war das Konzept.

Sie haben eine Lehre als Schriftsetzer ­gemacht, so wie andere bekannte Leute, zum Beispiel der Publizist Frank A. Meyer oder der Karikaturist Peter Gut. War Schriftsetzer so etwas wie der Trendberuf für Intellektuelle, die nicht studierten?

Auch Schauspieler Mathias Gnädinger oder Urs Wehrli vom Komikerduo Ursus & Na­deschkin haben Schriftsetzer gelernt. Das ­waren alles Leute, die sich für die Sprache ­interessiert und viel gelesen haben. Ich habe damals Bertolt Brecht oder Günter Grass richtiggehend verehrt, Max Frisch habe ich mit siebzehn Jahren einen Brief geschrieben, er hat sogar geantwortet.

Worum ging es da?

Was man halt so schreibt als 17-Jähriger: Ich sei ein Fan von ihm, ich wolle Schauspieler werden und so fort. Bis heute bin ich ein ­leidenschaftlicher Leser, deshalb macht mir auch das Engagement als Verwaltungsrat beim Buchverlag Kein & Aber grosse Freude.

Nach der Lehre arbeiteten Sie einige Jahre als Lektor und Korrektor, dann landeten Sie als Dokumentalist beim Schweizer Fern­sehen. Wie kam das?

Über eine Beziehung. Für mich war das ein guter Job, meine Haupttätigkeit bestand ­darin, Zeitungen zu lesen. Die Arbeit konnte ich frei einteilen, was ideal war, denn da­neben hatte ich schon Theaterproduktionen. Anders als oft geschrieben wird, hat meine Fernsehkarriere nichts mit dem ­Archiv zu tun. Die Geschichte vom schüchternen Archivar im Keller, der plötzlich im Scheinwerferlicht steht, tönt zwar gut, ist aber falsch.

Ihren ersten Fernsehauftritt hatten Sie 1987: Sie erhielten eine kleine Satire-Rubrik in Ueli Heinigers Diskussionssendung «Medienkritik».

Ueli hatte mich in einer Theateraufführung gesehen und gedacht, am Ende der seriösen Diskussion würde ich gut passen als humoristischer Kontrast. Weil die Sendung von vielen Journalisten geschaut wurde, gab es bald einmal Presseberichte, in denen stand, man solle doch diesem Neuling eine eigene Sendung geben.

Was dann auch geschah. Drei Jahre später starteten Sie mit «Viktors Programm», ­einer Satire-Sendung zur Hauptsendezeit.

Das war ein mutiger Entscheid, so etwas gab es bisher noch nicht. Es war auch die erste Sendung, die nach dem Moderator benannt wurde. Ein Fehler war allerdings, dass «Viktors Programm» um acht gesendet ­wurde, zur heiligen Zeit. Das wurde mit «Viktors Spätprogramm» dann korrigiert.

Fernsehdirektor war damals Peter ­Schellenberg. War Leutschenbach unter ihm ­tatsächlich so eine Ansammlung ­linker ­Birkenstock-Träger, wie das oft ­moniert wurde?

Das weiss ich nicht. Sicher war Schellenberg als TV-Chef ein Autokrat. Ich verstand mich aber gut mit ihm. Er sagte immer: «Wenn man Satire will, dann muss man die Satiriker auch machen lassen.» Dies galt auch bei seinen Nachfolgern, Ingrid Deltenre und Rudolf Matter. Dafür muss man das viel­gescholtene SRF auch einmal loben. Ich weiss nicht, ob uns ein anderer Medien­betrieb solche Freiheit gewährt hätte. Mike Müller und ich waren allerdings auch immer in ­einer starken Position: Wir beide sind nicht angewiesen aufs Fernsehen, wir hätten ­jederzeit aufhören können.

In Deutschland haben bekannte Modera­toren in der Regel eine eigene Produktionsfirma, die ihre Sendungen herstellt. War das für Sie nie eine Option?

Natürlich habe ich mir das überlegt. Die SRF-Verantwortlichen hätten uns das auch zugestanden, und ich hätte wohl auch einiges mehr verdient. Doch ich wollte keine ­Firma gründen und Mitarbeiter einstellen, die ich nach einem Flop wieder hätte ent­lassen müssen.

Vielleicht ist das blosse Nostalgie, doch wenn man zurückschaut, hat man das ­Gefühl, Ihre beste Zeit hätten Sie mit «Viktors Spätprogramm» gehabt. Auf Youtube findet man Videos, wie Sie als Fredi Hinz die Sektenführerin Uriella interviewen, das ist heute noch ein Hochgenuss.

Seit meiner zweiten Sendung 1990 behaupten einige, ich sei früher besser gewesen . . . Es ist wie überall: Einiges möchte man lieber vergessen, anderes bleibt positiv in Erinnerung. Höhepunkte waren für mich die zwei Besuche von Bundesrätin Ruth Dreifuss, die sich immer hervorragend geschlagen hat. Wie auch Eveline Widmer-Schlumpf. Die meisten Bundesräte trauen sich nicht wirklich, obschon sie eigentlich mit einem Auftritt bei uns nur gewinnen können. Das Duell der beiden Privatfernseh-Pioniere Roger Schawinski und Jürg Wildberger ist auch so ein unvergessener Moment. Uriella und ihr Mann Icordo waren natürlich heraus­ragend, solche Figuren sind aber eher selten geworden.

Haben Sie Bundespräsident Johann Schneider-Ammann auch schon in die Sendung eingeladen?

Nein, das wäre wohl keine gute Idee. Schneider-Ammann mag uns nicht besonders und sein Beraterteam wohl noch ­weniger. Was ich nicht ganz verstehe – wir präsentieren ihn doch immer im Original­ton . . .

Viele Ihrer Kunstfiguren spielen Sie seit dreissig Jahren – und sie funktionieren immer noch.

Wenn sie zu populär wurden, habe ich sie jeweils ruhen lassen, bevor sie allzu sehr zu nerven begannen. Bei Harry Hasler war es am extremsten. Als das losging mit dem Sommerhit, rissen sich alle um die Figur: die Werber, selbst ein Spielfilm war angedacht. Ich habe mich dagegen gestemmt.

Weshalb genau hörten Sie so abrupt mit Harry Hasler auf? Noch nie in der Schweiz hatte es zuvor einen solchen Hype um ­eine Kunstfigur gegeben.

Den Ausschlag gab ein konkretes Erlebnis. Ich hatte als Harry Hasler eine Autogrammstunde und einen kleinen Auftritt im Einkaufszentrum Glatt. Tausende von Leuten drängten sich in der Mall, ich musste mich mit mehreren Bodyguards durch ­eine entfesselte Meute vordrängen. Als ich auf der Bühne stand, merkte ich, dass sich das Podest durch den Druck der Menge langsam zu verschieben begann. Da wurde mir alles unheimlich! Nach dem Auftritt entschied ich mich, die Figur ruhen zu lassen.

Täuscht der Eindruck, oder sind Sie über die Jahre tatsächlich harmoniebedürftiger geworden?

Natürlich verändert man sich. Aber harmoniebedürftiger? Ich weiss nicht. Wir mussten den Kritikern immer schon sagen: «Wir sind nicht die Rächer der Nation.» Ich bin auch kein Scharfrichter. Wir machen eine ­Late-Night-Sendung, da sollen sich Macher, Gäste und Zuschauer entspannt zurücklehnen können. Wir wollen nicht verbissen wirken. Aber ich kokettiere nicht, wenn ich ­sage: Das Härteste an meiner Arbeit ist, danach meine Sendung anzuschauen. Ich sehe alle meine Ticks, alle Fehler – furchtbar.

Die Satire-Sendungen in Deutschland sind politisch alle gleich ausgerichtet, man könnte sie unter «Lachen gegen rechts» subsumieren. Auch bei Ihnen ist eine ­Parodie auf Ueli Maurer lustiger als eine auf Christian Levrat. Liegt dies daran, dass Satiriker eher links sind oder dass rechte Politiker grundsätzlich mehr Anlass zum Lachen geben?

Es gibt einfach mehr linke Satiriker. Und rechte Politiker, insbesondere jene, die das Fremde in jeglicher Form bekämpfen, sind für einen linksliberalen Satiriker nun mal natürliche Reizfiguren. Aber die Persönlichkeiten sind schon auch entscheidend. Ueli Maurer hat sich einerseits wegen seiner Art hervorragend für eine Parodie geeignet, andererseits auch wegen der Fallhöhe: Offiziell war er Parteipräsident, aber alle wussten, dass eigentlich Christoph Blocher das Sagen hatte. Heute ist Schneider-Ammann lustig, weil er keinen Satz flüssig zu Ende bringen kann. Er konnte bis zum Bundespräsidenten aufsteigen, ohne einmal richtig politisch in den Kampfring steigen zu müssen. So ­etwas ist nur in der Schweizer Konkordanzgemütlichkeit möglich.

Wo sind denn die Linken, bei denen man richtig herauslachen kann, wie beispielsweise bei einem Ulrich Giezendanner von der SVP?

Die gibt es schon. Alexander Tschäppät ist so einer. Aber in der Regel sind die SVPler ­entspannter in der Sendung, weil sie bereits mit der Einstellung kommen, dass gegen sie ­gestichelt wird. Die schauen dann einfach, was passiert. Das kommt gut an.

Bei den letzten Nationalratswahlen hat ­Ueli Maurer ganz offensichtlich seinen ­Parodisten, also Sie, parodiert, als er ­demonstrativ vor der SRF-Kamera die ­Arme verschränkte und dem verdutzten Reporter sagte: «Kä Luscht.»

Dabei sagt er immer, er schaue unsere Sendung nicht . . . Aber wissen Sie, was mich mehr freut, als wenn Ueli Maurer uns wahrnimmt? Viele Schüler und Studenten ­machen mit uns Interviews, oft sagen sie, unsere Sendung habe bei ihnen erst das ­Interesse an Politik geweckt. Das ist das schönste Kompliment.

Kaum eine Fernsehpersönlichkeit macht dermassen ein Geheimnis um ihr Privat­leben wie Sie. Jetzt, da Ihre Sendung langsam ausläuft, haben Sie die Chance, endlich damit rauszurücken: Was hatten Sie so ­lange zu verbergen?

Wenn Sie das unbedingt wissen wollen: Ich trage zu Hause dieselbe Frauenunter­wäsche, wie wenn ich die Figur Debbie Mötteli ­spiele. Im Ernst: Ich mache kein Geheimnis. Ich rede einfach nicht öffentlich über Privates. Nichts ist peinlicher als Prominente, die ihre Wohnung und ihre Partner zeigen. ­Deshalb versuche ich das bei mir zu vermeiden. Das klappt eigentlich ganz gut.

Apropos Debbie Mötteli: Sie spielen Frauen­figuren dermassen lustvoll, dass schon der Verdacht aufgekommen ist, es müsse mehr dahinterstehen.

Mich haben deswegen sogar schon Schwulenmagazine befragt. Dass ich gern Frauen spiele, ist aber falsch. Ich spiele gern interessante, lustige Figuren, und das sind halt oft auch Frauen. Ob ich ein Harry Hasler oder eine Debbie Mötteli spiele, macht für mich keinen grossen Unterschied.

Aber Ihre Donatella Versace ist schon aus­gesprochen lustig.

Ja, ich zahle aber einen hohen Preis dafür. ­Jedes Mal bin ich zwei Stunden lang in der Maske ihretwegen. Die dicken Lippen, das ist alles verklebtes Silikon.

Frauen, die Männer spielen, sind nie lustig, umgekehrt schon. Wie kommt das?

Das ist offenbar eine Gesetzmässigkeit, die ich auch nicht erklären kann.

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Kommentare

Marc Dancer

24.04.2016|14:21 Uhr

Sie (SRF) haben es geschafft! Ich meine noch einmal eine Schublade tiefer zu greifen! Giacobbo geht und "Müslüm" kommt!

Sergio Frei

23.04.2016|09:18 Uhr

hofclown geht in die frühpension mit satter abfindung ! gemerkt wird er selber haben, dass die quoten unternull, die themen immer mehr vorgegeben und sein "witz" mit hasler und muzzafer voll gegen minderheiten (ohne stimme) gingen. aber unter'm deckmänteli des humors lässt sich bequemer wirtschaften. nun müssen wir ihn als zuschaltung bei fachdiskussioen erleben, wo er regelmässig aufgeboten werden wird ....

Daniel Thoma

22.04.2016|17:27 Uhr

Was nicht zur Sprache kam ist der Umstand, dass es im Staats-TV eigentlich zu viele sedative Satire Sendungen gibt. Wie z.B. Tagesschau, 10 vor 10, Rundschau, Kassensturz etc. Allerdings ohne Live Publikum, welches nach jedem zweiten müden Spruch zuverlässig und nach Anweisung johlt oder klatscht und damit unnötigerweise den Zuschauer von seinem Schlaf abhält.

Bruno Mair

21.04.2016|21:04 Uhr

@Brechtbühl. Wer sind "uns"? Korrekt wäre "haben mir den Humor".... aber das kann ja mal passieren!

Jürg Brechbühl

21.04.2016|14:54 Uhr

Und kein Schweizer als Nachfolger. Die verbissenen politische korrekten Linken bei den Staatsmedien haben uns übrigen den Humor gründlich ausgetrieben.

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