Göring

Das deutsche Verhängnis. Ja zur Durchsetzungsinitiative.

Die Weihnachtstage verbringe ich mit der Familie, zu viel Essen und etwas Sport in den Bündner Bergen. In den freien Momenten wird gelesen. Unter anderem bei einem Buch bleibe ich hängen: Leonard Mosleys über vierzig Jahre alter Biografie von Hermann Göring, dem militärisch hochdekorierten Naziminister und raffenden Kunstsammler unter Hitler: tollkühner Fliegerheld des Ersten Weltkriegs, charismatisches Netzwerkgenie in besten Kreisen, Nummer zwei im Dritten Reich, ganz am Schluss vom «Führer» noch als angeblicher Verräter abserviert, schliesslich von den Amerikanern verhaftet, in Nürnberg 1946 zum Tode verurteilt, wobei Göring der Urteilsvollstreckung durch Selbstmord (Gift) zuvorkam. Nach Messungen der Alliierten soll der «Reichsmarschall» einen überdurchschnittlichen IQ von gegen 140 besessen haben.

Der Journalist und Autor Mosley, der mit dem gleichnamigen britischen Faschistenführer nicht verwandt war, lernte Göring während seiner Amtszeit als Korrespondent von Times und Sunday Times persönlich kennen. An den Nürnberger Prozessen traf er ihn erneut. Beeindruckend an seinem Buch ist der Versuch, auch dieser verfemten Gestalt in der Vielfalt ihrer Eigenschaften gerecht zu werden. Göring entstammte einer bürgerlichen Familie, der Vater war Diplomat mit humanitären Neigungen, sein Taufpate und Förderer der von ihm lebenslang bewunderte jüdische Grosskaufmann und Arzt Hermann Epenstein Ritter von Mauternburg, der Göring nach seinem Tod 1934 die eigenen Schlösser vermachte.

Göring war mit ausserordentlichen Frauen verheiratet, seine erste war eine bestens situierte, nach Bildern zu urteilen wunderschöne schwedische Gräfin, die für den damals noch fast mittellosen und wegen einer Verletzung bald morphiumsüchtigen deutschen Ex-Piloten Anfang der zwanziger Jahre ihren angesehenen Ehemann, einen ehemaligen Olympiasieger, verliess. Irgendetwas muss der noch kaum arrivierte, blauäugige Göring gehabt haben. Die von ihm leidenschaftlich geliebte Gräfin starb nach schwerer Krankheit wenige Jahre nach der Eheschliessung 1931. Zu ihren Ehren baute Göring auf Staatskosten seinen berühmten, prächtigen, fraglos grössenwahnsinnigen Jagdpalast «Carinhall» zwischen zwei Seen nordöstlich von Berlin.

Mosley ist natürlich kritisch, aber man hat den Eindruck, dass er am Beispiel Görings auch irgendwo der Tragik nachspürt, von der die Deutschen, eine der bis dahin zivilisiertesten Nationen Europas, im letzten Jahrhundert befallen wurden. Göring habe, so Mosley, alles unternommen, um den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, dann alles, um ihn zu gewinnen, am Ende aber nichts, um Hitler zu stoppen, obschon er das Verhängnis kommen sah.

Vor den Nürnberger Richtern beteuerte der wieder abgemagerte und laut Mosley brillant gegen seine Ankläger argumentierende Ex-Marschall, er habe immer versucht, im besten Interesse Deutschlands zu handeln. Von den Verbrechen seines Regimes wollte er nichts gewusst haben. Görings Schuld, bilanziert Mosley, sei seine moralische Feigheit gewesen, die den intelligenten und einst bewunderten Mann daran gehindert habe, gegen Hitler aufzustehen.

Das Thema ist vermintes Gelände. Mosleys Biografie ist erhellend, weil sie den Stoff nicht für rückwirkende moralische Selbstprofi­lierungen des Autors missbraucht. Dieser ­versucht Göring zu verstehen, ohne ihn zu rechtfertigen. Die für mich erstaunlichste Erkenntnis ist die Vermutung, dass der Zweite Weltkrieg von Hitlers Clique gar nicht bewusst begonnen, sondern gleichsam hasardierend und planlos in Kauf genommen wurde. Nicht nur die Deutschen waren einem Blender auf den Leim gekrochen. Man darf den Faktor Unfähigkeit in der Politik nie unterschätzen.

Göring war weder Monster noch Teufel. Sein Trauma war der Absturz Deutschlands nach dem Weltkrieg 1918. Wie Millionen andere glaubte er in Hitler den genialen Wieder­errichter deutscher Grösse, den Beseitiger politischen Unrechts zu erblicken. Zweifellos hatte Göring Qualitäten, wie auch seine Gegner nach dem Krieg bestätigten. Trotzdem stand er an der Spitze eines kriminellen Staats, der Leichenberge, ein verwüstetes Deutschland und einen zerbombten Kontinent hinterliess.

Wie ist so etwas möglich? Der Mensch bleibt sich selbst das grösste Rätsel, und niemand kann sicher sein, dass nicht auch er mit den vermeintlich besten Absichten in der grössten Katastrophe endet. Bescheidenheit bleibt das ewige Gebot der Stunde.

* * *

Die politische Aktualität erreicht mich in Gestalt der Durchsetzungsinitiative. Ihre Gegner schwurbeln den Untergang der Zivilisation herbei. Das ist grober Unfug. Im November 2010 nahmen Volk und Stände die bereits heftig befeindete Ausschaffungsinitiative an. Sie fordert, dass kriminelle Ausländer, übrigens auch die hier geborenen Secondos, nach bestimmten schweren Delikten zwingend, also automatisch das Land verlassen müssen.

Der von Bundesrat und Parlament lancierte Gegenvorschlag, der den Automatismus kippen wollte, wurde vom Souverän verworfen. Das Volk gewichtet, was sein gutes Recht ist, die Sicherheit der Schweizer höher als die Inter­essen der ausländischen Täter.

Und jetzt? Das vom Parlament verabschie­dete Gesetz will den Automatismus wieder aushebeln. Um von ihrem schummrigen Manöver abzulenken, gehen die Saboteure des Volkswillens in den Gegenangriff. Sie unterstellen, die Durchsetzungsinitiative sei gegen den Rechtsstaat gerichtet. Das ist sie nicht. Sie will sicherstellen, dass der Rechtsstaat ernst genommen, der Volksentscheid umgesetzt und die Ausländerkriminalität wirksam bekämpft wird. Nichtkriminelle Ausländer ­haben nichts zu befürchten.

Dass es dafür mittlerweile Durchsetzungs­initiativen braucht, ist himmeltraurig.

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Kommentare

Wolfgang Bauer

01.01.1970|03:30 Uhr

Für mich besteht kein Unterschied mehr zwischen ehem. grössenwahnsinnig-raffgierigen Nazigrössen und der heutigen verlogenen, volksfeindlichen und landesverräterischen classe-politique in Brüssel, Berlin und Bern.Es handelt sich in beiden Fällen um moralisch verwahrlostes Gesindel.

George Lips

01.01.1970|03:30 Uhr

Die NZZ ist klar ein Parteiblatt und zwar ein ziemlich übles, das jeder journalistischen Unabhängigkeit spottet. Man muss sie trotzdem lesen, wie auch TA und Blick, um zu lesen wie überall manipuliert wird. Die Deutschen haben einen neuen Begriff, das "Schweigekartell". Das gibt es ja auch bei uns, auch bei gewissen Parteien, die keine heissen Eisen vor den Wahlen anfassen. Die Scheiberlinge der Massenpesse übersehen das natürlich und im übrigen schreiben sie ab was von links vorgegeben wurde (politisch korrekt, d.h. manipuliert von den Roten).

Daniel Thoma

01.01.1970|03:30 Uhr

Gute Zusammenfassung dieser Göring Biografie. Wäre auch ein geeigneter Klappentext gewesen.Das Argument betreffend unbewusster Auslösung von WWII ist allerding haltlos.DE hat im Vorfeld beispiellose Anstrengungen und Investitionen geleistet zum Wiederaufbau ihres militärisch/industriellen Komplexes.Dies unter den Augen der mit individuellen Eigeninteressen beschäftigten "Weltgemeinschaft". Ist auch heute noch so.Die Durchsetzungsinitative setzt die richtigen Zeichen und ist anzunehmen. Gesetzesbruch ist kein Menschenrecht. Fragen?

Felix Lambrigger

01.01.1970|03:30 Uhr

Zum ersten Teil d.Art.: hat Hitler eigentlich auch mal den Satz "wir schaffen das" verwendet? Wenn ich mir Tondokumente von Hitlers Ansprachen anhöre, frage ich mich jedesmal, wie es die Zuhörer ob der Mischung von Geschnarre u. Geschnatter (Hitlers Aussprache) geschafft haben, nicht in Gelächter auszubrechen. Zu Teil zwei: Im Zwist mit der SVP geht es den Protagonisten anderer Parteien meist nicht ums Thema, sondern: wie kann man den sich abzeichnenden Erfolg der SVP b.diesem Thema verhindern? So kommen dann diese absurden, an den Haren herbeigezogenen Gegenargumente zustande. Erbärmlich!

Rafael Häcki

01.01.1970|03:30 Uhr

Herr Köppel hat also eine über vierzig Jahre alte Biografie gelesen.

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