Blick in die ungarische Seele

Als einziges Steppenvolk konnten die Magyaren in Europa einen Staat aufbauen, der bis heute überlebt hat. Ihr Selbstbild ist geprägt vom ewigen Kampf um die eigene ­Existenz.

«Ein feiges Volk hat keine Heimat» – diesen ­alten Magyarenspruch bekommt man in Ungarn derzeit oft zu hören, jetzt, wo es vermeintlich gilt, einmal mehr die Heimat zu «verteidigen». Nicht nur gegen Millionen von Migranten, sondern auch gegen ein Europa, das nach ungarischer Sicht vergessen hat, ­worum es im Leben geht: nämlich darum, zu überdauern.

Parallelen ­zu Polen

In den Herzen vieler Magyaren brennt diese Gewissheit auch deswegen so stark, weil sie das einzige Steppenvolk sind, das in Europa ­einen Staat errichten und diesen behaupten konnte. Zugleich sieht Ungarn Parallelen ­zu Polen: Beide wurden mehrfach von Grossmächten geteilt und besetzt und sind trotzdem noch da. Das ist ein Grund, warum Polen und Ungarn einander so gut verstehen. Sie glauben an Wunder. Und dass es ihre Länder noch gibt, ist eines. Ganz nach dem Motto: «Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.»

Mit Gewalt nahmen die Ungarn vor mehr als tausend Jahren das Land in Besitz, das sie noch heute ihr Eigen nennen. Mit Gewalt mussten sie es immer wieder verteidigen: ­gegen die Deutschen, dann gegen die Mongolen, Osmanen, Österreicher und Russen. Oft verloren sie, doch immer blieben sie zäh und rebellisch. Genau deswegen waren sie den Deutschen, den Mongolen, den Türken, den Österreichern und den Russen unangenehm. Unangenehm, weil es sich letztlich nicht lohnt, sich ständig mit den Magyaren herumzuschlagen. Das zumindest ist die nationale Version der Geschichte, die Ministerpräsident Viktor Orbán oft und gern zitiert und an die viele Ungarn glauben. Auch in Brüssel mag man derzeit ähnliche Lernprozesse durchmachen.

Es gibt aber weitere Sichtweisen, die ebenso stimmen. Die eine: Ungarn konnte sich nur dank anderer behaupten und scheiterte immer dann, wenn es an solcher Hilfe mangelte. Staatsgründer Stephan I. ging ein Bündnis mit den Deutschen ein, heiratete ­Gisela von Bayern. Deutsche Ritter halfen ihm dabei, gegen erbitterten Widerstand aus den eigenen Reihen einen radikalen Identitätswechsel durchzusetzen, um sein Volk in Europa zu verankern, einen Wechsel vom Schamanismus zum Christentum. Es war ein Identitätswandel, den er auch an sich selbst vollzog. Der Mann, der als Heiliger König Stephan in die Ge­schichte einging, hatte nach seiner ­Geburt noch den türkischen Namen Vajk getragen.

Die Verbindung zu Bayern wirkt bis heute fort, was neulich deutlich daran zu erkennen war, dass Orbán mit CSU-Chef Horst Seehofer zur Verteidigung Europas in der Flüchtlingskrise aufrief.

Die Hinwendung zu den Deutschen und zum Christentum war der Grundstein gewesen, über dem der ungarische Staat errichtet wurde. Mit Stephans Krönung im Jahr 1000 wurde Ungarn von Papst Silvester II. zum einzigen «apostolischen Königreich» erhoben. Auch das war Hilfe von aussen und gab dem Land eine Sonderstellung, die bis heute christliche Identität stiftet.

Die Einsicht, dass Menschen aus anderen Ländern mitunter Stärkung, nicht Schwächung bedeuten, gab Stephan an seine Nachfolger weiter. Deutsche, Juden, Slawen, gar Muslime konnten bei den Magyaren etwas werden. Ihr Erbe prägt das Land bis heute. Freilich weckten sie auch Eifersüchte, die in modernen Zeiten zu antisemitischen und auch antideutschen Ressentiments führten.

Kraft aus der Niederlage

Der Stern der Ungarn strahlte immer dann am hellsten, wenn sie – statt sich untereinander zu streiten – anderen halfen. Die Öffnung des ­Eisernen Vorhangs ist dafür ein Beispiel – und es gab weitere solche. Es waren die Ungarn, die im österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) Maria Theresias Thron retteten.

Sie war nur 23 Jahre alt, als sie nach dem Tod ihres Vaters gezwungen war zu herrschen, und sofort wurde sie von Preussen, Bayern, Frankreich und Sachsen angegriffen, weil sie eine Frau war. Frauen, so argumentierten ihre ­beutelüsternen Feinde, dürften nicht regieren. Schon stand der Gegner vor Wien, schon schien alles verloren. Da appellierte sie 1741 an die Ritterlichkeit der Ungarn, eine junge, wehrlose Frau wie sie in der Bedrängnis nicht im Stich zu lassen. Das löste eine Begeisterungswelle aus, und 60 000 Magyaren zogen ins Feld, jagten die Bayern zurück bis nach München und bewahrten letztlich das Haus Habsburg vor dem ­Untergang.

Das hatte weitreichende Folgen. Die dank­bare Herrscherin öffnete Ungarns Aristokraten die Pforten (zumindest den Katholiken unter ihnen), und fortan kletterten Esterházys, Festetics, Széchényis und andere Wiener die Kar­riereleiter hoch. Manche ihrer Nachfahren scheinen bis heute zu denken, dass diese Familien ihren Aufstieg habsburgischer Gnade verdanken. In Wahrheit verdankten sie ihn den militärischen Leistungen ihrer Vorfahren im Erbfolgekrieg.

Die Husarenstreiche der Ungarn in diesem und auch im nächsten, im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) – die Husaren nahmen sogar kurzzeitig Berlin ein – schufen das bis heute bestehende Gefühl einer besonderen Zusammen­gehörigkeit beider Länder. Es wurde zur Grundlage für das, was ab 1867 dann auch ­formell Österreich-Ungarn genannt wurde. Österreicher und Ungarn verstanden, dass sie nur gemeinsam Gewicht hatten im Konzert der Grossmächte. Das Problem war, dass die Österreicher sich zum Befehlen und Zivilisieren berufen fühlten und die Ungarn davon ­genervt waren. Bis heute scheint bei manchen Österreichern die Meinung vorzuherrschen, dass der heftige Ungar noch viel zu lernen hat. Der ­Ungar ist auch heute noch davon genervt.

In einem gewissen Sinn nimmt mittlerweile die EU die Rolle der Habsburger ein. Ungarn weiss, dass es nur in diesem Staatenverbund gedeihen kann, in Brüssel denkt man, dass die Ungarn noch viel lernen müssen, und diese ­reagieren nach wie vor allergisch darauf.

Für die eigene Sache ständig kämpfen, zuweilen anderen helfen und sich mitunter von anderen helfen lassen: Das sind die Lehren, die die Ungarn aus ihrer Geschichte ziehen. Es könnte eine klassische europäische Identität sein, hätte Europa mittlerweile nicht vergessen, dass Wehrhaftigkeit eine Tugend ist.

Wann immer die Hilfsbereitschaft fehlte, ging es schief. Niemand half, als 1241 die ­Mongolen nach Ungarn kamen, und niemand half, als die Osmanen 1526 das ungarische Königreich zerschlugen. Niemand half 1956 gegen die Russen. Doch selbst aus diesen Niederlagen schöpften die Ungarn Kraft. Den Mongolen setzten sie so sehr zu, dass diese umkehrten, als ihr Khan starb – weil das Land sich immer noch zu sehr wehrte und nicht befriedet war. Die Niederlage gegen die Osmanen befeuerte den Willen der Ungarn, mit aller Gewalt ihr Land zurückzufordern, bis es, viele Feldzüge und Aufstände später, mit der Entstehung der Doppelmonarchie wieder ein Ungarn gab. Das Aufbegehren gegen die Russen 1956 legte die moralische Saat für die Öffnung des Eisernen Vorhangs 33 Jahre später.

Dreimal fühlten sich die Ungarn regelrecht verraten. Einmal nach der Vertreibung der Türken Ende des 17. Jahrhunderts. Ihr Wunsch, das ungarische Königreich wieder zusammenzufügen, gefiel den Habsburgern nicht. Das Reich der Magyaren war sehr gross gewesen, Österreich hingegen sehr klein. Man hatte in Wien Angst vor einem zu starken Ungarn, und so liess man es geteilt, um es besser beherrschen zu können. Das einst ungarische Siebenbürgen wurde Habsburger Kronland. Hohe Sondersteuern wurden erhoben, um die Kosten der Türkenkriege zu decken.

Das hatte Folgen: die Freiheitskriege gegen Österreich, von 1703 bis 1711 und von 1848 bis 1849 (bereits ­Ende des 17. Jahrhunderts hatte es einen Aufstand unter Thököly Imre gegeben). Heute ­bemüht Ministerpräsident Viktor Orbán diese Tradition der Freiheitskriege, um sich gegen die seiner Meinung nach «ungerechte Behandlung» in Brüssel und anderswo zu wehren.Verraten fühlten sich die Ungarn auch 1849, als sie den Unabhängigkeitskrieg gegen Österreich deswegen verloren, weil Wien ausgerechnet Russland zu Hilfe rief.

Orbán, der Calvinist

Und dann wieder 1920, als nach dem Ersten Weltkrieg der Vertrag von Trianon das Land, das den Krieg gar nicht gewollt hatte, am schwersten bestrafte. Es gehört zur Tragik der europäischen Geschichte, dass die Magyaren trotz grosser Bedenken den Habsburgern 1914 in den Krieg folgten, anstatt ihnen wie so oft zuvor zu trotzen. Ohne ungarische Rekruten hätte Wien auf seinen Krieg vielleicht verzichten müssen.

So aber verlor Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets. Es ist ein Trauma, von dem sich die kollektive Psyche des Landes erst jetzt allmählich erholt. Dank der EU-Mitgliedschaft haben Grenzen nicht mehr die Bedeutung, die sie einmal hatten. Das hilft. Ungarn wird diese Zugehörigkeit nie aufs Spiel setzen. Es hat aber auch gelernt, dass auf die anderen nie wirklich Verlass ist.

Die ungarische Seele, so sagt man oft, ist ­zerrissen zwischen zentralasiatischer Herkunft und europäischer Zugehörigkeit. Calvinismus und die nationale Sache stehen auf der einen Seite – die beiden gehen kulturell Hand in Hand, Viktor Orbán ist Calvinist –, katholischer Universalismus (Habsburg, Europa) auf der anderen. Das Land steckt seit je in einer Schicksalsgemeinschaft mit Deutschland und Österreich, musste aber wiederholt erfahren, dass diese Gemeinschaft zu Katastrophen führen kann: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg und Holocaust lauten die ­Stichworte.

Gegenwärtig, in der Flüchtlingskrise, ­fragen sich manche in Budapest, ob eine neue deutsch-österreichische Katastrophe im Werden ist. Und man besinnt sich darauf, wie gut es gewesen wäre, 1914 und 1939 auf England zu setzen, mit dem man ohnehin heimlich ­sympathisierte.

Zugleich zeichnet sich mit der neuen ­Zusammenarbeit der Visegrad-Länder – Tschechien, Slowakei, Ungarn, Polen – in der Flüchtlingskrise eine Art Wiederauferstehung des Geistes des alten Königreiches ab. Es fehlt nur Kroatien, aber das kann ja noch hinzukommen. Geschichte ist nie ganz vergangen.

Lesen Sie auch

Schwindsucht auf dem Bankkonto

Die Negativzinsen erreichen allmählich das Alltagsleben und das Bewusstsei...

Von Beat Gygi

Nichts gelernt

Wie einst in der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft plant der Bundes...

Von Bernd Schips

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag ab 16 Uhr 30

Die Redaktion empfiehlt

Voll auf Kurs

In einem Jahr verlässt Grossbritannien die Europäische Union. Auc...

Von James Delingpole

Mord ohne Mörder

Das Bundesgericht hat Zeljko J. überraschend freigesprochen. Die Vorin...

Von Philipp Gut

Ihre ­Augen sind unergründlich

Ihre Nacktheit nennt sie Kunst, «#MeToo» ist für sie kunst...

Von Matthias Matussek