Pirat von der Adria

Die Kenner bitte ich um Nachsicht. Dem normalen Weinliebhaber aber, der nicht täglich über Führern, Fachzeitschriften und Wein­atlanten brütet, sondern abends sich einfach ein bekömmliches Glas auf den Tisch wünscht und damit basta, mag die Klärung willkommen sein: Montepulciano ist einerseits eine renommierte Weinzone um die toskanische Stadt gleichen Namens, berühmt für ihren Vino Nobile di Montepulciano, seinerseits öfter mal verwechselt mit dem Konkurrenten aus dem nahen Montalcino, wo, ebenfalls mit einem Sangiovese-Klon als Basis, der famose Brunello entsteht. Anderseits meint Montepulciano eine Traubensorte. Die spielt allerdings, um die Verwirrung komplett zu machen, bei den Weinen aus Montepulciano keine Rolle. Sie ist in vielen italienischen Provinzen verbreitet, hauptsächlich an den Hängen entlang der Adria, in den Abruzzen (deshalb der Zusatz «Montepulciano d’Abruzzo»). Im Gegensatz zum toskanischen Vino Nobile haftet der Sorte ein proletarisches Odeur an, der Ruf eines Weins für den gekühlten Offenausschank am Bartresen oder in der Osteria. Was freilich nur heisst, dass man bei einer Flasche Montepulciano d’Abruzzo aus gutem Hause sein tiefrotes Wunder erleben kann, allein was den Genuss, vor allem aber, was dessen Relation zum Preis betrifft. Ein schönes Beispiel dafür ist der Amorino des Grossproduzenten Castorani aus den Hügeln von Alanno hinter Pescara. Dessen Anbaufläche beläuft sich auf 72 Hektaren, die Jahresproduktion auf eine Mil­lion Flaschen. Wer daraus die falschen Schlüsse zieht (etwa, dass big immer ugly sein müsse), bringt sich um ein schönes Vergnügen. Dieser Rote wird im Beton vergoren und kommt erst nach dem natürlichen Säureabbau in Holzfässer von 500 Litern. Er hat bei sehr viel Substanz und Kraft (schwarze Beeren, typische Tabakwürze, flexible Tannine) eine fabelhafte Frische. Ein Wein wie geschaffen, als Pirat bei Blinddegustationen für Furore und Verblüffung zu sorgen. Der Inbegriff dessen, was die angelsächsischen Fachblätter einen best buy nennen.

Amorino DOC Montepulciano d’Abruzzo 2010. 14%.Peter Kuhn, Dielsdorf. Fr.17.50. www.peterkuhnweine.ch

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Alex Baur, Redaktor

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