Wandelnde Wundertüte

Walter Meier hält nichts von «Büropädagogen». Der langjährige Lehrer hat eine Liebeserklärung ­geschrieben an seinen Beruf – und eine humorige Schmähschrift gegen all jene Bildungstheoretiker, die ihm sein Lehrerleben schwermachen. 

Herr Meier ist schon da. Zehn Minuten vor dem Interviewtermin sitzt er im Café, neben ihm lehnen zwei Plastiksäcke am Stuhl. Dort wird er immer wieder zielgenau hineingreifen wie in eine Schatulle und das passende Accessoire zum Gespräch hervorziehen: sein vorletztes Buch, einen weissen Overall, den er für eine Aktion vor der Pädagogischen Hochschule Zürich angezogen hatte, Briefe, Zeitungsausschnitte.

So ist er selber, Walter Meier, eine wandelnde Wundertüte. 1952 in Luzern geboren, absolviert er das Lehrerseminar eher zufällig, wie er sagt. «Ich konnte mir nie vorstellen, Lehrer zu werden. Ich wusste einfach nicht, was ich sonst hätte tun sollen.» Zu unsicher war er als junger Mensch und erinnert sich an seine ersten Übungslektionen, wo er zitternd, mit roten Backen vor der Klasse stand und kaum ein Wort herausbrachte. Heute spricht Meier von seinem Lehrerdasein als Berufung. «Ich freue mich jeden Tag auf meine Arbeit.»

Von Burnout, einer Art Berufskrankheit, keine Spur. Davor schützt ihn nur schon sein Humor, den nicht alle mögen, vor allem nicht Meiers Vorgesetzte. Er lebt seine pädagogischen Grundsätze und verteidigt diese gegen die Heerscharen von «Zeiträubern», «Sandsäcken», «Büropädagogen», wie er die Bildungstheoretiker zu nennen pflegt, die ihm und anderen Lehrpersonen das Leben schwermachen. Meier ist ein Mann der einfachen Prinzipien. Pünktlichkeit gehört dazu. «Zu früh ist zur Zeit, zur Zeit ist zu spät.» Seine Schüler müssen diesen Satz auswendig ­lernen – und eben: Er lebt ihn vor.

«Ich habe nichts gegen neue Ideen»

Meier nennt sein neues Buch «Schule in Ketten» einen Sachroman. Der Hauptprotagonist heisst Oskar, ein leidenschaftlicher Lehrer mit langer Berufserfahrung, der sich wehrt gegen den täglichen Papierkram und die ständigen Reformübungen von oben. Es steckt ein grosses Stück Meier in Oskar, wenn dieser sagt: «Ich habe nichts gegen neue Ideen, nur gegen neue dumme Ideen.» Dann ist da die zweite ­Figur, Alfred Brunner, eine väterliche Gestalt, ein Lehrer alter Schule, wie das zweifelhafte Kompliment in solchen Fällen lautet. An ihm rieb sich Oskar als junger Pädagoge, bis er sich dessen Weisheiten selber einverleibte. «Man kann in ein 3-Deziliter-Glas nicht einen halben Liter Most einschenken.» Oder: «Kinder, die Schwierigkeiten machen, haben Schwierigkeiten.»

Mittlerweile ist die Romanfigur Oskar selber ein gestandener Lehrer geworden und hat einen Praktikanten, Luca, bekommen, frisch von der Pädagogischen Hochschule, unerschütterlich in seinem Glauben an Konzepte und Theo­rien, bis ihn Oskar mit subversiven Fragen herausfordert. «In Basel musste ein Lehrer eine Matura haben, in Bern hingegen nicht. Die Lehrer in Basel waren besser. Richtig? Falsch?» Alfred, Oskar, Luca. Drei Generationen Lehrer. Der alte Haudegen, Oskar mitten im Saft, Anfänger Luca – und der Autor Walter Meier, der von allen etwas in sich vereinigt.

Sein Sachroman sei ein Buch für Arbeiter, heisst es in der Widmung, ausdrücklich keines für Lehrer oder Beamte. Wobei er nichts gegen Lehrer an sich habe, sagt Meier, er sei ja selber einer. Er habe nur gegen gewisse Lehrer etwas, die aber eine ziemlich grosse Gruppe bildeten, und schwärmt, wie zum Beweis, von der guten Entlohnung seines Berufsstandes. Natürlich könnte er sich mit Managern vergleichen und darüber gemütskrank werden. «Aber ich fühle mich deswegen so wohl in meiner Haut, weil ich die Gehälter einiger Kollegen kenne, die handwerklich tätig sind.» Lehrer sollten mal einen Vergleich nach unten ins Auge fassen, nicht nur immer nach oben starren. Freunde im Lehrerzimmer holt er sich mit solchen ­Aussagen eher weniger.

Angehende Lehrer ohne Neugier

«Was macht einen guten Lehrer aus, Herr ­Meier?» Er schweigt länger, denkt nach. «Du musst die Schüler lieber haben als Papier, als Bücher, authentisch sein und den Humor nicht verlieren. Sonst ist es gleich fertig.» Er greift in den Plastiksack neben sich und zieht ein Paar weisse Latzhosen hervor, wie sie Maler zum Arbeiten tragen. Sie sind vollgekritzelt mit pädagogischen Kürzeln und Verball­hornungen. «Schpontanitet will gut überlegt sein».

So gekleidet reiste er mit seiner Frau nach Zürich und installiert sich im Eingangsbereich der Pädagogischen Hochschule. Meier wickelt eine Metallkette um den Oberkörper und stellt ein Werbebanner seines Buches «Schule in Ketten» auf. Hier, an der Ausbildungsstätte künftiger Lehrer, sei er genau richtig, denkt er sich. Dutzende, Hunderte Studenten ziehen an ihm vorbei, ohne anzuhalten, ohne nachzufragen, ohne eine Spur von Neugier. Dann erscheint der Hauswart und erklärt, dass solche Aktionen auf diesem Areal verboten seien. Es droht eine Busse von bis zu 2000 Franken.

Er habe dem Mann nicht böse sein können, dieser habe nur seine Arbeit getan. Was ihn aber erschüttert habe, sei die Teilnahmslosigkeit der angehenden Junglehrer gewesen. Ganz im Gegensatz zu seinen Schülern, die ihn gelöchert hätten mit Fragen, als er mit ­diesen Latzhosen im Klassenzimmer erschien: «Herr Meier, malen Sie nebenbei? Arbeiten Sie noch als Gipser? Was meinen Sie mit ‹Bisa› und ‹Bolonnia›?» Seine Lehrerkollegen beschwerten sich beim Schulleiter, er ziehe sich nicht angemessen an und mache ihren Beruf lächerlich. Ein Missverständnis. Meier ist ein freundlicher Anarchist mit Ordnungssinn, wo Ordnung Sinn ergibt. Seine Haare sind etwas lichter, etwas grauer ­geworden, aber immer noch ein paar Zentimeter länger als üblich. Zwischen den buschigen ­Augenbrauen und dem markanten Schnauz zwinkern zwei ­braune Knopfaugen hervor. «Nur wer kriecht, stolpert nicht.»

Selbstredend hält Meier nichts vom anstehenden Lehrplan 21, und er wehrt sich mit seinen Mitteln, indem er das Projekt ins Absurde treibt. Er zitiert den Schaffhauser Regierungsrat Christian Amsler, den Präsidenten der Konferenz der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren, der auf die Frage, was sich in den Schulzimmern konkret ändern werde, antwortete: «Das ist ja der Punkt: praktisch nichts.» Man höre und staune, sagt Meier. 557 Seiten Papier, 4753 Kompetenzvorgaben, so viele Millionen für einen Lehrplan, der «praktisch nichts» ändere. In seinem Buch bringt er Beispiele der neuen Kompetenzziele: «Die Schülerinnen und Schüler können über Macht, Machtbegrenzung und Machtmissbrauch nachdenken.» Dieser Auftrag sei nicht etwa an Maturanden gerichtet, sondern an Vier- bis Achtjährige im Bereich Natur – Mensch – Gesellschaft. «Ein Unfug», lässt Meier seine Romanfigur Oskar ausrufen, «an dem nicht nur diejenigen schuld sind, die ihn tun, sondern auch diejenigen, die ihn nicht verhindern.» Ein Satz aus Kästners «Fliegendem Klassenzimmer».

Kündigung nicht für möglich gehalten

Die Realität an der Schule sei, dass viele der durch diesen Lehrplan angepeilten Kinder ­weder das Einmaleins beherrschten noch «das» von «dass» unterscheiden könnten. Dieser Widerspruch zwischen den Hochschultheorien einerseits und dem Schulalltag andererseits hat Meier zu seinem Buch veranlasst. Das Thema gehöre auf den Tisch, und zwar noch vor seiner Pensionierung als Lehrperson für Integrative Förderung (IF), wie seine Tätigkeit mittlerweile von «Büropädagogen» genannt wird. Dass er dabei ­etwas riskiert, wie es am Ende heisst, ist keine Koketterie. Dreiundzwanzig Jahre hat Walter Meier im Entlebucher Jugendheim Schachen unterrichtet, ein Ort für schwierige Fälle. «Für mich aber das Paradies.» Wie in der Bibel ­wurde Meier aus seinem Paradies vertrieben. Er habe diese Kündigung nie für möglich gehalten, nach so vielen Jahren und so guten Arbeitszeugnissen.

Was war passiert? Ende der neunziger Jahre kam die Idee auf, dass jede Schule geleitet werden müsse. Bislang war der Heimleiter Meiers Chef gewesen. Nun sollte eine Lehrerkollegin diese Funktion übernehmen, eine Frau, die er aus menschlichen Gründen für eine Fehlbesetzung hielt, was er ihr auch unter vier Augen sagte. Er wollte weiterhin formal der Heimleitung unterstellt sein. Der Stiftungsrat lehnte ab, drohte mit Konsequenzen, Meier lenkte ein, wollte seinerseits nicht als ewiger Verweigerer dastehen. Auch seine Frau riet ihm, es zuerst einmal zu probieren. «Ich sagte zu allem ja, auch in den Teamsitzungen, ich unterstützte alles.» Aber nach ein paar Monaten war Schluss, er habe nicht mehr in den Spiegel schauen können. Er widerrief, der Stiftungsrat setzte ihn vor die Tür, obschon die Schüler, auch die ehemaligen, sich für ihn starkmachten. Die Strukturen waren wichtiger.

Solche Erfahrungen sind auch in sein neues Buch eingearbeitet: «Einer fragt den anderen: ‹Was unterrichtest du?› – ‹Mathe, Englisch, Räume-Zeiten-Gesellschaften.› – Gegenfrage: ‹Und du?› – ‹Schüler.›» «Schule in Ketten» ist eine Liebeserklärung an den Beruf des Lehrers – und eine humorige Schmähschrift gegen all jene, die ihm diesen Beruf zu vermiesen versuchen. Meier packt seine beiden Plastiksäcke, bedankt sich für den Kaffee und geht. Ihn kann keiner in Ketten legen.

Walter Meier: Schule in Ketten. 256 S., Fr. 25.– (exkl. Versandkosten). Zu bestellen unter www.walmei.ch

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Alex Baur, Redaktor

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