Trump sei Dank

Donald Trump ist keine Witzfigur. Der rüpelhafte Tycoon, der im Lager der Republikaner Krämpfe auslöst, setzt das Räderwerk der Demokratie in Gang. Wer den Überflieger abfängt, wird gestählt ins Rennen um das Weisse Haus steigen.

Wenn sein Name fällt, rollen die Augen. Als «Rüpel», «Schwätzer», «Gefahr» wird Donald Trump bezeichnet oder auch als «Clown». Seit hundert Tagen läuft bei den ­Republikanern der Vorwahlkampf für die Präsidentschaft, und der «Clown» ist immer noch im Rennen. Er führt das Feld an. Mit drei­fachem Vorsprung auf Parteigrössen wie Jeb Bush oder Marco Rubio. Irgendetwas muss der Geschmähte richtig machen.

Der Tycoon, der im Immobilien- und Entertainmentgeschäft ein Milliardenvermögen gebunkert hat, weist eine Reihe von Trümpfen auf, die er gekonnt ausspielt. Nach seiner Popularität gefragt, sagte Trump neulich: «Es ist mein Aussehen! Ich sehe umwerfend aus!» Was man von Trumps Humor halten mag, ist einerlei. Er ist, so viel steht fest, höchst effektiv. Der Mann, der aufkreuzt wie eine Mischung aus ­Yoda mit Flachstoupet und einem dampfplaudernden Staubsaugerverkäufer, zerreisst mit seinen Sprüchen die steife Atmosphäre, die ­gewöhnlich in der Politarena herrscht. Sein aufgeblasenes Ego ist Trumps erster Trumpf.

Trump hat 4,6 Millionen Follower auf Twitter, bald so viele wie der Papst. Er ist ein Entertainer, der mit gespitzter Schnute charmieren kann und in der nächsten Sekunde mit Ameisensäure um sich spritzt. Er spricht sogenannt «brutale Wahrheiten» aus wie: «Lobbyisten diktieren unsere Gesetze», oder: «China und ­Japan haben unsere Wirtschaft kaputtgeschlagen». Trump scheut keine Vereinfachung, und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Das ist sein zweiter Trumpf. «Ich habe diesen politisch korrekten Dreck gestrichen satt», sagt er.

Trump verschont niemanden mit seinen ­ätzenden Tiraden, die oft tief unter die Gürtellinie zielen. Mexikanische Immigranten nennt er «Vergewaltiger». Konkurrent Jeb Bush verlacht er als «Weichling». Jungstar Senator ­Marco Rubio als «schwitzenden Schulbuben». Trump ist ein Punk, der sich keinen Deut um Anstandsregeln schert. Auch im Umgang mit Frauen nicht. «Schau dir das Gesicht an!», sagte er über Gegnerin Carly Fiorina, die ehemalige ­Chefin des Hightech-Unternehmens Hew­lett-Packard. «Wird irgendjemand dafür ­stimmen?»

Die Strategie des Brutalo-Angriffs scheint aufzugehen. Das Feld seiner Gegner lichtet sich. Prominente Namen wie Scott Walker und Rick Perry sind aus dem Rennen. «Jeder, der mich attackierte, ging zu Boden. Bumm!», ­triumphiert Trump. So stellt er sich einen echten Präsidenten vor: als Rächer, der jeden ­Angreifer zur Strecke bringt. Das ist sein dritter Trumpf, er präsentiert sich als unerschrockener Leitwolf. Als unbestechlicher dazu.

Vetternwirtschaft, Lobbyismus, Spezialinteressen hätten Washington im Klammergriff, prangert er an und rennt damit bei Millionen Politikverdrossenen offene Türen ein. Als Selfmademan sei er niemandem etwas schuldig. Der Milliardär hat seine eigene Kriegskasse. Sie ist so prall gefüllt, dass er jahrelang Wahlkampf führen könnte. Das ist sein vierter Trumpf: «Ich bin nicht käuflich», sagt er. Damit spielt Trump auf seine Kernkompetenz an: seinen Gold­finger im Geschäfte­machen. «Amerika verliert Jobs nach China und Japan, überallhin. Wir machen schreckliche Verträge.» Er zeige seit Jahrzehnten, wie man mit diesen Leuten Handel treibe. «Ich ­mache die härtesten Deals.» Sein Verhandlungstalent spielt er als fünften Trumpf aus. Wobei er suggeriert, das Land lasse sich managen wie ein ­Privatunternehmen.

Trumps Konkurrenz scheint wie gelähmt. Sie wähnt in ihm einen Verschwörer. Er sei ein Wolf im Schafspelz, der die Republikaner infil­triere und mit populistischem Hokuspokus das Wahlvolk verführe. Und wie immer, wenn man einen Feind mit Argumenten nicht packen kann, geht man auf seine Klientel los. Polit­stratege Jonah Goldberg hat für Trumps Anhänger – in Anlehnung an Marx – sogar eigens einen Namen kreiert: «Trumpenproletariat».

Wehmütig schielt das republikanische Esta­blishment ins Lager der Demokraten, wo Hillary Clinton in der ersten Debatte gegen eine weichgespülte Konkurrenz einen Home-Run hinlegte. Tatsächlich sind die Republikaner Trump zu Dank verpflichtet. Trump ist kein Clown. Er ist das ultimative Stahlbad für jeden Präsidentschaftsanwärter. Er holt die Kandidaten aus der Reserve. Er testet ihre Nerven und ihre Argumente. Das ist ein Kernelement ge­lebter Demokratie. Sowie das Ziel von Vorwahlen: Anwärter auf Herz und Nieren zu prüfen, ihre Schwachstellen offenzulegen, damit der Nominierte schliesslich gestärkt ins Rennen ums Weisse Haus steigt.

Und wenn dieser – wie vielseitig befürchtet – doch Donald Trump heissen sollte? Noch ist der Weg lang. In den nächsten Tagen will Trump seinen Schlachtplan in Buchform präsentieren: «Crippled America». Darin werde er offen­legen, «wie man Amerika wieder gross macht». Das sei «nicht schwer», behauptet er in der Buchankündigung. «Wir brauchen bloss jemanden, der den Mut hat, zu sagen, was gesagt werden muss.» Mit einer grossen Klappe allein ist das freilich nicht zu schaffen. Die nächste ­Gelegenheit, den Überflieger zu grounden, ­bietet sich am Mittwoch bei der dritten Repu­blikaner-Debatte in Boulder, Colorado. Experten ­erwarten einen neuen Zuschauerrekord für den Showdown.

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Alex Baur, Redaktor

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