Warum die?

Die Frau, die lachend im Abfallsack steht, wirbt tatsächlich für Mode. Obwohl es keinen Betrachter interessiert, aus wessen Kollektion das winzige Höschen stammt, das sie trägt. Dazu ist die Umgebung zu bemerkenswert. Maleratelier? Zweckentfremdete Garage? Jedenfalls eine über Jahre entstandene Harmonie, die man so für ein Fotoshooting nicht inszenieren kann. Aber reden wir nicht länger vom Ambiente. Denn was man wirklich ­anstarrt, ist die vergnügte, ziemlich nackte Blonde, die mittendrin steht. Gisele Bündchen, natürlich, die mit der Bubentaille, den unendlichen Oberschenkeln und dem weichen, grosszügigen Busen unter den verschränkten ­Armen. Man sieht ihn hier zwar nicht, aber jeder weiss es. Es gibt genug Fotos von ihr mit unverschränkten Armen und sehr viel Busen.

Kein Model wurde so reich durch Arbeit wie die Brasilianerin mit den deutschen Vorfahren, die, selbst wenn sie nicht lächelt, nie beleidigt aussieht, sondern nur konzentriert. Sie geht über Laufstege, als müsse sie dringend irgendwohin. Dabei stapft sie so energisch über den ­Boden, dass ein hingerissener Journalist sie mit einem Fohlen im Kornfeld verglich. Aber ihr Erfolg scheint keine Schule zu machen, obwohl jede Gisele sein möchte. Warum blicken die meisten Models nach wie vor empört in die Kameras, als sei ihre Schönheit ein unvorstellbares Los von Pein? Welche weltfremden Fotografen verlangen das? Obwohl Bündchens Karriere, die um die Jahrtausendwende explodierte, gleichgesetzt wurde mit dem Ende des «Heroin-Chic» in der Branche, ist der Empörungs-Chic geblieben.

Der seit Jahrzehnten in London lebende deutsche Modefotograf Juergen Teller, der dieses Bild letztes Jahr machte, ist einer der wenigen Stars seiner Branche, die darüber auch Langeweile empfinden. Er fotografiert schöne Models am liebsten ungeschminkt, mit Poren, vergnügt. Er fotografierte seine alte Auftraggeberin Vivienne Westwood nackt, als sie 68 war, und brachte zu den Aufnahmen Frau und Sohn mit, weil er so nervös war. Seine über fünfzehnjährige kollegiale Zusammenarbeit mit Marc Jacobs endete in diesem Jahr, als ­Jacobs ihm befahl, ­Miley Cyrus für die neue Kampagne zu fotografieren. Teller kündigte: «Fuck, warum sollte ich die fotografieren?» In den nächsten Jahren wird er in Nürnberg Gastprofessor an der Akademie für Bildende Künste. Nürnberg? Er hatte klingendere Angebote, Yale, Paris, London – «aber man hat ein bestimmtes Heimweh».

Giovanni Bianco/Steven Meisel: Gisele. Limited ­Edition. Taschen. 536 S., 500 Euro

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Alex Baur, Redaktor

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