Auf Augenhöhe

Für die SRG sind Wahlen eine Prestigeangelegenheit. Die Berichterstattung war tatsächlich gut. Bloss: Diejenige der ­privaten Konkurrenz war besser — zu einem Bruchteil der Kosten.

Das eigene Technikmaterial reichte bei weitem nicht aus. Also mietete die SRG-Produktionsfirma TPC für die Wahlberichterstattung gleich mehrere Satellitenübertragungs­-wagen aus dem Ausland hinzu. Seit Wochen wurde im Leutschenbach auf das Grossereignis National- und Ständeratswahlen hingearbeitet, am Wahltag selbst wurde vierzehn Stunden lang live gesendet. Das ganze Bundeshaus musste verkabelt, die Wandelhalle zu einem Fernsehstudio für die Elefantenrunden mit den Parteipräsidenten umgebaut werden.

Das Zentrum der Berichterstattung befand sich im Fernsehstudio in Zürich, hier ­kommentierte SRF-Hauspolitologe Claude Longchamp die von seinem Unternehmen ­erstellten Hochrechnungen. Von hier aus ­wurde auch in die neunzehn Wahlzentren in den Kantonen geschaltet. Gemäss SRF waren an dem Tag «über hundert Journalisten und über hundert Techniker im Einsatz». Das dürfte eher tiefgestapelt sein, genauere Angaben zu Personaleinsatz und Kosten verweigert der Gebührensender.

Sicher ist: Trotz des angeblichen Spar­zwangs scheute SRF keine Kosten, gerade als wollte der Sender den Politikern beweisen, dass er sein Geld wert ist. Tatsächlich war die Berichterstattung mehrheitlich sehr gut gemacht — trotzdem ist sie bestes Anschauungsbeispiel dafür, wie enorm hoch das Sparpotenzial der quasistaatlichen Anstalt ist. Denn SRF war nicht der einzige Sender, der die Wahlen breit abdeckte. Die private Sendergruppe um Tele Züri, Tele Bärn und Tele M1 tat dies ebenso — und konnte qualitativ durchaus mit SRF mithalten. Der unermüdliche Senderchef Markus Gilli — der beste Fernsehtalker der Schweiz — und sein Team boten ein hervor­ragendes Programm, sämtliche wichtigen ­Politiker kamen dort zu Wort, oft gar mit den pointierteren Aussagen als beim Gebührensender. Selbst wenn man die Kosten für die Hochrechnungen abzählt, den die SRG auch für die anderen Medien erbringt, sowie die Aussenstudios in den verschiedenen Sprach­regionen: Der Aufwand der SRG war um ein Mehrfaches höher als jenes des Privatsenders, bei vergleichbarem Resultat.

Arsenal von Mitarbeitern

Im Bundeshaus, wo SRF für die Radio- und Fernsehberichterstattung vierzig Mitarbeiter im Einsatz hatte, waren Tele Züri, Tele Bärn und Tele M1 nur mit je einem Videojournalisten präsent, die jeweils selber filmten und das Gefilmte auch selber schnitten. Hinzu kam ­eine Maskenbildnerin, die die Politiker für die hochauflösenden Bildschirme zurechtmachen sollte. «Die hatte aber fast nichts zu tun», scherzt Markus Gilli, «SRF hat mit seinem ­riesigen Arsenal an Leuten alle schon vorher ­geschminkt.» In den kantonalen Wahlzentren hatten die privilegierten SRF-Reporter meist Kameraleute und Techniker dabei, während jene der Privaten alles selber machten.

Anders als SRF legt Gilli den Personaleinsatz detailliert offen. Für alle drei Sender waren am Sonntag insgesamt weniger als hundert Mit­arbeiter für die zehn Stunden dauernde Live-Berichterstattung im Einsatz. «Auch für uns war das eine Riesensache», sagt er.

Vielleicht war bei den Privaten nicht jeder Beitrag so perfekt produziert wie bei SRF, dafür war die Nähe zum Geschehen besser spürbar. Ansonsten war der Unterschied marginal, beiden Sendern standen die relevanten Politiker Red und Antwort, auf beiden analysierte ein Politologe die eintrudelnden Resultate.

Wegen mangelnden Auskunftswille seitens der SRG ist ein genauer Kostenvergleich der beiden Sender leider nicht möglich. ­Gemäss einem Insider rechnet man in Deutschland bei vergleichbaren Sendungen mit dreimal tieferen Produktionskosten bei privaten Sendern als bei den öffentlich-rechtlichen. In diesem Fall dürfte der Unterschied noch etwas grösser gewesen sein, wie allein schon der Wagenpark vor den Wahlzentren vermuten liess.

Markus Gilli zeigte sich mit der Bericht­erstattung seiner Sender zufrieden. Zeit zum Ausruhen blieb ihm nach seinem Modera­tionsmarathon nicht. Am Dienstag hatte er den abgewählten SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli in seiner Sendung zu Gast. Kein Medium hatte es vorher geschafft, ihn zum Sprechen zu bringen. Auch nicht das grosse SRF.

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Alex Baur, Redaktor

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