Gefühlskrüppel im heiteren Tal

Die BBC-Serie «Happy Valley» ist ein weiteres Meisterstück ­britischer Krimi-Kunst – und ganz weit, weit weg vom «Tatort». 

Schmuddelfarbene Reihenhäuser mit krakeligen Schornsteinen, schmale, nasse Gassen, vermüllte Hinterhöfe, vergammelte Bahnhöfe, triste Spielplätze, schummrige Kneipen – und über allem, dick und zottig wie ein riesiger ­Bausch Verbandswatte, der wolkenverhangene Himmel. Kein Zweifel, man ist in England, in der Provinz, in einer Kleinstadt mit jugendlichen Arbeitslosen, Drogen- und Alkoholpro­blemen und familiären Querelen, voll aggressivem Weltschmerz und grantigem Stolz. Man ist mitten im Spülstein-Realismus, wie ihn in der unauflösbaren Dichte von gnadenloser Boshaftigkeit, hoher emotionaler Kraft und erzählerischer Wucht nur der britische Film zustande bringt.

«Happy Valley», der Titel der BBC-Serie von Sally Wainwright, ist der pure Hohn auf Provinz-Mittelständler, die weder mit sich noch mit ihrer Arbeit, weder mit ihren Familien noch mit ihren Beziehungen klarkommen, auf falsche Träume und Vorstellungen hereinfallen und mit ihren besten Möglichkeiten nur elenden Missbrauch treiben. Wie der Buchhalter Kevin Weatherill (Steve Pemberton): zwei halbwüchsige Töchter, eine körperlich behinderte Frau, er möchte eine Gehaltserhöhung, die ihm nicht gewährt wird; oder der windige Klein­unternehmer Ashley Cowgill (Joe Armstrong), der auf seinem Grundstück Container an Fe­rien­gäste vermietet und heimlich Drogen verschiebt. Und selbst die resolute 47-jährige Polizistin Catherine Cawood (Sarah Lancashire), die über den Freitod ihrer Tochter nie hinwegkam, die von Tommy Lee Royce (James Norton), einem Kriminellen, vergewaltigt und schwanger wurde, schlägt sich mit Wut und Hass herum. Sie nahm das Kind der Tochter, inzwischen ein Problem-Knabe, in ihre Obhut, und das wiederum entzweite ihre Ehe.

Wie diese Figuren, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, nun heillos aneinandergeraten, wird zum dramaturgisch wie psychologisch raffinierten Räderwerk. So erfährt die Polizistin, dass der Vergewaltiger Royce, aus der Haft entlassen, sich wieder in der Gegend aufhält; und Weatherill, der bei Cowgill einen Fe­rien-Container in Miete hat, macht vor lauter Wut und Frust Ashley den Vorschlag, die Tochter seines Chefs zu entführen. Der findet die Idee eigentlich reizvoll und weiht seine Mitarbeiter, zu denen auch Tommy Lee Royce gehört, in den Plan ein – und das Unglück nimmt seinen Lauf. Der Riss zwischen Trieb und Vernunft wird immer tiefer. Rettung für die Gefühlskrüppel ist nirgends in Sicht. Durch die intensive Dichte und Verzahnung wird man emotional geradezu «abhängig».

Das Ensemble ist grandios, allen voran Sarah Lancashire als Police Sergeant, eine zeitgemässe Mischung aus Mutter Courage und Penthesilea, und Steve Pemberton als frustrierter Buchhalter, der wie der Zauberlehrling die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Ein Unglücksrabe, der bockig allen anderen eine Mitschuld gibt und in dieser Uneinsichtigkeit regelrecht versackt. Der Grundplot der Entführung erinnert entfernt an «Fargo», aber der armen Menschen Ach und Weh ist bei den Briten bohrender und schmerzhafter. Das war mit ein Grund, warum «Happy Valley», mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, auch heftig in Grossbritannien kritisiert wurde. Der Regionalsender WDR strahlte die erste Staffel (sechs Folgen) zu später Stunde aus, aber die DVD ist einfach besser – wegen der Originalversion.

Weitere Serien-Hits

Gomorrha — Nach dem gleichnamigen Roman von Roberto Saviano, der 2008 verfilmt und mehrfach ausgezeichnet wurde, schuf Saviano federführend eine Serie, die nicht die Vorlage wiedergibt, sondern einer eigenständigen Handlung folgt. Die allerdings ist nicht weniger realitätsnah und zeigt ein grauenvolles Bild der Vorort-Slums von Neapel und ­einer Jugend, die frei von jeglicher Moral nur den eigenen Vorteil sieht und von der Camorra rücksichtslos manipuliert wird. Im Mittelpunkt der ersten Staffel (zwölf Folgen), die ­Arte ausstrahlte, steht ein Familienclan, der wegen Verrat und Missgunst sukzessive zerfällt. Das albtraumhafte Lokalkolorit – vermüllte Strassen, Düster-Architektur und Kitsch-Protz-Wohnungen – und die Besetzung (mit Quartierbewohnern) rücken die Serie gespenstisch nahe an die Wirklichkeit. Die DVD der ersten Staffel beinhaltet auch die italienische Originalversion.

Turn: Washington’s Spies — In den 1770er Jahren, während der amerikanischen Revo-lu­tion, gründete George Washington mit dem «Culper Ring» die erste Spionage-Gruppe, um den Briten das Leben schwerzumachen. Im Geheimbund gerät der Farmer Abe Woodhull (Jamie Bell) bald zwischen alle Fronten: Der Vater dient den Briten, die ­Gattin auch, die Geliebte nicht. Die AMC-Serie basiert auf dem Buch «Washington’s Spies: The Story of America’s First Spy Ring» des Historikers Alexander Rose, ist prächtig ausgestattet und deftig im Ambiente. Abes Loyalitätskonflikte sind ziemlich zeitgemäss; ständig muss er die Allianzen wechseln. Ein Verwirrspiel um Selbstbehauptung und ­nationale Zugehörigkeiten. Eine zweite ­Staffel wurde produziert, und eine dritte soll folgen.

Fragen Sie Knorr

Ich bin ein grosser Serien-Fan. Gibt es eigentlich brauchbare Literatur zu diesem Thema? F. U., Unterengstringen

Ja und nein. Das Dumme an Lexika wie den «Besten TV-Serien – Taschens Auswahl der letzten 25 Jahre», das kürzlich der umtriebige Taschen- Verlag auf den Markt brachte, ist, dass ein derartiges Nachschlagewerk am Tag seines Erscheinens bereits überholt ist. Denn Fernsehserien entwickeln ständig neue Formate, von «The Affair» über «Narcos» bis «Show Me a Hero», um nur einige zu nennen. In solch laufende Ereignisse einzugreifen und innezuhalten, setzt eine gewisse Willkür voraus, zu der sich der Herausgeber Jürgen Müller auch bekennt: Es ist eine Auswahl, die mit grundsätzlichen Analysen das Serien-Prinzip dokumentiert. Dass allerdings – ausser der dänischen Serie «Borgen» – die Auswahl auf den englischsprachigen Kulturraum beschränkt bleibt, ist ein wenig unfair. Frankreich («Les revenants», «Braquo») und Italien («Romanzo criminale», «Gomorrha») sind auf gleichem Niveau. Irritierend auch, dass eine der fantastischsten frühen HBO-Serien, «Carnivàle», keine Erwähnung findet. Trotzdem: Der Bildband lohnt sich, schon alleine wegen des exzellenten Vorworts.

Die besten TV-Serien: Jürgen Müller (Herausgeber). Taschen. 744 S., Fr. 66.30

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Alex Baur, Redaktor

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