Tot oder lebendig

Als die magische Greisenband des Buena Vista Social Club auf ihrer «Adios»-Tournee quicklebendig im Westflügel des Weissen Hauses dem US-Präsidenten Barack Obama mit ihrer Salsa (Deutsch: Sauce) einheizte, machte in den Social Networks gerade die Nachricht vom Tode ihres Entdeckers Ry Cooder die Runde. Dann starb das Gerücht, und Ry Cooder, 68, lebt und übt täglich weiter stundenlang auf seinen Gitarren, «meine Therapie», wie er sagt. Begonnen hat er damit als Dreijähriger, mit vier verlor er bei einem Unfall ein Auge, vielleicht entdeckt er deshalb die Welt mit dem Gehör. Er spürt immer neue Musik auf, die oft auch die vergessene ist, wie damals, 1997, als er mit einer klapprigen Seitenwagenmaschine durch die Strassen Havannas kurvte auf der Suche nach den Legenden des Son: Compay Segundo, Ibrahim Ferrer, Rubén González, die inzwischen leider wirklich tot sind. Die CD, die Cooder produzierte, verzauberte ein weltweites Publikum mit diesen feurigen karibischen Melodien aus Rumba und Merengue, mit Einflüssen des Blues und der leichtfüssigen Tanzmusik der Big-Band-Zeit, aber auch wunderschön traurigen und schelmischen Alltagsballaden. Wim Wenders drehte den kongenialen Film dieser Auferstehung. Ry Cooder zog weiter. Wie ein Forrest Gump der Rockgeschichte ist er überall dabei gewesen: Seine warme, pulsierende Slide-Gitarre untermalte seit den sechziger Jahren die Aufnahmen der Stones, Eric Claptons, Van Morrisons, Neil Youngs und anderer. Er schrieb die Musik zu über dreissig Filmen, hasst aber das Kino, weil er da seine Hände ruhig halten muss. Der Weltenbummler auch der Stile spielt über alle Grenzen hinweg: Gospel, Country, Blues, Bluegrass, Tex-Mex, Roots-Rock, Folk, Soul, Jazz. Aber er lebt fest verankert in Santa Monica, seinem Geburtsort, mit seiner Frau Susan, einer Plastikerin und Fotografin. Wo die Musik aufhört, beginnt die stumme Sprache: Ry Cooder beschrieb sein Los Angeles in der auch fast untergegangenen Form von Short Storys. Es sind – natürlich – kleine, lakonische Meisterstücke. Lang möge er leben. Peter Hartmann

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Alex Baur, Redaktor

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