Eine Form der Schönheit

Ob Sittenverfall oder edles Begehren, ob Techtelmechtel auf Ashley Madison oder «Tristan und Isolde»: Stets fasziniert der Seitensprung. Literatur und Film zeigen, warum. 

Erst Viagra für Männer, jetzt Potenzmittel für Frauen. Filme, die von körperlosem Bildschirmsex künden. Triste Stripklubs mit bordeauxfarbenen Velours-Sesseln im Stil der achtziger Jahre, in die längst keiner mehr geht, während ­Davidoff-Cool-Water- oder Chanel-­Werbespots seit Jahren dieselben unerhörten Geschichten von Begegnungen zwischen schönen Fremden an überhängenden Kliffen oder cinderellahaft auf dem Heimweg von Gala­diners erzählen. – Die Gegenwart ist, heisst es, sexübersättigt. Doch stimmt das?

Etwa die Hälfte aller Männer in Grossbritan­nien, das ergab eine Umfrage, würde für ­einen neuen Plasmabildschirm sechs Monate lang auf Sex verzichten. Fast 83 Prozent der Amerikaner mittleren Alters glauben gemäss einer anderen Umfrage, wahre Liebe in einer Ehe komme ­ohne Geschlechtsverkehr aus. Sozialstudien belegen, dass nach einer Phase sexueller Frei­zügigkeit und Toleranz – von den späten sechziger Jahren bis in die frühen neunziger Jahre – für das neue Jahrtausend zunehmende Sexverdrossenheit herrscht. Hauptgrund: Die ­sexuelle Inflation in westlichen Gesellschaften befördert nicht nur konservative Einstellungen gegenüber sexuellen Freiheiten, sondern auch Langeweile angesichts Sex bis zum Verzicht ­darauf. Davon ausgenommen: die nicht abbrechende Faszination für die leidenschaftliche Romanze und den Seitensprung.

Das individuelle Glück hat Vorrang

Es sei ja eine «alltägliche Erfahrung», schrieb Sigmund Freud, «dass die Treue, zumal die in der Ehe geforderte, nur gegen beständige Versuchungen aufrechterhalten werden kann». Um diesem Drang gerecht zu werden, so Freud weiter, verschaffe die Gesellschaft Frauen und Männern stets gewisse Spielräume: Flirts, ­Bordellbesuche, heute das Tummeln in Online-Medien, Chatrooms, auf cyberporn- und ­Escortdienst-Sites. Umfragen in Europa und Nordamerika kommen zum Ergebnis, dass 20 Prozent aller Männer und 18 Prozent aller Frauen ihren Partner betrügen. Männer tendieren zu mehreren Seitensprüngen, Frauen meist nur zu einem. Überdies erachten 91 Prozent ­aller Amerikaner Untreue als unmoralischer als Polygamie, das Klonen von Menschen, Abtreibung, Pornografie oder Sex zwischen Minderjährigen. Gleichzeitig wächst die gesellschaft­liche Toleranz für Scheidungen – einst soziales Stigma. Das individuelle Glück, so der Tenor, habe Vorrang vor der stabilen Familie.

Ein neuer US-Blockbuster ist die auf dem Sender Showtime seit Herbst 2014 ausgestrahlte ­Serie «The Affair»: Noah, Schriftsteller mit Schreibblockade, Ehemann reicher Erbin, Vater von vier Kindern, trifft Alison, mit Löwenmähne, verheiratet mit einem Pferdebauern, Kellnerin in Long Island. Bei einer Art Tombola lernen sie sich kennen, haben eine Sommeraffäre, starren gemeinsam auf die Atlantikwellen, geben sich durch, wer wen zuerst toll fand. Alison wird Noahs Muse, eine Mördergeschichte gibt es auch noch. Beim Schauen verwirrendes ­Gedankenflackern: Wäre jener zwischen ­Pferdebauer und reicher Erbin nicht ein interes­santerer Seitensprung gewesen als der von ­nörgelndem Mittelmass Noah mit der ­tranig-melancholischer Alison? Egal. Es muss nicht immer «Tristan und Isolde» sein.

Vielleicht zeigen die beiden Tatsachen, dass sich mit der zweiten Staffel die Zuschauerzahlen verdoppelt haben und dass in den USA die Ashley-Madison-Liebesaffären des strenggläubigen Christen Josh Duggar (verheiratet, vier Kinder) für mehr mediale Empörung sorgen als sein Missbrauch der eigenen Schwestern – das mit den Mädchen habe man ihm ja noch verzeihen können, fand der republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee, eheliche Untreue aber übersteige die Grenzen der Toleranz – umso eindrücklicher, worum es bei der Faszination Seitensprung geht: Ob lipglossige Schmonzette oder «Anna Karenina» – stets stellen sich dieselben Fragen: Warum genau werden Menschen untreu? Ist es narzisstische Sehnsucht nach dem «anderen Leben»? Ist der «langweilige» Partner schuld? Gibt es ein urzeitliches Fremdgeh-Hormon? Sind Betrügende nur unglücklich in ihren Ehen? Kann man ausser dem Partner noch einen anderen Menschen lieben? Eindeutige Antworten hierauf gibt es nicht. Untreue fasziniert sicher auch ­wegen dieser Unklarheiten: Sünde, notwendiges Übel oder Abenteuer im positiven Sinn – wie kam es zu dieser Ambivalenz? Hat sich der Umgang mit dem Seitensprung je verändert? War er immer nur Klatschspaltensensation? Gibt es Edleres zu entdecken?

In der Antike oblag dem Mann die Machtausübung über Polis, Haushalt und Sklaven. Der Philosoph Aristoteles empfahl Männern daher, die Selbstbeherrschung zu kultivieren, denn nur wer sich selbst beherrsche, könne Unter­gebene zu Gehorsam zwingen. In Sachen Sexual­leben forderte Aristoteles Mässigung: Der Mann durfte Verhältnisse eingehen – mit jungen Männern oder Kurtisanen –, jedoch sollte ihm stets der aktive, kontrollierte Part zukommen, niemals der passive, unkontrollierte. Unbeherrschttheit beim Mann – Orgien, Trägheit, Unlust gegenüber härteren Sportarten, Neigung zu Parfüm und Schmuck – kam nur für Tyrannen und Verweiblichte in Frage. Die Frau war auch zu sexueller Beherrschung aufgerufen, doch ergab diese sich aus ihrer gesetzlichen Abhängigkeit von ihrem Ehemann. Treue in der Antike war keine Sache zwischen Ehepartnern, in der sich der eine um des anderen willen sorgen sollte, sondern jeder sollte sie im Verhältnis zu sich selbst einhalten: Der Mann eben deshalb, weil er Herrschaft ausübte, die Frau, weil sie ihrem Gatten unterworfen war. Helenas Untreue mit Paris, die zum Trojanischen Krieg führte, die zahlreichen Verwandlungen Zeus’ – etwa in einen Schwan und in ­einen Goldregen, um ungesehen seine Frau, die Göttin Hera, zu betrügen –, Kaiser Nero, der den Mann seiner Mätresse zum Selbstmord zwang, um sie heiraten zu können: Viele Er­zählungen aus der Antike beschäftigen sich mit Untreue, die bisweilen exzessive Züge ­annimmt.

Aufriss- und Abschleppkultur

Seit biblischer Zeit bezeichnet Untreue (lateinisch: infidelitas, Ungläubigkeit) den Gottesverrat durch den Bruch eines der Zehn Gebote. «Du sollst nicht ehebrechen», «du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib». Der neue ­Gedanke: Untreue ist nicht mehr – wie in der Antike – Angelegenheit des Einzelnen, sondern Paarsache und gleichzeitig Vertrauensbruch gegen Gott, Todsünde. Geschichten, die nur das biblische Gebot und dessen moralische Konsequenzen aufgreifen, sind jedoch selten, meist geht es um die ambivalente Freude, Schönstes im moralisch Falschen zu entdecken.

Im 12. Jahrhundert wurde in Frankreich die höfische Liebe erfunden, eine Praxis der oberen Gesellschaftsschicht: Ritterliche Troubadouren priesen die Reize unerreichbarer, verheirateter Adelsdamen. Beide, Anbetender und Ange­betete, hatten strikt platonisch zu bleiben. Selbstaufopferung trotz Lust zum Seitensprung – erstmals wurden der Frau ähnlich starke aussereheliche Gefühle zugestanden wie dem Mann. Eheleute, so die damalige Annahme, empfänden sicher Zuneigung füreinander, die wahre Liebe aber liege woanders, im irrationalen, unwiderstehlichen Hingezogensein zu einer anderen Person, mit der es letztlich keine Zukunft geben kann oder darf. So entstand die Idee von der heimlichen, sowohl für den Fremdliebenden als auch für den Heimpartner Leid verursachenden Liebe. Interesse an bereits Vergebenen zu bekunden – die an den Höfen entstandene Galanterie war ein Vorläufer des heutigen Flirts. In einer Mischung aus Witz, ­unbeugsamer Anbetung und sexuellen Unter­tönen war es Teil des sozialen Spiels unter ­Adeligen, Interesse an Verheirateten zu bekunden (da sich hier besser Distanz wahren liess), etwa bei höfischen Veranstaltungen wie Tanzbällen, Spaziergängen oder beim Kartenspiel. Flirten war Teil der Etikette, doch allein der ­König lebte offiziell semipolygam: Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts wurde Agnès Sorel die ­erste anerkannte Mätresse im französischen Königssystem; die letzte, Madame de Pompadour, starb 1764. In Erinnerung bleiben diese und viele andere Königsmätressen nicht nur wegen ihrer erotischen Macht über Könige, sondern auch als Stil-Ikonen, welche die Kleider- und Haarmode, Inneneinrichtungen und Essgewohnheiten beeinflussten.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts glitt die Galanterie in die Libertinage ab, eine ständeübergreifende Aufriss- und Abschleppkultur, in der jeder, Mann wie Frau, Seitensprünge ­akkumulieren konnte. In Texten des Marquis de Sade, des von Ludwig XV. protegierten ­Theaterschreibers Beaumarchais und des Komödienschreibers Molière ging es um Untreue und Dekadenz – der Adel näherte sich den niederen Ständen, Damsellen liessen sich von alten Baronen schwängern, die gleichzeitig mit Dienstmädchen schliefen, Frauen niederen Adels schielten nach vermögenden, dickwam­pigen Bürgern und so fort. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb der anonyme Autor des Büchleins «Von der Kunst, die Frauen treu zu machen»: «Vor allem unter den reichen Frauen ist Untreue üblich, da eine bestimmte Vorstellung von Ehre in den oberen Gesellschaftsschichten die Galanterie erlaubt und den Ehemann zwingt, damit zu leben, wenn er nicht lächerlich erscheinen will.»

Natürlich waren sich Menschen aller Schichten immer sowohl treu wie auch untreu. Literatur und Kunst stellten aber lange vor allem die Untreue des Adels dar, denn, so der Gedanke, die obere Gesellschaftsschicht könne, verliere sie einmal die Selbstkontrolle, besonders tief ­stürzen. Ihre Skandale waren daher besonders erbaulich. Die Publikumsspektakel der Zeit, Theater und Oper, ähnelten je nach Geschichte ein wenig der heutigen amüsiert-empörten Klatschpresse.

Konversationen «platt wie ein Gehsteig»

Für den grossen Autor Stendhal – selbst jahrelang unglücklich in eine verheiratete Generalsgattin verliebt – gab es eine Liebe vor und nach der Französischen Revolution. Nie, so schrieb er, solle die Liebe im Bürgerzeitalter, die durch Ehe, Kleinfamilie und Arbeitszwänge unterjocht, ja verdrängt wurde, mit der sorglos freien, nur durch äussere Etikette geregelten Liebe früherer Jahrhunderte verwechselt werden. Was bleibt nach der Revolution, nach Napo­leon, nach Prinzenhöfen, Hofetikette und ­Romantik, und was entsteht mit dem 19. Jahrhundert? Verbürgerlichung, Ökonomie, Politisierung, Verflachung, Trivialität, banale Unterhaltungsformen, Langeweile: So sah es Gustave Flaubert.

In «Madame Bovary» (1856), der wohl berühmtesten Geschichte aller Zeiten über Untreue, richtet Flaubert sein Augenmerk auf den Haushalt des Bürgertums, die Kleinfamilie, die für ihn Sitten, Werte und Träume der Moderne verkörperte wie keine andere Gesellschaftsschicht. Emma, die Frau des behäbigen Landarztes Charles, dessen Konversationen «platt wie ein Gehsteig» sind, ist gelangweilt vom Provinzleben, träumt von anderem, Aufregendem. Um sich die Zeit zu vertreiben, liest sie ­alles, Schund wie hohe Literatur. Darin «gab es nur Liebe, Liebste, Geliebte, verfolgte Damen, die in einsamen Pavillons ohnmächtig wurden, Kutscher, die auf alten Poststellen ermordet, Pferde, die zuschande geritten wurden, Waldesdunkel, Seelenqual, Schwüre, Seufzer, Tränen und Küsse [. . .]». Inspiriert-verblendet, beginnt sie ein Verhältnis mit zwei Männern, dem adeligen Provinz-Beau Rodolphe und dem Jurastudenten Léon. Um ihren höfischen Traum zu verwirklichen, macht sie Schulden, möbliert ihr Haus im Adelsstil, beschenkt Rodolphe mit Reitgerte, Gravurring und Haarlocke, Symbol ritterlicher Treue, erleidet dann einen depres­siven Zusammenbruch, als Rodolphe, Emmas aufdringlichen Liebesbekundungen überdrüssig, sich von ihr trennt. Mit Léon verwandelt Emma gar ihr Auftreten: Sie beginnt zu rauchen, trägt Jacken im Herrenschnitt und vornehmlich in Schwarz, sie geht breitbeiniger; Baudelaire schwärmt in seiner Rezension über «Madame Bovary» von Emmas männlicher Seele in einem weiblichen Körper. Als auch Léon sie verlässt, begeht sie hochverschuldet Selbstmord.

Untreue als eine Form der Schönheit, auch wenn die umgebende Wirklichkeit ernüchternd ist – dieser Gedanke macht Madame Bovary bis heute zum Inbegriff moderner Formen des Seitensprungs. Modern, weil Literatur und Kunst seit Flaubert Untreue nur noch selten rein moralisch bewerten, sondern zeigen, wie sie sich verändert hat. Die Untreue ist käuflich geworden – Emmas horrende Schulden und Reizwäscheeinkäufe zeigen es –, sie ist nicht länger an Tugenden, Vornehmheit oder Adel gebunden. Der Seitensprung ist eine banale, verblendete, zugleich festliche, verjüngende Privatangelegenheit von jedermann.

Was gibt es Schlimmeres, als nicht begehrt zu werden, in den Augen der anderen banal und gewöhnlich zu erscheinen? So formuliert es «American Beauty» (1999), Sam Mendes’ Film über die Einsamkeit des amerikanischen Vorstadtlebens. Lester (Kevin Spacey), Werbekaufmann, Ehemann, Vater mittleren Alters, verliebt sich in die 16-jährige Angela, die Freundin seiner Tochter. Die Anziehung wird umso hef­tiger, als er erfährt, dass Angela ihn gar nicht so unattraktiv findet. Nichts, nicht einmal die tödlichste Waffe, sei machtvoller als das Begehren, heisst es an einer Stelle im Film. Und tatsächlich, der Flirt mit der Teenagerin wirkt ver­jüngend auf Lester: Er treibt zum ersten Mal seit Jahren Sport, trainiert seinen Bizeps, ­beginnt, Marihuana zu rauchen, die Musik ­seiner Jugend zu hören – und er ist glücklich.

Was kann die Untreue, wenn auch zunächst nur vorgestellt, ausserdem bedeuten? Sie sei ­eine Form von Schönheit, sagt Lester einmal – oft an unerwarteter, ja falscher, verbotener ­Stelle anzutreffen.

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Alex Baur, Redaktor

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