Der Sportsmann aus Leblon

Mit 27 fast bankrott, ist Jorge Paulo Lemann fünfzig Jahre später einer der vermögendsten Schweizer und Herr über das weltgrösste Bierimperium AB In Bev, das gerade zum Sprung auf den Konkurrenten SAB Miller ansetzt. Wer ist der Mann, der diskret in Rapperswil-Jona lebt?

«Es hat ein paar Jahre gedauert, bis die Leute gemerkt haben, wer hier eingezogen ist», erinnert sich nicht ohne Stolz der ehemalige Stadtpräsident von Rapperswil-Jona und heutige St. Galler Regierungspräsident Beni Würth (CVP). Er hat vor sechzehn Jahren die Ansiedlung des brasilianischen Milliardärs Jorge Paulo Lemann begleitet. Nach der versuchten Entführung seiner Kinder auf dem Schulweg in Brasilien zog dieser mit Frau und Kindern an den Zürichsee. Ein Jahr zuvor, 1998, hatte er der Credit Suisse seine brasilianische Invest­mentbank Garantia verkauft, um sich fortan auf seine Beteiligungen in der Bier- und ­Lebensmittelindustrie zu konzentrieren.

3G heisst die Beteiligungsgesellschaft, die er mit zwei langjährigen Weggefährten aus Garantia-Zeiten gegründet hat und die seit einigen Jahren gestandene nordamerikanische Grosskonzerne in Serie aufkauft. Der erste Coup war 2008 die Übernahme des Bier­brauers Anheuser-Busch gegen den erbitterten Widerstand der Gründerfamilie und der Politik. Als «Schande» bezeichnete US-Präsident Barack Obama den brasilianischen Griff nach dem Hersteller von Budweiser («The ­Great American Lager»). Und es kam noch dicker: Zwei ­Jahre später übernahm Lemanns Beteiligungsfirma ein anderes Unternehmen mit amerikanischer Strahlkraft: Burger King. 2014 folgte, gemeinsam mit Warren Buffetts Berkshire Hathaway, die Übernahme des Ketchup-Herstellers H. J. Heinz, der sich im Juli 2015 seinerseits zu einer Fusion mit der Kraft Foods Group anschickte.

Kaum hatte Lemann seinen Wohnsitz in der Schweiz aufgeschlagen, stand der Zuzügler aus Brasilien im Visier der Bilanz-Liste der 300 reichsten Schweizer. Die Zahlen, die anfänglich herumgereicht wurden, waren aber nicht derart eindrücklich, dass sie besondere Aufmerksamkeit erweckt hätten. Auf vielleicht 700 Millionen US-Dollar wird der Investor um die Jahrtausendwende geschätzt. Mit der relativen Ruhe ist es 2012 vorbei. Die Bilanz vermutet einen Vermögenssprung auf 17 bis 18 Milliarden US-Dollar und versieht den Investor mit einem Etikett, das er nicht mehr loswird: der zweitreichste Schweizer zu sein, gleich nach dem Ikea-Gründer Ingvar Kamprad. Das amerikanische Magazin Forbes ruft ihn zum reichsten Mann Brasiliens aus.

Das weckt die Neugier der Öffentlichkeit. Die Finanz- und Wirtschaftspresse des Landes verfolgt gebannt jedes Investment von Jorge Paulo Lemann, des «Bierbarons», wie sie ihn nennt. Momentan sorgt er für Aufruhr, weil er mit seiner AB In Bev den Bierhersteller SAB Miller kaufen will. Bereits heute ist AB In Bev mit knapp zwanzig Prozent Weltmarktanteil der grösste Bierkonzern. Mit der Übernahme der bisherigen Nummer fünf, SAB Miller, entstünde ein Gigant, der jedes dritte Bier gebraut hätte, das auf der Welt ausgeschenkt wird.

Im Schweizer Davis-Cup-Team

Jorge Paulo Lemann selbst trinkt kein Bier und auch sonst keinen Alkohol. Er gilt als asketische Erscheinung. Der Genfer Privatbankier Bénédict Hentsch lobt Lemann als «Sportsmann durch und durch».Hentsch lernte den Brasilianer schätzen, als er während mehr als zehn Jahren in Brasilien für den Morgan Guaranty Trust of New York (die heutige Invest­mentbank J. P. Morgan) arbeitete und sich auf denselben Märkten bewegte wie Lemanns Garantia. Ein «hervorragender Geschäftsmann» sei der Brasilianer, sagt Hentsch. Er war so beeindruckt von Lemanns «Leadership», dass er enge geschäftliche Bindungen suchte und gar den Kauf von Garantia durch J. P. Morgan anvisierte. Doch Lemann schlug das Angebot Mitte der 70er-Jahre aus. «Die schwerste Entscheidung meiners Lebens», wie er später sagen sollte. Von der Persönlichkeit her eher ein ruhiger Typ, denke Lemann in allen Facetten des Geschäftslebens überaus leistungsorientiert, so Hentsch.

Wie ein anderer Wirtschaftsmann, der ihn persönlich kennt, bestätigt, lebt Lemann nach dem angelsächsischen Motto «Do few things but do them well». Mehr noch: Sehr gut zu sein, genügt Lemann nicht. Er will der Beste sein. Als Lemann im Jahr 1962 – frisch ab Studium – ein paar Monate in Genf bei der Credit Suisse arbeitete, wurde er in die Schweizer Tennis-Delegation für den Davis-Cup berufen. Beim Wettkampf merkte er, dass er es nicht unter die Top Ten der Welt schaffen würde. Also verlagerte er seinen Schwerpunkt auf ein Tätigkeitsfeld, in dem er mit Zeit, Geduld und nach etlichen Rückschlägen zum Allerbesten werden konnte: den Aufbau eines Firmenimperiums. Heute bewegt er sich auf einer Stufe mit US-Starinvestor Warren Buffet, der ihn seinen Freund nennt. Und auch im Tennis ist er eine Nummer eins: Vor zwei Jahren errang Jorge Paulo Lemann den Titel eines Seniorenmeisters an den Schweizer Interclub-Meisterschaften.

Der brasilianisch-schweizerische Doppelbürger wurde 1939 in Leblon geboren, einem ­noblen Ortsteil von Rio de Janeiro. Sein Vater, der einer Käsehändlerdynastie in Langnau im Emmental entstammte, war im Jahr 1913 für den Schweizer Schuhfabrikanten Bally nach Brasilien gezogen. Später hatte es die Familie im Kakaoanbau zu ­einem gewissen Wohlstand gebracht und gehörte zu den besseren Kreisen der Gesellschaft. Man besuchte die American School in Rio und konnte an amerikanischen Eliteuniversitäten studieren. Anlässlich seines Collegeabschlusses wurde Lemann von seinen Jahrgangsmitschülern in weiser Voraussicht zum «Most likely to succeed»-Absolventen gewählt.

Nach dem Harvard-Abschluss fing er bei der Credit Suisse in Genf eine Tätigkeit an, die ihm aber aufgrund der starren Strukturen nicht zusagte und die sich gar zu einem «kleinen Albtraum» auswuchs, wie seine Biografin schreibt, die brasilianische Journalistin Cristiane Correa. Er kehrte nach Brasilien zurück und stieg bei einer kleinen Finanzunternehmung als Partner ein. Damals, in den sechziger Jahren, war die brasilianische Wirtschaft und insbesondere der Finanzsektor überaus kartellisiert. Um eine Börsenhändlerlizenz zu erhalten, musste man jahrelang warten und viel Geld bezahlen. Lemann brach das Kartell auf: Seine Firma zog einen ausserbörslichen Handel mit Aktien auf und verärgerte damit die etablierten Börsenhändler. Bei einem Börsenbesuch wurde Lemann regelrecht hinausgeworfen. Obwohl die Anfänge vielversprechend waren, verlor die Firma die Kosten aus den Augen. Die Unternehmung ging bankrott, und der 27-Jäh­rige stand vor dem Nichts. Nach ein paar Jahren Arbeit für verschiedene Finanzfirmen hatte Lemann 200 000 US-Dollar angespart, mit denen er Garantia gründete.

Eiserne Prinzipien

Nach Überzeugung von Lemanns Biografin war die finanzielle Nahtoderfahrung prägend für das Kostenbewusstsein, das fortan die ­Engagements von Jorge Paulo Lemann auszeichnen sollte und für das er berühmt-berüchtigt ­wurde. Als Lemann, um ein Beispiel zu nennen, Anfang der neunziger Jahre den brasilianischen Bierhersteller Brahma kaufte – sein erster Anker im Biergeschäft –, liess er die ­Bürowände der gutgepolsterten Chefetage niederreissen, verkleinerte das Management und liess auch das Sekretariat auf ein Minimum reduzieren. Fortan flog nicht einmal der Chef Business-Class. Dieses Muster sollte sich durchsetzen bei den Investments der nächsten Jahre: Man kann immer noch etwas einsparen, besonders bei den administrativen Kosten. Für Manager, die üppige Privilegien gewohnt sind, wird es ungemütlich, wenn Jorge Paulo Lemann eine Firma ins Visier nimmt.

Lemann hat es zu seinem eisernen betriebswirtschaftlichen Prinzip gemacht, tiefe Fixlöhne und hohe Boni zu bezahlen. Die Boni werden zudem in Firmenanteilen (Aktien) ausbezahlt, die für etliche Jahre unverkäuflich sind. Ein sehr einfaches Konzept, das die Mitarbeiter an die Firma bindet und sie am Erfolg teilhaben lässt. Und der Erfolg ist Lemanns ständiger Begleiter. Wer sich auf sein unbedingtes Leistungsprinzip einlässt, kann es weit bringen. Mit Garantia hat er viele Nobodys zu Multimillionären gemacht.

Seit je rekrutiert Lemann mit Vorliebe Leute, die «jung und hungrig» sind, wie es ein Kenner ausdrückt. Im Bereich Mitarbeiterausbildung sind seine Firmen stets grosszügig. Seine Biografin beschreibt, wie ein junger Shell-Mitarbeiter, der gar nichts mit Garantia zu tun hatte, einst auf Lemann zuging und ihn um einen Studienkredit bat. Lemann erkundigte sich bei Shell über den jungen Mann. Als man ihm Gutes berichtete, gab er ihm das Geld unter drei Bedingungen: Im Falle eines Studienabbruchs sei das Geld zurückzuzahlen. Nach dem Studium solle er bei Garantia anklopfen, bevor er andere Jobs in Erwägung ziehe. Und: Sei er dereinst selbst in der Lage, junge Leute zu fördern, dann solle er es machen.

Für Bankier Bénédict Hentsch war die Begegnung mit Lemann etwas Besonderes: «Sie ­treffen nur wenige Menschen, die Sie echt und tief beeindrucken.» Während sechs Jahren sass Hentsch gemeinsam mit Lemann im Ver­waltungsrat der Swiss Re (1999–2005). Der ­Brasilianer sei für das Management und die Verwaltungsratskollegen ein «brillanter Sparringpartner» gewesen, immer auf der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten. Lemann ­gehöre nicht zu denen, die sich rasch mit einer Erklärung zufriedengeben – im Gegenteil. Besonders beeindruckt Hentsch die Beziehung Lemanns zum Geld: Dieses sei für ihn ein Mittel zum Zweck. Persönlich sei er bescheiden, fast «protestantisch» in seiner Arbeitsethik. Langnau im Emmental lässt grüssen. Seine pralle Kasse setzt Lemann nicht nur in harten Übernahmekämpfen ein, sondern auch für soziale Zwecke. Er unterhält eine eigene Kaderschmiede in Brasilien und zwei Stiftungen, von denen sich eine um die Bildung von armen Kindern und Jugendlichen in Brasilien kümmert. «Jorge Paulo macht etwas aus seinem Geld», sagt Hentsch.

«Gute Fügung»

In Rapperswil-Jona schätzt man den athletischen, grauhaarigen Mitbürger, von dem bis vor kurzem niemand Notiz nahm. Er gilt als angenehmer und umgänglicher Mensch mit einem gewissen Interesse fürs Lokale. Regierungspräsident Würth bezeichnet es als «gute Fügung» für die Stadt Rapperswil-Jona, den Kanton St. Gallen und die Schweiz, dass damals, als Lemann auf der Suche nach einem neuen Zuhause war, gerade ein grosses Anwesen mit Seeanstoss zum Verkauf stand. Zwischen den Geschäftsreisen in alle Welt schätzt Jorge Paulo Lemann, so hört man, die Zurückgezogenheit und Privat­sphäre in der Gemeinde am sankt-gallischen Zürichseeufer. Dass sein Name immer öfter in den helvetischen Medien steht, betrachtet der diskrete Milliardär als eher lästige Begleiterscheinung.

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Alex Baur, Redaktor

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