Das Messer des Propheten

Israel erlebt eine neue Gewaltwelle. Palästinenser attackieren Juden auf offener Strasse mit Messern und Schraubenziehern. Terroristenversteher rechtfertigen die Angriffe mit der israelischen Besetzung des Westjordanlands. Doch ausschlaggebend für die neue Brutalität sind religiöse Motive.

Nichts leichter als das: Man nehme ein Messer oder einen anderen spitzen Gegenstand, gehe auf die Strasse und steche auf den Erstbesten ein, der einem über den Weg läuft. Seit mehr als zwei Wochen praktizieren Palästinenser diese Art von Terror fast schon im Stundentakt – spontan, unkoordiniert, irgendwo im Land. Mehr als sechzig Juden wurden seit dem Beginn der jüngsten Terrorwelle angegriffen, zehn wurden ermordet, mehrere Dutzend verletzt, zum Teil schwer. Unter den Verwundeten finden sich ein Baby, zwei Jahre alt, ein Teenager, dreizehn Jahre alt, und eine Rentnerin, siebzig Jahre alt.

Das Profil der Attentäter unterscheidet sich von demjenigen früherer Terrorwellen. Es handelt sich in der Regel um Einzeltäter, die nicht von einer Terrorgruppe ausgeschickt werden. Die «einsamen Wölfe» sind entweder Teenager oder Frauen. Sie ergreifen in der Küche ein Fleischmesser oder in der Abstellkammer einen Schraubenzieher – und los geht’s. «Der Jüngste, den wir festnahmen, war noch keine zehn Jahre alt», sagt ein Armeesprecher.

Die Palästinenser seien frustriert, versuchen sich etwelche Kommentatoren die Lust am Blut zu erklären. Der Friedensprozess stagniere, die Besetzung und die Siedlungen – Sie ­wissen schon, so und ähnlich klingen die ­Deutungsversuche von Palästina-Verstehern, denen stets eine beschönigende Begründung für Gewalt made in Palestine einfällt.

Hass auf Nichtmuslime

Dabei ist offenkundig, dass die Freude am Morden weder politisch motiviert – die Attentäter sind nicht organisiert – noch ein Ventil für ökonomische Unzufriedenheit ist. So ­waren unter den Attentätern der letzten zwei Wochen zum Beispiel eine Studentin aus ­Nazareth mit besten Jobchancen oder ein ­Angestellter der grössten israelischen Telefongesellschaft. Die Blutlust ist vielmehr Ausfluss der seit Jahrzehnten, nein Jahrhunderten aufgebauten Kultur des Hasses auf Nichtmuslime. In der aktuellen Terrorwelle erlebt sie wieder einmal eine Renaissance. Die Hooligans fühlen sich dem Islam verpflichtet.

Nichts symbolisiert die Vernetzung von ­Gewalt und Religion besser als der Prediger Scheich Muhammad Sallah Abu Radschab aus Gaza. In seiner Moschee forderte er neulich von der Kanzel herab die Gläubigen im Westjordanland auf, Juden mit dem Dolch anzugreifen. Während er mit schriller, aufgeregter Stimme zum Kampf aufrief, fuchtelte er mit einem langen Messer, hielt es theatralisch wirksam einmal mit der linken und dann mit der rechten Hand in die Höhe. Die «Soldaten des Propheten Mohammed in Jerusalem», lautete seine unmissverständliche Botschaft, sollen so viel Angst verbreiten, dass sich Israelis nicht mehr aus dem Haus trauen würden. Und damit alle begreifen, worum es geht, trug er ihnen auf, in den jüdischen Herzen auf den Mythos vom ­Jerusalemer Tempel einzustechen. Das sei ihre religiöse Pflicht.

Zum Dschihad werden die palästinensischen Messerstecher auch von ihrem Präsidenten Machmud Abbas angestachelt. Zwar hat er ­seine Sicherheitskräfte aufgefordert, entschlossen gegen Demonstranten vorzugehen; er befürchtet, dass eine dritte Intifada ihn und sein Regime wegfegen würde. Aber seit Monaten verbreitet er an seinem Regierungssitz in ­Ramallah die Mär, Israel wolle den Tempelberg für sich allein beanspruchen, um das ­«zionistische Projekt» voranzutreiben. Was nicht nur eine kühne, sondern auch eine ­explosive Behauptung ist. Jetzt will er bei der Unesco durchsetzen, dass die Klagemauer als «heilige muslimische Stätte» anerkannt wird. Die Klagemauer ist die frühere Westmauer des Plateaus.

Hin­gebungsvolle Killer

Der Felsendom wurde von den arabischen Eroberern Jerusalems dort gebaut, wo früher der Zweite Tempel gestanden hatte. Das Plateau mit dem Felsendom ist deshalb in beiden Religionen historisch zentral. Die Tatsache, dass ­sowohl der Islam als auch das Judentum diesen Ort in der Jerusalemer Altstadt als heilig verehren, akzeptiert Abbas nicht. Er ist, ähnlich wie die meisten Muslime, nicht bereit, den jüdischen Anspruch gleichberechtigt neben dem des Islam zu respektieren. Demgegenüber hat Israel seit 1967, als die Altstadt erobert wurde, alles darangesetzt, um dem Anspruch und den religiösen Gefühlen der Muslime ­gerecht zu werden. Die Palästinenser aber ­werfen Israel Geschichtsfälschung vor: Einen jüdischen Tempel habe es in Jerusalem nie ­ge­geben.

Mit kruden Anschuldigungen wie «Die Juden entweihen mit ihren dreckigen Füssen die Al-Aksa-Moschee» vergiftet Abbas die auch so schon spannungsgeladene Koexistenz. Mit Sprüchen wie «Jeder Tropfen [palästinen­sisches] Blut, der in Jerusalem vergossen wird, ist reines Blut» fordert er zur religiös motivierten Schlacht. Vielleicht sind diese Behauptungen sein letzter Versuch, seine tiefen Popularitätswerte bei den Palästinensern zu steigern und der radikalislamischen Hamas, die das Westjordanland übernehmen möchte, die Stirn zu bieten. Wie in vielen anderen Ländern des ­Nahen Ostens haben religiöse Strömungen auch bei den Palästinensern an Einfluss gewonnen. In den beliebten und von allen Jungen genutzten sozialen Medien wird diese von Abbas verbreitete Kampfstimmung verstärkt und mit klaren Cartoons illustriert – nein: ­gehetzt. Mit Motiven aus der Nazizeit werden Juden verteufelt und Anleitungen zum «perfekten Attentat» zum Nulltarif abgegeben: wo man zustechen oder wie man den Schaft halten soll. Ihre inspirierenden Informationen und giftigen PR-Botschaften beziehen die Teenager über ­Kanäle wie Whatsapp, Twitter und Facebook.

Palästinenser verfügen zwar über effizientere Waffen als Messer oder Schraubenzieher, wie man aus früheren Aufständen weiss. Aber von den einfachen Instrumenten erhoffen sie sich im Kampf um die öffentliche Meinung einen Vorteil. Sie präsentieren sich als Underdog, ­damit die Welt sieht, wie verzweifelt ihr Kampf gegen die Atommacht Israel ist. Die grausamen Attacken mit dem Dolch demonstrieren zudem eine kalte Gleichgültigkeit ­gegenüber individuellen Opfern – morden könnte man mit anderen Mitteln ja auch aus Distanz, ohne den ­Betroffenen in die Augen schauen zu müssen.

Vorbild der Messerstecher sind die Terroristen des Islamischen Staats (IS), insbesondere ­deren Clips, die zeigen, wie Ungläubige geköpft werden. Der IS hat zwar im Westjordanland (noch) keine Filialen. Salafi-­Gruppen gibt es aber einige. Die Liste islamischer Terrorvorbilder geht jedoch historisch weiter zurück. Die giftige Botschaft der Assassinen, die als hin­gebungsvolle Killer mit dem Dolch in der ­einen und mit dem Pass fürs Paradies in der anderen Hand auch nach Hunderten von Jahren in lebhafter Erinnerung sind, ist immer noch relevant. Die muslimischen Sektierer versuchten in der Regel nicht, ihr Attentat lebend zu überstehen. Im Gegenteil: Wenn ein Assassine bei einem Angriff nicht starb, galt das oft als Schmach.

Die ultimative Aufforderung zur Gewalt enthält aber der Koran. Im sogenannten Schwertvers findet sich der ausdrückliche Befehl, die Heiden zu töten, «wo immer ihr sie findet». Dass das von Islamisten bis in die Neuzeit ernst genommen wird, zeigt ein Zitat des ­früheren Al-Qaida-Chefs Bin Laden, in dem er sich auf die Schwertsure 9,5 bezieht. «Gelobt sei Allah, der diesen Schwertvers seinem Diener und Boten enthüllt hat, um die Wahrheit herzustellen und die Falschheit zu vernichten», lobte der Terrorfürst den Propheten vor zwölf Jahren. In modernen (wissenschaftlichen) Interpretationen wird zwar betont, dass die Aufforderung bloss in Kriegszeiten Gültigkeit habe. Das mag sein. Aber Palästinenser wähnen sich im Krieg, einen Angriff auf die Al-Aksa-Moschee abzuwehren und diese zu verteidigen. Sie können sich dabei übrigens auf Bin Laden berufen, sagte er doch, dass «Kreuzritter und Juden» von den heiligen Stätten zu entfernen seien.

Palästinenser, die mit einem Messer zustechen, wissen: Weil die israelischen Sicherheitskräfte keine Risiken eingehen, sind die Überlebenschancen der Angreifer gering. Damit wird die Attacke mit grösster Wahrscheinlichkeit zu einem Selbstmordattentat. Was sie aber nicht abschreckt. Sie wissen sich damit nämlich in bester Gesellschaft.

Alte Märtyrertradition

Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini hat Selbstmordattentate in den 1980er Jahren wieder neu aufleben lassen. Er wählte einschlägige Textpassagen aus dem ­Koran und den Hadithen, um potenzielle Selbstmordattentäter religiös zu motivieren und zu überzeugen. Er erinnerte an den alten Glauben, wonach das Selbstmordverbot im ­Islam nicht gilt, wenn sich einer für ein «heiliges Ziel» umbringt. Für die Anrufung der alten Märtyrertradition hatte Chomeini pragmatische, sogar eigennützige Gründe. Im langen und verlustreichen Krieg gegen den Irak brauchte er dringend Soldaten, die ihr Leben für den Iran opferten. Die kranke Selbstmord­ideologie sprang in der Folge auf den Libanon über, wo schiitische Milizen im Jahr 1983 zwei verheerende Attentate auf amerikanische Einrichtungen durchführten, einmal auf die US-Botschaft in Beirut mit 63 Toten und wenig später auf Unterkünfte der US-­Marines, wo 299 Menschen umkamen.

Seither gehören Selbstmordattentate weltweit schon fast zur Routine. Wo und wann immer sie verübt werden, suchen Experten nach raffinierten Erklärungen, bemühen sich, die Mo­tive zu verstehen. Mit einer Ausnahme. Greifen Palästinenser zum Mittel des Terrors, kann der Grund nur die israelische Besetzung sein. So einfach ist das.

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Alex Baur, Redaktor

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