Auf höchster Ebene

Eveline Widmer-Schlumpf hat die grösste ­Finanzplatzreform massgeblich geleitet, geformt und umgesetzt. Wird sie in der Landesregierung bleiben?

Eine Nichtwiederwahl riskiert Eveline Widmer-Schlumpf nicht. Schliesslich konnte sie berufliche Schlappen bisher vermeiden. Tritt die zähe Bündnerin nicht für eine weitere Legislaturperiode an, wird sie als Finanzministerin in die Geschichtsbücher eingehen, welche die grösste Finanzplatzreform und eine der grössten Steuerreformen der schweizerischen Eidgenossenschaft zwar nicht initiiert hat – das hat das Ausland, insbesondere Amerika, getan. Aber sie hat die Reformen massgeblich geleitet, geformt und umgesetzt. Das nehmen ihr ihre Gegner bis ans Lebensende übel. Auf der historischen Zeitachse aber wird es anders gelesen werden: Als die Finanzministerin Ende 2012 den automatischen Informationsaustausch für Steuerdaten ankündigte, kassierte die prügelerprobte Eveline Widmer-Schlumpf massive Schelte. Mitte 2015 segnete der Nationalrat das Umsetzungsgesetz ohne grosses Brimborium ab. Die Banken haben sich damit arrangiert, nicht wenige Bankenchefs wissen, dass der Druck von aussen ohne das Schaffen der wenig geschätzten Finanzministerin schlimm geendet hätte. In ein paar Jahren wird das Resultat noch viel besser interpretiert werden.

An der Grenze des Erträglichen

Eveline Widmer-Schlumpf gefällt es an der Macht. Sie gestaltet gerne mit, sie ist eine mit allen Wassern gewaschene Finanzexpertin, die auf dem internationalen Parkett mit ihren Amtskollegen auf Augenhöhe diskutieren kann. Sie und ihr deutsches Pendant Wolfgang Schäuble schätzen und respektieren sich nicht nur, sie treffen sich auch ab und zu privat. Timothy F. Geithner, US-Finanzminister von 2009 bis 2013 – den für den Schweizer Finanzplatz entscheidenden Jahren – wird Eveline Widmer-Schlumpf als hartnäckige Verhand­lerin in Erinnerung bleiben. Nicht dass die ­potente schweizerische Wirtschaftsmacht sich gegen die ungleich mächtigeren USA hätte durchsetzen können –, Geithner wird die Schweizer Finanzministerin aber als dossierfeste, taktisch kluge Finanzfachfrau in Erinnerung behalten, die ihm das Leben nicht eben einfacher machte. Was man von ihrem Vorgänger kaum behaupten kann.

Der SVP wird die Bundesrätin hingegen ­alleine als Königsmörderin in Erinnerung bleiben. Das hat sie sie spüren lassen, nicht zu knapp und acht Jahre lang. Eveline Widmer-Schlumpf hat damit gelebt. Nicht gut. Was sie zu spüren bekam, war an der Grenze des ­Erträglichen. Aber sie wusste, was auf sie zu­kommen würde. Niemand hat sie gezwungen, die Wahl zur Bundesrätin anzunehmen. Aber sie wollte es. Auch, weil sie sich dem Wahl­gremium, der eidgenössischen Bundesversammlung, verpflichtet fühlte. Vor allem aber, weil sie sich damit einer ihrer grössten Leidenschaften, nämlich dem Umgang mit komplexen Finanzgeschäften, auf höchster Ebene ­widmen konnte.

Eveline Widmer-Schlumpf wird das Wahlergebnis und damit den deutlichen Gewinn der SVP minutiös analysieren. Nicht nur, um auszurechnen, ob sie von den 246 Stimmen das ­absolute Mehr für eine Wiederwahl schaffen könnte. Das wird angesichts der noch aus­stehenden zweiten Durchgänge der Stände­ratswahlen und einiger nicht einzuschätzender neuer Parlamentsmitglieder schwierig sein. Sie wird es tun, weil auch das ein Zahlenspiel mit vielen Unbekannten ist, deren Analyse ihr Spass macht.

Die Bündnerin ist aber nicht nur machtbewusste Finanzministerin. Sie ist auch ein ausgeprägter Familienmensch. Sie hat keine ­grossen beruflichen Rückschläge hinnehmen müssen, aber einige familiäre Schicksals­schläge. Das prägt mindestens so stark wie der Wunsch, die Unternehmenssteuerreform III ins Trockene zu bringen. Eveline Widmer-Schlumpf wurde im April zum dritten Mal Grossmutter, und sie geht diesem Amt mit ebenso viel Leidenschaft, aber mit weniger ­Zeitbudget nach. Gut möglich, dass sie dieses Konto nun aufbessern will.

Esther Girsberger ist Publizistin und Dozentin. 2011 veröffentlichte Sie die Biografie «Eveline ­Widmer-Schlumpf. Die Unbeirrbare».

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Alex Baur, Redaktor

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