Böses Blut

Seit Jahren wird Elizabeth ­Holmes in den Medien kritiklos als Jungunternehmerin gefeiert, die der ­Medizin zum nächsten Durchbruch verhelfen könnte. Jetzt werden erstmals Zweifel an den Labortests der amerikanischen Selfmade-Milliardärin laut.

Elizabeth Holmes zählt selbst in der an Erfolgsgeschichten reichen amerikanischen Hightech-Szene zu den erstaunlichsten Figuren. In wenigen Jahren hat sie im Silicon Valley nicht nur ein kleines Imperium aufgebaut. Die 31-Jährige droht damit in eine etablierte, abgeschottete und lukrative 75-Milliarden-Dollar-Branche einzudringen. Forsch und zielstrebig eilte die Jungunternehmerin von Erfolg zu Erfolg. Sie wurde als Frau gefeiert, die der Medizin zum nächsten Durchbruch verhelfen könnte. Bis vor kurzem.

Prominente Verwaltungsräte

Obwohl noch unerfahren und ohne Leistungsausweis, konnte sie Amerikas Prominenz für den Verwaltungsrat ihres Unternehmens gewinnen. Dazu gehören Leute wie Henry Kissinger oder George P. Shultz. Dass das Durchschnittsalter der Verwaltungsräte mit achtzig Jahren auffallend hoch ist, störte die Investoren nicht. Sie waren begeistert von der intelligenten, ehrgeizigen, cleveren und — ja — auch schönen Unternehmerin, die wusste, was sie wollte, und sie überwiesen deren Start-up ­Theranos gleich mal 400 Millionen Dollar. ­Euphorisch hiessen auch die Anleger Holmes willkommen. Die Börse bewertet ihre Firma, die sie erst vor zehn Jahren gegründet hat, inzwischen mit neun Milliarden Dollar. Davon besitzt Holmes mehr als die Hälfte. Für Forbes war deshalb klar: Sie ist «die jüngste weibliche Selfmade-Milliardärin der Welt».

Im Stil von Steve Jobs

Ihr Geschäft ist der Saft, den sie am wenigsten mag: Blut. Sie habe ein Verfahren ent­wickelt, mit dem Bluttests schneller, einfacher, billiger und schmerzloser als bisher möglich seien, preist sie ihre Innovation. Statt das Blut aus den Venen zu ziehen, ermögliche es ihre Erfindung, mit einem harmlosen Stich in den Finger einen Tropfen Blut zu gewinnen und damit sehr viele Tests durchzuführen. «Denn wissen Sie», pflegt sie ihrem Publikum anekdotisch zu erzählen, «seit meiner Kindheit ­habe ich eine schreckliche Angst vor diesen Nadeln, die bei der Blutentnahme angesetzt werden.» Das sei aus ­ihrer Sicht mit Folter vergleichbar. Deshalb habe sie sich entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Wenn die Leute keine Angst mehr vor der Blutentnahme hätten, würden sie sich häufiger untersuchen lassen und damit für ihre Gesundheit sorgen.

Wer «Elizabeth Holmes» googelt, kann die unkritische Begeisterung nachlesen, die den Aufstieg der Unternehmerin begleitet, vielleicht sogar ermöglicht hat, weil zu jedem erfolgreichen Start-up ein Medienhype gehört. Das aufstrebende Genie mit dem Engelsgesicht, das die Welt verbessern will – welcher Reporter wagte es da noch, skeptische Fragen zu stellen? Die Financial Times nannte sie eine von Amerikas «erfolgreichsten Unternehmerinnen». Qualitätsblätter wie The New Yorker und Forbes widmeten ihr seitenlange Jubelgeschichten und beschrieben ausführlich, ja voller Dankbarkeit, wie sie mit ihrer Innova­tion die Medizin revolutioniere. Immer wieder wurde auch ihr Charakter gerühmt: Work­aholic, ledig und ungebunden, Veganerin, mit einer bescheidenen Zweizimmerwohnung in Palo ­Alto — das sind die häufigsten Begriffe, die in den Artikeln erwähnt werden. ­Sie sei eine Frau, die keine Zeit habe, Bücher zu lesen, ohne Fern­seher lebe, nur an die Arbeit denke und ausschliesslich das Wohl der Menschheit im Auge habe. Als ob sie Steve Jobs nacheifern wollte, hiess es immer wieder, zeige sie sich gerne im schwarzen Rollkragenpullover.

Jetzt aber steht sie im Sperrfeuer der Kritik. Schuld daran ist eine Recherche des Wall Street Journal. Deren Reporter John Carreyrou warf ihr am 15. Oktober vor, das Publikum, vielleicht sogar Regierungsbeamte bewusst in die Irre geführt zu haben. Was die Schnellstarterin versprochen habe, habe sie nicht gehalten, schrieb der Reporter, der in diesem Jahr für seine Recherchen im Gesundheitssektor mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.

Seine Vorwürfe sind happig. Theranos habe nur einen kleinen Teil der Bluttests mit den von Holmes entwickelten Laborinstrumenten durchgeführt. Im Dezember sei das firmen­eigene System zum Beispiel lediglich fünfzehnmal eingesetzt worden. In neunzig Prozent der Tests kamen folglich externe Apparate zur Anwendung.

Das habe seine guten Gründe, so das Wall Street Journal: Die Resultate der Blutproben mit den von Holmes entwickelten Geräten seien nämlich «unpräzis». Theranos habe bisher nie öffentlich gesagt, dass sie die Mehrheit der Tests «mit traditionellen Maschinen durchführt, die sie von Unternehmen wie Siemens kauft», schreibt Carreyrou. Sollte das zutreffen, würde es sich um eine Irreführung von ­Patienten, Investoren und Anlegern handeln.

Statt wie bisher vor staunendem Publikum von ihren Erfolgen zu erzählen, sieht sie sich angegriffen. «Wenn ein Silicon-Valley-Hype die Wirklichkeit übertrifft», hiess es diese ­Woche zum Beispiel in der Los Angeles Times. In der New York Times, wo sie noch am 14. Oktober als eine der fünf visionären Hightech-Unternehmerinnen gelobt wurde, «die die Welt ­verändern», heisst es online nun kleinlaut und relativierend: «Nachdem das Porträt publiziert worden war, gab es im Zusammenhang mit Theranos neue Entwicklungen.»

Unterschiedliche Resultate

Wer im Streit «Wall Street Journal vs. Holmes» recht hat, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Ein Rechtsanwalt der Firma räumt zwar ein, dass die Firma noch nicht alle Tests in den ­eigenen Maschinen durchführe. Aber das sei das Ziel, und es werde bestimmt erreicht. Holmes indessen lässt die Vorwürfe nicht auf sich sitzen. Der Bericht enthalte «faktische und wissenschaftliche Fehler». Der Rechercheur habe zudem «mehr als tausend Seiten von Aussagen und Dokumenten» ignoriert, die ihm die Firma zur Verfügung gestellt hatte. In einem Interview mit dem TV-Sender CNBC stellte sich Holmes als Opfer dar. So ergehe es jenen, die die Welt verbessern wollten, sagte sie: «Zuerst glauben sie, du seist verrückt, dann bekämpfen sie dich, und dann veränderst du plötzlich die Welt.» Zudem sei ihr klar, dass die Konkurrenz — immerhin Firmen wie Quest Diagnostics und ­Laboratory Cor­poration of America — Carreyrou bewusst mit falschen Informationen versorgt habe. Denn aufgrund ihrer Innovation würden die Profite der Branche deutlich fallen.

Inzwischen melden sich aber auch Kritiker zu Wort, die bisher geschwiegen haben, zum Beispiel der ehemalige Apple-Spitzenmann Jean-Louis Gassée im Wirtschaftsmagazin Fortune. Er habe sein Blut bei Theranos und bei der Universität Stanford testen lassen. Die ­Resultate von Theranos seien mehrfach signi­fikant anders ausgefallen als in den Labors von Stanford. Das machte ihn neugierig. Also liess er sein Blut am nächsten Tag wieder von Theranos testen. Zu seinem Erstaunen wich das ­Resultat stark von demjenigen des Vortags ab. Ein Brief an Holmes, in dem er um Auf­klärung bat, sei unbeantwortet geblieben.

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Alex Baur, Redaktor

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