«Ach Gott, war ich folgsam»

Er spricht gern von «uns Schweizern» und hat als Einziger die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse geleitet. Doch Schweizer ist Oswald Grübel nie geworden: «Man wird kein anderer mit einem anderen Pass.» 

Es ist nicht nur der thüringische Akzent, in dem Oswald Grübel immer wieder mal gerne von «uns Schweizern» redet. Irritierend sind vielmehr seine Art und sein Auftreten, die so gar nicht schweizerisch konziliant sind und eher an schlimme Klischees vom hemdsärmeligen, ruppigen Deutschen erinnern: direkt, unverblümt bis unverschämt, permanent missmutig und mit jener Art von verletzendem Witz, dem Nichtdeutsche wenig Komisches abgewinnen können.

Hat denn gar nichts Schweizerisches auf Grübel abgefärbt in den mehr als vierzig Jahren, die der 71-Jährige schon hier lebt? Viele Jahre war er zudem nicht irgendeiner der zigtausende deutscher Arbeitnehmer zwischen Lidl, SBB und ETH. Wenn man akzeptiert, dass der Bankensektor einen entscheidenden Teil der schweizerischen DNA ausmacht und dass die beiden Spitzenbanken UBS und Credit Suisse diesen Sektor gleichsam symbolträchtig repräsentieren, dann war Grübel ja einmal so etwas wie ein veritabler Mister Switzerland.

Denn er hat beide Institute als Konzernchef geleitet, eine Leistung, die ausser ihm keinem anderen gelungen ist. Keinem Schweizer und auch keinem Ausländer. «Mich hat man immer erst dann zum CEO gemacht, wenn es kein Schweizer mehr machen wollte», sagt Grübel mit einem Anflug von Selbstironie, die in der Schweiz freilich oft als Angeberei missverstanden wird. Selbst würde er das sicher nicht so ­salopp formulieren, aber man holte ihn, damit er den Karren aus dem Dreck zog.

Banker, nicht Bankier

Grübel spricht von sich selbst als einem Banker, nicht von einem Bankier. Böse Wortspiele vom «Bankster als einem Gangster in Nadelstreifen» perlen ohnehin an ihm ab. Finanzkrise? Bankenrettung mit Steuergeldern? Wahnsinns-Boni? Weder er selbst noch die Branche hätten sich etwas vorzuwerfen. «Hätte man die Banken untergehen lassen, wäre es noch teurer geworden», wirft er schnippisch ein. Und überhaupt: «Risiko gibt es immer. Ohne Risiko gibt es kein Wirtschaftswachstum.» Und vor allem: «Ohne Risiko würden wir alle vor Langeweile sterben.» Noch im ­Ruhestand erweist sich ausgerechnet dieser mürrische Deutsche als leidenschaftlichster Verteidiger des alten Schweizer Finanzplatzes.

Langweilig war es Grübel nie, vielleicht gerade deshalb, weil er ein Banker und kein Bankier war. «Ein Bankier ist jemand, der eine Bank besitzt», erläutert er den Unterschied. Ein Banker ist ein Angestellter. Das war Grübel sein ganzes Leben lang. Er gehört zu einer aussterbenden Generation von Finanzleuten, die ihren Beruf wie ein Gewerbe von der Pike auf, von ganz unten, erlernt haben: als Lehrling mit 130 Mark Monatslohn bei der Deutschen Bank in Mannheim, zu einem der mächtigsten Bankvorstände der Welt gebracht hat.

Sein Grossvater hatte ihn überredet, bei ­einer Bank anzuheuern. Grübel selbst wollte lieber Ingenieur werden und Maschinen ­bauen. «Ich war im Rechnen gut, aber auch im technischen Zeichnen», erinnert er sich. «Aber mein Grossvater bestand auf einer Bankenlehre. ‹Da kannste Geld verdienen, weil die immer Geld haben›, war sein ständiger Spruch.»

Bei den Grosseltern wuchs Grübel auf, weil er schon früh seine Eltern verloren hatte. Geboren wurde er 1943 in Ilmenau, ziemlich genau in der geografischen Mitte Deutschlands. Seine Mutter starb bereits ein halbes Jahr nach seiner Geburt, der Vater fiel wenig später an der Westfront. «Danach durfte mich jeder mal haben», spottet Grübel sarkastisch über seine Kinder- und Jugendjahre. Obwohl er dafür seinen Ingenieurstraum aufgeben musste, beugte er sich doch dem Willen seines Grossvaters: «Ach Gott, war ich folgsam.» Bereut hat er die Entscheidung allerdings nie.

Das Leben eines Zweigstellenleiters in einer Kleinstadt war es freilich nie, was ihn an seinem Beruf gefiel. «Mich faszinierte, dass das Bankenwesen weltweit operierte», sagt er. Gleich am Anfang steckte man den jungen Mann in die Auslandsabteilung. Dort ging es unter anderem um Schiffsfinanzierungen, und Grübel korrespondierte mit Kollegen, Reedern und Unternehmern in der ganzen Welt. Schon damals ging es dabei nicht immer mit rechten Dingen zu: «Die Leute versuchten, dich zu bestechen», erinnert er sich. Und damals wie heute «fiel man auf, wenn man das Angebot ablehnte».

Abgesehen von menschlichen Schwächen allerdings hat sich das Bankwesen während Grübels Lebenszeit derart umfassend verändert, dass ein grosser alter Banker wie Hermann Josef Abs, der zu Grübels Lehrjahren der legendäre Vorstandssprecher der Deutschen Bank war, das Geschäft heute vermutlich nicht wieder­erkennen würde. Vor allem hat sich das Business in atemberaubender Weise beschleunigt. «Früher hatten Sie drei, vier Wochen, um aus einem Geschäft wieder auszusteigen. Heute ­haben Sie drei, vier Sekunden», rechnet Grübel vor. Er selbst findet das gut, aber er weiss: «Das überfordert viele, und ausserdem wird das ­System von einigen missbraucht.»

«Das Volk wunderte sich»

Letzteres hat der Banker am eigenen Leib verspürt. Es war während seiner Amtszeit an der Spitze der UBS, als im Herbst 2011 der Skandal um den Trader Kweku Adoboli die ­Finanzplätze London und Zürich erschütterte. Der Händler hatte seiner Bank mit betrügerischen Spekulationen einen Verlust in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar verursacht. Es war der grösste Finanz­betrug der britischen Wirtschaftsgeschichte. Am 15. September wurde Adoboli in Zürich verhaftet, neun Tage später trat Grübel in Zürich als CEO zurück. Als Chef hatte er es für selbstverständlich gehalten, dass er die Veranwortung übernahm. Dass dies in weiten Kreisen als fast schon bizarr altmodisch angesehen wurde, sagte viel aus über den Wertewandel in der ­Bankenwelt.

Wie sieht er seinen Schritt heute? Bei dem Thema wird der redselige Grübel wortkarg. Nein, er habe seinen Rücktritt nie bereut, gibt er zu. «So ein Schritt ist auch einfacher, wenn man am Ende seiner Karriere ist. Wir wissen doch alle in etwa, wie lange wir noch zu leben haben, und ab einem gewissen Alter kriegt Zeit eine andere Bedeutung. Sie wird wichtiger als Geld.»

Wie sieht er, der Pensionär, die Zukunft der Branche? Entspannt, um es in einem Wort zusammenzufassen. Sicher, die Staaten würden vor dem Hintergrund der Krise das Regulierungskorsett enger schnüren. Aber das habe es schon früher gegeben: «Das Leben, und das gilt auch für die Banken, verläuft in Zyklen», meint Grübel abgeklärt. Und selbstverständlich würde der Staat auch in Zukunft Banken retten und nicht vor die Hunde gehen lassen. Warum? Der Grund ist simpel: «Weil viele Wähler Konten haben», sagt Grübel und lacht trocken.

Natürlich ist ihm nicht verborgen geblieben, dass sich der Ruf der Banken und ihrer Mit­arbeiter spätestens seit der Weltfinanzkrise von 2008 deutlich verschlechtert hat. Nach seiner Meinung setzte der Reputationsverlust allerdings schon früher, vor fünfzehn, zwanzig Jahren ein. Der Grund seien weniger die hohen ­Gehälter und die noch höheren Sondervergütungen per se gewesen, sondern die neue Vorschrift, diese Zahlungen zu veröffentlichen. «Das Volk», sagt Grübel und deutet mit den Fingern Anführungszeichen in der Luft an, «das Volk wunderte sich, wieso ein Mensch in einem Jahr so viel verdienen konnte wie ein Normalsterblicher in einem ganzen Leben.» Um die hohen Gehälter zu verteidigen, hätten die Banken daraufhin hervorgehoben, wie wichtig ihre Spitzenkräfte seien. «Das waren sie aber gar nicht, und damit wurde die Enttäuschung über die Eliten noch grösser.»

Für Grübel ist Geld nichts Schlechtes. Sähe er das anders, wäre er weder in die Bankenbranche noch in die Schweiz gegangen. «Die boten dreimal so viel Gehalt, wie ich in Deutschland machte», begründet er seine Entscheidung, 1970 zur Credit Suisse zu wechseln. Mindestens ebenso wichtig war allerdings, dass die Banken in Zürich damals frischer, dynamischer und zupackender waren als jeder andere Finanzplatz in Europa. Das traf auch auf London zu, ja sogar ganz besonders auf London, wie Grübel sich ­erinnert. «London war so verstaubt, das einzige internationale Geschäft dort war die Arbitrage beim Goldhandel zwischen Johannesburg und New York.»

Er hatte sich immer wohl gefühlt in der Schweiz, beteuert er: «Der Lebensstandard, die Umwelt, die Natur. Ich lebe nicht gerne in gros­sen Städten.» Andererseits habe man ihn auch nie spüren lassen, dass er Deutscher ist. Und es überdies noch immer ist: Er habe nie das Bedürfnis gehabt, sich einbürgern zu lassen, meint der Mann, der jahrelang wie kein anderer den Schweizer Finanzplatz verkörperte. Er habe sich stets als Gast gefühlt, der nicht dieselben Rechte haben müsse wie die Einheimischen.

Wissen, wer man ist

Wirklich nicht? Er hat den grössten Teil seines Lebens in der Eidgenossenschaft gelebt und ­gearbeitet, er hat zwei schweizerische Institutionen aus potenziell existenzbedrohenden Krisen befreit und vorbildlich geführt, er hat Verantwortung übernommen, wie man es ­eigentlich nur aus eidgenössischen Staatsbürgerkunde-Schriften kennt, und er rechnet sich im Gespräch und in seinen Kolumnen immer wieder zu «uns Schweizern». Und da soll er mit dem Status eines Gastes zufrieden sein?

Grübel blickt versonnen zum Fenster hinaus und überlegt lange. «Wenn man mir einen Schweizer Pass geben würde», murmelt er schliesslich, «würde ich ihn nehmen.» Doch schon im nächsten Satz relativiert er diese Zu­sage: «Mit einem anderen Pass wird man kein anderer, man bleibt, wer man ist. Und ich brauche keinen Test, um zu wissen, wer ich bin.» Mit anderen Worten: So schweizerisch kann ­eigentlich nur ein vorbildlicher Deutscher sein – auch wenn er mit Thüringer Akzent redet.

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Alex Baur, Redaktor

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