Pathologische Wissenschaft

In der Klimapolitik stützen sich die Grünen gerne auf wissenschaftliche Erkenntnisse ab. Wären sie doch bei der Gentechnik oder Kernenergie ebenso forschungsbeflissen.

Irving Langmuir, Nobelpreisträger für Chemie von 1932, prägte den Begriff «patholo­gische Wissenschaft» für Felder, in denen Ideologien oder Werturteile schnell überhand-nehmen. Zum Beispiel, weil sie schwer beobachtbare Objekte betreffen oder weil die Fallzahlen so gering sind, dass es an statistischer ­Signifikanz mangelt. Dieses Problem stellt sich bei Grenzwerten für Schadstoffe ­aller Art, wo es zwar möglich ist, potenzielle Schad­stoffe in kleinsten Dosen nachzuweisen, aber die Beziehung von Ursache (steigende Dosis) und Wirkung (Risiken) völlig offenbleiben muss. Die Relevanz für die menschliche ­Gesundheit bleibt eine Glaubensfrage.

Entgegen der Praxis «Die Dosis macht das Gift» wird eine nichtlineare ­Reaktion angenommen, im Extremfall sogar eine U-förmige Reaktionskurve: Schon kleinste Mengen entfalten eine grosse Wirkung, die dann bei steigender Dosis nachlässt, bevor sie wieder ansteigt. ­Pathologische Wissen-schaft ist nicht absichtlich betrügerisch und auch nicht rein ideologisch-politisch gesteuert wie etwa die Rassentheorien der Nazis oder wie Lyssenkos ­Anti-Darwinismus unter Stalin.

In der Klimaforschung liegen überzeugende Beweise vor, dass der menschengemachte CO2-Ausstoss gewaltig ansteigt und klima­relevant ist, ja sogar in Richtung einer globalen Erwärmung wirkt. Aber exakt vorzugeben, wie viel CO2 bis wann eingespart werden muss, um die Erd­erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, ist pathologische Wissenschaft. Trotzdem ist es legitim, zu fordern, die CO2-Emissionen langfristig und ­international koordiniert zu reduzieren, weil hier ein wissenschaftlicher Konsens über die Klimaerwärmung per se besteht. Ein schweizerischer oder gar kantonaler Alleingang im Eiltempo ist aber eher ein Schuss in den eigenen Kopf als in den Fuss.

Opportunistisches Verhalten

Im Bereich Biotechnologie ist der wissenschaftliche Konsens im Vergleich zum Klima eindeutig stärker und breiter. Ein italienisches Forscherteam untersuchte 2013 insgesamt 1700 Studien zu den Risiken gentechnisch veränderter Organismen (GVO) und konnte keinen ein­zigen signifikanten Risikofaktor entdecken. Weder die menschliche noch die tierische ­Gesundheit werden gefährdet, noch gibt es öko­logische Nachteile, im Gegenteil. Ronald Bailey erläutert in seinem lesenswerten Buch «The End of Doom» alle wissenschaftlichen Studien zur Gentechnik und ­findet keine se­riöse Infragestellung der Biotechnologie. Nun gibt es aber auch hier ein paar pathologische Wissenschaftler, aber mehr noch ideologi­sierte, die sich in unserer modernen Gesellschaft leicht ­Gehör zu verschaffen vermögen. Der wohl berühmteste Beitrag stammt vom Franzosen ­Gilles-Éric Séralini, wurde aber im November 2013 vom selben Journal, das ihn ursprünglich publiziert hatte, als äusserst fehlerhaft («badly ­flawed») bezeichnet und zurückgezogen. Trotzdem bringen andere Nicht-peer rev­iewed-Journale die Sache wieder aufs Tapet. Tragisch ist hierbei, dass keine andere Forschungsrichtung je zuvor aus dem Vorsichtsprinzip heraus so eng reguliert und so kritisch überprüft ­worden ist.

Während sich Grüne gerne auf die offizielle Klima­forschung abstützen und Kritiker als «Leugner» bezeichnen, bleiben sie von der noch viel stärkeren Einigkeit im Sektor Gentechnik unbeeindruckt. Aus ­ihren Reihen hat sich die Gruppe «European Network of Scientists for ­Social and Environmental Re­sponsibility» formiert, die den Konsens in Frage zu stellen versucht. Bis jetzt haben weniger als 300 Wissenschaftler unterschrieben, die meisten von ihnen sind als bekennende Aktivisten gegen landwirtschaftliche Biotechnologie ­alt­bekannt.

Eine ähnliche Situation haben wir bei den ­Risiken der friedlichen Nutzung von Kern­energie. Die Wissenschaft hat den empirisch gutabgestützten Nachweis erbracht, dass die Risiken für Mensch und Umwelt im Vergleich zu Kohle, Erdöl und Erdgas extrem ­gering sind. Aber auch hier behaupten Grüne munter das Gegenteil, obwohl ihre Vorfahren einst als Landschaftsschützer die Kernenergie in der Schweiz befürwortet haben.

Also: Wie verhalten sich die Grünen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen? Offenbar rein opportunistisch. Beim Klima passt der Konsens, bei Biotechnologie- und Nuklearrisiken nicht. Das sollte den Sympathisanten zu denken geben, aber mehr noch den Forschenden, die sich für solchen Verrat an der Wissenschaft nicht zu schade sind und etwa als ETH-­Pro­fessoren ein rein schweizerisches Verbot von Elektro- und Ölheizungen verlangen.

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Alex Baur, Redaktor

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