Die fatalen Folgen eines Fehltritts

Der sogenannte Zuger Sexskandal bewegte die Schweiz. Die Grün-Alternative Jolanda Spiess-Hegglin warf dem SVP-Mann Markus Hürlimann vor, sie geschändet zu haben. Nun ist das Verfahren eingestellt worden. Der Weltwoche liegen die Ermittlungsakten vor. Sie zeigen, wie die linke Frau den rechten Mann planmässig falsch beschuldigte. Die Medien leisteten Schützenhilfe.

Urteilspublikation zu Gunsten von Jolanda Spiess-Hegglin

 

Mit Urteil vom 18. Juni 2019 hat das Obergericht des Kantons Zürich Philipp Gut wegen übler Nachrede zum Nachteil von Jolanda Spiess-Hegglin verurteilt. Das Gericht stellte fest, dass der von Philipp Gut in der Zeitschrift Weltwoche Nr. 39.15, erschienen am 24. September 2015, publizierte Artikel, für den die Weltwoche Verlags AG verantwortlich ist, mit dem Titel «Die fatalen Folgen eines Fehltritts» die Ehre von Jolanda Spiess-Hegglin verletzt, namentlich soweit Philipp Gut darin ausführt, Jolanda Spiess-Hegglin habe Markus Hürlimann planmässig und wissentlich falsch beschuldigt und wiederholt gelogen. Weiter stellte das Gericht fest, dass Philipp Gut weder den Wahrheitsbeweis für die ehrverletzenden Äusserungen erbrachte noch beweisen konnte, dass er ernsthafte Gründe hatte, seine Äusserungen in guten Treuen für wahr zu halten.

 

 

Der «Zuger Sexskandal» hat seit Weihnachten Hunderte von Schlagzeilen provoziert, mehr als jede andere Polit-Affäre im selben Zeitraum. Die halbe Schweiz sprach darüber, sogar internationale Medien berichteten. Der böse Verdacht: Ein rechter Politiker habe an einer öffentlichen Veranstaltung eine linke Kollegin mit K.-o.-Tropfen betäubt und sie in diesem willen- und wehrlosen Zustand vergewaltigt und sexuell missbraucht. «Schändung» heisst der entsprechende Straftatbestand. Sofort tauchten auch die Namen des angeblichen ­Täters und des vermeintlichen Opfers in den Zeitungsspalten auf: Markus Hürlimann, ­Präsident und Kantonsrat der Zuger SVP, und ­Jolanda Spiess-Hegglin, Kantonsrätin der Grün-Alternativen.

Der Blick brachte die beiden am 24. Dezember 2014 gross im Bild, den mutmasslichen ­Täter noch etwas grösser. «Gestern verhaftet», stand darunter. Der unbescholtene Politiker sah sich buchstäblich über Nacht dem öffentlich verbreiteten Verdacht ausgesetzt, eine schwerkriminelle Tat begangen zu haben. Über Wochen und Monate blieben die Vor­würfe stehen, ­Jolanda Spiess-Hegglin ventilierte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die Medien nahmen das Angebot dankbar auf. Die Version «Schändung» hinterfragten sie kaum, obwohl bald einmal auffallen musste, dass etwas an ­dieser Geschichte faul war. Die Weltwoche war das einzige Blatt, das die schlagzeilenträchtige ­Darstellung frühzeitig an­zweifelte («Jolanda Spiess-Hegglins Opfer­theater», Nr. 1/15).

 

Verheiratete Politiker: Sex «nicht strafbar»

 

Dennoch ging die Kampagne weiter. Unter dem öffentlichen Druck und demjenigen seiner Partei gab Markus Hürlimann seinen Präsidentenposten ab, seine Karriere wurde zerstört, sein Ansehen ist beschädigt. Doch nun, nach gut acht Monaten Untersuchung, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. In der Einstellungsverfügung vom 27. August heisst es, der Tatbestand scheitere «endgültig». Träfe der Vorwurf der Schändung gemäss Art. 191 StGB zu, hätte das Opfer widerstandsunfähig sein müssen – und der Täter hätte das wissen, also vorsätzlich handeln müssen. Dies sei hier aber nicht der Fall gewesen. Eine ­sexuelle Handlung an und für sich sei straffrei, «auch wenn diese zwischen zwei verheirateten Politikern anlässlich eines öffentlichen Anlasses stattgefunden hat». Mit andern Worten: Es mag eine persönliche Entgleisung vorliegen, die man als geschmacklos oder dumm emp­finden kann, aber keine kriminelle Tat. Die ­umfangreichen Befragungen und diversen ­gerichtsmedizinischen Untersuchungen förderten keine Anzeichen für eine Betäubung und Widerstandsunfähigkeit von Jolanda Spiess-Hegglin zutage. Markus Hürlimann ist vollständig rehabilitiert.

Aufgrund der Untersuchungsakten und Zeugenaussagen, in welche die Weltwoche Einblick hatte, lässt sich der Ablauf der ominösen Landammannfeier vom 20. Dezember 2014 präzis nachzeichnen, ebenso das weitere Vorgehen von Spiess-Hegglin. Wie in einem Krimi kann man verfolgen, wie sie den falschen Verdacht produzierte und in die Welt setzte.

Doch der Fall und dessen Darstellung in den Medien steht für mehr: Man kann ihn als Ausdruck eines Zeitgeists lesen, indem sich ­Frauen – zumal linke – offenbar alles erlauben können. Jolanda Spiess-Hegglin konnte sich, auch als die Fakten immer deutlicher gegen sie sprachen, ungeniert als «Opfer» präsentieren, selbst wenn sie dabei wiederholt zu Lügen ­Zuflucht nahm. Dass sie dabei den echten ­Opfern von Sexualstraftaten massiv Schaden zufügte, nahm sie zur Rettung der eigenen Haut in Kauf.

 

«Den ganzen Abend zusammen»

 

Aber der Reihe nach. Markus Hürlimann und Jolanda Spiess-Hegglin begegneten sich an ­jenem Samstag, den 20. Dezember, auf einem der zwei vertäuten Schiffe an der Feier. Laut Polizeibericht blieben die beiden «den ganzen Abend zusammen. Sie waren so in Gespräche vertieft, dass sie das weitere Essen ausliessen.» Später seien sie gemeinsam zum Bug gegangen, wo getanzt wurde. Doch die Turteltauben «tanzten nicht, sie waren auf sich selbst fokussiert». Dabei tranken sie regelmässig. Auf ­Fotos sind sie stets lächelnd und mit einem Glas in der Hand zu sehen.

Um 23.15 Uhr war die offizielle Feier vorbei. Die Gäste verliessen die «MS Rigi» – mit Ausnahme eines Paars: Jolanda Spiess-Hegglin und Markus Hürlimann. Remo Hegglin vom Organisationskomitee fand die beiden gegen 24 Uhr «alleine» im vorderen Raum des Schiffs. Die Zuger Welt ist eine kleine Welt: ­Remo Hegglin ist der Götti eines der drei Kinder von Spiess-Hegglin und ein Freund ihres Ehemanns. Er fragte sie, ob sie auch noch eine Station weiterkämen, was sie bejahten.

Im nahegelegenen Restaurant «Schiff» ­wurde das feuchtfröhliche Fest fortgesetzt. Hürlimann sagte später aus, sie hätten beide «recht gebechert». Spiess-Hegglin gab zu Protokoll, sie habe ein halbes Bier, drei Gläser Wein und einen Gin Tonic getrunken.

 

«Seid ihr ein Paar?»

 

Die Untersuchungsbehörden haben rund zwanzig Zeugen befragt. Kein einziger von ­ihnen machte eine belastende Aussage. Im ­Gegenteil: Die Anwesenden betonten das ­offenkundige Techtelmechtel zwischen der Grün-Alternativen und dem SVP-Mann. All­gemein ging man davon aus, die Annäherung erfolge einvernehmlich.

CVP-Kantonsrat Thiemo Hächler sagte aus, dass die beiden einen «sehr vertrauten, glücklichen und zufriedenen Eindruck» machten. Er habe sie gefragt, ob sie ein Paar seien. Sie hätten gelacht und gesagt, bisher nicht. Dabei sei die Initiative eher von der Frau ausgegangen. Diese habe ihre Hand auf Hürlimanns Bein und unter den Blazer auf seinen Bauch gelegt. Es sei «grosse Lust und Zuneigung erkennbar» gewesen.

Anna Bieri, die wie Hächler für die CVP im Kantonsrat sitzt, stellte fest, Hürlimann und Spiess-Hegglin seien sich «auffällig nah» gewesen und seien deshalb «praktisch bei allen Anwesenden zum Thema geworden». So gegen 01.00 Uhr seien sie nach oben gegangen, einige hätten «Gute Nacht» hinterhergerufen. Bieri eilte den beiden nach. Auf einem Zwischenboden hätten sie sich geküsst. Der CVP-Frau gefiel das gar nicht: «Ich habe dann beiden eine Moralpredigt gehalten.» Sie seien ansprechbar gewesen, aber «sehr alkoholisiert». Bieris Fazit: «Ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendjemand gezwungen wurde, etwas zu tun, was er nicht wollte. Hätte ich dieses ­Gefühl gehabt, dann wäre ich nicht weg­gegangen.»

Ähnliche Aussagen machten auch die anderen Zeugen. Sogar Remo Hegglin sagte: «Ich war sicher, dass sie nicht in Gefahr war, sonst hätte ich eingegriffen.» Hätte er später nachgeschaut, so seine Vermutung aufgrund der Vorgeschichte, dann würde er «Markus und Jolanda» wohl «mitten im Akt» erwischt ­haben.

Unten an der Bar war diese Liebelei natürlich der grosse Gesprächsstoff. Einige waren so neugierig, dass sie dem Paar nachstiegen. Trotz der Strafpredigt von CVP-Frau Bieri liessen Spiess-Hegglin und Hürlimann nicht voneinander ab. Sie zogen sich in die «Captains Lounge» im zweiten Stock zurück. Hächler und dessen Parteikollegin Christine Blättler folgten den beiden und öffneten die Tür zur Lounge. «Dort sah ich die Kleider am ­Boden liegen und schloss die Tür sofort wieder», gab die CVP-Kantonsrätin zu Protokoll. Sie ­habe weder etwas gesehen noch gehört, ­habe sich aber «zusammengereimt, was die beiden tun». Auch Blättler sagte, sie habe nie den Eindruck bekommen, dass Spiess-Hegglin «etwas getan hat, was sie zu jenem Zeitpunkt nicht wollte».

Augenzeuge Hächler, der ebenfalls einen Blick in das Zimmer warf, meinte: «Ich sah ganz ­sicher mehrere Schuhe, Jacken, ich habe das Gefühl, es hatte auch kleinere Wäscheteile. Ich habe zu diesem Zeitpunkt keine von beiden Personen gesehen, und es ist mir auch auf­gefallen, dass ich explizit keine Geräusche ­gehört habe. Für mich und Christine [Blättler, die Red.] war als Folge von dem Gesehenen [den Kleidern] klar, was da lief.»

 

«Wir haben es nun verbockt»

 

Spiess-Hegglin selbst machte nachträglich ­einen «Filmriss» für den Zeitraum von Mitternacht bis am nächsten Morgen geltend, sie könne sich an nichts mehr erinnern. Bei der Befragung machte sie aber Ausnahmen: «Mir kam ein einziges Bild in den Sinn, es gab einen Knall, es ‹klöpfte› laut. Ich bin davon erwacht, sah Neonröhren über mir und zwei Männer. Zwischendurch hatte ich wie einen Blitz, dass es krachte, ein Tisch ist umgefallen, um­gekippt. Ich bin heruntergefallen, vielleicht von diesem Tisch. Vor mir ist Markus Hürlimann mit entblösstem, erigiertem Penis. Ich glaube auch, dass er unten die Hosen anhatte. Ich sah noch einen Mann, Thomas Wyss, und er ­grinste, er stand rechts von ihm.»

Dieser Wyss ist jener «dritte Mann», von dem die Weltwoche bereits in der Recherche von Anfang Januar berichtete. Er ist ebenfalls ­Kantonsrat und gehört wie Hürlimann der Schweizerischen Volkspartei an. Auch gegen ihn ­förderten die Ermittler kein belastendes ­Material zutage.

Markus Hürlimann seinerseits bestätigt den kleinen Unfall, der bei ihm und Spiess-Hegglin zu gewissen Blessuren führte: «Ich habe ­eine Erinnerung, dass ich über helle Tische oder eine Kante gefallen bin.» Er habe eine Wunde am ­Rücken und am Ohr und habe am linken Knie Schürfungen erlitten. An einen Akt selbst habe er «überhaupt keine Erinnerung», er wisse es nicht. Er wisse aber noch, «dass ich Jolanda gesehen habe, wie sie unten nichts getragen hat. Ich habe eine Erinnerung, wie Licht angeht, wie jemand uns überrascht hat und wir erwischt wurden.» Spiess-Hegglin habe darauf gesagt: «Jeder weiss es, wir haben es nun verbockt, und alle haben uns gesehen.» In der Tat wusste bald das ganze Zuger ­Polit-Establishment, dass sich der SVP-Mann und die Grün-Alternative zu intimen Handlungen in die «Captains Lounge» zurückgezogen hatten.

Ob es zu Geschlechtsverkehr gekommen ist, konnten auch die gerichtsmedizinischen ­Gutachten nicht klären. Hürlimann glaubt sich jedoch zu erinnern, «dass es zum körperlichen Kontakt kam», er könne sich vorstellen, dass seine Hände den Schambereich berührt hätten.

An der Bar im Parterre zerrissen sich die Kollegen derweil die Mäuler und machten Witze über das buntscheckige Paar, das sich oben amüsierte. Kurz vor 01.30 Uhr verliessen die Gäste das Lokal. Ungefähr «10 bis 20 Minuten später», so der Polizeibericht, kamen Hürlimann und Spiess-Hegglin die Treppe herunter, sie zuerst und wenige Schritte hinter ihr Hürlimann. Gemäss der Zeugenaussage der beiden Barkeeper konnte Spiess-Hegglin die steile Treppe ohne Hilfe und sichtbare Pro­bleme bewältigen. Beide liefen in Richtung Ausgang. Einer der Barkeeper rief Hürlimann noch nach, er solle seinen Mantel nicht vergessen. Danach verliess auch er die Bar. Der ­Abschluss des Abends vermittelte weiterhin einen einvernehmlichen Eindruck: Spiess-­Hegglin stieg nämlich gemeinsam mit ­Hürlimann in ein Taxi und liess sich heim­chauffieren.

 

Ehemann kam auf Idee mit K.-o.-Tropfen

 

Damit beginnt das zweite Kapitel dieser Geschichte, die Fabrikation des Verdachts. Um zirka 03.30 Uhr erwachte Reto Spiess, der Ehemann, und merkte, dass seine Gemahlin nicht da war. Er fand sie schliesslich im Bett des jüngsten Sohns. «Ich schaute meine Frau an und sah rein vom Blick her, dass da etwas nicht stimmte. Ich fragte sie, was passiert sei und was sie getrunken habe. Ich wollte wissen, wieso sie in diesem Zustand so spät nach Hause komme. Ich merkte, dass es keinen Sinn ­machte, weiterzufragen, und beschloss, die Fragen auf den nächsten Morgen zu verschieben.» Er habe den Eindruck gehabt, dass sie «sturzbetrunken» gewesen sei.

Später in der Nacht stellte er sie nochmals zur Rede, nachdem er im Badezimmer Erbrochenes gefunden hatte. Sie stritt ab, dass es ­von ihr sei. Weiter bemerkte Reto Spiess: «Ich ­stellte fest, dass meine Frau motorisch gut funktionierte.» Auch hier also keine Anzeichen eines sedierten Zustands, wie er nach der Einnahme von K.-o.-Tropfen eintritt.

Am Morgen versuchte der Ehemann erneut, das Gespräch in Gang zu bringen. Es sei aber «eher distanziert» gewesen. Dabei redeten sie erstmals über K.-o.-Tropfen. Laut Spiess-Hegg­lin ging dieser Einfall von ihrem Mann aus: «Er kam mit der Idee der K.-o.-Tropfen.» Reto Spiess sagte aus, er wisse nicht mehr, wer zuerst auf diesen Gedanken gekommen sei. Tatsache ist: Von diesem Moment an klammerte sich Spiess-Hegglin daran – ungeachtet aller Zeugenaussagen und medizinischen Gutachten, die diesen Verdacht nicht erhärteten. Im Internet las sie nach, was sie über ­K.-o.-Tropfen wissen wollte.

Gegen 11 Uhr rief Hürlimann Spiess-Hegglin auf dem Mobiltelefon an. Gemäss ihrer Aussage fragte er, ob sie über die Nacht reden wolle. Er wäre froh, wenn sie kein grosses ­Theater daraus machte, seine Frau wisse nichts davon. Beide sagten, sie könnten sich nicht an alles erinnern. Laut Hürlimann war das, «was auch immer es war, einvernehmlich passiert». Und weiter: «Sie sagte mir am Telefon, sie ­könne so nicht weiterleben, sie habe Flecken am Körper und ihr Mann frage, warum.» Sie sei verheiratet, habe drei Kinder, «und sie müsse nun alles untersuchen».

 

Die Lüge von der Anzeige

 

Darum also ging es: Um den dringenden Verdacht des Ehebruchs zu vertuschen, warf sich Spiess-Hegglin auf den Rettungsanker der «Schändung». Nachdem sie ein Vollbad genommen hatte, begab sie sich zur Unter­suchung ins Kantonsspital. Am folgenden Tag, Montag, den 22. Dezember, erhielt die Zuger Polizei die Meldung einer Assistenzärztin über einen möglichen Fall von K.-o.-Tropfen-Verabreichung. Diese Meldung beruhte indes allein auf den Aussagen Spiess-Hegglins. Obwohl sich nichts dergleichen nachweisen liess, behaup­tete sie unter anderem in sozialen Medien, die Ärzte hätten geäussert, «dass sie dieses Spurenbild bei Delikten gegen die ­sexuelle Integrität häufig sähen». Auch die Presse informierte sie wahrheitswidrig. Das rügte sogar die Staats­anwältin: Spiess-Hegglin gebe «entgegen den Akten Informationen an die Medien».

Weiter behauptete Spiess-Hegglin, sie habe «gegen niemanden Anzeige» eingereicht. Vielmehr habe dies das Spital «von Gesetzes ­wegen» tun müssen. Auch diese Aussage ist nachweislich nicht richtig: Die junge Ärztin meldete den Vorfall bloss – und Spiess-Hegglin reichte noch am selben Tag eigenhändig Strafanzeige ein. Dieses Dokument liegt der Weltwoche ebenfalls vor.

Am nächsten Morgen fuhren die Ermittler in aller Frühe um 6.45 Uhr bei Markus Hür­limann ein, führten eine Hausdurchsuchung durch und nahmen ihn fest. Eine Nacht ­musste er im Gefängnis verbringen. An Heiligabend wurde er freigelassen. Als er die Zelle verliess, konnte er bereits im Blick lesen, dass er der Schändung verdächtigt werde. Wo das Leck lag, stellten die Behörden nicht fest. Es fällt ­allerdings auf, dass die Medien sofort auf ­die K.-o.-Tropfen-Theorie von Jolanda Spiess-Hegglin aufsprangen.

 

Rechtsmedizinisch nicht nachvollziehbar

 

Nach der medizinischen Untersuchung folgten mehrere Tests und Gutachten, die alle ­negativ ausfielen. Das Institut für Rechtsmedizin (IRM) der Universität Zürich, Zentrum für Forensische Pharmakologie und Toxikologie, erklärte am 30. Dezember, die Analysen hätten «keine Substanzen aufgedeckt, welche im Zeitraum des Ereignisses den beschriebenen ‹Filmriss› bzw. eine Sedierung erklären könnten». Aufgrund der grossen Zeitdifferenz zwischen Blut- und Urinabnahme und dem Zeitraum des Ereignisses sei es jedoch möglich, dass allfällige Substanzen bereits abgebaut ­respektive ausgeschieden und somit nicht mehr nachweisbar gewesen seien. Das Screening erfasste mehr als tausend Drogen und Medikamentenwirkstoffe.

In einem Ergänzungsgutachten vom 20. Januar 2015 schrieben die Zürcher Rechtsmediziner, der von Spiess-Hegglin vorgebrachte Filmriss könnte indes vom Alkohol hergerührt haben. In der Nacht nach der Land­ammannfeier um 2 Uhr in der Frühe könnte «ein Blutalkoholspiegel von bis zu 2,53 Promille» vorgelegen haben.

Eine Haaranalyse des IRM vom 26. Januar ergab ebenfalls «keine Hinweise auf die Einnahme oder Applikation von GHB», also von Gamma-Hydroxybuttersäure, dem Wirkstoff in K.-o.-Tropfen.

Das nächste Gutachten datiert vom 26. Fe­bruar. Die Auswertung der DNA-Spuren durch die Abteilung Forensische Genetik des IRM konnte keine Beweise für Geschlechtsverkehr beibringen, Spermarückstände fanden sich weder bei den Genital- noch den Anal- und Rektalabstrichen. Hingegen wurden beim ­Vaginalabstrich geringe DNA-Rückstände ­einer männlichen Person festgestellt, bei ­denen Markus Hürlimann als Spurengeber «nicht ausgeschlossen» werden könne. Das passte zu Hürlimanns Aussage, gemäss der er Spiess-Hegglin dort berührt haben könnte. Schliesslich wurde noch deren String-Tanga untersucht: «Lediglich in einer Stichprobe liess sich mikroskopisch ein Spermakopf nachweisen», wobei der Spermarückstand sich als zu gering erwiesen habe, um daraus ein DNA-Profil zu erstellen.

Schliesslich führte noch der Fachbereich ­Forensische Medizin am Institut für Rechtsmedizin am Kantonsspital St. Gallen eine ­Untersuchung durch. Dessen Ergebnisse lagen am 29. Juli vor. Spiess-Hegglin verband damit die letzte Hoffnung, ihrer Behauptung, sie sei widerstandsunfähig gemacht und missbraucht worden, doch noch einen Anschein von Wahrheit zu verleihen. Doch die St. Galler Gerichtsmediziner widerlegten diese Hypothese endgültig. «Ein derartig abrupter, praktisch vollständiger Erinnerungsverlust für sämtliche Ereignisse während eines Zeitraums über viele Stunden bereits kurze Zeit nach Aufnahme von GHB ohne entsprechende Begleitsymptome im Sinne von motorischen ­Störungen und insbesondere ohne Einschränkung der Bewusstseinslage entspricht nicht dem typischen Wirkungsprofil von GHB und ist insofern rechtsmedizinisch nicht nachvollziehbar.»

 

Klima der Unaufrichtigkeit

 

Ein komatöser Zustand, wie er nach der Einnahme einer hohen GHB-Dosis eintritt und der dem «Zustand einer tiefen Bewusstlosigkeit» entspreche, sei im Übrigen nicht gleichzusetzen mit einem «Filmriss». Das von ­Zeugen beschriebene Zustandsbild von Spiess-Hegglin liesse sich aber «ohne weiteres durch einen gewissen Alkoholisierungsgrad erklären».

Damit war der Plan, eine Betäubung durch ­illegale Substanzen und eine anschliessende Schändung vorzutäuschen, definitiv gescheitert. Die Fakten sprachen erdrückend gegen Spiess-Hegglin: Sämtliche Zeugenaussagen und alle Gutachten konnten den Verdacht nicht erhärten, oder sie widersprachen diesem sogar deutlich. Vier Wochen nach dem letzten Untersuchungsbericht aus St. Gallen stellte die Staatsanwältin das Verfahren ein.

Doch Jolanda Spiess-Hegglin liess nicht l­ocker. Via Presse lancierte sie neue Ausflüchte und Vorwürfe. Eine Woche nachdem die Parteien erfahren hatten, das Verfahren sei eingestellt, verkündete sie am 16. August im Blick: «Spontaner Sex ist mir nicht möglich». Erneut versuchte sie via Presse ein ungünstiges Licht auf Markus Hürlimann zu werfen. Und dies, obwohl oder gerade weil sie von dem für sie verheerenden letzten Gutachten und der ­Verfahrensein-stellung wusste. Und noch am Dienstag dieser Woche legte sie einmal mehr nach.

Mit ihren falschen Anschuldigungen hat die grün-alternative Politikerin sich allerdings längst selbst in einen Teufelskreis hinein­manövriert, aus dem sie keinen anständigen Ausgang mehr findet. Aus dem verzeihlichen Motiv, ihren Fauxpas vor dem Ehegatten zu vertuschen, griff sie zum unverzeihlichen ­Mittel, ihren SVP-Sexpartner mit falschen Anschuldigungen zu belasten. Das fiel ihr umso leichter, als die Medien das falsche Spiel munter mitspielten. So konnte Spiess-Hegglin ­etwa im Tages-Anzeiger ohne jede kritische Nachfrage verkünden: «Ich lasse mich als ­Opfer eines Verbrechens nicht auch noch politisch fertigmachen.»

Medien und Öffentlichkeit müssen sich fragen, was in einer Gesellschaft schiefläuft, die einfach nur schweigend zuschaut, wie eine (linke) Frau sich eine Opferrolle anmasst – mit fatalen Folgen für den (rechten) Mann. Offensichtlich wird hier mit unterschiedlichen ­Ellen gemessen, die Massstäbe sind verschoben. Wo sind die Anwältinnen der Frauen­emanzipation, die diesen Opferkult in die Schranken weisen? Hemmt der Zeitgeist denn jede Zivilcourage, auch bei den Beobachtern männlichen Geschlechts?

Skandalös am Zuger Sexskandal ist letztlich nicht das Anbändeln zweier angetrunkener Politiker aus unterschiedlichen Lagern. Wirklich beunruhigend ist der Umstand, wie unkritisch das womöglich gar kriminelle Verhalten – falsche Anschuldigung und Irreführung der Rechtspflege sind strafbar – von Jolanda Spiess-Hegglin öffentlich-medial begleitet und kommentiert wird. Es herrscht ein Sumpfklima der Unaufrichtigkeit, man ist lieber ­politisch korrekt als wahrhaftig. Genau dieses Klima fördert aber die Versuchung, «Ver­gewaltigung» oder «Schändung» zu rufen, statt für einen nächtlichen Ausrutscher selbst verantwortlich zu sein.

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Alex Baur, Redaktor

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