Autopionier Schawinski

Der einstige Radiopirat gleitet als erster ­Schweizer mit einem Tesla Model S über unsere Autobahnen.

Wer vier Spuren durch den Gotthard baut, will diese vier Spuren auch benutzen. Alles andere ist scheinheilig und macht keinen Sinn.

Durch den Gotthard verkehren heute relativ wenige Autos und Lastwagen. Pro Jahr nur gut 7 Millionen. Das macht pro Tag im Durchschnitt nur 20 000 Fahrzeuge. Viele Quartierstrassen in Zürich sind stärker belastet.

Der Gotthard war, ist und bleibt ein Mythos. Je unsinniger ein Mythos ist, desto verbitterter wird um ihn gekämpft. Nach dem Kampf um das Réduit der Armee folgt am Gotthard der Kampf um das Reduit Auto.

Noch haben wenige begriffen, dass der technische Fortschritt einen neuen Gotthard-Tunnel total überflüssig machen wird. Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch.

Roger Schawinski hat sich – wie er uns im Tages-Anzeiger berichtet – einen Tesla Model S gepostet. Und ist hell begeistert von dieser komfortablen Elektro-Limousine. Einiges spricht dafür, dass Tesla einen industriellen Durchbruch schafft. Deshalb ist das Unternehmen zurzeit an der Börse fast 20 Milliarden Franken wert.

An der IAA in Frankfurt liess sich Auto-Boss Zetsche, im Fond eines Mercedes S 500 sitzend, ohne Fahrer auf die Bühne chauffieren. Und versprach, dass Mercedes spätestens im Jahr 2020 ein selbstfahrendes Modell auf den Markt bringen wird. Wir Autofahrer werden so überflüssig wie Heizer auf der Elektro-Lok.Wird Tesla, Mercedes oder Google das Rennen machen? Oder alle drei zusammen? Weil Mercedes eh schon an Tesla beteiligt ist und Google beide übernehmen wird? Der Kapitalismus ist ein Casino und ein Kino zugleich. Wer gewinnt, wer verliert? Es bleibt spannend bis zum Abspann.

Nur eines ist sicher: Sobald nicht mehr der Mensch am Steuer sitzt, sondern Google, werden sich die Kapazitäten aller bestehenden Strassen verdoppeln bis verdreifachen. Natürlich auch die Kapazität des bestehenden und neu sicheren Gotthard-Tunnels.

Dies alles wird geschehen, bevor am Gotthard-Tunnel die ersten Bohrmaschinen auffahren. Und der frühere Radiopirat Schawinski wird vor sich hin dösend in seinem nachgerüsteten Tesla S zur 40-Jahr-Feier Richtung Pizzo Groppera gleiten.

Probleme werden jene Urnerinnen und ­Urner bekommen, die sich entgegen alle wissenschaftlichen Erkenntnissen doch irgendwie an den Lärm gewöhnt haben. Denn wenig ist unheimlicher als die wiedergewonnene Stille in einem langsam absterbenden Tal.

Der Autor ist Hotelier in Brig und ehemaliger Prä­sident der SP Schweiz.

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