Geschäftsmodell: Kinderhandel

Auch in der Schweiz blüht das Geschäft mit Minderjährigen, die von ihren Eltern an Roma-Sippen verkauft oder vermietet werden. Kriminelle Clans missbrauchen Babys zum Betteln, ­schicken Mädchen auf Diebestour und drängen Knaben in die ­Prostitution. Von Philipp Gut und Lucien Scherrer

Halb Europa kennt dieses Bild, dieses Mädchen, dieses Schicksal. Es blickt mit wachen Augen in die Kamera, das widerspenstige blonde Haar ist zu dünnen Zöpfchen geflochten, die Finger spielen – Verlegenheit ausdrückend – mit einem davon. Das Bild ist ein Fahndungsfoto der griechischen Polizei. In den letzten zwei Wochen hat sich die Geschichte zu Fakten verdichtet.

Maria ist in einem Roma-Lager der griechischen Stadt Farsala aufgegriffen worden. Das blonde Mädchen lebte bei einem dunklen Paar, das sich als die leiblichen Eltern ausgab. Genetische Tests zeigten: Die richtigen Eltern sind Roma aus Bulgarien, die dunkle Mutter hat Albino-Gene. Sie haben Maria an die falschen Eltern verkauft oder verschenkt, je nach Ver­sion. Sie hätten das Mädchen von einem Mittelsmann bekommen, sagte der falsche Vater in Farsala den Ermittlern. In Griechenland wurde Maria zum Betteln gezwungen.

Es klingt wie eine Nachricht aus einer fernen, exotisch-düsteren Welt – doch das Netzwerk der Kinderhändler-Sippen reicht von Osteuropa bis in die Schweiz. Auch hier sehen sich die Behörden mit Minderjährigen konfrontiert – Knaben, Mädchen, Babys, Zwölf-, Dreizehn-, Vierzehnjährige –, die von ihren Eltern verkauft, vermietet, ausgeliehen wurden. Sie werden zum Betteln angehalten, auf Diebestour geschickt oder in die Prostitution gedrängt.

«Regelmässig treten in Schweizer Städten ausländische Kinder und Jugendliche als Bettelnde und als Strassenmusikanten in Erscheinung; mitunter betteln auch Frauen mit (oft behinderten) Kleinkindern in den Armen in den Strassen. Meist handelt es sich hierbei um Roma», schreibt der Schweizerische Städteverband in einem Massnahmenpapier zum Thema, das er im Oktober 2011 publiziert und in diesem Jahr aktualisiert hat.

In den kommenden Herbst- und Wintermonaten haben die Bettelkinder wieder Hochkonjunktur, wie auch die jugendlichen Einbrecher, die Wohnungen und Einfamilienhäuser im ganzen Land nach Wertsachen durchsuchen: Gold, Silber, Edelsteine. «Die Schweiz ist der Honigtopf Europas», sagt ein Kriminalpolizist, der seit zehn Jahren im Roma-Milieu ermittelt. Nirgendwo gebe es so viel zu holen, nirgendwo sei es so einfach. Die Schweizer Rechtspraxis begünstige den Menschenhandel mit Minder- j­ährigen und lade geradezu zu organisierter ­Kriminalität ein: Den jugendlichen Tätern geschehe nichts. Sie würden von den erwachsenen Clanstrategen bewusst vorgeschickt, weil die Schweizer Justiz sie laufen lasse.

Der Städteverband sieht die minderjährigen Bettler und Einbrecher nicht primär als Täter, sondern als «Opfer des vernetzten Menschenhandels». Dieser Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch kriminelle Banden sei «besonders stossend», und die Schweiz habe aufgrund internationaler Abkommen und des eigenen Rechts die Pflicht, die Minderjährigen zu schützen. In der Realität ist das schwierig. Der Kinderhandel blüht, das Geschäft ist lukrativ, wie sich an konkreten Fällen zeigen lässt.

Baby in Österreich ausgeliehen So gab eine bettelnde Roma-Frau gegenüber der Berner Polizei zu Protokoll, sie habe das mitgeführte Baby in Österreich ausgeliehen – für 250 Euro pro Tag. Offensichtlich zahlt sich die skrupellose Spekulation auf den Mitleid­effekt aus. Die Einkünfte, die der Clan durch das Kleinkind erzeugt, müssen höher liegen als die tägliche Miete. Wie die Einvernahmen weiter ergaben, erzielten minderjährige Roma-­Bettler im Berner Abendeinkauf während der Adventszeit Spitzeneinkünfte von bis zu 600 Franken.

Organisationsformen und Vorgehensweise der Roma-Netzwerke sind den Schweizer Behörden und Kinderschutzvereinigungen bekannt. Man hat es mit hochprofessionellen, spezialisierten und hierarchisch geführten Sippen zu tun, die ihr Handwerk seit Generationen ausüben und weitervermitteln. «Oft findet die Ausbeutung innerhalb eines Fami­lienclans statt», so der Städteverband. Die Opfer würden in Ost- und Südosteuropa rekrutiert, in Rumänien, Bulgarien, Serbien, im Kosovo, in Mazedonien, Tschechien, der Slowakei – «häufig, indem sie kinderreichen Roma-Familien abgekauft oder geborgt werden».

Der weitere Karriereverlauf ist vorgespurt: Die Kinder werden zu Bettlern, Taschen-, Laden- und Einbruchdieben ausgebildet, in die westlichen Zielländer gebracht und für die Geldbeschaffung eingesetzt. Ausgangspunkt für die Beutezüge in die Schweiz sind häufig Roma-Camps im Elsass, im Vorarlbergischen und in der Region Mailand.

Die Chefs agieren geschützt aus dem Hintergrund, sind bestens organisiert, europaweit vernetzt und bedienen sich modernster Kommunikationsmittel. «Über Mittelsmänner kontrollieren sie ihre Opfer und verwalten die Ausbeute», schreibt der Städteverband.

Zu den besten Kennern der Roma-Szene in der Schweiz zählt Alexander Ott von der Fremdenpolizei der Stadt Bern. Er hat im Rahmen des Projekts «Agora», das sich dem Kampf gegen die organisierte Bettelei verschrieben hat, einen sogenannten Master-Prozess zum Umgang mit missbrauchten Roma-Kindern ausgearbeitet. Daran orientieren sich auch andere Schweizer Städte. Ott stellt eine klare Hier­archie fest: Es gibt, in aufsteigender Reihenfolge, die Bettler, die Geldeinsammler, die Beobachter. Nichts werde dem Zufall überlassen. «Die Bettelkinder werden gezielt platziert», sagt Ott. In Bern etwa beim Einkaufszentrum Loeb, vor der Bucherer-Filiale oder beim Zyt­glogge-Turm. Weil die Stadt die Bettelbanden bewusst stört und ihnen so das Handwerk vermiest, haben sie ihre Aktivitäten verschoben: nach Lausanne, Genf oder Luzern.

Lausanne verzeichnet pro Tag dreissig bis sechzig Bettler. Seit März ist ein neuer Gesetzesartikel in Kraft, der die Bettelei zwar nicht verbietet, aber stark einschränkt. Besonders «organisierte» Bettelei ist verboten. Laut Anne Plessz, Sprecherin der Lausanner Polizei, stammen die meisten Bettler aus drei oder vier Dörfern in ­Rumänien. Es handle sich um «Familien», nicht um «organisierte Gruppen». Als ob diese Grossfamilien nicht auch organisiert wären.

Für Aufsehen sorgten vor einem Jahr am Genfersee minderjährige Roma, die sich auf den Raub an älteren Frauen spezialisiert hatten. Zu dritt lauerten sie den Rentnerinnen an Supermarktkassen auf, beobachteten, wo sie die Geldbörse versorgten, folgten ihnen und boten ihnen an, die Einkaufstasche zu tragen. Dann klauten sie ihnen das Portemonnaie.

Familienbetriebe des Verbrechens

Auch in der Stadt Basel mussten die Behörden auf die bettelnden Kinder in den Strassen reagie­ren, die in «familienähnlichen Gruppen» aufgetaucht seien, wie René Gsell, Sprecher der Staatsanwalt, sagt. Seit letztem Jahr gilt ein Bettelverbot. «Nach der dritten Busse wird es richtig teuer», so Gsell. Das habe gewirkt. Zudem seien die Spielzeiten für Musikgruppen, in denen ebenfalls oft Roma-Kinder auftreten, eingeschränkt worden.

Einbrüche kommen laut Gsell «wellen­mässig». Über die Herkunft der Täter gebe es keine exakte Statistik. Klar ist: Die jugendlichen Diebe stammen meist aus Camps im Elsass. Sie werden von Erwachsenen in die Quartiere gefahren, räumen die Häuser aus und fahren wieder zurück über die Grenze. Poli­zisten beobachten, dass zunehmend auch minderjäh­rige Mädchen selber am Steuer uralter Autos sitzen, die sie bei Bedarf zurücklassen. Die Hintermänner sitzen in Frankreich und konnten bisher nicht belangt werden. «Um ein Rechtshilfegesuch an die französische Polizei zu stellen, haben wir gar nicht genug Informationen», sagt René Gsell.

Trotzdem versuche man das Möglichste zu tun: «mehr beobachten, kontrollieren, abklären, den Druck auf die Clans erhöhen». Ob sich die Täter davon beeindrucken lassen, bleibt ­allerdings fraglich. Die Zahl der Einbrüche ­(ohne Einschleichdiebstahl) hat sich seit 2008 beinahe verdoppelt, von 1125 auf 2048. Taschendiebstähle haben von 1091 (2008) auf 1471 (2012) zugenommen. Es müsse davon ausgegangen werden, dass eine Vielzahl der Taten von auswärtigen Personen vorgenommen ­werde, schreibt die Basler Polizei.

Diese rasante Zunahme liegt im gesamtschweizerischen Trend. Es seien noch nie so viele Verurteilungen vorgenommen worden wie letztes Jahr, teilte das Bundesamt für Statistik am Montag mit. Verantwortlich dafür ist vor allem der Kriminaltourismus. Eindrückliche 41,5 Prozent der Verurteilten bei Vermögensdelikten hatten keinen Wohnsitz in der Schweiz. Die Zahl solcher Täter stieg auf 7728, im Jahr 2011 waren es noch 5245 gewesen. Das entspricht einem Anstieg von fast 50 Prozent.

Die Roma sind unter den Vermögensdelinquenten stark vertreten, wie viele es genau sind, schlüsselt die Statistik nicht auf. Von den Wohnungseinbrüchen gingen die Hälfte bis zwei Drittel auf das Konto von Roma-Banden, schätzt ein Polizeikommissar aus der Innerschweiz. Die meisten Täter seien minderjährig.

In Genf ist das Betteln seit 2008 verboten – mit mässigem Erfolg. Über 20 000 Bussen wurden ausgesprochen, täglich sind immer noch 50 bis 150 Bettler in der Stadt. Abschreckende Wirkung zeitigte hingegen ein neues Gesetz, das minderjährige Bettler zum Sozialdienst verpflichtet. «Seither haben wir hier keine bettelnden Kinder mehr», sagt Polizeisprecher Eric Grandjean.

Die Polizei verrichtet Sisyphusarbeit

Die Familienbetriebe des Verbrechens schicken Kinder und Jugendliche in der Schweiz nicht nur zum Betteln und Stehlen, sondern auch auf den Strich. Vielfach handelt sich dabei um Knaben. Im Frühling letzten Jahres prostituierten sich rund dreissig zum Teil «sehr junge» Roma um den Genfer Bahnhof, wie Polizeisprecher Grandjean sagt. Selbst Kinder unter zehn Jahren seien darunter gewesen. Die Kundschaft ­habe vornehmlich aus Rentnern bestanden.

In der Innerschweiz hielt die Polizei kürzlich zwei 14-jährige Roma-Buben aus der Slowakei an, die ebenfalls auf den Schwulenstrich gingen. Das sei viel lukrativer, als den ganzen Tag Musik zu machen, gaben die Knaben zu Protokoll. Auch hier gilt: Die Jugendlichen machen das nicht auf eigene Rechnung. Erwachsene Sippenoberhäupter im Hintergrund drängen sie dazu und ziehen das Geld ein.

Konnte die organisierte Bettelei dank repressiver Massnahmen in einigen Schweizer Städten zurückgedrängt werden, steht die Polizei bei Einbruch, Betrug und Trickdiebstahl unter jugendlicher Beteiligung machtlos da. «Wir haben vergeblich versucht, die Eltern in den Heimatstaaten für den Menschenhandel verantwortlich zu machen», sagt der oben zitierte Polizeikommissar. Auf Rechtshilfegesuche an Rumänien, Italien oder Frankreich hätten sie nicht einmal eine Antwort erhalten. Der erfahrene Polizist ortet das Problem auch bei Politik und Justiz. Das Schengen-Abkommen funktioniere «hinten und vorne nicht». Und die Schweizer Strafverfolgungsbehörden lies­sen das Polizeikorps, das täglich mit jugendlichen Roma-Einbrechern zu tun habe, im Regen stehen. Die meisten der minderjährigen Täter seien vorbestraft und mit Einreisesperren belegt. Ohne Folgen.

Die Polizei verrichtet eine Sisyphusarbeit. Sie führt zwar Einvernahmen durch, in den meisten Fällen aber lässt man die Erwischten gleich wieder frei. Die Frontpolizisten dürfen die Jugendlichen dann auf den Bahnhof bringen, ihnen auf Staatskosten ein Ticket nach Mailand oder Strassburg lösen – wobei sie genau wissen, dass die Delinquenten an der nächsten Station aussteigen, sich im Baumarkt Einbruchwerkzeuge und Schraubenzieher besorgen und neue Einbrüche verüben. «Wir kämpfen gegen Windmühlen», so der Polizist.

Dabei böte das Jugendstrafrecht durchaus eine gewisse Handhabe – mit Strafen bis zu ­einem Jahr. Doch angewendet werden sie nicht. Wenn es überhaupt zu Urteilen kommt, fallen diese sehr mild aus. Im Kanton Luzern erhielt ein Roma-Mädchen, das rund ein Dutzend Einbrüche mit einer Deliktsumme von 50 000 Franken verübte, lediglich einen Verweis.

Kann man den Teufelskreis durchbrechen? Kann man die Jugendlichen aus der oft von ­Kindesbeinen an antrainierten Kriminalität ­herausholen? Die Aufgabe mutet herkulisch an. «Die Kinder begreifen sich oft nicht als Opfer, sie sind von klein auf in dieser Situation aufgewachsen und kennen nichts anderes», sagt Talia Bongni Sheikh, Leiterin der Fachstelle ECPAT gegen sexuelle Ausbeutung und Kinderhandel bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz.

Alexander Ott von der Stadtberner Fremdenpolizei empfiehlt, den Bettelkindern nichts zu geben. Denn mit der Spende unterstütze man nur die kriminellen Drahtzieher.

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