Das Einmaleins der Besteuerung

1 — Wie auch immer eine Steuer benannt wird, sie trifft nicht das Steuerobjekt (zum Beispiel das Grundstück), sondern die dahinterstehenden Individuen. Nur Individuen können Steuern tragen.

2 — Jede Steuer ist eine Konsumsteuer. Was auch immer der Staat besteuert, den Müll, das Benzin oder die Handänderung im Ergebnis müssen die Besteuerten ihren Konsum einschränken.

3 — Bei Unternehmenssteuern trügt die Hoffnung, mit der Besteuerung die reichen Kapitalbesitzer zu treffen. Durch Unternehmenssteuern sinkt zwar die Rendite des Kapitals, Unternehmer investieren weniger. Doch es gehen Arbeitsplätze verloren, das Angebot sinkt, und es steigen die Preise. In der Regel verlieren alle: Kapitalbesitzer, Beschäftigte und Konsumenten.

4 — Mobile Faktoren lassen sich weniger gut besteuern als immobile Faktoren. Griffe der Staat auf mobile Faktoren voll zu, so würden diese als Dirigenten, Opernsänger und andere Gäste gar nicht mehr in die Schweiz kommen. Daher erheben die meisten Kantone eine reduzierte Quellensteuer von nur 15 Prozent. Ebenfalls wegen der Mobilität werden wohlhabende Ausländer in der Schweiz vielerorts pauschal besteuert. Dadurch wird verhindert, dass sie in ausländische Steuerparadiese ausreisen. Diese Logik hat der britische Fiskus eingesehen. Er belastet Expats nach der Aufenthaltsdauer: in den ersten Jahren weniger und dann immer mehr. Je länger sie bleiben, desto ­höher werden sie besteuert.

5 — Umgekehrt können immobile Faktoren wie Grund und Boden der Besteuerung nicht entgehen. Von der Auswanderung machen zwar die mobilen Faktoren Gebrauch. Doch diese lassen leere Standorte zurück. Es sinken die Grundstückpreise. Grund und Boden tragen die Last, auch wenn gar keine Grundsteuer erhoben wird.

6 — Die französischen Revolutionäre von 1789 haben es besser verstanden. Sie besteuerten vor Ort Grundstücke, Betriebe und Wohnungen als Preis für die örtliche Infrastruktur. So konnte ein echter Standortwettbewerb entstehen.

7 — Die Verblendung entstand mit der ­Besteuerung des Einkommens nach dem Wohnsitzprinzip. Diese Besteuerung bringt zunächst mehr ein, weil die weltweiten Einkommen beim Steuerpflichtigen zusammengezählt und dort progressiv belastet werden. Die Staaten bilden eine Art Steuerkartell. Sie verdrängen das mobile Finanzkapital in Nichtkartellstaaten wie bislang die Schweiz. Unter dem Druck des Auslands sieht sich die Schweiz gezwungen, sich dem internationalen Steuerkartell der OECD zu unterwerfen.

8 — In den Euro-Staaten entstehen derzeit 10 bis 25 Prozent des BIP durch Schwarzarbeit. In der Schweiz liegt die Schattenwirtschaft bei etwa 8 Prozent. Die Schweiz braucht sich daher nicht drängen zu lassen, dem Informationsaustausch beizutreten.

9 — Progressive Steuersysteme funktionieren als Versicherung. Das Individuum bezahlt in guten Zeiten hohe Steuern und erhält in schlechten Zeiten Transfers. Darüber kann man sich einigen, solange die Karten des Lebens verdeckt sind. Liegen sie offen, so ist es für eine Versicherung zu spät.

10 — Was kann überhaupt ein Individuum aus seiner Steuerzahlung vom Staat erwarten? Die Antwort lautet: Eigentlich gar nichts. Denn: «Steuern sind gegenleis-tungslose Abgaben.»

Der Autor ist Volkswirtschaftler und Professor an der Humboldt-­Universität zu Berlin und an der Universität Luzern.

Lesen Sie auch

Bei Wasser und Brot

Von Jürg Zbinden

Stadtwohnung für CVP-Millionärin

Die Stadt Zürich überlässt CVP-Nationalrätin Kathy Riklin ein Apparteme...

Von Christoph Landolt

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30