Liebe

Freiheit ist der Tod der Liebe. Romeo konnte nur deshalb Julia so intensiv lieben, weil er unfrei war.

Es gibt Fragen, die einem erst in den Sinn kommen, wenn man die Erfahrungen schon gemacht hat, die man hätte vermeiden können, wenn man sich die Fragen früher gestellt hätte. Eine dieser ­Fragen lautet: Was ist mir wichtiger – zu lieben oder geliebt zu werden?

Ich stellte diese Frage Freunden von mir, mit der Bedingung, dass die Antwort «beides» nicht erlaubt sei. Alle antworteten: «zu lieben». Eine Strassenumfrage würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zum selben Resultat führen, denn die Idealvorstellung der Liebe hat seit Shakespeares Tagen unbeschadet die Industrialisierung überstanden, zwei Weltkriege, die 68er Revolte, ja, auch die, und www.sex.com. In dieser Idealvorstellung begegnet man einem Menschen, entdeckt, wie wunderbar er ist, und verliebt sich in ihn, und zwar ohne eine Gegenleistung, die ­Erwiderung der Liebe, zu verlangen. Wer antwortet, zu lieben, sei ihm wichtiger, als ­geliebt zu werden, beruft sich auf Romeo aus der Familie der Montague, der am Kostümfest der Capulets Julia begegnete und betört war von ihrer Schönheit und Anmut, so sehr, dass er sich selbst vergass und Julia zum Zentrum seines Lebens machte.

Meine Freunde, die sich mit ihrer Antwort zu Romeo bekannten, sind durchwegs hochindividualisierte Menschen, emotional und ökonomisch autark, ihr Leben ruht auf den Säulen, die sie selber errichtet haben. Gleichwohl möchten sie sich selbst vergessen ­können und jemand anderen zum Zentrum ihres Lebens machen, aber faktisch kommt es fast nie dazu. Einige von ihnen sind alleinerziehende Mütter, die in einem eng getakteten Tagesplan im Beruf und in der Allein­erziehung ihr Bestes geben, Perfektionistinnen, die im Büro Detailarbeit leisten und abends ihren Kindern nicht irgendetwas kochen, sondern ein Wunschmenü. Wie sollen sie unter diesen Umständen einen Romeo kennenlernen? Die Doppelbelastung ermüdet sie, sie gehen abends nur selten aus, und im Büro gibt es keine Romeos, nur gleichfalls von ihrem Alltag stark beanspruchte Individualisten, die noch dazu sehr genaue Vorstellungen von der Frau haben, in die sie sich verlieben würden. Sie muss über einundzwanzig positive Eigenschaften verfügen, die exakt auf die ­eigenen Bedürfnisse abgestimmt sind. Die Frau, in die sie sich verlieben, muss detailliert zu ihnen passen, und umgekehrt erklären auch die alleinerziehenden Mütter in meinem Bekanntenkreis, dass es ihnen natürlich nur bei einem besonderen Mann wichtiger wäre, zu lieben, als geliebt zu werden. Er müsste einen mit roter Tinte geschriebenen Kriterien-katalog erfüllen. Punkt 1: Die Kinder müssten ihn mögen. Punkt 2: Er dürfte sie nicht einschränken. Dieser Punkt war allen meinen Freunden wichtig. Sie sind bereit zu lieben, wenn der, den sie lieben, sie nicht einschränkt. Sie brauchen ihre Freiheit.

«Liebe Freunde», sagte ich, «wenn ihr von Freiheit sprecht, sehe ich schwarz für die ­gros­se Liebe.»

Romeo sah Julia, und hätte ein ­Neurologe ihn in diesem Moment des blinden Verliebens in einen Computertomografen geschoben, hätten auf dem Bildschirm die­selben Hirn­regionen geleuchtet wie bei einem Alkoholiker, der eine Schnapsflasche sieht. ­Romeo warf sich in die Liebe wie ein Süchtiger, sein Blick verengte sich vollständig auf Julia, sie war alles, was er von nun an brauchte. Es war ihm egal, dass ihre Familie mit seiner tödlich verfeindet war, und er stellte sich in keinem Moment die Frage, ob Julia zu ihm passte, ob sie seine Leidenschaft fürs Degenfechten teilte und sensibel war und bereit, ihm seinen Freiraum zu lassen. In solchen Kategorien dachte er nicht, denn er war es nicht gewohnt, über sich selbst nachzudenken (eine zeitraubende Lieblingsbeschäftigung meiner Freunde). Er fragte sich nicht: Ist Julia die Frau, die meinen Bedürfnissen entspricht? Seine Bedürfnisse wurden nicht von ihm definiert, sondern von der sozialen Stellung seiner Familie, sein Lebensweg war schon bei seiner Geburt vor­gezeichnet und bewegte sich in den genau festgelegten Grenzen der ständischen Ordnung seiner Zeit. Er war Wachs, das in eine vorgegebene Form fliessen sollte. Seine Liebe zu Julia war aber kein Aufbegehren gegen diese Fesseln, im Gegenteil: Dass er Julia so bedingungslos lieben konnte, wurde durch die Festgeschriebenheit seines Lebens überhaupt erst möglich. Romeo konnte nur deshalb so ­intensiv lieben, weil er unfrei war.

In Woody Allens Film «Hannah und ihre Schwestern» sagt Elliot zu Hannah, mit der er verheiratet ist: «Es ist schwer, jemanden zu lieben, der nichts braucht.»

Wen also wollen meine Freunde lieben? Da sie ein auf grösstmöglicher individueller Freiheit basierendes Leben führen, lernen sie auf Partys oder im Internet Männer und Frauen kennen, die selber auch autark leben, die also im Grunde nichts brauchen. Wenn zwei auf­einandertreffen, die sich zwar nach Geborgenheit und Intimität sehnen, die aber gelernt ­haben, auch ohne nicht permanent unglücklich zu sein, ist die Intensität der Lovestory von vornherein limitiert. Sie werden es miteinander versuchen, sie werden sich Zeit lassen. Sie sind weit davon entfernt, einen Gifttrunk zu schlucken wie Romeo, der sterben wollte, als seine Julia vermeintlich tot vor ihm lag. Wenn wieder einmal ein Date unbefriedigend verlaufen ist, gehen sie nach Hause in ihre Wohnung – und ist es nicht auch schön, nach Hause zu kommen, und es ist niemand da? Niemand, der Ansprüche stellt, die einen einschränken, niemand, der nur bei offenem Fenster schlafen kann, während man selbst lärmempfindlich ist. Es ist schwierig, sich auf einen anderen ­einzustellen, wenn man seine eigenen Bedürfnisse so genau kennt.

Liebe Freunde», sagte ich, «sollten wir uns nicht eingestehen, dass die Antwort «zu lieben» zwar einem verständlichen Wunsch entspricht, dass wir aber dazu nur noch bedingt fähig sind?»

«Du vielleicht», sagten meine Freunde, und einer, der immer alles besser weiss, fügte hinzu: «Das Problem bei deiner Frage ist, dass man antworten muss, zu lieben. Wem es nicht wichtiger ist, zu lieben, der kann sich die ­andere Antwort schenken. Denn ich bezweifle, dass er jemanden finden wird, der ihn liebt.»

«Dann stecken wir also ziemlich in der Bredouille», sagte ich.

Romeo: Ach, ich verlor mich selbst; ich bin nicht Romeo. Der ist nicht hier: er ist – ich weiss nicht wo. – Benvolio: Entdeckt mir ohne Mutwill, wen ihr liebt. – Romeo: Bin ich nicht ohne Mut und ohne Willen? – Benvolio: Nein, sagt mir’s ohne Scherz. – Romeo: Verscherzt ist meine Ruh: wie sollt’ ich scherzen? O, überflüss’ger Rat bei so viel Schmerzen! Hört, Vetter, denn im Ernst: Ich lieb’ ein Weib.

Der Schweizer Autor Linus Reichlin schreibt für die Weltwoche in loser Folge über «Grundbegriffe des Lebens» wie Ehre, Treue, ­Liebe et cetera. Reichlin wurde für seine ­Reportagen, Kolumnen und ­Bücher mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm der Roman «Er» bei Galiani. Reichlin, ­ Jahrgang 1957, lebt in Berlin.

Lesen Sie auch

Nachruf: Eric Hobsbawm

Von Hanspeter Born

Die grosse Überfahrt

Auf dem Weg in die Romandie machen wir einen kleinen Umweg. In einem Aston ...

Von David Schnapp

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30