«Aspirin hilft gegen Trennungsschmerz»

Die Pharmazeuten Gerd Folkers und Elvan Kut über seltsame Nebenwirkungen, Pillen nach Mass und die Heilkraft von Gedanken.

Gerd Folkers, Elvan Kut, bis zur Hälfte der Patienten spricht nicht auf ein rezeptfreies Medikament an. Weshalb?

Elvan Kut: Weil der Mensch mehr ist als die Summe seiner Proteine. Denn ob ein Medikament wirkt, hängt nicht nur davon ab, ob es rechtzeitig die richtigen biologischen Strukturen im Körper trifft. Einen grossen Einfluss auf unsere Biologie haben auch Allgemeinzustand, Stimmung, Gedanken und Gefühle.
Gerd Folkers: Das nannte man früher Seele! Das Hauptproblem bei Medikamenten ist, dass die subjektive Wirkung nicht messbar ist. Nehmen wir den Schmerz. Ich kann zwar sagen, wie Aspirin bei mir wirkt. Es ist aber unmöglich, dies objektiv zu erfassen und zu vergleichen. Wirkung ist subjektiv. Deshalb kann man sogar Aspirin nehmen bei Trennungsschmerz.

Also bleibt alles schwammig-subjektiv?

Folkers: Keinesfalls! Ein «gut wirksames Medikament» ist eines, das einer Vielzahl von Patienten Linderung oder Heilung verschafft. Aber das heisst nicht, dass es allen hilft, die es nehmen.

Wie wäre die Wirksamkeit zu erhöhen?

Folkers: Mit massgeschneiderten Wirkstoffen. Spezielle Medikamente für einzelne Menschengruppen oder Personen.

Wie weit entwickelt sind solche Stoffe?

Kut: Es gibt bereits einige Anwendungen. Im Jahre 2005 wurde in den USA das Medikament Bidil gegen Herzschwäche speziell für die afroamerikanische Bevölkerung zugelassen. In klinischen Studien hatte sich gezeigt, dass die enthaltene Wirkstoffkombination in der afroamerikanischen Population die Sterblichkeit wirksam senkt.

Wann kommen die ersten rezeptfreien massgeschneiderten Medikamente?

Folkers: Das geht noch lange. Denn die Entwicklung ist extrem teuer und wird zuerst auf schwere Krankheiten wie Krebs konzentriert. Massgeschneiderte Medikamente würden aber auch den Alltag verbessern. Ein Beispiel: Wir kennen die unterschiedliche Fähigkeit, Alkohol zu ertragen. Sie hängt davon ab, wie jemand Alkohol abbaut. Je nach Ethnie, Trainingszustand und Geschlecht ist das verschieden. Könnte man seine persönliche Abbaurate einfach bestimmen, so wüsste jeder, wie viel er erträgt. Dasselbe bei Medikamenten: Wenn die Wirkung absehbar ist, kann ich exakter dosieren, die Selbstmedikation würde sicherer.
Kut: Die Unsicherheit der Stimmungslage bleibt! Gerade das Beispiel Alkohol zeigt, dass man je nach Gefühlslage unterschiedlich viel erträgt. Das lässt sich nicht mit der Abbaurate erklären, sondern variiert mit unserer Umgebung und Selbstwahrnehmung.

Unzählige Ratgeber predigen positives Denken als Therapie. Können wir uns mit Optimismus tatsächlich heilen?

Kut: In unserer Forschung konnten wir zeigen, dass positive Emotionen und die Gefühle von Stärke und Kontrolle die Schmerztoleranz erhöhen. Mir scheint nachvollziehbar, dass eine positive Grundstimmung die psychische und körperliche Widerstandsfähigkeit selbst bei Krebs steigert. Der Zwang zum positiven Denken wird aber schnell gefährlich. Dann nämlich, wenn man glaubt, dass nur derjenige krank oder nicht mehr gesund wird, der falsch fühlt, denkt oder handelt. Da nähern wir uns mittelalterlicher Schuldzuweisung, als Krankheit als Strafe für ein untugendhaftes Dasein galt.

Kann man also selber die Wirkung eines Medikaments erhöhen?

Folkers: Sicher. Für die Anwendung von schweren Schmerzmitteln bei kranken Menschen mit starken Schmerzen beispielsweise gibt es deutliche Forschungsergebnisse. Verabreichte man bisher den Patienten dreimal täglich Morphium, so hat man fallweise auf ein System umgestellt, mit dem sich die Patienten selber Morphium über eine Infusion geben können. Diese verabreichten sich selber weniger als die Hälfte der Dosis, fühlten sich trotzdem besser! Hier spielt die Autonomie eine grosse Rolle. Die Angst, dass der Schmerz schon vor der nächsten Spritze wieder einsetzt, ist sehr schlimm. Mit der Selbstverabreichung gewinnt man ein Stück Lebensqualität zurück. Dasselbe gilt für rezeptfreie Medikamente: Wer weiss, was er braucht und was bei ihm wirkt, hat mehr Selbstkontrolle.

Pillen schlucken ist umstritten: Es gibt jene, die das für unnatürlich halten, und andere, die tablettensüchtig sind. Haben wir ein krankes Verhältnis zur Medizin?

Folkers: Wir haben ein krankes Verhältnis zur Natur und zu uns selbst. Der «technologische Fortschritt» und das «Natürliche» werden furchtbar romantisiert.
Kut: Gefährlich und fahrlässig wird es dann, wenn die Grenze der Selbsttherapie erreicht ist und man ernsthafte Komplikationen für sich und sein Umfeld riskiert. Hier gilt es, sich Rat in der nächsten Apotheke oder Ärztezentrale zu holen.

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