Amors Waffen

Ob Rache oder Langeweile, Karriere oder Kampf gegen Rivalinnen: Was wir immer schon vermutet haben, ist jetzt wissenschaftlich belegt. Sex ist eine Allzweckwaffe, die Frauen erstaunlich strategisch einsetzen.

«Ich hatte Sex mit Männern, um zu sehen, ob es mit ihnen Spass macht», sagt Mary, 24, «dann wusste ich, ob es sich lohnt, weiter mit ihnen auszugehen.» Liz, 19, erzählt: «Wann immer mich ein Junge verletzt, der mir am Herzen liegt, lande ich mit einem anderen im Bett. Das hilft über den Schmerz hinweg.» Und Amy, 25, berichtet: «Manchmal machst du deinen Mann glücklich, weil du genau weisst, dass er dir dafür einen Gefallen tun wird. Etwa beim Putzen helfen . . .»

Sex als Mittel des Partner-Castings, zur Enttäuschungsbewältigung oder als Belohnung für den Hausputz: Das sind nur drei Beispiele aus rund tausend Erklärungen von Frauen, warum sie Sex haben; nachzulesen sind sie in dem neuen Buch der amerikanischen Psychologen Cindy M. Meston und David M. Buss: «Why Women Have Sex». Selbst Amor, Gott der Liebe, dürfte bei der Lektüre einige Überraschungen erleben.

Die beiden Professoren von der University of Texas in Austin haben Grundlagenforschung betrieben. «Die Frage, warum Frauen Sex haben, ist überraschend wenig erforscht», erklären die Wissenschaftler. Zwar hat Alfred Kinsey die sexuellen Praktiken katalogisiert, und seit den Arbeiten von Masters und Johnson in den 1960ern wurde viel über die biologischen Grundlagen des Liebemachens herausgefunden. Die Frage aber nach den Motiven für die wohl elementarste Tätigkeit der Welt blieb seltsam unberührt. «Die Antworten liegen auf der Hand, dachte man immer», schreiben Meston und Buss im Vorwort ihres Buches, «Frauen haben Sex, um Liebe auszudrücken, Lust zu erfahren oder sich fortzupflanzen.»

237 Gründe für Sex

Aber ist es wirklich so einfach? Geben sich Frauen nur dann hin, wenn die grossen Gefühle sie überkommen? Daran hatten die beiden Forscher ihre Zweifel: die klinische Psychologin Cindy Meston wegen ihrer Forschungen rund ums weibliche Begehren; und David Buss als einer der Begründer der evolutionären Psychologie. Die geht davon aus, dass unsere heutigen Wesenszüge als Anpassungen an die Überlebenserfordernisse der letzten Jahrmillionen entstanden sind. Bei seinen Arbeiten über Eifersucht oder die Frage, was Menschen morden lässt, war Buss immer wieder auf die schillernde Rolle der Sexualität gestossen. Die hatte längst nicht nur mit Sinnestaumel und wonnevollen Obsessionen zu tun, sondern gehorchte oft einer kühlen Rationalität. Also beschlossen die beiden Psychologen, sich an eine Inventur möglicher Motive fürs Liebesspiel zu machen.

In einer ersten Studie befragten sie Probanden, warum diese «es» schon einmal getan hatten. Die Antwortenfülle war erschlagend. Buss und Meston destillierten daraus 237 Gründe und publizierten sie 2007 in einem Aufsatz, der als Kollektion menschlicher Lustbarkeiten verblüffte: Die Gründe reichten von weltlich-banal («Ich langweilte mich») bis sphärisch-religiös («Ich wollte Gott näherkommen»), von selbstlos («Er sollte sich gut fühlen») bis rachsüchtig («Ich wollte ihn bestrafen, weil er mich betrogen hat»). Manchen Frauen ging es um Macht («Ich liebte es, ihn zu kontrollieren»), anderen um Erniedrigung («Ich wollte benutzt werden»). Und während die einen eine Romanze zelebrierten («Ich genoss es, mit ihm eins zu werden»), sabotierten die anderen eine fremde Beziehung («Ich wollte es meiner Rivalin zeigen und schlief mit ihrem Typ»). Es scheint kaum einen Grund zu geben, aus dem Frauen nicht Sex haben.
Um dieses Spektrum zu erklären, liessen sich die Wissenschaftler in einem zweiten Schritt von über tausend Frauen aus der ganzen Welt ausführlich über ihre Amouren berichten. Was die Wissenschaftler mit den intimen Geständnissen ans Tageslicht holten, präsentieren sie jetzt in dem Buch. Es ist die strategische Seite weiblicher Verführungskunst.

Sex ist weit mehr als Lust und Liebe – das ist die Kernthese von Cindy Meston und David Buss. Die weibliche Sexualität ist ein ebenso kostbares wie nützliches Kapital, das sich gezielt einsetzen lässt und in jeder Lebenslage eine Hilfe sein kann – egal, ob es darum geht, Langeweile zu vertreiben oder eine Konkurrentin auszustechen. Kurz: Sex ist die Allzweckwaffe der Frau.

«Gefühle spielen keine Rolle»

Diese Realität war bisher unbeachtet geblieben; zu sehr hatte man sich auf die grossen Gefühle konzentriert: Weil vor allem Männer dem Klischee anhingen, für Frauen seien Sex und Liebe untrennbar verbunden, wurde in den letzten Jahren vor allem von Frauen die Rolle der Lust hervorgehoben. Die Buss-Meston-Studie streitet nun weder die Rolle von Liebe noch Lust grundsätzlich ab.›››
Die Top Five der meistgenannten Gründe lauten:
1 – «Ich fühlte mich zu ihm hingezogen.»
2 – «Ich wollte körperliche Lust erfahren.»
3 – «Es fühlt sich gut an.»
4 – «Ich wollte Zuneigung zeigen.»
5 – «Ich wollte meine Liebe zeigen.»
Doch, wenden Buss und Meston ein, das sind die Gründe, die im Spiel sind, wenn die sexuelle Beziehung neu ist. Und es sind die Gründe, die zum Mythos ekstatischer Leidenschaft gehören. Die Realität sieht oft anders aus. Besonders mit zunehmender Beziehungsdauer. «Als ich Single war, hatte ich Sex zu meiner Freude», sagt Lisa, 26, «seit ich verheiratet bin, habe ich Sex, um meinen Mann zu befriedigen.»

Zunächst räumt die wissenschaftliche Intimbefragung mit dem Klischee auf, es brauche Liebe, damit Frauen Männern ihre Gunst erweisen. Nicht wenige Statements klingen, als stammten sie von testosterongeplagten Machos: «Ich hatte einige Beziehungen, nur um Sex zu haben», sagt Linda, 27, «Gefühle spielten keine Rolle – höchstens die Angst, dass ein Kerl mehr von mir wollte.»

Frauen steigen mit Männern ins Bett, erzählen sie, um den Rausch der Lust zu spüren, Abenteuer zu erleben, ihre erotische Performance zu verbessern – oder um einfach eine Kerbe mehr in den Bettpfosten zu machen. «Noch einer!», erinnert sich Lucy, 26, an ihre Highschool-Zeit. «Ich war wahnsinnig stolz auf die Zahl meiner Eroberungen.»

Hochschlafen als Karriereweg

Auch das zweite grosse Gefühl ist nicht zwingend nötig: Frauen haben selbst dann Sex, wenn keine Lust (mehr) da ist: Elizabeth, 48, gibt zu Protokoll: «Wenn du eine Weile verheiratet bist – seien wir ehrlich –, ist Sex nicht mehr so aufregend.» Und erklärt dann, wie sie ihn praktiziert: «Ich habe Sex, weil ich das Gefühl habe, es meinem Mann schuldig zu sein, und ich möchte, dass er glücklich ist. Ich liege da und mache Listen in meinem Kopf. Ab und zu stöhne ich, damit er weiss, dass ich nicht eingeschlafen bin. Ist es vorbei, sage ich: Es war toll.»

Sex galt viel zu lange als «Erfüllung ehelicher Pflichten», als dass er als das wahrgenommen wird, was er auch ist: Teil eines Tauschhandels, eines Geschäfts. Es geht ja Frauen wahrlich nicht immer darum, den Mann selbstlos glücklich zu machen, sondern auch um das Erreichen eigener Ziele: «Ich schlafe mit meinem Mann, wann immer ich etwas möchte, das er gar nicht will», gesteht Angelina, 31. Das kann der Besuch bei der Schwiegermutter sein oder die Frage des nächsten Ferienziels; selbst um banalste Dinge geht es: Frauen geben sich hin, damit er den Rasen mäht oder endlich den Müll rausbringt.
Die Tausch-Strategie ist nicht auf die Ehe beschränkt: In «Why Women Have Sex» schildern Frauen, dass sie ihre Weiblichkeit einsetzen, um einen Job, eine Beförderung oder diversen Luxus zu erhalten. Aller Emanzipation zum Trotz ist das Hochschlafen ein nicht zu unterschätzender Karriereweg.
Dass weiblicher Sex ein rund um die Welt hochgeschätztes Kapital ist, konnte der Anthropologe Donald Symons in einer Studie zeigen: Der Austausch von Geschlechtsverkehr und Geschenken findet überall statt. In 79 Prozent der untersuchten Gesellschaften sind es, geht es um das eine, Männer, die Frauen beschenken. Im Rest der Fälle machen beide Liebesgaben, doch die der Männer sind teurer. Symons entdeckte keine Gesellschaft, in der Frauen mehr investierten oder gar allein Geschenke machten. Weibliche Sexualität ist Gold wert.

Um an dieses ihnen so teure Kapital zu kommen, sind Männer bereit, alles zu wagen. Die Liste der Frauen, für die selbst die Mächtigsten Kopf, Kragen und Amt riskierten, reicht von Kleopatra bis Monica Lewinsky. Doch dabei wird meist eins übersehen: «Es sind nicht nur Männer, die um Frauen konkurrieren», sagt David Buss. «Auch Frauen führen einen Kampf um Männer.» Bloss wird der meist als «Zickenkrieg» oder «Stutenbissigkeit» abgetan.

Dabei sind ihre Rivalitäten vermutlich härter. Auf ihnen lastet der grössere Druck, tragen sie doch die ganze Last des Reproduktionsgeschäfts. Während sich das Investment des Mannes auf den reinen Akt beschränken kann, dauert allein die Schwangerschaft neun Monate. Und dann fängt die Arbeit erst richtig an. Umso wichtiger ist es, die Wahl des Vaters mit höchster Präzision zu treffen. Er muss ja nicht nur über vielversprechende Gene verfügen, sondern sich als ebenso guter wie treuer Versorger und liebevoller Vater erweisen.

«Im Seminar frage ich meine Studentinnen, was sie von einem Partner erwarten», sagt Professor Buss. «Dann geht’s los: Intelligent soll er sein, humorvoll, selbstbewusst, sensibel, gut aussehend, emotional stabil, eine aufregende Persönlichkeit haben, viel Geld verdienen, viel Zeit haben . . .» So schreibt Buss die Tafel voll, um dann zu fragen: «Wer kennt so ein Prachtexemplar?»

Kein Wunder, dass Frauen, sichten sie jemanden, der diesem Ideal nur ein wenig entsprechen könnte, alles tun, um ihn erstens zu erobern, ihn zweitens zu behalten und gegen die Konkurrenz zu verteidigen, ihn aber auch drittens, falls er sich als Enttäuschung erweist, durch einen neuen zu ersetzen. Sex spielt in allen drei Fällen eine zentrale Rolle.

1 Um Männer zu verführen

Dass Frauen mit einem Mann schlafen, um sein Herz zu gewinnen, taucht regelmässig in den Erzählungen der Frauen auf. «Ich war es, die ihn verführte», erinnert sich Melissa, 25, «ich wollte ihm etwas geben, das niemand anders haben kann.» Sex gilt als definitiver Liebesbeweis. Doch das ist riskant: Die Frauen treten in Vorleistung; aber niemand zwingt die Männer, ihren Teil des Deals zu erfüllen. «Je mehr wir Liebe machten, dachte ich, desto mehr muss er mich lieben», sagt Bridget, 41. «Ich war eine Närrin.» Denn: Eine, die «leicht zu haben ist», die ihr Kapital zu bereitwillig hergibt, erscheint «billig» und ist für Männer als dauerhafte Partnerin unattraktiv.

 

2 Um Männer zu beschützen

Zweifellos spielt Sex innerhalb der Beziehung die wichtigste Rolle: Er gilt als physischer Vollzug der Liebe und sorgt durch Hormonausschüttungen für Nähe und Bindung. Was aber selten thematisiert wird: Das Liebemachen hat in einer festen Beziehung einen pragmatischen Zweck: Es soll die Liebe beschützen. «Sex ist eine Art Partnerversicherung», sagt David Buss.

«Meine Mutter schärfte mir ein: ‹Beglücke deinen Mann, sonst tut es eine andere!›», bringt es Jennifer, 37, auf den Punkt. Er soll vom «Streunen» abgehalten werden. «Mate guarding» (Partnerschutz) nennen das die Evolutionspsychologen. Dazu gehört, dass sexuelles Glück nach aussen kommuniziert wird. Das geschieht durch Andeutungen, hingeworfene Bemerkungen («Wir haben ja so viel Spass») und signalisiert der Konkurrenz: «Bleibt weg! Keine Chance!» Legendär ist, wie die Sängerin Jessica Simpson es machte: An der Seite ihres neuen Freundes trug sie ein T-Shirt, auf dem der Satz prangte: «Real Girls Eat Meat» (Richtige Mädchen essen Fleisch). Das war eine klare Kampfansage, nicht nur an ihre vegetarische Vorgängerin.

Die Gefahr besteht ja nicht nur, dass der Mann untreu wird; eine Gefahr sind auch Frauen, die sich an ihn heranmachen. «Mate poaching» heisst das, und solche «Partner-Wilderei» ist weit verbreitet: Der Evolutionspsychologe David Schmitt kam bei einer Untersuchung von 53 Ländern zum Ergebnis, dass 60 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen schon einmal versucht haben, jemanden zum Seitensprung zu überreden.

3 Um Männer zu bestrafen

Steckt eine Beziehung in der Krise, weil der eigene Mann selbst wildern geht oder wildern lässt, taugt Sex als Disziplinarmassnahme: «Mein Ehemann betrog mich mit meiner besten Freundin», erzählt Sandra, 44. «Also bandelte ich mit ihrem Mann an.» Eifersucht wecken ist ein legitimes Ziel: «Ich schlief mit seinem besten Freund, damit er realisiert, dass auch andere mich wollen», sagt Olive, 19. Manche Beziehungen funktionieren dauerhaft so. Edith, 50, berichtet, dass, wann immer ihr Mann eine Affäre beginne, sie sich einen Liebhaber suche. «Das klappt seit dreissig Jahren.»

Für viele Frauen wäre das inakzeptabel – und sein Fremdgehen ein Trennungsgrund. Oft holt sich da eine Frau mit einer eigenen Affäre den Mut zum Absprung. Sie kann sich ihren «Marktwert» beweisen: «Mein Freund hatte angedeutet, er sei sich unsicher, was unsere Beziehung angehe», erzählt Lily, 20, «so schlief ich mit einem anderen. Das gab mir die Gewissheit, im schlimmsten Fall einen neuen Mann zu finden.» Oder Frauen rekrutierten sich so gleich den nächsten Partner.

«Ich schlief mit all seinen Freunden»

Sex spielt also eine fundamentale Rolle, um einen Mann zu bekommen, ihn zu behalten oder ihn notfalls durch einen anderen zu ersetzen. So geht das seit Jahrhunderttausenden: Wer sich als geschickte Verführerin erwies, wurde mit mehr und besserem Nachwuchs belohnt und gehörte damit, weil sie ihre Gene effektiv verbreitete, zu den Gewinnerinnen der Evolution. «So entstand eine enge Kopplung zwischen dem sexuellen Erfolg einer Frau, ihrem Selbstwertgefühl und ihrer allgemeinen Wertschätzung», sagt Cindy Meston.

Hat man den Zusammenhang verstanden, wird klar, warum das Verlassenwerden eine Frau tief trifft. Es verletzt eben nicht nur ihr Selbstwertgefühl, es beeinträchtigt auch den «Marktwert». Denn, so wird es empfunden, eine Frau, die verlassen wird, scheint ja nicht viel wert zu sein. Und wieder – wen überrascht es noch? – bietet sich Sex als Kompensationsmassnahme an. Buss und Meston stiessen auf ein Verhaltensmuster, das man aus dem Liebesleben der Celebrities gut kennt: Die Sängerin Lily Allen antwortete auf die Frage, was ihr über den Schmerz geholfen habe, als ihr Freund ihr den Laufpass gab: «Ich schlief mit all seinen Freunden.» Und Sarah Erni, die gerade vom Mister Schweiz André Reithebuch verlassen wurde, handelte ähnlich: Sie zog sich im Blick aus und stellte sich damit gleich allen Schweizer Männern zur Verfügung.

Natürlich ist das Rache. Der Verflossene wird lächerlich gemacht, indem man ihm nachträglich die Hörner aufsetzt. Aber die Hauptsache ist etwas anderes: Durch solche Handlungen – egal, ob nur behauptet oder tatsächlich vollzogen – stellen die Düpierten ihre Reputation wieder her. Sie beweisen, wie begehrenswert sie sind und dass ihr Ex ein Idiot gewesen sein muss, solch eine Frau zu verlassen.

Damit verteidigen sie auch ihren Rang innerhalb der weiblichen Konkurrenz. Wie obsessiv dieser Wettstreit sein kann, zeigt das Buch «Why Women Have Sex». Mitunter reicht er bis ins Bett hinein: «Während ich glücklich war, mit ihm zu schlafen», sagt Aileen, 18, «realisierte ich, dass ich es tat, um mich als besser zu erweisen als das andere Mädchen.» Eine Konkurrentin ausstechen gibt den richtigen Kick. Susan, 27, erzählt, wie sie sich an den Freund ihrer besten Freundin ranmachte. Wie er sie küsste, berührte und sie gleich im Wohnzimmer übereinander herfielen. «Ich berauschte mich am Triumph, meiner Freundin überlegen zu sein.» Frauen sind nicht weniger kompetitiv als Männer: «Es war mit meiner Freundin immer ein Wettstreit, wenn wir ausgingen: Wer kriegt den Typen?», sagt Alison, 26. «War ich es, nahm ich ihn mit ins Wohnheim, damit alle meinen Sieg registrierten.»

Frauen erzählten den Forschern von ihrem Stolz, einen Schwulen ins Bett bekommen oder mit einem tollen Mann geschlafen zu haben, auch wenn der sie wie Dreck behandelte: «Es fühlte sich wunderbar an, dass jemand so Attraktives und Erfolgreiches mit mir schlafen wollte», sagt Anne, 32. Der Mechanismus ist klar: «Sexueller Erfolg steigert das Selbstvertrauen», sagt Cindy Meston. «Und das wiederum macht sexy.»

Femmes fatales?

Wenn Sex also allerorten einsetzbar ist, wenn auch das Selbstwertgefühl einer Frau so sehr von ihm abhängt und Erfolge zu noch mehr Erfolgen führen können: Warum wimmelt es dann nicht von männerverschlingenden Femmes fatales? Warum gelingt es kaum Frauen, sich wie eine Carla Bruni so öffentlich nach oben zu schlafen, ohne dass es ihrem Ruf schadet? Warum stehen erotische Eskapaden nur Männern gut zu Gesicht?

Typischer Fall frauenfeindlicher Doppelmoral, lautet die Standardantwort. Frauen, die sich mit vielen Männern einlassen, verlieren für einen Mann an Reiz, eine Langzeitpartnerin zu sein. Zu gross ist das Risiko, sie könnten ihm ein Kuckuckskind unterjubeln. Und sich für die Gene eines Konkurrenten abzurackern, ist evolutionärer Selbstmord.

Bloss: Es sind gar nicht die Männer, die an dieser Moral Schuld tragen, nicht in erster Linie zumindest. Anne Campbell, Psychologin an der amerikanischen Durham University, wies nach, dass es die Frauen selbst sind, die am lautesten auf die Einhaltung des Sittenkodex pochen. «Die ist ein Flittchen» – das ist meist ein Satz aus Frauenmund. «Frauen vermeiden es nicht nur, sich mit denen zu befreunden, die im Ruch der Promiskuität stehen», sagt Campbell. «Frauen sind es auch, die solche Frauen am vehementesten ablehnen.» Sie schützen ihre Reputation, um ja nicht auch als «so eine» zu gelten. Vor allem aber erwehren sie sich gefährlicher Konkurrenz. Der Vorwurf, diese «treibe es doch mit jedem», ist eine kaum zu übertreffende Abwehrstrategie gegen jene, die zu offensiv ihre Erotik einsetzen.

Cindy Mestons und David Buss’ Frontbericht vom Krieg rund um die Betten zeigt, dass der nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Geschlechter tobt. Die Forscher revidieren das alte Bild, das den Frauen wenig mehr als die Rolle eines zu erobernden Sexobjekts beimass. Frauen legen in Liebesdingen ein solches Geschick an den Tag, dass das wahre Ausmass ihres amourösen Agierens nur selten offensichtlich wird.

Keine Frage: Es bestehen Unterschiede zwischen Frauen, ob und wie sie sich der Allzweckwaffe Sex bedienen. Um die verführerische Macht der mehr oder minder bewusst eingesetzten Weiblichkeit aber wissen sie alle. «Denn», sagt David Buss, «jede Frau stammt von einer langen, ununterbrochenen Reihe von Müttern ab, die im sexuellen Wettbewerb erfolgreich waren.» Frauen sind die wahren Heldinnen im ewigen Geschlechterkampf.

 

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