Mundart im Knast

Polo Hofers neustes Album erinnert an Johnny Cash: Seine Stimme klingt reifer als je zuvor.

Wir müssen uns kurz den demütigenden Bezeichnungen für Menschen über fünfzig zuwenden. Polo Hofer, um den es hier geht, erhielt von Zürichs nobelstem Medium die Auszeichnung «in Würde gereift». Das evoziert umgehend Gerüche von überekipptem Burgunder, rezentem Camembert oder Bilder eines ramponierten Oldsmobile. In jedem zweiten Interview wird Polo Hofer (Jahrgang 1945) geflissentlich das Pensionsalter vorgerechnet, das er nächsten März erreichen wird. Es sind Sticheleien von Leuten, die dem Tod nicht in die Augen schauen können. Polo schon.

Seit den sechziger und den frühen siebziger Jahren hat jede westliche Nation einen. Einen Protest- und Minnesänger, der ein Leben lang seine Nation unterhält und gleichzeitig nervt. In den USA ist das Bob Dylan, in England Ray Davies, in Frankreich Serge Gainsbourg, in Deutschland Udo Lindenberg, in Italien Adriano Celentano und in der Schweiz eben Polo Hofer. Alles Musiker und öffentliche Figuren, alle irgendwo kulturlinks, regierungskritisch und parteienfern. Fast alle sind noch am Leben und wirken rein durch ihre Anwesenheit.
Auch in der Schweiz: Es sind bei weitem nicht nur Musik und Texte, die «Polo National» ausmachen. Es ist ebenso sehr die charismatische, öffentliche Figur, die sich hinstellt und singt oder eben sagt, was sie denkt. Es ist der Typ Intellektueller, den man akustisch und auch begrifflich versteht. Der Hofnarr ist es, der am gefährlichsten lebt am Königshofe. Dafür, dass er unterhält und an allerlei Grenzen rührt, kriegt er Bier und freie Kost. Geht der Spass aber zu weit, rollt sein Kopf.
Polo Hofer, heute mit Markenzeichen, ging nie zu weit – das wäre unbernerisch und ungemütlich. Und doch ging er immer ein paar Zentimeter weiter als das, was seit Ende der sechziger Jahre erlaubt und schicklich war: nackt auf Plakaten für die vierköpfige Härdlütli-Partei werben. Sich jahrzehntelang in öffentliche Talkshows setzen und seinen Abendjoint verteidigen – so selbstverständlich, wie jeder Freisinnige seinen abendlichen Châteauneuf-du-Pape eben nicht verteidigen muss.
Am Telefon erzählt uns Polo Hofer, wo er im Woodstock-Sommer 1969 den Mundartrock erfunden hat: im Knast. «Mit meiner Tanzband Polo’s Pop Tales nahmen wir die herumliegende Farfisa-Orgel eines Ex-Mitmusikers mit ins Ausland», erzählt Hofer. «Bei der Wiedereinreise wurde ich – auf Anzeige der Mutter des Musikers – stracks verhaftet und musste 35 Tage ins Gefängnis Witzwil. Und Zibele setzen.» Da sei er schon ins Studieren gekommen. In einer der einsamen Zellennächte beschloss Häftling Hofer, im Oberland neue und junge Musiker zu suchen und Mundarttexte zu verfassen. Gesagt, getan.

Zuerst fand Songwriter Polo (Sternzeichen Fisch) den passenden und matchentscheidenden Partner: den Tastenmann und Komponisten Hanery Amman (Skorpion). 1971 startete die fünfköpfige Band unter dem Namen Rumpelstilz, 1973 erschien die erste Single, sie hiess «Warehuus Blues», die B-Seite «Gammler», die Langspielplatte «Vogelfuetter» (1975). Typisch frühe Seventies, typisch Polo: Konsumkritik, Hanf und Freiheitsversprechen.

Radiomitarbeiter Willy Bischof fand die Rumpelstilz-Scheibe nicht nur toll, er hatte auch den Mut, die ganze, fünfzigminütige Langspielplatte am Stück über den damaligen Landessender Beromünster krachen zu lassen. Umgehend sei, erzählt Polo geniesserisch, das Radio-Telefonnetz zusammengebrochen. Und ebenso umgehend waren Rumpelstilz berühmt.

«Wer wankt, hat mehr vom Weg»

Polos Wanderweg von 1971 bis heute ist fast jedem Erwachsenen geläufig. Jährlich gab es Stimmen, die fanden, jetzt habe der Sänger seinen Ruf zerstört. Und ebenso sicher hat er ihn mit einem nächsten Album wieder aufgebaut. Sogar die Stimme: Sie hat eine neue Autorität, die man – mit Respekt und gebührendem Massstab – mit der späten Innigkeit von Johnny Cash vergleichen darf.

Man könnte die bald vierzig Jahre mit zwei seiner Sprüche beschreiben, die in Buchform auch als «Polosofie» zu haben sind. Der erste Spruch könnte neben dem Rotwein auch die Personal-, Band- und Stilwechsel bezeichnen, mit denen Polo Hofer die Schweiz verblüffte, er lautet: «Wer wankt, hat mehr vom Weg.» Die zweite Weisheit bezieht sich aufs Älterwerden und Trotzdem-Weiterrocken: «Lieber vom Leben gezeichnet als von Rolf Knie gemalt.»
Irgendeinmal hatte Polo zu viel Musik im Regal und verkaufte all seine 5000 Platten und CDs. Er beschloss, sich ganz der Musik des US-Südens zu widmen, der Quelle von Country, Blues, Rock ’n’ Roll. Und daraus mag er im Moment am liebsten The Resentments aus Austin, Texas.
Welchen seiner eigenen Songs mag Polo am meisten? Das sei Stimmungssache. Dieselbe Musik wirke am Morgen anders als am Abend. Er liebt heute vor allem die klavierlastigen Songs – etwa «Rosmarie», «Im letschte Tram» sowie «Ds letschte Hemmli» und «Ds Beschte chunnt erscht no» vom neuen Album. Gab es einen Entscheid in seiner Karriere, den er bereut? «Nein.» Welchen fremden Song hätte Polo gern selber geschrieben? «La Paloma.»
Solange die Antworten besser sind als die Fragen, ist alles in Ordnung.

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