«Im Vakuum heiter bleiben»

Nobelpreisträger Günter Grass über das Altern, seinen Stolz auf die anhaltende Fähigkeit zur Erektion und darüber, warum er weiterhin für die SPD Wahlkampf macht.

Ein Interview mit Deutschlands berühmtestem Schriftsteller ist ein Kampf gegen die Redeflut, mit der dieser erstaunlich vitale Mann, der am 16. Oktober zweiundachtzig wird, den Interviewer schier überschwemmt. Eingesunken sitzt er mir in seinem Lübecker Büro, dem «Grass-Haus», das von Hilke Ohsoling verwaltet wird, gegenüber. Zuvor hat mich die lebhafte Dame kundig durch die zwei Etagen geführt, in denen ich die Lithografien, Skulpturen und Entwürfe des, wie man weiss, nicht nur schreibenden, sondern auch bildenden Künstlers besichtigen durfte, Pilze und Kochmützen als Phalli, liegende Knaben mit hochaufgerichtetem Glied, in Bronze gegossene Buchseiten, Selbst- porträts, tanzende Paare.

Günter Grass, ungefärbt schwarzhaarig, präsentiert sich unübersehbar als ein Ausbund an Sinnlichkeit. Helmut Frielinghaus, sein Lektor, hatte mir, dem vor der Begegnung mit dem Literaturgiganten Bangenden, beruhigend versichert: «Keine Angst, er spricht gern.» Aus den zwei Stunden, die mir für das Interview versprochen waren, wurden fast fünf. Als ich längst keine Fragen mehr hatte und meine Widerstandskraft gegen die redselige Lebensfreude des um zwanzig Jahre Älteren allmählich erlahmte, kam aus einem Nebenraum seine Ehefrau Ute, die ihn chauffiert hatte, da er keinen Führerschein besitzt. Grass wohnt zurückgezogen in Behlendorf, fünfundzwanzig Kilometer von Lübeck entfernt. Das Frühjahr verbringt er in seinem Haus in Dänemark, den Herbst in Portugal.
Nun spielte man einander zu Weisswein und der obligaten Pfeife, die immer wieder erlosch, da man nicht gleichzeitig sprechen und rauchen kann, Anekdoten zu: «Erzähl du! Du kannst das besser.» Ein Beispiel: In Danzig, dem Geburtsort des Dichters, sollte ihm ein Denkmal errichtet werden, gegen das er sich, da er noch nicht tot sei, verwahrte. Als Ersatz schlug er vor, die Wohnungen jener Altbauten, in denen es immer noch von mehreren Mietparteien zu benutzende Etagenklos gebe, mit eigenen Toiletten auszustatten, die man zum Gedenken an den grossen Sohn als «Grasstoiletten» bezeichnen möge.

Besonders liebt er es, mit Kollegen verwechselt zu werden. Nach einer Lesung im Berliner Theater am Schiffbauerdamm drei Tage vor dem Interview bat ihn eine junge Dame um ein Autogramm. Sie sei zwar gerade auf dem Weg, sich in die Kondolenzliste für den verstorbenen Michael Jackson einzutragen. «Aber Sie leben ja noch, Herr Wallraff.» Grosses Gelächter.

Ausführlich berichtete Grass auch über seinen nächsten Roman («Grimms Wörter»), der in einem Jahr erscheint, liess mir aber nach dem Gespräch ausrichten, ich solle das bitte schön nicht verwenden, damit keine unerwünschten Nachfragen kämen. In den opulenten, mit hocherotischen Zeichnungen ausgestatteten Gedichtband «Letzte Tänze» schrieb er mir: «Für André Müller nach einem vergnüglichen Gespräch . . .» Als ich im Grass-Buchladen, der sich im Parterre befindet, dem Verkäufer gegenüber meine Bewunderung für die enorme Produktivität seines Herrn ausdrückte, riet mir der launige Buchhändler: «Rauchen Sie Pfeife und trinken Sie Rotwein! Vielleicht funktioniert’s.» Günter Grass aber, so hatte er mir versichert, trinke beim Schreiben ausschliesslich Tee.


Sie werden im Herbst zweiundachtzig. Ihre Schaffenskraft ist ungebrochen.

Ja, gegen alle Widerstände.

In Ihrem autobiografischen Roman «Die Box» wundern sich Ihre Kinder, Zitat, «wie er das jedes Mal hingekriegt hat: ein Bestseller nach dem anderen, gleich was die Zeitungsfritzen darüber zu meckern hatten». Eine Erklärung dafür haben die Kinder nicht.

Ich habe auch keine Erklärung. Ich bin ja selbst überrascht, aber auch dankbar. Bei meinen Lesungen sitzen drei Generationen im Saal, das freut mich. Meine Söhne und Töchter, die inzwischen alle erwachsen sind, schütteln manchmal den Kopf über mich, weil ich immer noch weitermache. Die sind der Meinung, dass ich mich jetzt mehr zurücknehmen und ruhiger werden und das Alter geniessen sollte. Aber es hilft nichts. Ich kann nicht anders als schreiben.

Als Sie Ihren ersten und bis heute berühmtesten Roman, «Die Blechtrommel», begannen, der vor fünfzig Jahren erschien, hat Sie, so sagten Sie, die Sprache «als Durchfall erwischt».

Ja, und der Durchfall hält an, wenn Sie so wollen. Man ist verblüfft und auch erschrocken als Autor, wenn man sich bei schreibender Arbeit plötzlich wie ein Instrument fühlt. Die Figuren gewinnen eine Selbständigkeit, und man erkennt, dass die Literatur ein Eigenleben entwickelt.

Tanzen Sie noch?

Ja, ich tanze noch, und ich habe die Absicht, weiterzutanzen. Nur mit dem Kopfstand wird’s schwieriger. Es war Tradition, dass ich alle fünf Jahre an meinem Geburtstag im Kreis der Familie einen Kopfstand vorführe. Den habe ich auf Wunsch der Kinder an meinem achtzigsten Geburtstag nicht mehr gemacht. Man hat ihn mir verboten aus Angst um meine Gesundheit. Mit fünfundsiebzig habe ich ihn noch geschafft, etwas krumm zwar, aber es ging noch.

Leiden Sie unter dem Alter?

Na ja, es zwickt und zwackt da und dort. Ich habe Bypässe in beiden Beinen. Aber ich kann nicht klagen. Der Vorteil des Alters ist, dass man vieles, was früher wie selbstverständlich an einem vorbeilief, den Wechsel der Jahreszeiten zum Beispiel, deutlicher wahrnimmt.

Weil man denkt, man erlebt es vielleicht zum letzten Mal.

So ist es.

Im 2003 erschienenen Gedichtband «Letzte Tänze» feiern Sie Ihre sexuelle Potenz. Ein Gedicht trägt den Titel «Heftige Stösse». In einem anderen heisst es: «Komm, lieg bei mir, solang mein Einundalles steht . . .»

Darin drückt sich eine Dankbarkeit aus, dass es noch geht in meinem Alter.

Dankbarkeit wem gegenüber?

Na, ihm gegenüber, dass er noch steht.

Gelänge die Erektion nicht mehr, das wäre das Ende?

Das will ich nicht sagen. Ich würde es mit Bedauern feststellen, aber ich würde ganz gewiss weiterschreiben.

Finden Sie es nicht schrecklich, dass wir sterben müssen?

Nein, nein! Also die Vorstellung, ewig zu leben, diese Sucht nach medizinisch gesicherter Unsterblichkeit, ist doch eine Horrorvorstellung. Die Welt würde aus Greisen bestehen. Wissen Sie, seit meinem Roman «Die Rättin», der ja von der Kritik niedergemacht wurde, bei anderen Büchern hat sich das dann noch gesteigert, ist mir unsere Endlichkeit und auch die Endlichkeit des Menschengeschlechts auf diesem Erdball besonders deutlich geworden. Der Mensch ist hier, gemessen an der Existenz der Erde, nur ein flüchtiger Gast. Wir sind ja dabei, unsere Selbstvernichtung vorzubereiten. Aber es gibt die Möglichkeit, dass bestimmte widerstandsfähige Organismen es schaffen, unseren Untergang zu überleben, so dass sich der Planet in Zeiträumen, die wir nicht überschauen können, von den Menschen erholt.

Schon 1982 konstatierten Sie düster: «Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen.»

Das war anlässlich der Verleihung des Feltrinelli-Preises in Rom. Da geschah etwas sehr Interessantes. In der ersten Reihe sass der von mir hochverehrte italienische Staatspräsident Pertini, es wurden zahllose Reden gehalten, und er war eingeschlafen. Dann sprach ich. Sein Sekretär gab ihm die Übersetzung, da wurde er plötzlich ganz wach und hat mich danach umarmt.

Darf ein Politiker, der doch Lösungen anbieten muss, Ihren Pessimismus teilen?

Ich möchte nicht, dass Sie das Pessimismus nennen. Die Vorhersage des Menschheitsendes ist eine angemessene, auch demutsvolle Einsicht in die Tatsachen, die sich aus unserem Verhalten ergeben. Wir sind zu allem Möglichen fähig in einer Beschleunigung ohnegleichen. Technische Erfindungen kommen über uns, die wir nicht beherrschen. Die Gesetzgebung hinkt hinterdrein. Wir haben nicht gelernt, zu dem, was wir können, aus Vernunft nein zu sagen. Die Erkenntnis, dass es zu Ende geht, kann sich jedoch mit dem Wunsch verbinden, dass wir den Erdball wenigstens auf erträgliche Art und Weise verlassen.

Mit Anstand.

Ja, mit Anstand, mit wenig Müll, ohne strahlende Körper, ohne Hinterlassenschaft, die noch zerstörerisch wirkt, wenn wir längst weg sind.

Haben Sie eine Utopie?

Nein, aber ich bin schon nach Zukunft verrückt und nach dem Möglichen, das sich entwickeln kann.

Sie sagen: «Die Literatur lebt von Krisen. Zwischen Trümmern lebt sie auf. Das bedeutet: In der Katastrophe finden Sie Ihren Stoff.

Wenn Sie von Katastrophen sprechen, dann denke ich unter anderem an dieses jetzt zu Recht grosse Jammern über die Finanzwirtschaftskrise, die im Grunde eine Systemkrise ist, und die sozialen Folgen, die schrecklich sind. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Künste davon profitieren werden.

Ja, eben.

Wenn wir es auf die schreibende Kunst beziehen, so wird diese Krise ablenken von der heute grassierenden Ich-Literatur, wo nur die eigene Befindlichkeit im Vordergrund steht.

Würden Sie für eine heile Welt auf die Kunst verzichten?

Das habe ich jetzt nicht verstanden.

Wäre die Welt in Ordnung, wird nach Ihrer These die Kunst überflüssig.

Aber ich bin doch nie davon ausgegangen, dass die Welt in Ordnung sein könnte. Das kann gar nicht sein.

Sie kämpfen für eine bessere Welt, aber Sie glauben nicht, dass sie möglich ist.

Ich gehe davon aus, dass die Welt, in der wir leben, ein Chaos ist. Aber ich lebe gern. Ich liebe das Leben. Ich war viel in Asien unterwegs. Eine Zeitlang lebte ich mit meiner Frau in Kalkutta. Dort habe ich angesichts der Armut und des Elends der Menschen, die dennoch eine ungeheure Vitalität ausstrahlen, etwas für mein Leben gelernt.

Was?

Im Vakuum heiter bleiben. Man darf nicht zu viel wollen. Ich wünsche mir ein Chaos mit verbesserter Ausführung. So habe ich das einmal genannt. Ein Politiker muss pragmatisch handeln.

Aber Sie sind doch Künstler.

Entschuldigen Sie, ich bin auch gleichzeitig Bürger. Das ist, wenn Sie so wollen, eine schizoide Situation. Ich wusste mit vierzehn Jahren, ich will Künstler werden, aber ich gehöre noch zu der Generation, die sich unter anderem fragen musste, wie es zum Zusammenbruch der Weimarer Republik kommen konnte als Voraussetzung für alles, was dann geschah. Wenn ich ein Gedicht schreibe, brauche ich keine Kompromisse zu machen, aber wenn ich mich gesellschaftlich betätige, lebe ich vom Kompromiss. Das ist eine der Lektionen, die ich verstanden habe.

Sie werden auch dieses Jahr wieder für die SPD Wahlkampf machen.

Ich werde in einigen Wahlkreisen im Osten Deutschlands, in der Uckermark, in Stralsund, dem Wahlkreis der Bundeskanzlerin, in Berlin, Halle und Dresden, sprechen. Die SPD ist dort auf einem Tiefpunkt. Das Minimalziel ist die Verhinderung einer schwarz-gelben Koalition mit der FDP, denn diese Partei propagiert einen Neoliberalismus, der verantwortlich ist für das wirtschaftliche Desaster, das wir jetzt haben.

Diese Koalition wird aber kommen.

Was heisst, die wird kommen? Ich werde mein Scherflein dazu beitragen, dass die nicht kommt.

Sie werden scheitern.

Ich habe in meinem politischen Leben Siege erlebt und natürlich auch eine Menge Niederlagen, aber ich bleibe dabei, dass die Sozialdemokratie, diese älteste demokratische Partei, immer noch der verlässlichste Garant dafür ist, dass die sozialen Unterschiede, die immer gravierender werden, denn wir sind heute schon wieder mittendrin in einer Klassengesellschaft, zu mildern sind.

Darf ich Ihnen ein Zitat von Ernst Jünger vorlesen, einem Autor, den Sie von Natur aus immer abgelehnt haben?

Ich hatte mit Ernst Jünger nur eine indirekte Begegnung, das war, als mein Roman «Ein weites Feld» herauskam und Marcel Reich-Ranicki und all die anderen darüber herfielen wider besseres Wissen. Da wurde auch Jünger befragt, und er antwortete, das Buch sei sehr gut geschrieben.

In «An der Zeitmauer» schreibt Jünger: «Die Welt ist von Vernünftigen erfüllt, die sich gegenseitig ihre Unvernunft vorwerfen. Die Dinge nehmen trotzdem ihren Gang, und zwar offensichtlich einen ganz anderen, als alle beabsichtigen. Wer ihn beobachtet, ist näher an den Quellen, als wenn er den Parteien zugehört.»

Das ist ein sehr abgehobener, elitärer Standpunkt.

Fühlen Sie sich nicht gelegentlich ohnmächtig mit Blick auf das Weltgeschehen?

Sie sind mir mit dem Wort «Ohnmacht» zu rasch bei der Hand. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: 1969 gelang es dem Sozialdemokraten Gustav Heinemann, damals Justizminister in einer Koalition mit der CDU, ein Gesetz zur rechtlichen Gleichstellung unehelicher Kinder im Erbschaftsfall, das jahrelang umstritten war, durchzubringen. Das war nicht Ohnmacht, und stellen Sie sich vor: Das freut mich noch heute.

Wie rührend!

Das ist doch nicht rührend! Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man sich als Schriftsteller nicht im Jüngerschen Sinne über alles erheben darf, sondern dass zu einer Demokratie, die sich ja in Parteien artikuliert, die Parteinahme dazugehört. Wer sich als Künstler nicht einlässt auf die Dinge, die ihn umgeben, auf diese Materialfülle einander widersprechender Fakten, auf das gelebte Leben, der kann nicht zu jener Dichte gelangen, die Kunst erst ausmacht. Die Romane von Fontane oder dem von mir geliebten Döblin oder Zola in Frankreich leben von der Anschauung der Wirklichkeit. Oder lesen Sie Heine, der sich an der Tagespolitik gerieben hat, woraus die wunderbarsten Gedichte entstanden sind, oder Gottfried Keller! Ich bin aufgrund meiner in jungen Jahren gesammelten Erfahrungen nicht den abgehobenen Weg gegangen. Aber ich toleriere auch das andere, einen Stefan George oder einen Durs Grünbein, der sich abkapselt und sich in einer gewissen Überproduktion an Metaphern zu verlieren droht.

Was zählen Sie politisch zu Ihren grössten Erfolgen?

Ich bin in Grenzen stolz darauf, dass ich mithelfen konnte, die von mir als richtig erkannte Ostpolitik Willy Brandts zum Erfolg zu führen, der die Vorstufe zur deutschen Einheit geschaffen hat.

Sie meinen, ohne Brandt wäre Deutschland nicht wiedervereinigt?

Na, ganz gewiss nicht! Helmut Kohl hat dann schlauerweise auf Brandts Politik aufgebaut, die zuvor gegen ungeheure Widerstände, auch von Kohl, durchgesetzt wurde. Die Diffamierungen, die Brandt von der Gegenseite ertragen musste, die ihn als uneheliches Kind, Kommunisten und Vaterlandsverräter beschimpfte, sind ungeheuerlich.

Kohl wurde auch beschimpft: als dumpf und dumm, als «die Birne».

Aber das ist doch . . . !

Jetzt werden Sie wütend.

Ja, weil man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen kann. Die deutsche Einheit, wie sie von Kohl dann durchgeführt wurde, war ein grosser Fehler. Man hat aus wahltaktischen Gründen und gegen alle Warnungen, auch von Fachleuten, ruck, zuck die D-Mark in den Ostländern eingeführt, wodurch jegliches DDR-Produkt von einem Tag auf den anderen auf null gebracht wurde. Das brach alles weg. Ich verstehe den Wunsch der Menschen nach einer harten Währung, aber ich finde es unverantwortlich, wenn ein Politiker nicht auf die Folgen hinweist. Die Menschen wurden verführt, und danach sagte man, sie seien selber schuld, wenn sie das Geld sofort ausgeben für Reisen nach Ischia oder Mallorca.

Da wollten sie nach Jahrzehnten der Isolation halt mal hin.

Ja, sicher. Aber man hätte ihnen erklären müssen, wohin das führt. Ich kritisiere das Überstürzte. Das war keine Vereinigung, das war Anschluss, und zwar unter Missachtung des Grundgesetzes, in dem steht, dass das deutsche Volk im Falle der Einheit eine neue Verfassung bekommen müsse, damit den siebzehn Millionen Ostdeutschen die Möglichkeit gegeben wird, sich einzubringen . . . Aber Sie winken ab. Das interessiert Sie gar nicht.

Ich habe das alles schon oft von Ihnen gehört und gelesen. Ihr Standpunkt in dieser Frage ist ja zur Genüge bekannt.

Ja gut. Sie haben sich vorbereitet. Das ist bei Journalisten sehr selten.

Mich stört Ihre Selbstgewissheit.

Ich würde nicht für mich in Anspruch nehmen, dass ich mir in allem sicher bin.

Wie trösten Sie jemanden, der sich in dunklen Momenten, von Zweifeln verfolgt, wünscht, wie schon Sophokles formulierte, «nicht geboren zu sein»?

Neigen Sie dieser Ansicht zu? Sie machen mir einen verzweifelten Eindruck. Aber es ist doch schön, dass Sie geboren sind. Ich finde unser Gespräch sehr amüsant. Ich rede gerne mit Ihnen. Halten Sie noch ein bisschen durch!

Wie würden Sie reagieren, wenn die deutsche Vereinigung entgegen Ihren Prognosen doch noch zu einem guten Ende führt?

Das fände ich wunderbar. Aber das wird nur gelingen, wenn man bereit ist, die Fehler, die gemacht wurden, zu erkennen und, wo es noch möglich ist, zu korrigieren. Es hat im Osten eine Enteignung stattgefunden, wie es sie in der deutschen Geschichte noch nie gegeben hat, und das vererbt sich und wird nie aufhören.

Was war das grösste Unglück in Ihrem Leben?

(Denkt lange nach) Der Tod meiner Mutter. Sie war erst siebenundfünfzig und starb an Krebs.

Bei ihrem Begräbnis, so schreiben Sie, haben Sie nicht geweint, aber danach.

Ich weine immer noch. Aber ich gebe zu, mein Schmerz hat auch mit einer gewissen Selbstliebe zu tun. Ich kann nicht verwinden, dass es mir nicht mehr gelungen ist, ihr zu beweisen, dass sich die Hoffnungen, die sie in mich gesetzt hatte, bestätigten. Sie hat den aberwitzigen Plan des Pubertierenden, Künstler zu werden, unterstützt, aber sie hat den Erfolg nicht mehr erlebt. Das Einzige, das ich ihr noch vorweisen konnte, war eine schlanke Mädchenskulptur, die im Jahresbericht der Düsseldorfer Kunstakademie, an der ich studierte, abgebildet war. Dann starb sie. Sie hat ja schwärmerisch, fast romantisch, an mich geglaubt im Gegensatz zu meinem Vater, der meinte, der Junge spinnt, und mich in eine Verwaltungslehre hineinschubsen wollte, was ich aus der Notlage heraus, die damals herrschte, im Nachhinein durchaus verstehen kann.

Sie haben einen Mutterkomplex.

Ja, den habe ich. Ich bin ja im religiösen Sinne kein gläubiger Mensch. Ich habe an die Stelle von Gott meine Mutter gesetzt. Man hat mir sogar gelegentlich angetragen, mich analysieren zu lassen. Aber ich habe mich nicht auf die Couch gelegt. Auf meinem Grabstein wird stehen: «Hier liegt Günter Grass mit seinem Mutterkomplex, unbehandelt.»

Hassen Sie Ihr Geschlecht?

Nein, aber ich lehne es ab, wie Männer mit Macht umgehen. Ich bin kein Feminist. Die verschiedenen Geschlechter bestehen nun mal. Nur sollte man die Macht zunehmend in die Hände von Frauen legen, sofern sie sich nicht wie Männer verhalten. Was wir gegenwärtig erleben, ist, dass die Macht von Personen ausgeübt wird, die gar nicht gewählt sind, den Lobbyisten, die mittlerweile bis in die Gesetzgebung hinein tätig werden. Das nenne ich Machtmissbrauch, und das hat zur Folge, dass die Bürger nicht mehr zur Wahl gehen, weil sie spüren, dass die Leute, die sie wählen, gar nicht das Sagen haben. Im Gesundheitswesen bestimmen doch längst nicht mehr die Politiker, sondern die Ärzteverbände, die Apothekerverbände, die Pharmaindustrie . . . Aber ich merke, das langweilt Sie. Geben Sie es zu!

Nein, das gebe ich natürlich nicht zu.

Worauf wollen Sie hinaus?

In Ihrem Roman «Der Butt» heisst es: «Weil die Männer nicht auf natürliche Weise empfangen, austragen, gebären können . . . müssen sie geistreiche Faxen machen, müssen vereiste Nordwände erklettern und Schallmauern durchbrechen . . . in Bildern, mit Wörtern, aus Tönen immerfort die Frage nach dem Ich, dem Sein, nach dem Sinn, dem Warum, Wozu und Wohin stellen.»

Ja, das sind Kopfgeburten.

Wären Sie lieber eine Frau?

So weit geht es nicht, aber ich habe genügend weibliche Anteile, die es mir unmöglich machen, männliche Macht auszuüben. Am Beginn meines Romans «Der Butt» stand unter anderem die Frage, warum der Hunger in der Welt trotz einer Überproduktion an Lebensmitteln ständig zunimmt, und da bin ich auf die Geschichte der Ernährung zurückgekommen und habe festgestellt, dass in der Geschichtsschreibung der Beitrag der Frauen gar nicht vorkommt. Es waren Frauen, die aus der Not heraus neue Gerichte erfanden, Klösse, Knödel, sämtliche Teigwaren, woraus der Impuls entstand, sich nach neuen Nahrungsmitteln umzusehen. Die Kartoffel hat in der Menschheitsgeschichte weit mehr bewirkt als der Siebenjährige Krieg.

Aber jetzt haben wir doch eine Bundeskanzlerin.

Schon, nur leider in der falschen Partei.

«Die Männer sind mit dem Tod auf Du und Du», schreiben Sie.

Ja, sie führen die Kriege. Sie haben mich gefragt, auf welche politischen Erfolge ich stolz bin. Dazu will ich Ihnen noch sagen, ich bin auch stolz, dass Gerhard Schröder, bei aller Kritik an seiner Kanzlerschaft in anderen Bereichen, auf meinen Rat gehört hat, sich aus dem Irakkrieg herauszuhalten. Er konnte, was auch Willy Brandt konnte: zuhören.

Lieber Günter Grass, unser Gespräch kann nicht enden, ohne den ungeheuren Aufruhr zu erwähnen, als vor drei Jahren Ihre Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» erschien, in der Sie, zu spät, wie viele meinten, Ihre Zugehörigkeit zur Waffen-SS eingestanden. Ich habe dazu nur eine einzige Frage: War es Kalkül, mit diesem Eingeständnis sechzig Jahre zu warten?

Nein.

Hätten Sie früher öffentlich darüber gesprochen, hätten Sie womöglich nicht den Nobelpreis bekommen.

Das höre ich zum ersten Mal. Ich kenne nur eine offizielle Erklärung der Schwedischen Akademie, dass die Vergabe des Nobelpreises von solchen Dingen nicht abhängt. Was da in den Redaktionsstuben, die dieser oder jener politischen Richtung anhängen, geschrieben wird, darauf habe ich keinen Einfluss. Damit muss ich leben. Ich habe nie bestritten, dass ich Scham und auch Schuld empfinde und dass der Zufall meines Geburtsdatums, der mich davor bewahrte, Verbrechen zu begehen, kein Freispruch ist. Ich habe keinen Menschen erschossen, aber das ist kein Verdienst. Wir waren auf dem Rückzug. Ich hatte nicht die Chance oder das Pech, zum Schuss zu kommen. Dennoch blieb dieses Schamgefühl und eine Last, an der man lebenslang trägt.

In einem Fernsehinterview mit Ulrich Wickert sagten Sie, dass Ihre SS-Zugehörigkeit in Ihnen einen Druck aufgebaut hat, der Sie zu Ihren ersten Romanen, die Ihren Ruhm begründeten, inspirierte.

Zum Teil.

Hätten Sie Ihre Verstrickung schon vorher zugegeben, hätten Sie diese Romane vielleicht gar nicht geschrieben.

Es gibt bei jedem Autor, der episch schreibt, eine Vielzahl von Antriebskräften, Ehrgeiz, Geldmangel, alles Mögliche, und natürlich auch den egozentrischen Anspruch, etwas herzustellen, das seinesgleichen sucht. Als ich anfing zu schreiben, gab es in Deutschland diesen Begriff der Kahlschlagliteratur, das heisst, man schrieb sehr vorsichtig, weil man die deutsche Sprache durch die Nazizeit für beschädigt hielt. Dem habe ich widersprochen, indem ich sagte, man darf die Sprache, also das Beste, das wir haben, die deutsche Sprache in ihrem Reichtum, nicht plötzlich für untauglich halten, denn das wäre ein nachträglicher Triumph für Herrn Hitler gewesen. Deshalb war es in meinen ersten Romanen ein Antrieb, den Gegenbeweis anzutreten und alle Register zu ziehen, die mir zur Verfügung standen.

Kennen Sie das Interview, das der Spiegel mit dem Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, den Sie heftig attackiert hatten, führte?

Nein.

Es gebe, sagt Ackermann, «Dichter und Denker, die sich trotz zweifelhafter Vergangenheit zu Moralaposteln aufschwingen und Manager reihum zu Asozialen erklären. Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen.»

Ich habe das nicht zur Kenntnis genommen. Aber ich bleibe dabei, dass es die Banken bis hin zu Herrn Ackermann mitzuverantworten haben, dass ein Raubtierkapitalismus ausgebrochen ist, der die gegenwärtige Krise verschuldet hat. Wenn das so weitergeht, dann stimmt doch die Welt nicht.

Die wird nie stimmen.

Natürlich nicht, aber ich neige nicht dazu, wie ich es bei Ihnen beobachte, zu resignieren, sondern ich werde nicht aufhören, die Dinge beim Namen zu nennen, und ich würde mich freuen, wenn Sie mich in meinen Bemühungen unterstützen, statt sich mit dem Schutzwall Ihrer Verzweiflung, die Ihr Denken beschränkt, zu umgeben. Denn sonst bleiben Sie nicht lebendig. Das wird, wenn Sie einmal so alt sind wie ich, ganz furchtbar werden.

Darf ich mit Ihnen tauschen?

Nein, ich weise Sie nur in aller Freundschaft darauf hin, dass es mit Ihnen, wenn Sie so weitermachen, nicht gut enden wird.

Als Marcel Reich-Ranicki dem Dichter Wolfgang Koeppen die Frage stellte: «Wann waren Sie glücklich?», gab Koeppen die berühmte Antwort: «Nie.»

Ja, glauben Sie denn, ich bin unfähig zum Unglück? Sie unterschätzen mich. Man kann nur momentweise glücklich sein, wenn eine Satzperiode gelingt, eine Zeichnung, eine Skulptur, vom Knie angefangen, wenn plötzlich das Plastische stimmt. Einen dauerhaften Glückszustand gibt es nicht. Es hat in meinem Leben Situationen gegeben, da habe ich sogar an Selbstmord gedacht, damals an der Front, als ich das Fürchten lernte, als ich, siebzehnjährig, erleben musste, wie in ganz kurzer Zeit Gleichaltrige, junge, begabte Menschen, neben mir zerrissen, zermatscht und weggefegt wurden. Da habe ich schon manchmal mit dem Gedanken gespielt, Schluss zu machen. Es hat aber nie zur Tat geführt, was nicht ausschliesst, dass das noch kommen kann.

Was kann kommen?

Ich bin sehr schmerzempfindlich. Wenn ich die Diagnose bekäme, dass ich unheilbar krank bin, und wenn das mit körperlichen Schmerzen verbunden wäre, würde ich einen Weg suchen, das Leiden abzukürzen, mir und den Menschen in meiner Umgebung zuliebe. Das habe ich mit meiner Frau schon besprochen. Aber noch ist es nicht so weit.

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